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Schuld und Heilung: Wir müssen über das moralische Dilemma Tierversuch reden

Von Florian Fisch, Bern


(15.07.2022) Rechtfertigt eine bestimmte Erkenntnis, einem fühlenden Lebewesen Leid anzutun? Diese Frage dürfen Forscherinnen und Forscher nicht für sich beantworten. Für eine Beteiligung der Gesellschaft braucht es aber radikale Transparenz.

Sprach er wirklich von Schuld? Ich dachte, ich hätte mich verhört. Doch tatsächlich benutzte ein Theologe diesen Begriff auf einer Tagung zu Tierversuchen. Da konnte ich als ausgesprochener Atheist und überzeugter Befürworter von Forschungsfreiheit zuerst mal nur innerlich den Kopf schütteln. Das ist weitab von jeglichem Alltag an den Forschungsinstituten, dachte ich.

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Meine empörte Verwirrung teilte ein Mitglied einer Ethikkommission im Publikum: „Wenn ich eine saubere Güterabwägung gemacht habe, zwischen dem Leid der Versuchstiere und dem Nutzen für die Gesellschaft, dann mache ich mich doch nicht schuldig!“ Genau, denn wäre es tatsächlich so, dass wir uns durch eine Handlung schuldig machen, dann müssten wir die Handlung doch unterlassen. Der Theologe sah es anders und formulierte es aus dem Blickwinkel eines Biomediziners so: „Ich weiß, dass es falsch ist, aber ich muss es tun und übernehme auch die Verantwortung dafür.“

Der Tierethiker Herwig Grimm von der veterinärmedizinischen Universität Wien schaffte es dann, meine Gedanken zu ordnen. Tierversuche fügen den Tieren, an denen der Versuch durchgeführt wird, eindeutig Leid zu, egal wie stark wir es zu lindern versuchen. Es mag in vielen Fällen eine kleine Belastung sein, aber es ist eindeutig eine. Bei Menschen haben wir dafür Kompensationen. War der Schaden ungewollt, entschuldigen wir uns. Tierversuche sind aber kein Versehen. Manchmal schaden wir Menschen zur Strafe. Die Tiere haben aber nichts Falsches getan. Auch andere moralische Begründungen für Schaden bei Menschen funktionieren bei Tierversuchen nicht.

Egal wie wir es drehen und wenden, es bleibt ein „moralischer Rest“, wie es Grimm formulierte. Wir Menschen nehmen den Labortieren etwas, das wir ihnen nicht zurückgeben können. Beim heute typischen Vorgehen, der klassischen Abwägung zwischen dem Nutzen für die Menschen und dem Schaden für die Tiere, gehen die am Versuch beteiligten Tiere leer aus.

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So betrachtet fing mich diese theologische Betrachtung an zu überzeugen. Indem wir den Patientinnen und Patienten Gutes tun, tun wir den Labortieren Schlechtes. Daraus gibt es keinen Ausweg. Es ist ein Dilemma. Entweder wir verzichten auf die Vorzüge von Tierversuchen oder wir stellen uns über die Tiere. Ich kann mich nur schuldig machen und muss mir also wohl oder übel eingestehen: Ich bin ein Speziesist. [Anm. d. Red.: Speziesismus ist laut dem Duden eine Anschauung, nach der der Mensch allen anderen Arten überlegen und daher berechtigt sei, deren Vertreter nach seinem Gutdünken zu behandeln.]

Diese Schuldfrage beschäftigt uns in Europa schon eine lange Zeit. Die niederländische Regierung kündigte 2016 an, das Land bis 2025 „weitgehend tierversuchsfrei“ zu machen – der Plan wurde mittlerweile etwas angepasst. Auch das EU-Parlament verlangte im September 2021 von der Kommission einen „Aktionsplan zur Abschaffung von Tierversuchen in der Forschung“. Die noch junge medizinische Fakultät der Johannes-Kepler-Universität in Linz hat sich 2020 zwar entschieden, ein neues Tierversuchslabor einzurichten, möchte bei der Bewilligung aber restriktiver sein als sonst in Österreich üblich. Am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen gibt es seit der unrühmlichen Auseinandersetzung und dem letztlichen Wechsel von Hirnforscher Nikos Logothetis nach Shanghai keine Forschung mit Rhesusaffen mehr.

