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Virologie im Medienfokus: Lehren aus der Corona-Krise

Von Sandra Ciesek, Frankfurt/Main


(15.07.2022) Die Kommunikation wissenschaftlicher Arbeit hat in der Pandemie eine neue Dimension erhalten: Die Forschung war eng mit den tagesaktuellen gesellschaftspolitischen Debatten verwoben. Das hat Folgen für den akademischen Alltag auch über die Pandemie hinaus.

Erinnern Sie sich noch, wie die Corona-Pandemie für Deutschland begann? Es war eine kurze Nachricht der Deutschen Presseagentur (dpa) vom 19. Dezember 2019. „Eine mysteriöse Lungenkrankheit ist in der zentralchinesischen Metropole Wuhan ausgebrochen“, hieß es darin. Die öffentliche Aufmerksamkeit dafür war noch verhalten.

Das änderte sich am 27. Januar 2020. An diesem Tag wurde der erste Corona-Fall in Deutschland bestätigt – und von da an dominierte SARS-CoV-2 über zwei Jahre lang die Schlagzeilen samt der Prime Time des Fernsehens. Mit im Fokus: die Virologie – ein wissenschaftliches und medizinisches Gebiet, das über Jahrzehnte in Deutschland außerhalb der Fachgemeinschaft kaum wahrgenommen worden war. Die SARS-Pandemie von 2002/2003, die Schweinegrippe von 2009 oder die Vogelgrippe von 2014 stehen lediglich für kurze Momente des Hinschauens. Das Interesse ebbte jeweils rasch wieder ab.

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Wo steht die deutsche Universitätsforschung in der Virologie? Wie innovativ ist die privatwirtschaftliche? Sind die Universitätskliniken entsprechend ausgestattet, um den Anforderungen einer Pandemie standzuhalten? Das sind nur einige grundlegende Fragen, die über viele Jahre hinweg allenfalls sporadisch in den wenigen kleinen Medien für wissenschaftlich besonders interessierte Laien behandelt wurden. „Medien für Nerds“ nennt sie die Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim.

Das hatte sich quasi über Nacht verändert. Im Mittelpunkt der vergangenen zweieinhalb Pandemie-Jahre standen dabei nicht nur die Virologie, deren Forschung sowie die medizinische Versorgung in diesem Sektor selbst. Vielmehr haben wir Virologen und Virologinnen in dieser Zeit die Kommunikation mit einer breiten Öffentlichkeit als neues Fach dazu bekommen. Zumindest einige von uns verfügen seitdem auch über Erfahrungen in der Kommunikation mit politischen Entscheidern und Entscheiderinnen – und haben erlebt, wie das auf die Wahrnehmung als Wissenschaftlerin oder Wissenschaftler zurückwirkt.

Diese zusätzliche Dimension unserer Arbeit haben wir uns nicht unbedingt ausgesucht. Sie hat sich als Chance, aber auch als Risiko erwiesen.

Im Oktober 2021 ergab eine Umfrage der Fachzeitschrift Nature, dass mehr als die Hälfte von 321 befragten Corona-Expertinnen und -Experten – darunter auch solche aus Deutschland – nach Interviews persönliche Angriffe, Beleidigungen oder Bedrohungen in Mails oder sozialen Netzwerken erlebt hatten. Das verursacht eine starke persönliche Belastung, die sich niemand ausmalt, der eine wissenschaftliche Laufbahn einschlägt.

Das Problem des Hasses im Netz betrifft manche Gruppen mehr, andere weniger. Beispielsweise werden junge Frauen und Angehörige von Minderheiten generell häufiger angefeindet. Speziell bei Corona sind jedoch alle, die sich dazu äußern, in eine Umgebung mit hohem Risiko geraten. Sie sprechen zu einem Thema, das politisch aufgeladen ist – und wegen der Impfung zusätzlich auch noch weltanschaulich. Das ruft Verschwörungstheoretiker und extreme politische Gruppen auf den Plan. Was jemand konkret sagt, spielt dabei keine Rolle mehr.

Einen gewissen Schutz erhalten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in dieser Lage von gut aufgestellten Öffentlichkeitsabteilungen ihrer Institutionen. Doch leider ist eine meiner Lehren aus Corona: Längst nicht jede Universität und jedes Institut sind in diesem Bereich so ausgestattet, wie es hilfreich wäre.

