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„Wenn ich‘s nicht ausprobiere, weiß ich‘s ja nicht“

Von Hella Kohlhof, Martinsried


07.07.2020 Ein Plädoyer für mehr Bauchgefühl und gesundes Selbstbewusstsein bei der Entwicklung eines Biotech-Start-ups.

San Francisco, 6. Januar 2019, 21 Uhr, in der Lobby eines eleganten Hotels:

Ordentlich angezogen in unseren Business-Anzügen stehen wir vier Gründer der Immunic Therapeutics AG mit den Chief Experience Officers (CXOs) von Vital Therapies in der Lobby und stoßen auf den Reverse Takeover und unser zukünftiges Nasdaq-Listing an. Leise Musik im Hintergrund, ein leichtes Kribbeln im Bauch und selten hat mir der Champagner so gut geschmeckt wie in diesem Moment. Neben mir steht der ehemalige Chief Financial Officer (CFO) von Amgen – für mich einer von den Großen – und fragt mich, ob ich denn keine Angst habe, so einen großen Schritt an die Nasdaq zu wagen. „Nein“, sage ich, „denn wenn ich’s nicht ausprobiere, weiß ich’s ja nicht.“

Wie bin ich in solch eine Situation geraten?

Angefangen hat mein berufliches Leben mit einer Ausbildung als Medizinisch-Technische Assistentin (MTA). An ein Studium hatte ich mich damals nach dem Abitur nicht direkt gewagt. Also MTA – zwei Jahre Ausbildung, dann zwei Jahre Routinediagnostik in der Immunologie und Virusserologie am Aachener Klinikum. Bereits nach sechs Monaten war mir klar, dass das noch nicht alles gewesen sein kann. Dann also doch Biologiestudium in Aachen, Göteborg und München.

Als nächster Schritt die Doktorarbeit? Lohnt sich das denn überhaupt?

Die Diplomarbeit war dann aber doch so spannend gewesen, dass ich unbedingt weiter wissenschaftlich arbeiten wollte. Also doch Doktorarbeit.

Familie gründen? Ja bitte, am besten gleich direkt!

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Foto: Pixabay/HowardWilks; Montage: LJ

Also, dann alles auf einmal. Doktorarbeit mit Kind – und gleich im Anschluss noch ein Kind. Im nächsten Leben würde ich vielleicht etwas mehr als fünf Wochen Abstand zwischen Doktorprüfung und der Geburt des zweiten Kindes einplanen – aber letztlich hat ja alles funktioniert. Es folgte eine kurze Zeit als Postdoc und dann die erhoffte Stelle als Wissenschaftlerin in der Industrie bei der 4SC AG in Martinsried. Es war spannend, ich hatte supernette Kollegen, es gab immer neue Dinge zu lernen und es ging stetig bergauf – erst Laborleitung, dann ein klinisches Projekt und zum Schluss die Verantwortung für drei Projekte.

Eine eigene Firma gründen? Ich? Andererseits – wenn ich’s nicht ausprobiere, weiß ich’s ja nicht.

Erste Erkenntnis: Was ist das Wichtigste, um eine Biotech-Firma erfolgreich zu starten? Die Finanzierung! Aber ich bin Biologin und interessiere mich deutlich mehr für die winzigen Details in einer Zelle als für Zahlen. Hilft nix, bei der Finanzierung muss das ganze Team ran.

Unser erster Plan im Jahr 2016 war eher bescheiden: Wir hatten zwei Projekte, wollten das eine in Phase-1- und -2-Studien bringen sowie das zweite durch die Präklinik und in eine Phase-1-Studie.

Und heute?

Drei Projekte – vier Phase-2-Studien mit dem Lead-Projekt, eine Phase-1-Studie mit dem zweiten Projekt und ein drittes Projekt, das kurz vor Start der Phase 1 steht. Auf unsere gewachsene und diversifizierte Pipeline sind wir sehr stolz. Unsere drei Produktkandidaten IMU-838, IMU-935 und IMU-856 – alle drei sind selektive, oral verfügbare Small Molecules – zielen auf die Behandlung von Autoimmun- und chronisch-entzündlichen Erkrankungen ab. IMU-838 ist in der Entwicklung am weitesten fortgeschritten und befindet sich in klinischen Phase-2-Studien zur Behandlung von schubförmig remittierender Multipler Sklerose, von Colitis Ulcerosa, von primär sklerosierender Cholangitis (Prüfarzt-initiierte Studie an der Mayo Clinic) – und seit neuestem auch von COVID-19. Außerdem sind wir an der Nasdaq notiert und haben Standorte in New York, Martinsried, Halle (Saale) und Melbourne.

Ist das aus dem Ruder gelaufen? Ein ganz klares Nein!

Wir haben viel eher Möglichkeiten erkannt, sie ergriffen – und wir haben keine Angst vor neuen Herausforderungen gezeigt. Und ja, es kostet Geld. Und damit sind wir schon wieder bei der Finanzierung und wie wir in diese Hotel-Lobby in San Francisco gekommen sind.

