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Populismus gegen Wissenschaft

Von Kai Herfort, Freiburg


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Populisten haben es gerade leicht, die Wissenschaft zu attackieren und mit alternativen Fakten in die Defensive zu zwingen. Ihre stärkste Waffe sind die Sozialen Medien.

Wie werden Fakten durch Lügen ersetzt? Indem man sie ständig wiederholt. Donald Trump hat in 500 Tagen mehr als 3.200 „misleading claims“ veröffentlicht. Das sind Falschaussagen, Halbwahrheiten und Lügen – gezählt und dokumentiert von der Washington Post. Manche seiner Statements hat er dabei hundertmal wiederholt. Er erfindet also täglich mehr als sechs neue Unwahrheiten.

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Nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland nutzen Populisten die Trump-Methode, um die Wissenschaft und damit die Glaubwürdigkeit ihrer Ergebnisse anzugreifen. Trotz aller Aufregung über diese Attacke stellt sich die Frage: Hat die Wissenschaft vielleicht selbst zu einem Glaubwürdigkeitsverlust beigetragen? Können wir also der Wissenschaft noch vertrauen?

Der Populismus ist eine Entwicklung, kein Zustand. Er gewinnt in Europa, auch in Deutschland, zusehends an Macht. Dabei ist die Methode der Populisten weltweit universell: Sie nutzen Ängste und Unzufriedenheit der Menschen und vereinfachen grob komplexe Probleme der Gesellschaft, um Macht zu gewinnen. Wenn etwa die produzierende Industrie des Mittleren Westens der USA kaputt gegangen ist, weil die Konkurrenz aus dem Ausland billiger und besser produziert, werden eben die ausländischen Produkte nicht mehr reingelassen. So sollen die letzten veralteten Fabriken gerettet werden.

Andere drängende Probleme werden kurzum geleugnet, etwa der Klimawandel.

Die angebotenen Lösungen sind schlicht und dem Methodenspektrum der Autokraten entlehnt. Da wird verboten, an der Grenze abgewiesen – notfalls geschossen, entsorgt, ausgemerzt, ausgegrenzt, gerne mit hohen Mauern. Da sind sich Putin, Trump, Orban und Erdogan ganz nah – und die AfD, auf dem vermeintlichen Weg zur Macht, eifert ihnen nach.

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Zur Vereinfachung und Ausgrenzung gehören notwendigerweise Feinde. Deren Herabsetzung und deren Ausschluss aus dem Kreis der „Guten und Wissenden“ schafft ein Wir-Gefühl und erhebt die In-Crowd über die Ausgegrenzten.

Die freie Wissenschaft ist dabei der natürliche Feind des Populismus. Schließlich ist ihr Wesen, zu hinterfragen – auch sich selbst und ihre Methodik. Sie schafft keine Wahrheit, sondern mehrfach belegte und verwertbare Ergebnisse – eben Fakten. Die aufgeklärte Wissenschaft seit Kant ist nichts weiter als eine Methode – und zwar eine enorm erfolgreiche –, um die Natur, auch die menschliche, zu verstehen und zu nutzen.

Verstehen heißt, in bestehende Kategorien unseres Verstandes einzuordnen – angefangen bei Raum und Zeit. Und: Wir können nichts ohne Sprache denken, deshalb bildet sie einen festen Rahmen unseres Verstehens. Aber Sprache verändert sich permanent – und damit moduliert dieser Rahmen folglich auch insgesamt unseren Denkstil. „Man sieht nur, was man weiß“ (Goethe). Wir können das nicht anders, und deshalb verändert sich das ganze System gemeinsam mit der Entwicklung des Menschen.

Zudem beeinflussen auch die verwendeten Messinstrumente unser Verständnis von der Natur. Auch sie verändern sich. Sie erweitern zum einen unser Sehspektrum, zum anderen begrenzen sie uns durch den eingeschränkten Rahmen ihrer Fähigkeiten. Die resultierenden Fakten, solchermaßen beeinflusst und gefiltert, werden schließlich von der wissenschaftlichen Community per Peer Review geprüft. Kommen neue Erkenntnisse hinzu, können sich auch Fakten ändern. Panta rhei.