Im Routinebetrieb einer Universität haben Forschende vor allem dann Kontakt mit der eigenen Presseabteilung, wenn die Ergebnisse einer neuen Studie in einer Pressemitteilung einem mehr oder minder großen Kreis von Fachjournalistinnen und Fachjournalisten zugänglich gemacht werden sollen. Schließlich hat kaum jemand von uns Erfahrungen mit den großen Publikumsmedien. Ein entsprechendes Training für Forschende und Lehrende gehört nicht zur Ausbildung. Dabei wäre es auch für uns von Vorteil, die Spielregeln der Medienwelt genauer zu kennen, um sich dort sicherer zu bewegen.

In einer Krisensituation, wie sie durch Corona entstanden ist, benötigen selbst mediengewohnte Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen dringend professionelle Beratung. Ich selbst betrachte mich als sehr gut unterstützt. Von Anfang an liefen alle Presseanfragen an mich ausschließlich über die Stabsstelle Kommunikation des Universitätsklinikums Frankfurt/Main. Sehr frühzeitig in der Anfragenflut haben wir uns zusammengesetzt, um das grundsätzliche Kommunikationsziel festzulegen, das wir verfolgen. Für mich war dabei klar: Ich möchte ausschließlich über wissenschaftliche Inhalte reden. Mich politisch zu positionieren, habe ich nicht als meine Aufgabe gesehen.

Vor diesem Hintergrund haben wir entschieden, welche Presseanfragen ich selbst übernehme. Dabei wurde schnell klar: Bestimmte Formate eignen sich von ihrer Grundstruktur her kaum beziehungsweise gar nicht, um wissenschaftliche Inhalte unaufgeregt zu besprechen, sodass am Ende ein fachbezogener Erkenntnisgewinn zu erwarten ist. Talkshows zählen dazu. Sie setzen auf Zuspitzung, und jedes Thema wird automatisch politisiert. Es gibt sicher Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich hier positionieren wollen – das ist selbstverständlich legitim. Wichtig ist es jedoch, sich bewusst entscheiden zu können. Und dafür benötigen wir seriösen Beistand von Kommunikationsprofis.

Allerdings geht es nicht nur um die Außenwirkung von Wissenschaftskommunikation. Die Corona-Pandemie hat meines Erachtens auch dem internen wissenschaftlichen Diskurs geschadet. In den vergangenen zweieinhalb Jahren haben wir mehrfach erleben müssen, wie eine Kommunikation, die für Laien oder die Politik bestimmt war, von anderen Wissenschaftlern so umgedeutet wurde, dass eine wissenschaftliche Reputation in Gefahr geraten konnte – und das völlig zu Unrecht.

Eine unbedachte oder etwas unpräzise Formulierung in einer Live-Sendung genügt mitunter, damit jemandem – ebenfalls über die Medien – die Qualifikation durch andere Fachvertreter abgesprochen wird. Das ist im Kern oft strategisch motiviert, wird aber selten so wahrgenommen. Wenn es einige Kolleginnen und Kollegen angesichts dieses Risikos vorziehen, sich aus der öffentlichen Kommunikation ganz herauszuhalten, halte ich das für verständlich.

Eigentlich hat es in der Wissenschaft eine lange und wertvolle Tradition, Angriffe ad hominem zu unterlassen und den Diskurs auf der Sachebene auszutragen. Diesen respektvollen Umgang haben wir in der Pandemie teilweise eingebüßt. Vielleicht liegt es am verstärkten Gebrauch sozialer Netzwerke, in denen der Grundton per se schärfer ist. Vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass es über lange Zeit keine Präsenz-Konferenzen mehr gab. Wenn sich Menschen nicht begegnen, so meine Vermutung, sinkt die Hemmung – auch das ist eine Lehre aus der Corona-Pandemie.

Ich halte es insgesamt für ein erschreckendes Signal für die Wissenschaft, wenn sich im forscherischen Austausch Gepflogenheiten breitmachen, die man sonst nur aus der Politik kennt. Wissenschaft lebt vom Diskurs und von unterschiedlichen Meinungen. Fortschritte lassen sich nur durch freien Austausch erzielen. Statt uns an der Reputation von Kolleginnen und Kollegen abzuarbeiten, sollten wir die Regeln der Wissenschaft hochhalten und uns mit den Forschungsergebnissen beschäftigen.

