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Citizen Science – Gemeinsam Wissen schaffen!

Von Anett Richter, Julia Siebert und Aletta Bonn; Leipzig


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Wissenschaft und Gesellschaft können durch die Einbindung engagierter Bürgerinnen und Bürger in Forschungsprojekte profitieren. Die Wissenschaft muss sich aber dafür öffnen.

Im August 2017 gingen beim „March for Science“ weltweit mehr als 1,3 Millionen Menschen für die Freiheit der Wissenschaft auf die Straße. Ein Zeichen für die Bedeutung von Wissenschaft für und in der Gesellschaft! Umfragen in Deutschland belegen, dass sich mehr als ein Drittel aller Befragten gerne an einem Forschungsprojekt beteiligen möchten – meist aber nicht wissen wie. Auch in der Wissenschaft werden die Stimmen lauter, dass zur Lösung drängender Fragen der Gesellschaft die Beteiligung von gesellschaftlichen Akteuren und ihre Expertise benötigt wird.

Andererseits werden inzwischen vielerorts wissenschaftliche Fakten angezweifelt und die Relevanz der Forschung in Frage gestellt. Diese scheinbar mangelnde Relevanz, fehlende Glaubwürdigkeit und Integrität stehen möglicherweise exemplarisch für das kriselnde Verhältnis von Wissenschaft, Gesellschaft und Politik. Es gilt die zentrale Frage zu klären, wie es gelingen kann, Wissenschaft (wieder) näher zu den Menschen zu bringen – und gleichzeitig die Zusammenarbeit mit der Gesellschaft als Innovationspotenzial für die Wissenschaft zu erkennen.

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Forschung und Gesellschaft [haben sich] auseinander gelebt [...], und die Krisen und Herausforderungen heute zeigen, dass wir völlig neue Wege gehen müssen.“ (GEWISS online-Umfrage zur Konsultation der Citizen Science Strategie 2020 für Deutschland)

Citizen Science – die aktive Mitwirkung von Bürgerinnen und Bürgern in der Forschung – kann hier tatsächlich neue Wege ermöglichen. Über den Weg des gemeinsamen Schaffens wissenschaftlicher Erkenntnis gepaart mit Learning-by-Doing kann der Wissenschaftsskepsis und dem Informationsdefizit entgegengetreten werden. Mittels Öffnung zum Dialog und der Entwicklung innovativer Formate für gemeinschaftliches Arbeiten kann Wissenschaft einen Weg in den öffentlichen Raum finden, und eine Annäherung zwischen Wissenschaft und Gesellschaft gelingen.

Das Potenzial von Citizen Science wird in Wissenschaft und Politik in Deutschland bereits seit einigen Jahren diskutiert. Dazu wurde 2016 das Grünbuch für die Citizen Science Strategie 2020 entwickelt – unter Beteiligung von bundesweit über 700 Mitwirkenden aus mehr als 350 Organisationen, wissenschaftlichen Einrichtungen, Fachgesellschaften, Vereinen, Verbänden und Stiftungen sowie vielen Einzelpersonen. Das Grünbuch stellt zehn Themenfelder mit spezifischen Handlungsoptionen und Maßnahmen vor, wie Citizen Science in Deutschland durch Stärkung bestehender und Etablierung neuer Strukturen sowie Integration bestehender Konzepte in Wissenschaft, Politik und gesellschaftliche Prozesse gestärkt werden sollte. Nun gilt es vom Grünbuch zum Weißbuch und zu einer breiten Umsetzung bis 2020 zu gelangen.

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Es besteht weitgehend Konsens darüber, dass wissenschaftliche Erkenntnisse und Daten aus Citizen Science-Projekten die Wissenschaft vielfach bereichern: Wissenschaft profitiert von der Öffnung zu Citizen Science durch den Erwerb zusätzlicher Perspektiven und Expertisen sowie durch die Möglichkeit zu großskaligen Datenerhebungen. Die Aufnahme neuer Sichtweisen kann dabei auch zu einer stärkeren gesellschaftlichen Relevanz und nachhaltigem Einfluss von Forschung führen.