Das Wesen der modernen Wissenschaft steht folglich der populistischen Vereinfachungsmaschinerie diametral entgegen. Und eben dieses Wesen ist auch ein Grund dafür, dass redliche Wissenschaftler ihre Ergebnisse nicht schnell mal lauthals als epochalen Triumph ihres großen Geistes auf Facebook posten, um möglichst viele Likes zu kassieren.

Aber letztlich stört dieses Wesen der Wissenschaft die Populisten nur wenig. Vielmehr bremst es die Wissenschaftler selbst, sich gegen die Attacken der Populisten adäquat zu wehren. Die Fakten selbst sind es, die die Populisten bei ihrer Mission stören. Denn diese sprechen gegen die Populisten. Wenn aber die Fakten nicht auf deren Seite sind, hilft es ihnen eben, die Produzenten der Fakten als unglaubwürdig zu diffamieren. Das ist ein einfaches und bewährtes Mittel seit Jahrhunderten.

Ebenso benutzen die Populisten die Tatsache, dass sich Fakten im Laufe der Zeit ändern, als Beleg für die Unzulänglichkeit und Korruptheit der Wissenschaft. Damit bedienen sie vor allem diejenigen Bevölkerungsteile, die der Wissenschaft ebenfalls nichts (mehr) glauben. Viele Vorkommnisse aus der jüngeren Geschichte der Wissenschaft befeuern dieses Misstrauen. Hier einige Beispiele:

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  • Jahrzehntelang verhinderte die Tabakindustrie mit bezahlten wissenschaftlichen Studien Gesetze zur Beschränkung des Tabakkonsums. Die beauftragten Forscher täuschten mit ihren manipulierten Studien die Bevölkerung, die Medien und die Politik. Viele tausend Tote später mussten auch die Tabakkonzerne eingestehen, dass Rauchen tötet. Bis dahin aber hatten sie sich in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts 750 Milliarden (!) Dollar Profit gerettet. Die paar Tausender, die es kostete, die entsprechenden Wissenschaftler zu kaufen, waren gut angelegtes Geld.
  • Das gleiche „Spiel“ betreiben Wissenschaftler im Auftrag der Zuckerindustrie ebenfalls seit Jahrzehnten. Erfolgreich bis heute.
  • Von „Die Kernkraft ist sicher!“ über „Es gibt nur ein minimales Restrisiko“ bis hin zu den Katastrophen von Tschernobyl und Fukushima vergingen nur wenige Jahre. Das ist nichts im Vergleich zur Halbwertszeit der dadurch in der Umwelt verteilten Isotope. Und immer noch gibt es viele Wissenschaftler, die das Risiko als kontrollierbar propagieren.
  • Jedes Jahr werden neue wissenschaftlich fundierte Diäten erfunden und als Gesundheits-Säue durch das Dorf getrieben. Jedes Jahr wird die Unwirksamkeit von mindestens ebenso vielen Diäten belegt – aber dann eben nicht laut durchs Dorf getrieben.
  • Ganz frisch: Die Autoindustrie finanzierte wissenschaftliche Menschen- und Affenversuche zur Wirkung von Stickoxiden.
  • Und vergessen wir zum Schluss nicht die Menschenversuche von Forschern in deutschen KZs!


In die Liste gehören weiterhin auch die vielen Fälle von Fälschung oder Manipulation wissenschaftlicher Daten. Gerade zuletzt wurden immer mehr davon aufgedeckt und gelangten in die Öffentlichkeit.

Vielleicht noch mehr Potential, das Vertrauen in die Wissenschaft zu erschüttern, hat das, was man Reproduzierbarkeitskrise nennt. Inzwischen weiß man, dass sich diese durch viele Wissenschaftsdisziplinen hindurch zieht. Eine enorme Menge an Veröffentlichungen hat statistische Fehler und/oder basiert auf nicht-reproduzierbaren Versuchsergebnissen. Bei einer Nature-Umfrage von 2016 haben 70 Prozent der befragten Forscher angegeben, sie hätten mindestens einmal vergeblich versucht, die Ergebnisse anderer zu reproduzieren. Etwa die Hälfte gab an, schon einmal an der Reproduktion der eigenen Ergebnisse gescheitert zu sein.