Was sagt die Bevölkerung dazu?

Wie die Schweizerinnen und Schweizer mit der Schuldfrage umgehen, zeigte sich am 13. Februar 2022. Fast achtzig Prozent bekannten sich als Speziezistinnen und Speziezisten. Dies war zumindest das Resultat der Abstimmung über die Volksinitiative mit dem Namen „Ja zum Tier- und Menschenversuchsverbot“. Es ging also auch um klinische Studien, bei denen nicht die Versuchspersonen selbst die Nutznießer des Versuches sind (Plazebo-Gruppen, Phase-1-Studien und Ähnliches). In der vorangegangenen Debatte waren die Tierversuche allerdings die ganze Zeit im Fokus.

Abstimmungen zum Umgang mit Tieren haben eine lange Geschichte in der Schweiz. Bei der ersten überhaupt im Jahr 1893 ging es ums Schächten und hatte den Titel „Für ein Verbot des Schlachtens ohne vorherige Betäubung“. Sie wurde mit sechzig Prozent der Stimmen angenommen.

In den 130 Jahren seither hat sich das Verhältnis unserer Gesellschaften zu Tieren verändert. Immer mehr Menschen leben in Städten, wo Tiere vor allem als Streicheltiere vorkommen. Es gibt immer weniger Bauernhöfe, auf denen die Leute in Kontakt mit Nutztieren kommen. Der Naturschutz spielt eine immer größere Rolle in der Politik, und rechtlich gelten Tiere meist nicht mehr als Sache. Während Massentierhaltung immer mehr in die allgemeine Kritik gerät, wird der Veganismus immer populärer. Antispeziesismus wurde zu einem weithin bekannten philosophischen Begriff.

Interessanterweise schlägt sich dies nicht in der Haltung der Schweizer Stimmberechtigten zu Tierversuchen nieder. Seit fast vier Jahrzehnten bleibt die Ablehnung von Einschränkungen der Forschung mit Tieren bei plus/minus zwei Dritteln. Der medizinische Nutzen scheint in den Überlegungen klar zu überwiegen.

  • 1985 wurde die „Abschaffung der Vivisektion“ mit 71 Prozent verworfen.
  • 1992 wurde die „drastische und schrittweise Einschränkung der Tierversuche“ mit 56 Prozent verworfen.
  • 2010 wurde die Einführung eines „Tierschutzanwalts“ mit 71 Prozent verworfen.
  • 2019 wurde im Kanton Genf die „bessere Kontrolle von Tierversuchen“ mit 64 Prozent verworfen.
  • 2022 wurde neben der oben erwähnten Abstimmung im Kanton Basel das Konzept „Grundrechte für Primaten“ mit 75 Prozent verworfen.

Die Tierversuche werden selbst von den Grünen grundsätzlich getragen. Allerdings drängt die Linke im Parlament für mehr Einschränkungen. Zum Beispiel für ein Verbot des höchsten Schweregrads, der zum Beispiel durch das Einpflanzen eines aggressiven Tumors gegeben ist. Oder für einen festgelegten Zeitpunkt eines Ausstiegs aus Tierversuchen, wie ihn auch die niederländische Regierung ursprünglich wollte.

Die Hoffnung, dass Tierversuche einmal unnötig werden, wird durch die Daten nicht gestützt. Zwar sanken in der Schweiz die Zahlen von 1983 bis 1996 von fast zwei Millionen auf 600.000 Versuchstiere pro Jahr. Doch seither schwanken die Zahlen um diesen Wert. Auch in Deutschland und Österreich bleiben die Zahlen in den vergangenen Jahren mehr oder weniger stabil. Da die Forschungstätigkeit in dieser Zeit gestiegen ist, ist dies zwar eine relative Abnahme, aber sicher nicht die angestrebte Reduktion.