Auch bestehen kaum Zweifel, dass Citizen Science einen Mehrwert für die Gesellschaft erzielt. Teilnehmende erweitern zum Beispiel ihr Wissen über Natur, Technik und Geschichte – und lernen dabei gleichzeitig wie Wissenschaft funktioniert (Scientific Literacy). Durch aktive Beteiligung und Learning-by-Doing können wissenschaftliche Daten und Ergebnisse besser eingeschätzt werden. Auch die Grenzen wissenschaftlicher Methoden und Erkenntnisse werden nachvollziehbarer. Außerdem kann im Rahmen des gesellschaftlichen Wandels eine stärkere Handlungskompetenz für Akteure erworben werden, indem eigenständig Probleme identifiziert, bearbeitet und analysiert werden.

... die Öffentlichkeit aus der Position eines Zuschauers [...] befreien und sie zu einem genuinen Wissensproduzenten [...] machen.“ – „Citizen Science ist ein wichtiger Baustein zur Lösung von schwierigen Problemen – hier ist das Potenzial von vielen Ideen gefragt, um auch die richtigen Fragen zu stellen.“ (GEWISS online-Umfrage zur Konsultation der Citizen Science Strategie 2020 für Deutschland)

Die Idee einer gemeinsamen Generierung von Wissen ist indes keineswegs neu. Seit Jahrzehnten profitiert etwa die Umweltforschung vom ehrenamtlichen Engagement der Bürgerinnen und Bürger. Unser Wissen über die Flora und Fauna basiert zu über achtzig Prozent auf ehrenamtlich erworbenem Wissen. Traditionelle Methoden, wie die Zählungen von Tieren und Pflanzen entlang von Transekten, in Kombination mit neuen Technologien wie Apps und mobilen Sensoren ermöglichen die erfolgreiche Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern an der Arterfassung und dem Monitoring von Umweltparametern zur Messung von beispielsweise Licht, Lärm, Luftschadstoffen oder Umweltchemikalien.

Die Tradition dieser langjährigen Zusammenarbeit von naturforschenden oder auch historischen Vereinen und Fachgesellschaften mit Universitäten und Forschungsmuseen hat maßgeblich zum gegenwärtigen Kenntnisstand in der Wissenschaft beigetragen. Sie reicht von der Erforschung der Insektenwelt (siehe etwa www.inaturalist.org) über die Erschließung, Digitalisierung und Auswertung geschichtlicher oder kunsthistorischer Quellen (www.landschaft-im-wandel.de) bis hin zur Entdeckung neuer Galaxien in den Tiefen des Universums (www.galaxyzoo.org).

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Die Spannbreite der Möglichkeiten von Citizen Science wird folglich in den unterschiedlichsten Disziplinen ausgelotet. Mehr noch: Verschiedene Projekte, wie etwa Comparative Genomics (www.phylo.cs.mcgill.ca) oder auch einige in der Physik beheimatete Citizen Science-Projekte (Quantum Moves: www.scienceathome.org/games/quantum-moves, Higgs Hunter: www.higgshunters.org) zeigen, dass es sich hierbei um kein Phänomen einzelner Disziplinen handelt, sondern dass sich Citizen Science vielmehr Fächer- und Disziplinen-übergreifend in der Wissenschaftslandschaft etablieren kann. Beteiligungsformen von Bürgerinnen und Bürgern reichen dabei von der Datenerfassung zur Beantwortung wissenschaftlicher Fragestellungen bis hin zur Implementierung von Ergebnissen auf regionaler Ebene.

Angesichts dieser Möglichkeiten scheint es die weniger zielführende Frage zu sein, wie wir die Wissenschaft näher zu den Menschen bringen können. Vielmehr sollten wir darüber nachdenken, wie sich die Menschen in der Wissenschaft einbringen können! Citizen Science bietet hierzu optimale Möglichkeiten für ein entsprechendes Engagement. Und allmählich erhält Citizen Science tatsächlich einen festen Platz in der Wissenschaft, wo sie als umfassender Ansatz in der wissenschaftlichen Praxis Innovationen im Design, der Durchführung und der Publikation der Ergebnisse bewirken kann.