Die Reproduzierbarkeitskrise ist gleichzeitig auch eine Publikationskrise. Reproduzierbarkeit muss für eine Publikation nicht nachgewiesen werden, also fehlt sie oft. Viele Forscher können ihre eigenen Ergebnisse nicht reproduzieren – aber publiziert haben sie sie.

Folglich scheint es, als könne die Wissenschaft sich nicht einmal selber vertrauen.

Wundert es da, wenn viele Menschen es gut finden, wenn Populisten wissenschaftliche Erkenntnisse wie den Klimawandel oder die Erfolge von Impfungen einfach beiseite wischen wie einen Vogelschiss? Wundert es, wenn von Lügenwissenschaftlern oder Expertengeschwätz gesprochen wird und viele zustimmend nicken? Sind wir selber schuld? Sind die Fälle von Versagen innerhalb der Wissenschaftsgeschichte der Auslöser für die vermeintliche Wissenschaftsfeindlichkeit wachsender Bevölkerungsgruppen? War das Fass einfach voll, und ist jetzt übergelaufen? Können wir uns einfach auf das kurze Gedächtnis der Menschen verlassen? Und in einem Jahr werden uns wieder alle lieb haben?

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Leider nicht.

Denn die meisten Wissenschaftsskeptiker sind inzwischen in die Echoblasen der Sozialen Medien abgetaucht. Presse, Fernsehen und inzwischen sogar die klassische Webseite werden oft nicht mehr als Informationsquelle genutzt – und entfallen somit als Medium zur Meinungsbildung. Wissenschaftler, die ihren Elfenbeinturm verlassen, um sich mit Wissenschaftsskeptikern auseinanderzusetzen, erreichen diese nur äußerst mühsam – wenn überhaupt.

Die Attacke gegen die Wissenschaft findet aber zunehmend in den Sozialen Medien statt. Dort wird sie initiiert und befeuert von Populisten. Aber wie ist es möglich, dass sich so viele Menschen aus dem öffentlichen Diskurs verabschieden? Und vor allem: Wer sind die? Ist das die ohnehin bildungsferne Unterschicht? Oder gab es unter uns vielleicht schon immer die 15 Prozent, die wissenschafts- und intellektuellenfeindlich sind? Impfgegner, Homöopathen, Flach-Erdler, Chem-Trailer, Esotheriker? So viele, und wir haben’s nicht gemerkt?

Wohl kaum. Die Wähler von AfD, Putin und Trump sind eben nicht ausschließlich ungebildet und auch nicht überwiegend Bewohner obengenannter Parallelwelten. Es sind Wissenschaftler dabei, Anwälte, Lehrer.

Hier also fünf Thesen zur Motivation dieser Menschen, den Populisten zu folgen:

  • 1. Ohnmacht

    Ob Große Koalition, Rot-Grün oder Schwarz-Gelb: Eigentlich haben wir keine Wahl mehr. Alle Parteien und deren Protagonisten bilden nur den politischen Arm des bestehenden Wirtschaftssystems. Oberstes Ziel ist es, dessen Wachstum zu generieren oder noch zu steigern. Wird das erreicht, geht es – als Sekundäreffekt – auch den Bürgern gut. Wird dies nicht erreicht oder gibt es Pannen, wie etwa bei einer Wirtschaftskrise, wechselt der politische Arm in den Krisenmodus. Um dann Wachstum wiederherzustellen, wird auch schon mal ins Sozialsystem eingegriffen.

    Es ist egal, wen wir wählen: Es siegt stets das, was wir ohnehin bisher schon hatten.