In der Schweiz hat der Bund das Nationale Forschungsprogramm „Advancing 3R – Tiere, Forschung und Gesellschaft“ in Auftrag gegeben, das zum Ziel hat, diese Reduktion herbeizuführen. Daneben sollen auch ethische, rechtliche, soziale, historische, kulturelle und wirtschaftliche Aspekte erforscht werden, um die gesellschaftliche Diskussion voranzubringen. Dafür stehen für fünf Jahre zwanzig Millionen Schweizer Franken zur Verfügung.

Natürlich kann man die Zahlen auch relativieren, wenn man sie mit dem Fleischkonsum vergleicht. Die Schweiz hielt 2020 gemäß Bundesamt für Landwirtschaft 12,4 Millionen Hühner, 1,5 Millonen Rinder und 1,3 Millionen Schweine. Im selben Jahr konsumierten die Schweizerinnen und Schweizer über fünfzig Kilogramm Fleisch pro Kopf. Dazu kommt die Zerstörung des Lebensraums und die nicht immer sehr artgerechte Haltung von Haustieren.

Im Unterschied zur Forschung sind dies moralische Entscheidungen, die jede Person für sich selbst fällen kann: Fleisch essen oder nicht, Katze anschaffen oder nicht, großes Haus kaufen oder nicht. Bei Tierversuchen hingegen sind es andere, nämlich die Experimentatorinnen und Experimentatoren sowie Mitglieder von Tierversuchskommissionen, die entscheiden, ob sie die Verantwortung für das Tierleid übernehmen, um medizinische Fortschritte zu ermöglichen. Die einzelne Entscheidung entzieht sich dem demokratischen Prozess. Dem normalen Bürger und der normalen Politikerin bleibt nur der totale Ausstieg oder das volle Vertrauen.

Um die getroffenen Entscheidungen besser nachvollziehen zu können und auch gezielter in die gewünschte Richtung zu leiten, ist es folgerichtig, dass die Forschungsinstitutionen transparenter werden sollen. Wozu werden die vielen Tiere verwendet, welche alternativen Verfahren kommen zum Einsatz?

In Deutschland gibt es seit einigen Jahren die Initiative „Tierversuche verstehen“ von einer Allianz von Wissenschaftsorganisationen. Forscherinnen und Forscher gehen dabei auf die Menschen zu und erklären aktiv, wie die Dinge laufen. In der Schweiz arbeiten die Forschungsinstitutionen zusammen, um das Swiss Transparency Agreement on Animal Experimentation auf die Beine zu stellen. Eine Selbstverpflichtung also, offen über die eigenen Forschungsarbeiten zu berichten. Es sind vorerst kleine Schritte. Aber hier kommt eben wieder die Schuldfrage: Es fällt allen schwer, über das Leid zu reden. Und mit dem Verkünden von Tierversuchszahlen lässt sich schwer für mehr Steuer- und Spendengelder werben.

Zudem droht das Bürokratiemonster. Es ist erstaunlich schwierig, genau Buch zu führen. Die Einteilung in Schweregrade ist nicht einfach, und nicht alles wird in allen Ländern gleich gezählt. Ist eine Beobachtungsstudie überhaupt ein Tierversuch? Und wie soll man die nach der Zucht überzähligen Tiere zählen?

Die Finanzen sind ebenso kompliziert. Die meisten Forschungsprojekte beinhalten sowohl Tierversuche als auch Alternativmethoden. Was soll nun zum Tierversuch und was zu den Zellkulturen gezählt werden? Die Verbrauchsmaterialien und Analyseapparaturen sind wahrscheinlich die gleichen? Gehören die Löhne der Experimentatorinnen und Experimentatoren zu den Ausgaben für Tierversuche – und zu welchem Prozentsatz? Und wann kann man sagen, dass man 3R-Forschung betreibt? Eine Alternativmethode anzuwenden, reicht ja wohl nicht. Doch dann benötigt die 3R-Forschung ebenfalls Tierversuche – und sei es nur zur Validierung. Neben all diesen administrativen Aufgaben sollen die Forschenden ja noch Zeit haben, herauszufinden, wie das Immunsystem genau funktioniert oder auf welche Wirkstoffvarianten die Tumorzellen am meisten ansprechen.