Wir wollen den Dialog von Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Gesellschaft intensivieren, neue Beteiligungsformen unter Einbeziehung der Zivilgesellschaft erproben ..."" (Koalitionsvertrag CDU/ CSU / SPD 2018)

Im letzten Jahr erregte beispielsweise die Studie des Krefelder Entomologischen Vereins zu Fluginsekten einiges Aufsehen. Hier konnte das langfristige und beharrliche Engagement von Freiwilligen über 25 Jahre hinweg an manchen Orten einen dramatischen Rückgang der Biomasse von Fluginsekten um 75 Prozent zeigen. Ein Weckruf! Ohne diese eigenständige und unermüdliche Arbeit im Ehrenamt gäbe es diese Daten nicht. Nun ist es an der Zeit für ein Upscaling! Sowohl der Biodiversitätsforschung, als auch des Forschungsformats.

Die Krefelder Studie hat dazu beigetragen, dass die Bundesregierung sich nun im Koalitionsvertrag das Ziel gesetzt hat, ein Zentrum für Biodiversitäts-Monitoring zu schaffen und dabei Expertise aus der Gesellschaft zu integrieren. Die Aufgabe ist erfreulicherweise gleich zwei Ministerien zugeschrieben, mit Verantwortlichkeiten beim Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) und beim Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Die ressortübergreifenden Gespräche sind sehr zu begrüßen. Doch es wäre schön, zugleich eine enge Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) anzustreben, um das Potenzial für die Beteiligung von Akteuren der Zivilgesellschaft in der Forschung zu stärken – und so einen zukunftsfähigen Beitrag für Innovationen in der Wissenschaft für und mit der Gesellschaft zu leisten.

Dabei geht es sowohl um die Zusammenarbeit mit Ehrenamtlichen mit hoher fachlicher Expertise, zum Beispiel aus naturhistorischen Fachgesellschaften („Spitzensport“) – als auch um moderne Einstiegsformate für Beginner und weniger Fachkundige in der Biodiversitätsforschung durch attraktive Beteiligungsprojekte („Breitensport“). Dies könnte durch die Zusammenarbeit von zivilgesellschaftlichen Organisationen oder etwa Museen, Botanischen Gärten oder Landes-Akademien mit wissenschaftlichen Organisationen geschehen. Dabei sollten die Projekte stets Sorge tragen, dem wissenschaftlichen Anspruch von Citizen Science gerecht zu werden, um über die – ebenso wichtige – Bildungsarbeit hinaus neue Erkenntnisse zu generieren.

Kritiker befürchten oft, dass die wissenschaftliche Datenqualität unzureichend sein könnte. Dabei ist die Qualitätskontrolle das tägliche Brot jeder wissenschaftlichen Arbeit, so auch in Citizen Science. Es bedarf geeigneter Mechanismen für passendes Forschungsdesign, vorgeschaltete Trainings, intelligente Automatisierungen von Metadatenaufnahmen während der Erfassungen – sowie für nachgestellte Datenkuration und Kommunikation von Unsicherheiten, um Daten von „gewohnter“ Qualität zu erhalten. Außerdem werden gezielt moderne statistische Methoden weiterentwickelt, um mit Daten unterschiedlicher Genauigkeit zu arbeiten.

Neben guter Datenkuration und -analyse braucht man aber auch eine gute Datenarchivierung, Kommunikation und Visualisierung der Ergebnisse für alle Beteiligten. Dieser Aufwand ist nötig für eine gute, moderne Zusammenarbeit von Forschenden aus wissenschaftlichen Institutionen und Gesellschaft und sollte durch eine angemessene Förderung gestärkt werden. Dies schließt auch die Finanzierung von Koordinatoren und Koordinatorinnen wie auch von Infrastrukturen im Ehrenamt und in der Wissenschaft mit ein, um auf hohem Niveau anspruchsvoll zusammenarbeiten zu können.