  • 2. Unzufriedenheit

    Seit Jahren erfahren die Bürger, wie gut es uns in diesem unseren Land geht. Allerdings gibt es eine kleine Schicht, der es überproportional gut und stetig zunehmend noch besser geht, während der Rest auf der Strecke bleibt. Seit Jahren geht diese Kurve auseinander. Auch wenn es die meisten selber nicht trifft: Sie sehen, dass es trotz des Reichtums auf der einen Seite Armut auf der anderen Seite gibt. Die meisten Bürger aber sind irgendwo mittendrin zwischen Armut und Reichtum. Diesen winkt die Armut bisweilen drohend von der einen Seite herüber – und das führt zu:

  • 3. Angst

    Angst vor sozialem Abstieg. Mit dieser Angst lebt der „untere“ Teil unserer Gesellschaft schon immer. Der Weg vom einfachen Angestellten über den Leiharbeiter und den Aufstocker bis hin zum Hartz-4-Empfänger ist kurz und meist irreversibel. Diese Bedrohung der Existenz hat schon immer zu Ausschlägen im Wahlverhalten geführt.

    Neu dazugekommen ist die Bedrohung der Mittelschicht durch die kommende, nächste technologische Revolution – durch künstliche Intelligenz. Die bedroht tatsächlich Berufe, die bisher als sicher und unentbehrlich galten, und das wird sich schon bald auswirken. Anwälte, Mediziner, Ingenieure – ja, und Journalisten – sind hier nur einige wenige Beispiele. Auf der Webseite Job-Futuromat können Sie ihren Beruf eingeben und bekommen dann die Wahrscheinlichkeit genannt, mit der Ihr Job demnächst von einem Roboter übernommen wird.

    Wieder einmal wird technologischer Fortschritt also womöglich Arbeitsplätze vernichten. Die Menschen wissen ja schon, wie’s läuft: Die dampfgetriebenen Webstühle verdrängten einst die Weber, Roboter verdrängten die Fließbandarbeiter, der Internethandel verdrängt den Einzelhandel. Effizienz und Produktivitätsoptimierung sind die Ziele, denen sich unsere Gesellschaft letztlich immer wieder anpassen muss. Und allzu oft wird die Wissenschaft zum Sündenbock für die Negativ-Auswirkungen des technologischen Fortschritts gemacht. Schließlich entsteht dieser doch erst mit der Nutzung wissenschaftlicher Erkenntnis.

    Vielen ist diese permanente Reise auf den Schienen des technischen Fortschritts daher unheimlich, zumal sie nicht wirklich ahnen können, wohin es eigentlich geht. Sie wünschen sich einen Zustand zurück, in dem sie einst aufgewachsen sind – in dem die wirtschaftlichen Zusammenhänge für sie noch halbwegs überschaubar waren, ebenso wie ihre sozialen Verhältnisse eindeutig und sicher zu sein schienen. Eine imaginäre Idylle.

    Dieses Sehnen nach einem alten, gesicherten Zustand führt letztlich auch zur:

  • 4. Fremdenfeindlichkeit

    Die meisten Anhänger der Populisten haben gar nichts gegen Ausländer, viele wollen nur nicht noch mehr von ihnen in ihrer Nähe haben. Viele dieser Menschen haben beispielsweise Nachbarn mit türkischer oder italienischer Abstammung, mit denen sie schon aufgewachsen sind. Und vielleicht endet sogar ihr eigener Nachname mit -olski, oder sie sind seit Jahren mit einem Marokkaner befreundet. Alles kein Problem, man lebte ja auch bisher ganz gut zusammen.

    Es geht meistens nicht um Hautfarbe und Herkunft. Es geht um neu, ungewohnt und fremd. Menschen, die sich in einer sich rasant verändernden Welt unwohl und in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht fühlen – wenn auch oft nur diffus –, sind eben gerne mal xenophob. Sie erleben vielleicht, dass es in ihrer Nähe Orte gibt, an denen kaum noch Deutsch gesprochen wird – etwa in Kindergärten oder Schulen. Sie hören von Straftaten, begangen von Migranten, und sehen dadurch ihre Frauen oder Kinder bedroht. Was hilft da die Kriminalstatistik, die behauptet, sie seien heute genau so sicher wie früher auch? Sie sehen, dass ihre Gemeinde viel Geld für Flüchtlingsunterkünfte ausgibt – und gleichzeitig die Schule ihrer Kinder dem Verfall überlassen wird. Die Fremden haben andere Umgangsformen, sind oft anders gekleidet, ignorieren vielleicht Freiheitsrechte, zum Beispiel die Frauenrechte – kurzum: Sie stören das bisher Gewohnte und bieten sich als Ursache für alle möglichen gesellschaftlichen Probleme an.

