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220 Shades of Grey

Aus dem Tagebuch einer Jungforscherin

Karin Bodewits


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Jungforscherin

Mittwochmorgen, vier Uhr, der Wecker klingelt. Mit halb geöffneten Augen patsche ich in die grobe Richtung, aus der der Lärm kommt. Das schmerzhafte Piepen dröhnt aus meinem veralteten Handy – noch nie hat es so unangenehm geklungen. Der Kopfschmerz, den es verursacht, ist unerträglich. Warum wurde mir die zweifelhafte Segnung zuteil, ausgerechnet am Tag vor einer Konferenz zu einer Promotionsfeier gehen zu „müssen“?

Ich schicke Peter eine Nachricht – dem Peter, der mich gestern überredete, noch etwas länger zu bleiben: „Ich fühle mich schrecklich. Danke;).“ Er antwortet umgehend: „Ibuprofen, eine Kanne Kaffee und Du bist wieder auf den Beinen. Und trink‘ zwei große Gläser Gin vor der Ankunft bei Deinem komischen Frauentreffen. Hält man dann sicherlich besser aus. Viel Glück!“

5:45 Uhr, Flughafen München. Ich habe mich zusammengerissen und befinde mich nun am Gate 16. Das Leben ist grau, blau, schwarz. Meist grau. So viele Männer. So viele Anzüge. So viele Hemden. So viele glänzende Schuhe. Ganz wenige Jeans unterhalb einer praktischen Jack Wolfskin-Jacke. Techniker oder Ingenieure, nehme ich an.

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Ich sitze und starre die Passagiere an, mit denen ich bald in einer Maschine sitzen werde. Ich rieche Axe, Adidas, Chanel Bleu. Einige schauen zu mir, flirten. Ich wundere mich, ob sie mich attraktiv finden oder ob es nur der Mangel an Alternativen ist. Ich bin die einzige Frau zwischen so vielen Männern. Wir sitzen, warten und nippen an unseren Kaffees.

Die Stewardess ruft zum Boarding auf. Zuerst alle Leute, die etwas mit dem Vielfliegerprogramm zu tun haben, Kinder und Behinderte meiden diese Tageszeit scheinbar.

Auf einmal sehe ich lila. Es ist lebhaft, schön, erfrischend... weiblich. Hohe lila Absätze, Strumpfhosen, ein lila Rock, ein gelbes Top und ein lila Blazer. Welch wunderbares Outfit. Du bringst Farbe in dieses Bild! Meine Augen wandern nach oben. Faltige Haut, dicker Lippenstift und genervter Blick. Du drückst das reine Elend aus. Ein übellauniger Mann wäre mir nicht aufgefallen, aber Du bist im Scheinwerferlicht. Ein Lichtpunkt des Elends in der Dunkelheit. Ein lilafarbener Punkt in einem grauen Meer. Armes Ding!

Ich besteige das Flugzeug. Reihe 26, Sitz B. Sitze A und C werden durch Männer besetzt. Einer von ihnen hilft mir aus meinem Mantel, der andere hebt meinen Rucksack ins Gepäckfach. Vaterinstinkt oder potentielle Sexpartnerin? Vom Alter her beides möglich.

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Eine sportliche Stewardess läuft mit elegantem Schritt von vorne nach hinten durch die Maschine. Jeder Schritt wird gefolgt von zwei Clicks sich schließender Gepäckfächer. Sie hält bei der Reihe vor uns an. Dort sitzt niemand. Sie kommt ein wenig näher und schaut über die Sitze.

„Hat hier jemand lange Beine?“

Der Mann am Gang springt auf.

„Ja, hier.“

Ich kämpfe damit, den Schluck Kaffee im Mund zu halten, den ich gerade aus dem Becher genommen habe, drücke meine Lippen aufeinander, schlucke. Ein paar Tropfen laufen dennoch heraus. Er schaut mich an. Verspielt, freundlich, überrascht.

„Das nennen Sie lang?“ frage ich ihn.

Er schüttelt den Kopf, lächelt und hebt die Arme seitlich.

„Wieso, ich bin gar nicht so klein.“

„Nein, aber lang ist einfach anders“, entgegne ich.

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Der andere Nachbar lacht, ist amüsiert. Er schaut mich an, neugierig. Eine Minute Stille. Ich spüre, dass er nach einer Frage sucht, nach einem Kommentar.

„Wo fliegen Sie hin?“, fragt er mich.

„Ich dachte, wir fliegen alle zum selben Ziel“, antworte ich. Ich bemerke, dass meine Antwort ein absoluter Small-Talk-Killer ist und sage: „Sie zuerst.“

„Ich habe eine Verabredung mit einem potentiellen Kunden.“

„Sie sind ein Verkäufer?“

„Ja.“

„Was verkaufen Sie?“

„Steckdosen“, erwidert er, leicht verunsichert.

Ich lache: „Sie verkaufen Steckdosen?“

„Ja.“

„Was erzählen Sie Leuten auf Partys, wenn Sie nach Ihrem Job gefragt werden? Geben Sie zu, dass Sie Steckdosen verkaufen?“

Er lacht ebenfalls. „Es ist nicht so schlimm...“

„Ist es schon“, erwidere ich. „Aber was ist so besonders an Ihren Steckern, dass Sie dafür nach Hannover fliegen müssen? Es ist keine normale Steckdose, oder?“

„Nein, keine normale Steckdose. Es ist zu technisch, um es zu erklären.“

„Wirklich?“ Milde lächelnd schaue ich ihm in die Augen. „Sie denken, ich verstehe es nicht?“

Etwas verlegen erzählt er mir von seiner Steckdose. Eine besondere Steckdose, die sich an die Position der Kabel anpasst, wenn die Beleuchtung in Operationssälen bewegt werden muss. Er braucht eine ganze Weile, um das zu erklären. Vorlaut sage ich: „Sie sollten einen Pitch darüber schreiben. Einen ‚Steckdosen erklären für Dummies‘. Für Partys und so.“

„Wahrscheinlich“, antwortet er. „Jetzt Sie. Was machen Sie?“

„Ich reise zu einer Konferenz über Frauen in der Wissenschaft. Ein Karrieretag, um uns Frauen einen extra Schub zu geben.“

„Warum nur für Frauen?“, fragt er ein bisschen pikiert. „Ist das Thema nicht langsam durch?“

Ich hebe meinen Kopf, strecke meinen Hals, schaue über die Lehne vor mir, bis ganz nach vorne, dann bis ganz nach hinten. Ich schaue ihn an. Verschmitzt sage ich: „Es ist eine graue, graue Welt hier, Kollege.“

„Ja“, sagt er nach einer Pause, hebt die Schultern und nickt. „Sie haben recht.“



Letzte Änderungen: 04.07.2018


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