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Unser irrationaler Umgang mit der Grünen Gentechnik

Von Matin Qaim, Bonn


(15.07.2022) Seit Jahrzehnten lehnt eine Mehrheit der deutschen und europäischen Bevölkerung den Einsatz von Gentechnik in der Landwirtschaft ab – obwohl diese zu einer ertragreicheren und umweltfreundlicheren Produktion beitragen könnte. Wie erklärt sich diese Ablehnung, und was muss getan werden, um die Chancen der Technologie besser nutzen zu können?

Der Begriff „Grüne Gentechnik“ bezeichnet die Nutzung gentechnischer Methoden in der Landwirtschaft, vor allem zur züchterischen Verbesserung von Nutzpflanzen. In der Pflanzenzüchtung werden inzwischen seit über dreißig Jahren molekulare Methoden des Gentransfers eingesetzt, um Sorten mit neuen, erwünschten Eigenschaften auszustatten. In den vergangenen 15 Jahren sind zusätzliche Methoden der gezielten Gen-Editierung – wie TALEN oder CRISPR – hinzugekommen, die die Präzision und Geschwindigkeit der Züchtung weiter revolutionieren. Diese technischen Entwicklungen sind vor dem Hintergrund der globalen Herausforderungen für die Landwirtschaft – wie Bevölkerungswachstum, Ressourcenknappheit, Klimawandel und Verlust an Biodiversität – sehr zu begrüßen. Allerdings stößt die Grüne Gentechnik in der Öffentlichkeit nach wie vor auf Vorbehalte, vor allem bei uns in Europa.

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Die gesellschaftlichen Vorbehalte haben auch in der Politik zu Skepsis und hohen Zulassungshürden für die Grüne Gentechnik geführt, weil man Innovationen nicht gegen den Willen der Bevölkerung durchsetzen will. Die öffentliche Ablehnung basiert allerdings auf Missverständnissen und Vorurteilen, die einzelne Gruppen durch gezielte Stimmungsmache weiter schüren. Leider hat die ablehnende Haltung bei uns in Europa auch negative Konsequenzen für die Nutzung der Technologie anderswo. Ich bin überzeugt davon, dass die Grüne Gentechnik einen wichtigen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung leisten kann und muss. Deswegen müssen wir die Diskussion neu führen, Vorurteile abbauen und uns bei der Bewertung vor allem von der wissenschaftlichen Evidenz leiten lassen.

Potenziale

Molekulare Methoden des Gentransfers und der Gen-Editierung helfen, die Effizienz in der Pflanzenzüchtung weiter zu steigern. Neue Merkmale – wie Resistenzen von Pflanzen gegen Krankheiten und Schädlinge, Toleranzen gegen Klimastress und Bodenversalzung, effektivere Ausnutzung von Bodennährstoffen oder ein höherer Gehalt bestimmter Vitamine – können mithilfe von Gentechnik präzise und schnell erreicht werden. Solche Merkmale werden dringend benötigt, um die Nahrungsproduktion ertragreicher und gleichzeitig umweltfreundlicher sowie klimaangepasster zu machen. Über den Nahrungssektor hinaus kann die Gentechnik helfen, Pflanzen als effiziente Quellen unterschiedlichster nachwachsender Rohstoffe zu entwickeln, was in der angestrebten Kreislaufwirtschaft zunehmend an Bedeutung gewinnen dürfte.

Die Weltbevölkerung wächst weiter und damit auch die Nachfrage nach Nahrungsmitteln und anderen nachwachsenden Rohstoffen. Die landwirtschaftlichen Flächen sind jedoch begrenzt, und eine weitere Ausdehnung in Naturräume sollte wegen der negativen Umwelt- und Klimaeffekte möglichst vermieden werden. Deswegen müssen die Erträge auf den bereits genutzten Flächen gesteigert werden. In den vergangenen Jahrzehnten waren Ertragssteigerungen oft an einen Mehreinsatz von Düngemitteln, Pflanzenschutzmitteln und Bewässerung gekoppelt. Wasser ist aber ebenfalls knapp, und immer mehr Chemie kann wegen der Umwelteffekte auch nicht die Lösung sein. Die Gentechnik kann helfen, die enge Korrelation zwischen Ernteertrag und Einsatz von externen Betriebsmitteln zu reduzieren. Darüber hinaus können Pflanzen mit größerer Robustheit gegen Hitze, Dürre und Überschwemmung vor allem in Zeiten des Klimawandels zur größeren Ertragsstabilität beitragen. Insbesondere in den Tropen und Subtropen, wo viele arme Menschen von der Landwirtschaft als Einkommensgrundlage abhängig sind, steigen sowohl die Durchschnittstemperaturen als auch die Häufigkeit von Wetterextremen.