    Diese oft nur unterschwellige Ablehnung des Neuen und des Fremden herauszulocken, die verschiedenen Richtungen des Unwohlseins zu bündeln und sie zum Aufschrei, gar zur Tat zu transformieren – das allerdings ist das Handwerk der Populisten. Sie versprechen eine Rückkehr in eine vermeintliche Idylle, manche wollen dabei sogar zurück bis in die späten 30er-Jahre.

    Und diese „Reise zurück“ möchten nicht nur Menschen aus den bildungsfernen Schichten antreten – nein, da möchte auch so mancher Akademiker mit. Hören Sie sich mal um.

  • 5. Überforderung

    Man kennt sich nicht mehr aus. Oder kennen sich jetzt alle aus? Beides. Ist Cholesterin jetzt gut oder schlecht? Letztes Jahr sollten wir uns noch gegen Grippe impfen lassen, dieses Jahr wieder eher nicht. Ist jetzt das CO2 schlecht oder das NO2? Wie war das noch mit dem Methan? Die Welt wird immer komplexer.

    Wir erwarten von allen Menschen Grundkenntnisse in Mathematik, Physik, Biologie, Chemie und Informatik. Wo soll das herkommen? Viele Menschen haben es aufgegeben, alles verstehen zu wollen. Gleichzeitig haben sie ihren Medienkonsum verändert. Früher saßen sie schon mal einen Abend lang vorm Fernseher. Da sind sie dann vielleicht – wenn auch manchmal nur aus Versehen – bei einem politischen Magazin, einer Talkshow oder einem Naturfilm gelandet. Manche haben morgens sogar Zeitung gelesen.

    Für die meisten jedoch gibt es inzwischen nur noch das Internet. Im Internet kann man sich zwar grundsätzlich auch alles erklären lassen, muss aber dafür selbst aktiv werden und auf seriösen Seiten nach Fakten suchen.

    Bei vielen Menschen nimmt mit wachsender Komplexität der Umwelt die Neugier auf ebendiese ab. Sie verlassen sich lieber auf ihr Gefühl. Andere wiederum glauben, sie wären durch ihr Internetwissen selber zum Experten geworden: Patienten erklären ihren Ärzten, welche Krankheit sie haben und wollen einfach nur schnell das Rezept abholen.

    Kunden erzählen Handwerkern und Architekten, wie sie zu arbeiten hätten.

    Dem eigenen Gefühl zu trauen, oder auch der Meinung von Menschen, denen man vertraut – das ist zunächst einmal gar nicht gefährlich. Schließlich folgen die meisten Menschen bei unklarer Faktenlage ihrer Intuition und liegen damit oft richtig. Wenn sich das aber mit einem tiefen und von außen bestärkten Unwohlsein gegenüber dem Neuen und Fremden mischt, wird es problematisch. Und wenn das dann auch den Vorbehalt gegen die Wissenschaft einschließt, wenn sie also der wissenschaftsfeindlichen Propaganda von Populisten aufsitzen und nur noch deren Protagonisten vertrauen, wird das Ganze explosiv. Dann haben alternative Fakten und repetitive Lügen Einfluss bekommen.

  • 6. Vertrauensverlust

    Seit den sechziger Jahren ist es ein Hobby der Deutschen, Autoritäten vom Sockel zu schubsen: Polizisten, Lehrer, Ärzte, natürlich Politiker, Journalisten – und jetzt Wissenschaftler. Eigentlich ist auch das nichts Schlechtes, müssen die Gestoßenen dann doch erstmal beweisen, warum sie auf dem Sockel saßen – und haben so die Chance, vielleicht wieder darauf gehoben zu werden, wie etwa die Ärzte und die Polizisten.

