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Raus aus der Komfortzone – Zur Rolle der Universitäten im gesellschaftlichen Wandel

Von Heyo K. Kroemer, Göttingen


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Unerträglich unpolitisch geht es heutzutage an unseren Universitäten zu. Dabei sollten sie gerade jetzt eine Führungsrolle einnehmen, um die fundamentalen Rahmenbedingungen für die tiefgreifenden Veränderungen zu schaffen, die unserer Gesellschaft unmittelbar bevorstehen.

Essays
Illustr. : iStock / MHJ

Es ist der 18. Februar 2019, ein sonniger Tag in Duderstadt im Eichsfeld nahe Göttingen. Der Otto-Bock-Konzern feiert sein einhundertjähriges Bestehen. Ehrengast ist die Bundeskanzlerin Angela Merkel. Von der Last des Parteivorsitzes befreit, hält sie eine hörenswerte Rede – und sagt: „Die Digitalisierung und das, was daraus erwächst, ist eine neue Stufe des wirtschaftlichen Geschehens und kann, denke ich, mit Entwicklungen wie dem Buchdruck oder der Industrialisierung gleichgesetzt werden.“

Man sitzt entspannt, hört gerne zu und fragt sich: Ist das, was wir derzeit erleben, eine neue Stufe im wirtschaftlichen Geschehen – oder ändert sich alles in unserer Gesellschaft? Gehen wir tatsächlich geordnet eine Stufe nach oben – oder bricht die bisherige Treppe ab, und wir fallen von der Stufe, auf der wir jetzt stehen, in einen uns unbekannten, bisher undefinierten Raum, den es auszufüllen gilt? Sind wir vielleicht am Ende des Zeitalters der Aufklärung, so wie wir es bisher kannten, angekommen?

Ich erlaube mir ein vollkommen triviales Beispiel: Am Abend eines ganz normalen Tages verlasse ich gegen 18:45 Uhr die Leitungsbaracke der Göttinger Universitätsmedizin. Mein Smartphone vibriert. Auf dem Display erscheint: „15 Minuten bis in die Grete-Henry-Straße; von-Ossietzky-Straße nehmen, wenig Verkehr.“ Ohne, dass ich die Information aktiv gegeben oder erfragt hätte, weiß mein Telefon, dass ich jetzt aufhöre zu arbeiten, dass ich nach Hause möchte und schlägt mir aktiv den schnellsten Weg dorthin vor. Eine selbstständig von extern gegebene, Daten-basierte Information beeinflusst mein Handeln; die Trennung zwischen Individuum und Information, die meines Erachtens für die gesamte Aufklärung konstitutiv ist, verschwindet.

Das Nachdenken über diese Alltäglichkeit führt zu gemischten Gefühlen: Zum einen weiß die Firma mit dem angebissenen Apfel sehr viel über mich, was sie eigentlich nichts angeht; auf der anderen Seite wird diese Form von Technologie, verbunden mit einem selbstfahrenden Auto (oder gar einem Flugtaxi), meine individuelle Mobilität im Alter wesentlich länger erhalten können, als dies für heutige Generationen unserer Eltern möglich ist.

Daraus gibt es nur eine denkbare Konsequenz: Als Gesellschaft gehen wir die Möglichkeiten und Risiken einer solchen Technologie kritisch konstruktiv an und entscheiden dann, wie wir vorgehen wollen. Doch genau dies passiert nicht: Wir stehen eher lamentierend und unentschlossen vor dem unbekannten Neuen, halten uns an einzelnen Aspekten wie etwa dem Datenschutz so lange fest, bis wir das Gesamtbild aus den Augen verloren haben.

Diese verloren gegangene Fähigkeit zu integrativen Lösungen komplexer Probleme scheint mir ein Grundproblem der Bundesrepublik Deutschland geworden zu sein – vollkommen unabhängig vom Thema. Unser Land legt mit dem gleichzeitigen Ausstieg aus Kernenergie und Kohle eine weltweit einmalige Energiewende vor, ohne vorher das Problem des Transfers alternativ gewonnener Energien vom Produktions- zum Verwendungsort festzulegen geschweige denn zu lösen. Die vielzitierte schwäbische Hausfrau hätte sich vermutlich niemals eine Solar-Panele aufs Dach schrauben lassen, ohne sicher zu sein, die gewonnene Energie auch in ihr Haus transferieren zu können.

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Auch die laufenden „Freitags-für-die Zukunft“-Demos stellen nachvollziehbare Forderungen, ohne dass parallel eine Umsetzungsdiskussion stattfindet, die Ökologie und Ökonomie verbindet. Dies den jungen Demonstranten vorzuwerfen, wäre falsch – die Erwartung, dass Politik und Wissenschaft bereits realisierbare Umsetzungsstrategien für ein jahrzehntelang bekanntes Problem entwickelt hätten, erscheint mir dagegen mehr als berechtigt.

Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Nach vielen Jahren eines durchgängig konservativ besetzten Verteidigungsministeriums scheint selbst dem militärischen Laien die Bundeswehr in einem Zustand zu sein, für den „bedingt abwehrbereit“ ein Euphemismus wäre. Über die Deutsche Bahn als weiteres komplexes staatliches Unternehmen ist an anderer Stelle bereits alles gesagt. O-Ton des zuständigen Ministers Scheuer in einem dpa-Interview: „Das System Schiene ist an die Grenzen gekommen. Wir haben hohe Investitionen, große Baustellen, die zu Störungen führen. Wir müssen das besser koordinieren.“

Erstaunlich wenig im Fokus der Öffentlichkeit steht die zukünftige Organisation des Gesundheitssystems der Bundesrepublik Deutschland, obwohl es sich hier um ein ganz zentrales Element der Daseinsfürsorge handelt. An diesem Beispiel lässt sich exemplarisch gut zeigen, vor welchen Herausforderungen der Zukunft wir stehen und warum integrierte systemische Lösungen unabdingbar sind. Außerdem kann man sich hier nicht argumentativ hinter Europa verstecken, weil die Gesundheitssysteme zumindest bisher nationalen Eigenheiten folgen.

Wir erleben derzeit einen Fortschritt in fast allen Bereichen der Medizin, wie er in der Vergangenheit unbekannt war. Ein besseres Verständnis von Erkrankungen ermöglicht kausale Therapien, die zunehmend auf die individuellen Charakteristika von Patienten zugeschnitten sind. Die Kehrseite – immer unter der Vorstellung, dass in Deutschland jeder Mensch einkommensunabhängig jede notwendige Therapie bekommen soll – sind derzeit explodierende Kosten. 2018 hat die Bundesrepublik an jedem Tag des Jahres mehr als eine Milliarde Euro in das Gesundheitssystem gesteckt.

Parallel stehen wir unmittelbar vor einer massiven demographischen Veränderung. Vergleicht man die Geburtenzahlen in meinem Geburtsjahrgang 1960 mit denen des Jahrgangs 1975, so sind diese Zahlen in 1975 um 33 Prozent geringer. In einem solidarisch finanzierten System müssen also ab Mitte der 2020er-Jahre um ein Drittel reduzierte Jahrgänge für die Älteren aufkommen. Parallel werden sehr viele Fachkräfte (pflegerisches und ärztliches Personal, aber auch Verwaltungskräfte) in den Ruhestand gehen, die nicht einfach ersetzt werden können, weil die nächste Generation schlicht nicht geboren wurde.

Dazu kommt der generelle Trend der Attraktivität von Metropolregionen. Viele junge Ärzte sind daher nicht mehr bereit, in ländlichen Regionen tätig zu sein, schon gar nicht als Kleinunternehmer mit eigener Praxis. Gleiches gilt auch für den stationären Bereich, in vielen Landkrankenhäusern trifft man nur noch vereinzelt auf Ärzte, die sich mit den Patienten im regionalen Dialekt unterhalten können. In der Konsequenz ist die medizinische Versorgung in ländlichen Gebieten der Bundesrepublik schon heute massiv eingeschränkt.

Gänzlich unübersichtlich wird die Situation durch die massiv auftretenden privaten Anbieter von digitalen Gesundheitsleistungen. Smartphones und Smartwatches ermöglichen heute einen tiefen Einblick in den Gesundheitszustand ihrer Träger, und das Ganze über 24 Stunden am Tag – interessanterweise ohne jede Datenschutzdiskussion.

Zusammenfassend braut sich im Gesundheitswesen ein für jedermann (und jede Frau) sichtbarer, perfekter Sturm zusammen – und es gibt nicht mehr viel Zeit, das Ganze prospektiv zu organisieren.

Was wäre zu tun? Wir bräuchten eine intensive Diskussion über das deutsche Gesundheitssystem der Zukunft. Etwa anhand folgender Fragen:

  • Welchen Versorgungsgrad streben wir an?
  • Wie viel Geld sind wir bereit, dafür auszugeben?
  • Welche Rolle spielt der Staat? Welche Aufgaben im Gesundheitssystem sollten staat­lich sein, und welche Rolle spielen private Anbieter?
  • Ist die Selbstverwaltung das geeignete System zur Lösung zukünftiger Probleme im Gesundheitswesen?
  • Wie realisieren wir ein definiertes Maß an Versorgung in ländlichen Regionen und koordinieren diese Versorgung mit spezialisierten, zentralen Einrichtungen?
  • Wie können wir die digitalisierbaren Teile der Versorgung in unser Gesamtsystem integrieren?
  • Wie nutzen wir die Digitalisierung, um freiwerdende Ressourcen im direkten Kontakt von Ärzten und Pflegepersonal mit dem Patienten einzusetzen?