Natürlich können gentechnisch entwickelte Sorten diese Herausforderungen nicht alleine lösen. Sie müssen stets an die lokale Situation angepasst sein und sinnvoll mit anderen technischen sowie wirtschaftlichen und sozialen Maßnahmen kombiniert werden. Einige positive Beispiele gibt es bereits. So werden zum Beispiel gentechnisch veränderte Sorten mit eingebauter Resistenz gegen Schadinsekten seit vielen Jahren in den USA, China, Indien, Südafrika und vielen anderen Ländern verwendet. Diese Sorten senken den Einsatz chemischer Insektizide und steigern die Erträge und Einkommen der Bauern. In Argentinien wird seit Kurzem dürretoleranter Weizen angebaut, der die Ernteverluste durch Trockenstress erheblich reduziert. Pilz-, bakterien-, und virusresistente Sorten wurden in verschiedenen Ländern zwar erfolgreich getestet, aber aufgrund von gesellschaftlichen Vorbehalten bisher nicht für die Praxis zugelassen.

Risiken und Vorbehalte

Als die gentechnische Forschung an Pflanzen vor über dreißig Jahren begann, befürchtete man mögliche neuartige Risiken für Gesundheit und Umwelt. Deswegen wurden in den 1990er-Jahren für gentechnisch veränderte Pflanzen Gesetze und Zulassungsverfahren entwickelt, die ganz anders sind als für konventionell gezüchtete Pflanzen. Nach über 30 Jahren Forschung und mehr als 25 Jahren großflächiger Anwendung sind aber keinerlei unerwartete Effekte aufgetreten, sodass namhafte Wissenschaftsorganisationen weltweit zum Fazit kommen, dass gentechnisch veränderte Pflanzen genauso sicher sind wie herkömmlich gezüchtete. Negative Effekte durch neue Merkmale können zwar auftreten, was aber für alle Züchtungsmethoden zutrifft – egal ob Gentechnik, Mutagenese oder traditionelle Kreuzung. Deswegen gibt es aus Sicht der Risikobewertung keinen Grund dafür, die Gentechnik anders zu behandeln als konventionelle Züchtungsmethoden. Die Gesetze und Zulassungsprozesse hat man allerdings bisher nicht an diesen wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn angepasst. Die Grüne Gentechnik wird nach wie vor fälschlich wie eine Hochrisikotechnologie behandelt. Der Fortschritt in den Pflanzenwissenschaften wird dadurch völlig unnötig erschwert.

Unabhängig von hypothetischen Gesundheits- und Umweltrisiken gibt es in der Öffentlichkeit eine Reihe anderer Vorbehalte gegen Gentechnik. So wird befürchtet, dass Patente auf Pflanzen und biologische Prozesse zur Marktmacht großer Konzerne führen und am Ende vor allem Sorten entwickelt werden, die nicht weniger, sondern mehr Chemie benötigen, Monokulturen fördern und andere nicht nachhaltige Formen der Landwirtschaft begünstigen. Genannt wird hierbei von Gentechnikgegnern gerne die Herbizidtoleranz bei Soja und Mais, die in Teilen Südamerikas tatsächlich zu verengten Fruchtfolgen, Resistenzentwicklungen in Unkrautpopulationen und höherem Chemieeinsatz beigetragen hat.

Leider wird in der öffentlichen Diskussion kaum zwischen den Risiken der Gentechnik als Methode und den möglichen unerwünschten Effekten konkreter Anwendungen unterschieden. Wenn gentechnische Veränderungen grundsätzlich gefährlich wären, müsste man die Methode strikt regulieren und gegebenenfalls sogar verbieten. Wenn aber nur bestimmte Anwendungen negative Effekte haben können, sollte man diese Anwendungen regulieren und nicht die Technologie als Ganzes verbieten. Denn durch ein grundsätzliches Verbot der Methode werden natürlich auch alle möglichen Anwendungen mit positiven Effekten unterbunden. Herbizidtolerante Sorten werden übrigens inzwischen auch konventionell gezüchtet, und diese konventionellen Sorten haben die gleichen Effekte wie die mit Gentechnik entwickelten, wenn ihre Anwendung nicht mit Regeln der guten fachlichen Praxis verknüpft wird. Wir benötigen vernünftige Regeln für nachhaltige Landwirtschaft, aber das Verteufeln von Schlüsseltechnologien ist hierfür kaum der richtige Weg.