Ein Reverse Takeover mit Nasdaq-Listing funktioniert aus Biologen-Sicht so, dass zwei Firmen sich zusammenschließen und beide etwas davon haben. Die eine Firma, in unserem Fall Vital Therapies, hat ein Nasdaq-Listing, aber mit Aktien, die aufgrund von fehlgeschlagenen Phase-3-Studien so gut wie keinen Wert mehr haben. Die andere Firma dagegen, in dem Fall wir von Immunic, hat coole Projekte mit großem Potenzial und hätte gerne den Zugang zum Kapitalmarkt über die amerikanische Börse. Der Reverse Takeover führt nun dazu, dass die Firma mit den coolen Projekten zum Schluss ein Nasdaq-Listing hat und die verbleibenden Aktionäre der anderen Firma die Chance haben, dass die Aktie wieder an Wert gewinnt. Mit anderen Worten: Immunic ist in die Hülle von Vital Therapies geschlüpft und führt das eigene Entwicklungsportfolio weiter – Vital Therapies‘ Aktionäre haben den ihnen zustehenden Anteil am neuen Unternehmen bekommen.

Hätten wir das Geld nicht auch von privaten, europäischen Risikokapitalgebern bekommen können, ohne den Weg über die Vereinigten Staaten von Amerika, das Börsen-Listing und den dazu gehörenden Auflagen zu gehen? Ja, das hätten wir – und wären fortan auf weitere Finanzierungsrunden angewiesen gewesen. Der Zugang zu Kapital an den Börsenmärkten war aus unserer Sicht der vielversprechendere Weg.

Hätten wir dann nicht gleich einen ordentlichen Börsengang (IPO) machen können? Ja, das hätten wir vielleicht – aber es hätte viel länger gedauert und mehr gekostet. Und es hätte unter Umständen vielleicht auch nicht geklappt angesichts dessen, dass die Stimmung an der Börse für kleinere deutsche Biotech-Unternehmen gerade nicht positiv ist.

Und was haben wir jetzt von diesem Nasdaq-Listing? Wir haben den Zugang zu einem riesigen Markt sowie Flexibilität und Entscheidungsfreiheit gewonnen.

Haben wir Gründer denn zu hundert Prozent gewusst, worauf wir uns da einlassen? Nein, sicherlich nicht!

Aber mit der Selbsteinschätzung, dass wir generell keine Angst vor Herausforderungen und ein gesundes Selbstvertrauen haben, samt der Tatsache, dass es gute Berater gibt und uns so große Möglichkeiten eröffnet werden, haben wir es einfach gemacht.

Bereuen wir es nach mehr als einem Jahr als Nasdaq-gelistetes Unternehmen, diesen Schritt gemacht zu haben? Nein, definitiv nicht.

Ist das Leben einfacher geworden? Auch nicht.

Haben wir als Immunic größere finanzielle Möglichkeiten? Ein klares Ja.

So haben wir im April 2019 im Rahmen des Reverse Takeovers 26,7 Millionen Euro durch die Altinvestoren eingenommen. Seither konnten wir über sogenannte At-The-Market (ATM)-Transaktionen – ein Finanzierungsvehikel, das wir seit Juli 2019 nutzen und das eine größere US-amerikanische Investmentbank für uns verwaltet – bereits mehrfach neue Aktien ausgeben, darunter im Dezember 2019 die größte Einzeltransaktion in Höhe von circa 5 Millionen US-Dollar durch einen namhaften institutionellen US-Investor.

Im April dieses Jahres folgte entgegen des allgemeinen Trends eine unverhoffte, aber erfolgreiche Finanzierungsrunde, in der wir quasi über Nacht rund 15 Millionen US-Dollar über ein sogenanntes Registered Direct Offering sowie weitere 2,3 Millionen US-Dollar über das ATM einwerben konnten. Das, was von außen jedoch wie „über Nacht“ gewirkt hat, war in Wirklichkeit die Frucht von vielen Monaten fleißiger Arbeit und vor allem unserer unermüdlichen Präsenz bei den Investoren.

Und was mache ich als Chief Scientific Officer in dem ganzen Spiel? Neben meiner eigentlichen Arbeit in der Wissenschaft und der präklinischen Entwicklung unserer Produkte versuche ich die Investoren von den unglaublich coolen Projekten zu begeistern, sie von der Eleganz und Reife der Wissenschaft zu überzeugen, dabei viel Spaß zu haben – und ab und zu einen Champagner zu genießen.

Und was kommt als Nächstes? Ich weiß es noch nicht. Aber wenn ich’s nicht ausprobiere, weiß ich’s ja auch nicht.



Zur Autorin

Hella Kohlhof ist Mitgründerin und Chief Scientific Officer (CSO) der Immunic Therapeutics AG in Martinsried.


Letzte Änderungen: 07.07.2020

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