Eine solche Diskussion gibt es nicht – es werden lediglich Mikrolösungen intensiv diskutiert, deren Scheitern vorher absehbar ist. Ich nenne nur die sogenannte Landarztquote.

Es ist ja nicht nur das gesamte Feld der Medizin, das von der Entwicklung betroffen ist, sondern fast alle Bereiche unseres Lebens – und damit unsere Gesellschaft an sich. Das Konsumentenverhalten wird sich durch digitale Technologien komplett ändern – mit gravierenden Konsequenzen für Arbeitsplätze und innerstädtische Infrastrukturen. Das Einzige, das wir indes diskutieren, ist die skandalöse Vergütung der Paketboten. Die fundamentalen Entwicklungen in der (Individual-)Mobilität habe ich oben schon beschrieben. Kurz und knapp wird sich schlichtweg das Leben für jede und jeden von uns ändern – und unsere Gesellschaft vor große Herausforderungen stellen.

Doch warum sind wir zu integrativen Lösungen komplexer Probleme nicht oder nicht mehr in der Lage?

Weil uns ein Zukunftsbild im Sinne einer Vision der Gesellschaft, in der wir leben wollen, komplett fehlt – und auch nicht erkennbar ist, wo und von wem ein solches Bild entwickelt werden sollte.

Überlegungen, wie eine Gesellschaft unter den geänderten Voraussetzungen funktionieren soll, gibt es wieder nur in kleinen Ausschnitten. Sie soll selbstverständlich sozial orientiert sein, tolerant, weltoffen – und zu jedem einzelnen Aspekt gibt es zumeist von Parteien oder Interessengruppen geleitete Vorschläge, die sich in aller Regel auf den einen begrenzten Bereich beschränken, der die eigene Klientel bedient. Auch die oben schon erwähnten eindrucksvollen Demonstrationen, die jeden Freitagnachmittag für die Zukunft des Weltklimas stattfinden, schlagen notwendige Maßnahmen vor, deren funktionale Integration in ein gesamtgesellschaftliches Bild nicht trivial sein wird.

Dabei wären doch auch für das Gesamtsystem fundamentale Fragen zu stellen, deren Beantwortung die Rahmenbedingungen für all die Teilgebiete setzt:

  • Wovon wollen wir eigentlich in Zukunft als Bundesrepublik Deutschland leben?
  • Ist es Ziel des zukünftigen Gemeinwesens, den heute erreichten materiellen Stand breiter Bevölkerungsschichten zu erhalten oder auszubauen?
  • Wie funktioniert ein solcher Prozess im Einklang mit der Umwelt?
  • Was können wir davon selbst erreichen, und welche Teile erfordern eine supranationale Integration etwa in die EU?
  • Wie wird unser Gemeinwesen finanziert, wenn erhebliche Teile der heutigen Wertschöpfung durch Arbeitsprozesse in Zukunft digital erfolgen?
  • Müssen die Entscheidungsprozesse in unserer Demokratie adaptiert werden, um mit der Geschwindigkeit neuer Entwicklungen und somit mit der internationalen Konkurrenz mithalten zu können?

Spätestens hier wird sich der geneigte Leser fragen, was dieser Artikel eigentlich mit seiner Überschrift zu tun hat.

Ich meine, sehr viel. Die aus meiner Sicht einzigen Orte der Bundesrepublik, an denen Expertenwissen zu praktisch jeder Fragestellung vorhanden ist, sind die Universitäten unseres Landes. Es mag Zeiten gegeben haben, in denen die Universitäten zu stark politisiert waren – aber derzeit empfinde ich uns, in Anbetracht der unausweichlich bevorstehenden gesellschaftlichen Veränderungen, als unerträglich unpolitisch.

Das integrierte Bild einer neuen Gesellschaft sollte hier an den Universitäten entwickelt werden, von Leuten, die etwas davon verstehen und die keine unmittelbaren Eigeninteressen haben. Ein kleiner Nebeneffekt wäre, dass die durch fachliche Spezialisierung bis zur Unkenntlichkeit fragmentierte Universitas wieder zum Leben erweckt würde. Ein solcher Weg wäre unbequem, würde die Universitäten in den Mittelpunkt gesellschaftlicher Auseinandersetzungen stellen, ist aber meines Erachtens unvermeidbar. Vielleicht entstehen solche Ansätze ja im Rahmen der laufenden Exzellenzstrategie. Es wäre zu hoffen.



Zum Autor

Heyo Kroemer ist derzeit noch Präsident des Medizinischen Fakultätentages sowie Dekan der Universitätsmedizin Göttingen. Ab September wird er Vorstandsvorsitzender der Charité-Universitätsmedizin Berlin.


Letzte Änderungen: 15.07.2019

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