Fragen von Patenten und Marktmacht sind übrigens auch sehr relevant, sollten aber nicht mit der Gentechnik gleichgesetzt werden. Grüne Gentechnik kann man auch dann verwenden, wenn es keine Patente auf Sorten und biologische Prozesse gibt. Zu starke und weitreichende Patente können die wichtige Vielfalt und den Wettbewerb auf den Saatgutmärkten einschränken, sodass das Patenrecht und seine Auswirkungen überprüft und angepasst werden müssen. Aber auch hier gilt, dass das Verbot von Schlüsseltechnologien wohl kaum die beste Maßnahme zur Verhinderung von Marktmacht ist. Das wäre in etwa so, als ob man das Internet verbieten würde, um Marktmacht von Konzernen wie Google und Amazon zu verhindern. Was viele übrigens nicht wissen: Patentrecht ist nationales Recht, und viele der in den USA patentierten Innovationen im Bereich der Grünen Gentechnik sind in Ländern Afrikas und Asiens nicht patentiert.

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Zulassungsverfahren

Im sogenannten Cartagena-Protokoll, einem Zusatzabkommen der Vereinten Nationen über die biologische Vielfalt, haben sich die Unterzeichnerstaaten dazu verpflichtet, keine gentechnisch veränderten Organismen ohne ein eigens dafür geschaffenes Recht und Zulassungsverfahren zu entwickeln und anzuwenden. Mit anderen Worten: Ohne eine spezielle Zulassung darf eine gentechnisch veränderte Pflanze nicht angebaut und in den Umlauf gebracht werden. Sie darf ohne spezielle Genehmigung noch nicht einmal im Versuchsfeld getestet werden. Solche Genehmigungs- und Zulassungsverfahren gibt es für konventionell gezüchtete Pflanzen nicht, obwohl sich die Risiken der Methoden wie gesagt nicht unterscheiden.

Um die Zulassung einer gentechnisch veränderten Pflanze zu beantragen, muss ein umfangreiches Dossier mit den Daten mehrjähriger Risikostudien eingereicht werden. Diese Daten werden von einem unabhängigen Expertengremium begutachtet, das in der Europäischen Union von der European Food Safety Authority (EFSA) einberufen wird. Die EFSA gibt nach der Prüfung ein wissenschaftliches Votum ab, wobei die Entscheidung über die Zulassung letztlich die Europäische Kommission sowie ein politisches Gremium der Mitgliedsstaaten fällen. Das Gesetz sieht eigentlich vor, dass das EFSA-Votum die Entscheidungsgrundlage bildet, aber die politische Realität sieht anders aus. So gibt es mehrere Beispiele gentechnisch veränderter Pflanzen, die die EFSA als sicher einstuft, aber vom politischen Gremium der Mitgliedsstaaten nie zugelassen wurden. Einzelne Mitgliedsstaaten stimmen aus politischen Gründen in diesem Gremium konsequent gegen die Zulassung gentechnisch veränderter Pflanzen, völlig unabhängig vom jeweiligen EFSA-Votum. Insofern geht es bei den Zulassungsentscheidungen längst nicht mehr um Fragen von Risiken, sondern einzig und allein um politisches Kalkül.

Die einzige gentechnisch veränderte Pflanze, deren Anbau in der EU erlaubt ist, ist insektenresistenter Mais, der bereits 1998 zugelassen wurde, also vor fast 25 Jahren. Und auch dieser Mais wurde nachträglich in mehreren Mitgliedsstaaten – darunter auch Deutschland – auf Basis dubioser Risikoargumente verboten. Vor diesem Hintergrund gilt in Europa quasi ein De-facto-Verbot für den Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen, auch wenn weiterhin Anträge zur Zulassung eingereicht werden können. Feldversuche zu experimentellen Zwecken dürfen mit Genehmigung weiterhin stattfinden, allerdings muss der genaue Standort veröffentlicht werden, was in der Vergangenheit regelmäßig Feldzerstörungen durch Gentechnikgegner nach sich zog. Seit der Europäische Gerichtshof im Sommer 2018 alle Verfahren der Gen-Editierung ebenfalls als Gentechnik eingestuft hat, gelten die gleichen Zulassungshürden nun auch für Gen-editierte Pflanzen – und zwar auch dann, wenn in der Pflanze keine artfremden Gene enthalten sind.