Citizen Science hat das Potenzial, unsere Wissenschaftskultur nachhaltig zu verändern – es ist durchaus ein mutiger, innovativer Schritt für die Wissenschaft. Es gilt, die gesellschaftliche Funktion und die Verantwortung der Wissenschaft zu stärken und den Diskurs von Wissenschaft und Gesellschaft zu unterstützen. Bürgerinnen und Bürger werden als Partner verstanden, die Wissenschaft in Teilen aktiv mitgestalten, eigene Fragen einbringen, Forschungsfragen kritisch schärfen und validieren – und somit den Prozess der Erkenntnisgewinnung konstruktiv mitgestalten. Auf diese Weise wird nicht nur ein passives Verständnis von Wissenschaft gefördert, sondern ein aktiver Zugang geschaffen, der gleichzeitig eine Anerkennung und Förderung des ehrenamtlichen Engagements darstellt. Gelingt ein solcher Dialog auf Augenhöhe, kann dies zu einer Kultur der Wertschätzung der unterschiedlichen Perspektiven, Wissensbereiche und Fähigkeiten beitragen.

Des Weiteren kann durch Teilhabe die Möglichkeit zur Mitsprache und Gestaltung in einer demokratischen Gesellschaft sensibilisiert werden – und somit auch zur Übernahme von Verantwortung führen (Empowerment). Gesellschaftliche und politische Umsetzung kann umso eher gelingen, wenn gesellschaftliche Akteure von Anfang an den Forschungsprozess mit ihrem (Erfahrungs-)Wissen mitgestalten und begleiten. Dies trifft auch auf die Wissenschaft zu, wo die Implementierung von Ergebnissen umso besser durch aktive Teilhabe an ihr erfolgen kann.

Citizen Science als Chance sehen, hierzu braucht es Lust und Mut zur Innovation von beiden Seiten – Citizen und Science!



Referenzen


Bonn, A., Richter, A., Vohland, K., Pettibone, L., Brandt, M., Feldmann, R., Goebel, C., Grefe, C., Hecker, S., Hennen, L., Hofer, H., Kiefer, S., Klotz, S., Kluttig, T., Krause, J., Küsel, K., Liedtke, C., Mahla, A., Neumeier, V., Premke-Kraus, M., Rillig, M.C., Röller, O., Schäffler, L., Schmalzbauer, B., Schneidewind, U., Schumann, A., Settele, J., Tochtermann, K., Tockner, K., Vogel, J., Volkmann, W., von Unger, H., Walter, D., Weisskopf, M., Wirth, C., Witt, T., Wolst, D. & Ziegler, D. (2016) Grünbuch Citizen Science Strategie 2020 für Deutschland. Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung – UFZ, Deutsches Zentrum für Integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig, Leipzig; Museum für Naturkunde, Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung – MfN, Berlin-Brandenburgisches Institut für Biodiversitätsforschung (BBIB), Berlin. http://www.buergerschaffenwissen.de/sites/default/files/assets/dokumente/gewiss-gruenbuch_citizen_science_strategie.pdf.



Erklärvideos zu Citizen Science


https://www.youtube.com/watch?v=cE1kpXLkGbo&t=23s
https://www.youtube.com/watch?v=cE1kpXLkGbo&t=23s



Zu den Autorinnen

Anett Richter arbeitet als promovierte Ökologin am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung – UFZ und dem Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) und koordinierte die Entwicklung des Grünbuchs Citizen Science Strategie 2020 für Deutschland.

Julia Siebert ist Doktorandin an der Universität Leipzig und am Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv).

Aletta Bonn ist Professorin und Leiterin des Departments für Ökosystemleistungen am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung – UFZ und der Friedrich-Schiller-Universität Jena im Rahmen des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv).


Letzte Änderungen: 03.07.2018

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