Natürlich bietet Wissenschaftskommunikation aber auch Chancen. Ich persönlich habe in der Pandemie die Erfahrung gemacht, dass das Interesse der Menschen an sachlichen Informationen zu Medizin und Wissenschaft in der Gesellschaft gestiegen ist. Viele möchten die Zusammenhänge und Details genau verstehen. Ein Format wie der Podcast des NDR zur Corona-Pandemie, an dem ich lange mitwirkte, hat sich hier sehr bewährt. Auf dieser Langstrecke ließen sich wissenschaftliche Standpunkte ausführlich begründen und man konnte herausarbeiten, wie stark oder wie schwach die Evidenz für bestimmte Aussagen ist.

Allerdings haben mir – unter anderem – gerade die Rückmeldungen auf den Podcast auch vor Augen geführt, dass wir über Wissenschaftskommunikation nur reden können, wenn wir die Geschlechterfrage berücksichtigen. Treten Wissenschaftlerinnen in die Öffentlichkeit, müssen sie vermehrt mit misogynen Beleidigungen rechnen. Wir Frauen werden zudem häufiger auf einer Ebene angegriffen, die mit dem Beruf nichts zu tun hat. Unser Aussehen wird thematisiert und häufig benutzt, um uns die fachliche Kompetenz abzusprechen und uns allgemein kleinzumachen.

Auf der anderen Seite habe ich in meiner Eigenschaft als weibliche Expertin auch viel Zuspruch erfahren. Zahlreiche Frauen finden es wichtig, in den Medien mehr Wissenschaftlerinnen zu sehen. Sie wünschen sich weibliche Role-Models für ihre eigene akademische Laufbahn oder die ihrer Töchter. Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben ist dabei ein Stichwort. Ich wurde als Frau in einer Position wahrgenommen, in der sie offensichtlich viel in einen anspruchsvollen Beruf investiert und zugleich selbstverständlich Mutter sein kann. Die Kombination ist möglich. Es hat mich gefreut, dass diese Botschaft bei vielen Frauen angekommen ist, denn es liegt mir am Herzen, die Frauen in der Wissenschaft zu stärken.

An medizinischen Fakultäten zählt gerade die Virologie – die übrigens nicht an allen medizinischen Hochschulstandorten vorhanden ist – zu den Fächern, in denen Frauen in Führungspositionen stark unterrepräsentiert sind. Eine Erhebung des Deutschen Ärztinnenbundes hat jüngst ergeben, dass es in Deutschland vier Institutsdirektorinnen für Virologie und Mikrobiologie gibt, drei Ärztinnen und eine Biologin – was einen Anteil von rund zwölf Prozent Frauen ausmacht. Zum Vergleich: In der Allgemeinmedizin beträgt der Frauenanteil bei der Institutsleitung immerhin 32 Prozent.

Zwölf Prozent Frauen besetzen also Führungspositionen in der Virologie. Dabei sind schon seit Längerem über sechzig Prozent der Medizinstudierenden Frauen, und im Biologiestudium liegt der Frauenanteil ebenfalls um die sechzig Prozent. Es fehlt also nicht am weiblichen Nachwuchs. Aber offensichtlich kommt er nicht in den Top-Positionen an. Erst wenn in entscheidenden Runden mehr Frauen am Tisch sitzen, finden sie angemessenes Gehör.

Ein weiterer Baustein auf dem Weg zu einer Virologie, die das Geschlechterverhältnis real abbildet, sind Frauen-Netzwerke. Junge Frauen sollten wissen, was sie beachten müssen, um sich den Zugang zu einer akademischen Karriere offenzuhalten – auch wenn ihre momentane Lebensplanung darauf vielleicht nicht abzielt. Das erfahren sie von Frauen, die den Weg schon gegangen sind. Einen Schritt zurück kann jede oder jeder immer machen. Doch wer die ersten Schritte in Richtung Karriere – beispielsweise eine Promotion – auslässt, tut sich schwerer, sie später nachzuholen.

Sobald der Pfad eingeschlagen ist, findet sich immer eine Lösung, um ihn gegebenenfalls weiter zu beschreiten. Ein entscheidender Punkt dafür ist es, den Lebenspartner in die Planung einzubinden. Gerade im ärztlichen Beruf, für den ich hier spreche, sind inzwischen häufig beide Partner Ärzte. Auch in dieser Konstellation kann es gelingen, dass keine Partei substanzielle Nachteile wegen der Kindererziehung hinnehmen muss, wenn man sie gerecht aufteilt.