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass die EFSA und die politischen Gremien der EU nicht nur Anträge zur Zulassung für den Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen prüfen, sondern auch Anträge für den Import für Lebens- und Futtermittelzwecke. Die Bearbeitung dieser Anträge wird teilweise auch aus politischem Kalkül heraus möglichst lange verzögert, aber hin und wieder werden Zulassungen für den Import erteilt, unter anderem auch deswegen, weil Importverbote nicht mit dem Recht der Welthandelsorganisation (WTO) vereinbar wären und die USA und andere Exportländer der EU mit Handelssanktionen drohen. Deswegen importieren wir in der EU durchaus gentechnisch veränderte Produkte, die hier vor allem als Futtermittel dienen. Lebensmittel von Tieren, die mit gentechnisch veränderten Pflanzen gefüttert wurden, müssen in der EU nicht als solche gekennzeichnet werden. Aus diesem Grund sind sich viele Verbraucher nicht bewusst, dass sie regelmäßig mit Gentechnik hergestellte Produkte konsumieren.

Konsequenzen des De-facto-Anbauverbots

Die politisierten Prozesse der Gentechnikzulassung in der EU haben weitreichende Konsequenzen. Erstens kommen seit über zwanzig Jahren keine neuen Anwendungen auf den Markt, was dazu führt, dass viele die deklarierten Vorteile der Gentechnik schlicht als leere Versprechungen betrachten. Zweitens führt die regelmäßige Nicht-Zulassung unweigerlich dazu, dass Bürgerinnen und Bürger die Gentechnik als grundsätzlich gefährlich einstufen. Warum sonst sollten Pflanzen nach aufwendiger Prüfung am Ende nicht zugelassen werden? Dass hierhinter politisches Kalkül steckt, ist für die meisten nicht zu durchschauen, zumal von Politikerinnen und Politikern oft auf mögliche Risiken hingewiesen wird, um die Entscheidungen gegen die Zulassung zumindest ein Stück weit zu rechtfertigen.

Drittens machen die hohen Hürden gentechnische Zulassungsverfahren unnötig teuer und zeitaufwendig. Teure Risikostudien, das wiederholte Nachliefern von Daten und die oftmals jahrelangen Verzögerungen der Verfahren mit ungewissem Ausgang führen dazu, dass die Zulassungskosten inzwischen wesentlich höher sind als die Forschungs- und Entwicklungskosten selbst. Öffentliche Forschungseinrichtungen und kleinere Unternehmen können sich diese hohen Kosten nicht leisten, sodass am Ende nur die großen Konzerne am Markt eine Chance haben. Selbst für Konzerne lohnen sich die hohen Zulassungskosten nur bei Kulturarten und Merkmalen mit großem kommerziellen Potenzial. Anreize für die Entwicklung möglicher Anwendungen der Gentechnik für kleinere Marktsegmente fehlen. Die Befürchtung einer Dominanz durch große Konzerne, die vor allem Technologien für kommerzielle Märkte entwickeln, wird zur selbsterfüllenden Prophezeiung, weil die Regulierungs- und Zulassungspraxis andere Optionen systematisch unterbindet.

Viertens wandert die moderne Pflanzenforschung in Europa zunehmend ab und verliert an internationaler Wettbewerbsfähigkeit. Große Firmen wie Bayer und BASF haben bereits vor vielen Jahren ihre Pflanzenbiotech-Forschung an Standorte außerhalb Europas verlegt. Kleinere Unternehmen, die nicht international tätig sind, haben ihre Biotech-Aktivitäten eingestellt. Öffentliche Institute für Pflanzengentechnik konzentrieren sich heute primär auf Grundlagenforschung, weil Produktentwicklung und Anwendung hierzulande keine Chance haben. Studierende und Nachwuchsforschende wandern ins Ausland ab oder entscheiden sich von vornherein für andere Fächer, weil das gesellschaftliche Klima für die Grüne Gentechnik in Europa so schwierig ist.

Die europäische Haltung blockiert die Grüne Gentechnik in Europa selbst, bremst aber auch die Entwicklungen anderswo aus. Die EU ist für viele Länder ein wichtiger Agrarhandelspartner, sodass die Nutzung gentechnischer Anwendungen, die in der EU nicht zum Import zugelassen sind, zum Verlust eines wichtigen Exportmarkts führen würde. Vor allem Länder in Afrika und Asien blicken aber auch in Sicherheitsfragen nach Europa und nehmen aufmerksam wahr, dass gentechnische Anwendungen bei uns regelmäßig nicht zugelassen werden. Das schürt internationale Ängste, die von den lokalen Medien aufgegriffen und von gentechnikkritischen Organisationen weiter angeheizt werden. Greenpeace brüstet sich zum Beispiel damit, aktiv zur Verhinderung von Gentechnik in verschiedenen Ländern Afrikas und Asiens beigetragen zu haben. Dabei könnten gerade arme Menschen im globalen Süden besonders stark von der Grünen Gentechnik profitieren, wie unter anderem die Forschung meiner eigenen Arbeitsgruppe zeigt.