Die Forschungsinstitutionen werden dies immer besser hinkriegen und laufend transparenter werden – da bin ich überzeugt. Das wird die informierte demokratische Debatte über Forschungsfreiheit, Tierschutz und medizinischen Fortschritt zumindest vereinfachen. Der eigentliche Punkt, an dem sich die Frage um Schuld kristallisiert und an dem sich die meisten Konflikte entladen, ist damit aber noch nicht angegangen: die Tierversuchskommissionen.

Diese Expertengremien bestimmen die Höhe der Hürde, sie beurteilen die berüchtigte Güterabwägung, sie sind als Behörde die Schnittstelle zwischen Gesellschaft und Forschung, sie müssen ein rechtsstaatliches, klares Verfahren garantieren.

In der Schweiz sind die kantonalen Veterinärämter dafür zuständig. Sie sind es auch, die abschließend – gestützt auf den Entscheid der Kommission – bestimmen. Auf welche Art die Kommissionen entscheiden und welche Personen dort Einsitz nehmen sollen, ist seit jeher eine kontroverse Angelegenheit. Sie werden von Tierschützerinnen und Tierschützern für ihre Ablehnungsquoten kritisiert, die sich im tiefen, einstelligen Bereich befinden. Von Forschenden für ihre nicht evidenzbasierten Entscheide. Die einen beklagen, dass die Tierschützerinnen sowie Tierschützer darin untervertreten seien. Die anderen kritisieren, wenn Mitglieder ein Rekursrecht für die Entscheide der eigenen Kommission besitzen. Das Verfahren für ein Hirnforschungsprojekt an drei Makaken von der Universität Zürich dauerte insgesamt 43 Monate, länger als eine durchschnittliche Dissertation.

Bei alledem haben Außenstehende keine Chance, zu verstehen, welche Diskussionen geführt werden und nach welchen Kriterien entschieden wurde. Hätten sie die Schuld auf sich genommen, um diese Erkenntnis zu erlangen? Würden sie das Versprechen auf eine Heilungsmethode höher gewichten als den reinen Erkenntnisgewinn? Hätten sie noch offene Fragen gehabt?

Um diese schwierigen Fragen beantworten zu können, braucht es Einsicht in die Prozesse der Tierversuchskommissionen. Davon sind wir allerdings sehr weit entfernt. Hier kommen noch andere ethische Prinzipien ins Spiel: Die Persönlichkeit der Forschenden muss geschützt werden. Eine Ablehnung darf nicht öffentlich breitgetreten und die Personen damit bloßgestellt werden. Schützenswert ist auch das Kommissionsgeheimnis, das erlaubt, dass Mitglieder sich frei äußern und einen Konsens herstellen können.

Trotzdem: Mehr Transparenz ist möglich – muss möglich sein. Positive Entscheide können konsequent kommuniziert werden. Negative können so anonymisiert oder zusammengefasst werden, dass daraus kein Rückschluss auf die Antragstellenden gezogen werden kann. Die Argumente einer Kommission werden für Letztere bereits zusammengefasst. Sie können auch für die Öffentlichkeit aufbereitet werden – notfalls auch exemplarisch in Form von einzelnen Beispielen.

Das moralische Dilemma werden wir nie lösen. So viel ist klar. Aber Forschende, Kommissionsmitglieder, Tierschützerinnen und Tierschützer sowie Politikerinnen und Politiker können einander zeigen, wie sie über einzelne Versuche denken und warum sie so oder anders entschieden haben oder hätten. Wir werden uns auch in Zukunft nicht einig sein. Aber ich hoffe fest, dass wir mit besseren Argumenten darüber streiten können. Die Diskussion darum könnte jedenfalls spannender werden.



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Florian Fisch ist promovierter Biochemiker, Wissenschaftsredaktor für Biologie und Medizin beim Schweizerischen Nationalfonds (SNF) und Co-Leiter von dessen Forschungsmagazin Horizonte.