Die erhöhte Aufmerksamkeit für das Geschlecht von Personen, die Medizin und Wissenschaft in den Medien repräsentieren, kam in der Corona-Pandemie übrigens nicht nur von den Bürgerinnen und Bürgern. Die Medienschaffenden selbst hatten das Thema im Blick. Beispielsweise hatte der Verein „ProQuote Medien“ eine Liste explizit mit Wissenschaftlerinnen zusammengestellt, die nachweislich über eine fachliche Expertise zu unterschiedlichen Fragen der Corona-Pandemie verfügen. Inspiriert war die Aktion vom 50:50-Projekt der britischen BBC. Es zielt darauf, Frauen und Männer in den Medien gleich stark zu repräsentieren. Die damit verbundene generelle Debatte um Gleichstellung und Diversität wird inzwischen auch hierzulande in den öffentlich-rechtlichen Medien – und ebenso in vielen anderen – nachdrücklich geführt. Es ist also damit zu rechnen, dass die gestiegene Sensibilität für das Geschlechterverhältnis in der Wissenschaft über die Corona-Schlagzeilen hinaus erhalten bleibt.

In der Analyse, was in der Corona-Pandemie gut funktioniert hat und was weniger, müssen wir auch mein eigenes Fach selbst in den Blick nehmen. Dabei habe ich eine Befürchtung: Die klinische Virologie könnte womöglich nicht so gut aufgestellt sein, wie sie sollte.

Wir Ärzte, die in der Virologie arbeiten, haben einen gemeinsamen Facharzt mit der Mikrobiologie. Das klingt eng verwandt. Tatsächlich jedoch unterscheiden sich sowohl das Wissen als auch die Arbeitsmethoden in beiden Fächern deutlich. Wer auf Mikrobiologie spezialisiert ist, kann im Notfall nicht einfach bei der Klärung virologischer Fragestellungen einspringen. Auch umgekehrt funktioniert das nicht.

Mit der Corona-Pandemie ist der Notfall eingetreten. Dabei zeigte sich, dass die Ressourcen, um die erforderlichen hochspeziellen klinischen Diagnosemethoden und Tests schnell zu entwickeln, sehr begrenzt sind. Einige virologische Institute der medizinischen Fakultäten sind mit den mikrobiologischen Instituten vereint. In einigen Städten mit Universitätskliniken liegt die W3-Professur, und damit der Forschungsschwerpunkt, bei der Mikrobiologie. Die Virologie ist mit W2-Professuren dort eingeordnet, und viele dieser Forschungsstellen haben Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftler inne, keine Fachärztinnen oder Fachärzte.

In der Pandemie haben wir erlebt, was das für die klinische Forschung im Krisenmodus bedeutet: Es fehlte teilweise am Material und an den Voraussetzungen, um die Kapazitäten schnell hochzufahren.

Im normalen Alltag einer Universitätsklinik spielt so eine spezielle Expertise eine untergeordnete Rolle und bringt kaum Geld. Für unser Gesundheitswesen ist es jedoch von zentraler Bedeutung, dieses Fachwissen zu erhalten. Wir sollten die klinische Virologie in der Forschungs- und Versorgungslandschaft nicht weiter zurückdrängen. Die nächste Pandemie wird kommen.

Corona hat uns weiterhin gelehrt, dass wir innerhalb der klinischen Virologie speziell bei der Infektionsepidemiologie im Vergleich mit einigen europäischen Nachbarländern zurückliegen. Wir in Hessen haben zum Beispiel drei Studien in Kindergärten gemacht und eine im Altenheim. So etwas wäre in Deutschland deutlich häufiger wünschenswert gewesen. Oft musste man sich bei der Bewertung des Infektionsgeschehens oder der Gegenmaßnahmen auf ausländische Zahlen verlassen.

Überhaupt war die Frage „Lässt sich das auf Deutschland übertragen?“ eine der am häufigsten gestellten in den Medien. Das sagt viel aus. Für die Zukunft sollten wir aus den Antworten die richtigen Schlüsse ziehen.



Zur Autorin

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Sandra Ciesek ist Professorin für Medizinische Virologie und Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt/Main. Überdies amtiert sie als Prodekanin für Forschung, wissenschaftlichen Nachwuchs und Diversität am Fachbereich 16 der Goethe-Universität Frankfurt.