Wie kann die Irrationalität überwunden werden?

Die Gentechnikdebatte ist in Europa in eine Sackgasse geraten, aus der es nicht ganz leicht sein wird, sie wieder herauszuholen. Aber ich bleibe optimistisch, dass dies schrittweise gelingen kann. Dazu muss die Regulierungs- und Zulassungspraxis geändert werden. Ein guter erster Schritt wäre, Gen-editierte Pflanzen, die keine artfremden Gene enthalten, vom Gentechnikrecht auszunehmen. Dieser Schritt wäre kurzfristig möglich, auch ohne Gesetzestexte selbst verändern zu müssen, sodass sich möglicherweise leichter politische Mehrheiten gewinnen ließen. In der öffentlichen Wahrnehmung löst vor allem der Gentransfer über Artgrenzen hinweg Unbehagen aus, der für viele Anwendungen der Gen-Editierung aber gar nicht relevant ist. In weiteren Schritten sollte allerdings das Gentechnikrecht umfassender reformiert werden, denn wie jahrzehntelange Sicherheitsforschung nahelegt, führen gentechnische Eingriffe auch dann nicht zu neuartigen Risiken, wenn dabei artfremde Gene übertragen werden. Risiken können durch das Produkt entstehen, also die Pflanze mit ihren neuen Eigenschaften, nicht aber durch die zur Entwicklung verwendete Züchtungsmethode. Insofern sollte ein neues Gesetz zum Risikomanagement auf das Produkt und nicht auf die Methode fokussieren.

Gleichzeitig muss aber auch die öffentliche Debatte und Meinungsbildung ehrlicher und faktenbasierter werden. Nur durch objektive Kommunikation können zum Teil tiefsitzende Vorurteile gegen die Grüne Gentechnik schrittweise abgebaut werden. Das erfordert mehr Engagement aus der Wissenschaft heraus, braucht aber auch Mut von den Medien, nicht jedem Argument – egal wie oft es schon widerlegt wurde – in der Berichterstattung den gleichen Raum zu geben. Eine vermeintlich ausgewogene Berichterstattung, die jede geäußerte Meinung gleich gewichtet, trägt mit zur Perpetuierung von Vorurteilen bei, weil jeder sich in seiner Einschätzung bestätigt sieht. Wir alle leiden unter kognitiven Verzerrungen, wodurch wir bereitgestellte Informationen am liebsten so filtern und interpretieren, dass sich die eigenen Erwartungen erfüllen.

Eine stärker faktenbasierte öffentliche Debatte würde auch eine Gentechnik-offenere Politik erleichtern. Für politische Entscheidungsträger ist es schwer, sich für eine Technologie stark zu machen, für die es in der Bevölkerung eine weitverbreitete Ablehnung gibt. Bisher war das Thema Grüne Gentechnik in Europa nicht wichtig genug, als dass viele Politikerinnen und Politiker bereit gewesen wären, durch Befürwortung mögliche Sympathiepunkte in der Wählerschaft zu riskieren. Die Relevanz des Themas ändert sich allerdings derzeit, sodass eine neue politische Dynamik entstehen könnte. Der Klimawandel schreitet massiv voran und beeinflusst bereits die landwirtschaftlichen Erträge. Gleichzeitig rücken die negativen Umweltwirkungen der Landwirtschaft immer stärker auf die politische Tagesordnung, dank derer konkrete Ziele zur Reduktion des Chemieeinsatzes formuliert wurden. Darüber hinaus verdeutlicht der Krieg in der Ukraine, dass die Weltversorgung mit Nahrungsmitteln auf wackeligen Füßen steht und der Hunger ansteigt, wenn die verfügbaren Mengen international knapp werden. Diese Faktoren führen zu einem neuen Interesse an Technologien zur nachhaltigen Produktionssteigerung in der Landwirtschaft.

Wir müssen uns an das Thema Grüne Gentechnik öffentlich und politisch nochmals heranwagen und die Situation neu bewerten. Die Technologie bietet viele Chancen und Potenziale, nachhaltige Entwicklung voranzutreiben. Diese Chancen nicht zu nutzen, wäre vor dem Hintergrund der globalen Herausforderungen unverantwortlich.



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Matin Qaim ist Professor für Agrarökonomie und Direktor am Zentrum für Entwicklungsforschung (ZEF) der Universität Bonn. Er ist Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina..