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Spin-offs brauchen klare Bekenntnisse

Von Gunter Festel, Fürigen


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Spin-offs aus Universitäten und Forschungseinrichtungen sind wichtig und sollten nicht unterschätzt werden. Founding Angel Gunter Festel erklärt anhand eines Beispiels, wie eine Ausgründung abläuft und was zu beachten ist.

Unter akademischen Spin-offs sind Ausgründungen aus Universitäten und Forschungseinrichtungen zu verstehen. Diese können einen wichtigen Beitrag zum Technologietransfer insbesondere auch in der Biotech-Industrie leisten. Um als Spin-off erfolgreich zu sein, ist unter anderem auch die Einbindung erfahrener Gründer wichtig und das ist in Deutschland leider noch zu selten der Fall. Daher besteht Handlungsbedarf – und mit dem von mir entwickelten Founding-Angels-Modell habe ich auch einen konkreten Lösungsvorschlag. Doch gehen wir der Reihe nach vor – anhand eines konkreten Beispiels aus meiner Tätigkeit als Founding Angel.

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Warum sind akademische Spin-offs wichtig? Die Herausforderung bei neuen Technologien besteht darin, vielversprechende Forschungsergebnisse aus Universitäten und Forschungseinrichtungen, die meist noch zu weit von einer industriellen Umsetzung entfernt sind, zu marktreifen Produkten zu entwickeln und in den Markt einzuführen. Zahlreiche Untersuchungen beschreiben die zentrale Rolle akademischer Spin-offs bei Innovationsprozessen und insbesondere dem Transfer von akademischen Forschungsergebnissen in eine industrielle Umsetzung (Egeln, 2003; Schicker et al. 2011; Festel 2013). An vielen Universitäten werden Spin-offs daher inzwischen als wichtiges Mittel des Technologietransfers gefördert.

Im Sommer 2007 hatte ich zusammen mit dem Biologieprofessor Eckhard Boles die Butalco GmbH als Spin-off der Goethe-Universität Frankfurt gegründet. Das Ziel von Butalco war die Entwicklung von Technologien zur gentechnischen Modifikation von Hefen für die Herstellung von Biokraftstoffen und anderen biobasierten Produkten. Damit können Abfallstoffe aus Lignozellulose insbesondere für die Herstellung von Biokraftstoffen der zweiten Generation wie Bioethanol oder Biobutanol zugänglich gemacht werden, sodass in Zukunft keine Nahrungsmittel mehr zu Biokraftstoffen verarbeitet werden müssen.

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Was ist bei Ausgründungen zu beachten? In der Praxis zeigt sich, dass eine frühzeitige Gründung vorteilhaft ist, da die eigene Identität eines Start-ups eine klarere Kommunikation gegenüber potenziellen Geschäftspartnern ermöglicht und nach außen hin den Umsetzungswillen der Gründer deutlich macht. Die Gründung sollte allerdings nicht unterschätzt werden. Damit ist nicht der Gründungsvorgang an sich gemeint, da hier Steuerberater und andere Dienstleister unterstützen können.

Entscheidend für das zukünftige Unternehmen und damit eine Herausforderung für die Gründer ist dagegen, dass einige wichtige Weichenstellungen notwendig sind, die später nicht oder nur mit großem Aufwand korrigiert werden können. Welche Rechtsform soll gewählt werden und wie soll die Anteilseigner-Struktur aussehen? Wo soll das Unternehmen angesiedelt werden und welche Bedeutung bei der Standortwahl haben operative und steuerliche Aspekte?

Ohne umfangreiche Erfahrungen verliert man hier schnell den Überblick und trifft falsche Entscheidungen. Da Steuerberater und andere Dienstleister nie das Gesamtbild mit den Augen der Gründer sehen, sind sie als Berater bei diesen grundlegenden Fragen kaum geeignet und können nur bei Detailfragen helfen. Die Unterstützung durch die Transferstellen an Universitäten und Forschungseinrichtungen kann auch nur der erste Schritt sein, da die Ressourcen sehr begrenzt sind.

Idealerweise helfen bei den Ausgründungen neben den Technologietransfer-Organisationen erfahrene Gründer, die sich schon mehrfach mit diesen Fragen auseinander gesetzt haben und die notwendige Expertise besitzen.

Eckhard Boles, einer der weltweit führenden Experten für die gentechnische Modifikation von Hefen, hatte schon über mehrere Jahre versucht, zur industriellen Umsetzung seiner Forschungsergebnisse eine Ausgründung zu realisieren. Jedoch fehlte ihm dazu die notwendige Zeit und Erfahrung. Damit kam ich ins Spiel, da ich schon vorher andere Unternehmen gegründet hatte (Festel 2009). Während Eckhard Boles also die wissenschaftlichen Grundlagen gelegt hatte, brachte ich als Founding Angel Erfahrungen bei Unternehmensgründungen und Finanzierungsfragen mit. Daher ergänzten sich unsere jeweiligen Kompetenzen sehr gut und auch die persönliche Chemie stimmte von Anfang an.

Founding Angels unterstützen interessante Geschäftskonzepte von der Geschäftsidee über den erfolgreichen Geschäftsaufbau bis zum Exit, das heißt den Verkauf eines Unternehmens (Festel 2011; Festel und de Cleyn 2013). Während Business Angels, die als Geschäftsmodell schon lange etabliert sind, bei schon gegründeten Unternehmen in der Aufbauphase einsteigen, erfolgt das Engagement von Founding Angels schon vor der eigentlichen Spin-off-Gründung gegen eine Beteiligung am Eigenkapital als Teil des Gründungsteams.

Die Praxis zeigt, dass beim Founding-Angel-Modell einige wichtige Punkte zu beachten sind. So hat es sich bewährt, dass alle Gründer inklusive Founding Angel bei der Gründung die gleichen Anteile erhalten. Das hängt natürlich von der konkreten Situation ab und Ausnahmen bestätigen die Regel. Ein entscheidender Punkt ist allerdings, dass Wissenschaftler und Founding Angel auf „gleicher Augenhöhe“ agieren. Eine Diskussion, ob die wissenschaftliche Expertise oder die kommerzielle Erfahrung mehr wert ist, führt zwangsläufig zum Scheitern des Vorhabens.

Der Founding Angel sollte grundsätzlich bis zum Erreichen der Gewinnschwelle keine Entlohnung für seine Tätigkeiten erhalten. Er sollte dagegen sogar in der Lage sein, finanzielle Engpässe beim Start-up durch Finanzspritzen zu beheben. Diese sind dann als Gesellschafterdarlehen zu gestalten, um die Eigentumsverhältnisse nicht zu verschieben.

Aber wie lief das bei der eingangs erwähnten Butalco GmbH? Nachdem Eckhard Boles und ich uns besser kennengelernt hatten, gründeten wir Butalco im Schweizer Kanton Zug. Wir hatten diesen Standort gewählt, da ich zu dieser Zeit in diesem Kanton lebte und mein Büro hatte. Der Gründungsprozess und die Administration eines Unternehmens sind in der Schweiz auch deutlich einfacher als in Deutschland. Zug ist zudem als Standort mit niedrigen Steuern und unternehmensfreundlicher Verwaltung bekannt.

Eckhard Boles und ich hielten bei der Gründung jeweils fünfzig Prozent der Anteile, das Startkapital für die ersten Schritte bei Butalco kam von uns beiden. Kurz nach der Gründung kam ein großes Windkraftunternehmen aus Deutschland als Investor an Bord. Deren Überlegung war, dass die unter Windkrafträdern wachsende Biomasse mit der Butalco-Technologie in Biokraftstoff konvertiert werden könnte.

Mit Hilfe der Investorengelder wurden mehrere Patente der Universität übernommen und darauf aufbauend weitere Forschungsarbeiten an der Universität finanziert. Diese Forschungskooperation war hilfreich, da noch kein ausreichendes Geld für den Aufbau eigener Forschungslabore vorhanden war. Außerdem konnte so das wissenschaftliche Know-how der Arbeitsgruppe von Eckhard Boles direkt genutzt werden. Bei Butalco war es wichtig, die Fixkosten so gering wie möglich zu halten, um in schwierigen Zeiten handlungsfähig zu bleiben. Daher erhielten wir als Gründer nie eine Vergütung und die Administration wurde möglichst kostengünstig organisiert.

Ein erster Erfolg für Butalco war der Verkauf einer Technologie an den französischen Hefeproduzenten Lesaffre im Frühjahr 2012. Lesaffre als Weltmarktführer für Hefen zur Herstellung von Bioethanol der ersten Generation, das heißt auf Basis von Getreide, konnte damit Weltmarktführer für Bioethanol der zweiten Generation werden. Dieser Technologie-Deal war ein wichtiger Schritt für den Verkauf des gesamten Unternehmens an Lesaffre etwa zwei Jahre später. Butalco blieb als eigenständige Einheit bestehen und wurde in den Lesaffre-Konzern integriert.

Das Beispiel Butalco zeigt sehr schön, dass Universitäten von Gründungsaktivitäten auf verschiedenen Ebenen profitieren. Zum einen kann ein Teil der Forschung der Spin-offs an den Universitäten im Rahmen von Drittmittelprojekten durchgeführt und Universitäten verstärkt in Förderprojekte eingebunden werden. Zum anderen werden vorhandene Patente durch Spin-offs verwertet, die sonst nicht verwertet werden könnten. Es hat sich nämlich gezeigt, dass bei vielen Technologien aufgrund des geringen Reifegrades eine direkte Lizenzvergabe an etablierte Unternehmen nicht möglich ist und damit die Universitäten auf den Patentierungskosten sitzen bleiben. Im Fall von Butalco profitierte die Universität sogar zusätzlich, da sie auch einen gewissen Teil des Exit-Erlöses bekam und Lesaffre die Forschungskooperation mit der Universität massiv ausbaute.

Welche Empfehlungen können gegeben werden? Butalco zeigte, dass ein Spin-off eine geeignete Möglichkeit sein kann, um Ergebnisse aus akademischen Forschungsaktivitäten erfolgreich zu kommerzialisieren. Um die Entwicklung der deutschen Spin-off-Szene zu fördern, muss das universitäre Umfeld trotz der Bemühungen in der Vergangenheit allerdings noch ausgründungsfreundlicher gestaltet werden.

Die Universitäten müssen eine klare strategische Entscheidung für Spin-offs als Möglichkeit des Technologietransfers treffen, da reine Lizenzvergabe an etablierte Unternehmen in der Regel nur kurzfristig mehr Geld bringt. An vielen Universitäten in Deutschland ist diese Entscheidung zugunsten der Spin-offs zwar formal gefallen, doch fehlt oft das konsequente Bekenntnis zu den Spin-offs. Die Universitäten müssen zum Beispiel ausreichende Ressourcen schaffen, die gründungswillige Forschende zielgerichtet unterstützen. Forschungseinrichtungen wie die Fraunhofer Gesellschaft und die Max-Planck-Gesellschaft sind in diesem Zusammenhang schon weiter.

Vor allem Verhandlungen zur Übernahme bestehender Patentanmeldungen und Patente sind immer noch schwierig, da oftmals überzogene Forderungen zu beobachten sind. Hier sollte von den Universitäten mehr auf die schwierige Finanzlage vor und bei der Gründung von Spin-offs Rücksicht genommen werden. Eine Eigenkapitalbeteiligung, die mittlerweile bei der Goethe-Universität Frankfurt möglich ist, oder vertraglich vereinbarte Beteiligung beim Exit kann hier sehr hilfreich sein.

Neben einem umfangreichen Beratungsangebot ist insbesondere der Zugang zu erfahrenen Gründern und Kapital wichtig – zum Beispiel, indem man intensiver mit Founding Angels zusammen arbeitet. Founding Angels-Clubs in verschiedenen Städten könnten dazu beitragen, die Gründungsaktivitäten zu unterstützen und insbesondere Berührungsängste bei den Technologietransfer-Einrichtungen abzubauen.


Bibliographie


  • Egeln, J., Gottschalk, S.; Rammer, C., Spielkamp, A., Spinoff-Gründungen aus der öffentlichen Forschung in Deutschland, ZEW Wirtschaftsanalysen, Baden Baden, 2003
  • Festel, G., Founding Angel – Unternehmensgründung in Serie, Biospektrum, Bd. 15, Nr. 3, Mai 2009, S. 327
  • Festel, G., Founding Angels as Early Stage Investment Model to Foster Biotechnology Start-ups, in: Journal of Commercial Biotechnology 17 (2011) 2, S. 165-171
  • Festel, G., Academic spin-offs, corporate spin-outs and company internal start-ups as technology transfer approach, The Journal of Technology Transfer, Bd. 38, Nr. 4, Juli 2013, S. 454-470
  • Festel, G., De Cleyn, S., Founding angels as an emerging subtype of the angel investment model in high-tech businesses, Venture Capital: An International Journal of Entrepreneurial Finance, Bd. 15, Nr. 3, Juli 2013, S. 261-282
  • Schicker, A., Wagner, K., Becker, K., Bau, F. (Hrsg.), Spin-offs: vom Brutkasten zum Marktschlager, vdf Hochschulverlag, Zürich 2011, S. 99-104


Zum Autor

Gunter Festel ist seit mehr als 10 Jahren als Founding Angel tätig und hat in dieser Zeit etwa 15 Spin-offs mitgegründet. Zudem hat er eine Professur für Lifescience Entrepreneurship an der TU Berlin inne und ist Research Fellow an der Universität Basel. Zusammen mit dem Belgier Sven De Cleyn hat er das Buch „Academic Spin-Offs and Technology Transfer in Europe: Best Practices and Breakthrough Models“ herausgegeben


Letzte Änderungen: 03.07.2018

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