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Gesellschaftlich brisant aber ist der Vertrauensverlust in Politik und Presse. Politikern traut man eigentlich gar nicht mehr über den Weg. Ihnen unterstellt man gerne, von der Wirtschaft gekauft zu sein oder sonstige Partikularinteressen zu vertreten. Jede Diätenerhöhung wird mit einem Aufschrei der Entrüstung beantwortet. Politiker befeuern die Aversion gegen sie selbst auch noch, indem sie gerne viel und lange reden, ohne dabei etwas zu sagen, indem sie nicht zuhören, was andere sagen, und indem sie ihr Fähnchen nach dem Wind der letzten Umfrage hängen. Letztlich unterstellt man ihnen den bloßen Machterhalt als oberste Triebkraft.

Die Presse – montags in Dresden auch „Lügenpresse“ genannt – hat sicher viele Fehler gemacht, auch in den letzten Jahren. Man denke nur an die Berichterstattungen zur „Kölner Silvesternacht“ oder über den Amoklauf 2016 in einem Münchner Einkaufszentrum, wo vorschnell der Eindruck eines Terroranschlages erzeugt wurde. Immer wieder gerne erinnern wir uns auch an die Hitler-Tagebücher. Und „Bild lügt“ war eine beliebte Parole in den 70ern. Die Liste der Fälle, in denen sich die Presse instrumentalisieren ließ, ist lang und alt. Es war also schon immer ein Schlachtfeld.

Die Populisten jedoch unterstellen den klassischen Medien, Staatsorgane zu sein und unbequeme Tatsachen und Kritik an der politischen Kaste medial zu unterdrücken. Sicher, jeder hat schon einmal die Erfahrung gemacht, dass in den Medien etwas anders dargestellt worden ist, als man es selber erlebt hat. Für die Populisten ist es daher leicht, dies zu verallgemeinern und den klassischen Medien pauschal Verlogenheit vorzuwerfen. Sie haben damit das Ohnmachtsgefühl der Verunsicherten getroffen und ihnen auch gleich die Schuldigen genannt. Das ist primitiv, aber wirkungsvoll. Genau das ist Populismus.

Die Attacke gegen die Wissenschaft fällt also auf einen fruchtbaren Boden. Zumal die Skepsis ihr gegenüber auch zunehmend durch Fehlverhalten von Wissenschaftlern beflügelt wird. Den Rest gibt vielen Menschen dann die wachsende Komplexität von Umwelt, Technik und Gesellschaft. Sie ziehen sich zurück und lassen sich lieber in die Echoblasen der Sozialen Medien fallen. Und siehe da, dort wird die Welt plötzlich wieder überschaubarer und das eigene Bauchgefühl bestätigt. Und das Beste daran: Den anderen, die man dort trifft, geht es genau so. Endlich kann man sich unbehelligt von intellektuellen Klugscheißern mit Gleichdenkenden austauschen. Und man erfährt Dinge, die von der politischen Kaste und ihren Medien offensichtlich verschwiegen werden.

Die Sozialen Medien sind folglich mit Kern des Problems.

Für Facebook und Co. sind die User die Ware, oder besser die Daten der User. Die werden an die Wirtschaft verschachert. Das ist ihr Geschäftsmodell. Ohne Daten kein Gewinn. Um das Ganze zu optimieren, werden Beschleuniger eingebaut. Nur mit vielen Likes und Followern kommt man überhaupt an die Oberfläche des Benutzer-Sumpfs. Und wer viele Likes und Follower hat, bekommt noch mehr davon, weil die „Posts“ dadurch mehr Reichweite bekommen. Das heißt, der Weg nach oben ist selbstbeschleunigend. Viral. Das ist nicht zufällig so, sondern natürlich gewollt. Gut für die Werbung. Gut für Facebook und Co.

Die Populisten – ob an der Macht wie Ungarns Orban oder noch daran arbeitend wie die Protagonisten der AfD – haben dieses Prinzip längst als ideale Propaganda- und Desinformations-Maschine entdeckt. Verstärkt von Bots und Trollen lassen sich so Lügen und Propaganda im Schneeballsystem verbreiten. Allzu oft treffen sie damit zielsicher Menschen, die das bereitwillig aufnehmen.

Übrigens: Ein weiterer Beschleuniger von Inhalten ist natürlich – neben knalligen oder provokanten Fotos und Videos – die Sprache. Je krasser, desto erfolgreicher. Je beleidigender und verletzender, desto mehr Aufmerksamkeit. Und weil man sich ja unter Gleichgesinnten bewegt, wähnt man sich auch sicher vor den Konsequenzen, die daraus normalerweise entstehen würden. Leider tritt das auch meistens so ein.

Die Sozialen Medien sind die Mauer, hinter die sich die Unzufriedenen, die Ohnmächtigen, die Ängstlichen, Fremdenfeindlichen und Überforderten zurückgezogen haben. Dort werden sie bestärkt und versorgt von Populisten, Wissenschaftsskeptikern und Verschwörungstheoretikern. Jeder Versuch, diese Mauer zu durchbrechen, wird als antidemokratische Zensur verteufelt. Eine Möglichkeit, mit gleichen Mitteln in den Sozialen Medien zu kontern, gibt es zumindest für die Wissenschaft nicht. Propaganda im Facebook-Stil und freie Wissenschaft schließen sich aus – sowohl vom Wesen her, als auch was ihre transportablen Inhalte anbelangt.

Rumms, die Tür ist zu – und wir bekommen da keinen Fuß mehr rein. Jedenfalls nicht so einfach.

Gibt es überhaupt Auswege?

Einfach nur weiterhin auf den üblichen Kanälen Fakten zu präsentieren, wird nicht viel ändern – selbst wenn da hinsichtlich Qualität und Frequenz noch viel Luft nach oben ist. Aber darin nachlassen sollte man eben auch nicht, im Gegenteil. Aufgeklärte und offene Mitglieder unserer Gesellschaft haben schließlich weiterhin ein Recht auf Transparenz und Information.

Die Anstrengungen, den Elfenbeinturm zu verlassen, müssen fortgesetzt und intensiviert werden. Wissenschaft muss sich erklären, auch den Bildungsfernen. Sie muss sich überdies mit den gesellschaftlichen Folgen auseinandersetzen. Und sich der Kritik stellen.

Eine Entflechtung von Wirtschaft und Forschung tut Not. Wenn die Wirtschaft die freie Wissenschaft fördern will, kann sie dies mit einem zentralen Fonds tun, dessen Mittel dann von einem unabhängigen Gremium verteilt werden. Mit der gängigen Praxis, einschließlich der Drittmittelfinanzierung, wird bei Teilen der Öffentlichkeit immer der Verdacht der gekauften Forschung hängen bleiben. Nicht immer zu unrecht, wie wir gesehen haben.

Eine Entflechtung würde die Wissenschaft an dieser Flanke weniger angreifbar machen. Ebenso würde die vom Grundgesetz garantierte Freiheit der Forschung an dieser Stelle etwas weniger angeknabbert. Doch momentan scheint es so, wie es ist, von der Politik gewollt und von den Wissenschaftlern willfährig hingenommen.

Müssen Wissenschaftler überdies geschickter sein in der Kommunikation mit Wissenschaftsskeptikern? Inzwischen tauchen vermehrt Ratgeber zum Umgang mit ihnen auf. Man solle sie beispielsweise nicht sofort mit Fakten konfrontieren, die ihr Weltbild in Frage stellen. Der sogenannte Backfire-Effekt führe dazu, dass die Angesprochenen dann ganz dicht machen. Also erstmal die Gefühlslage ausloten, warum jemand wütend oder enttäuscht ist, dann Mitgefühl zeigen – und am Schluss vielleicht ein Argument so platzieren, dass es auch Wirkung zeigt. Geduldig sein und einfühlsam. Oder auch Framing anwenden – eine geschickte Begriffswahl lenkt die Gefühle des Publikums in eine bestimmte Richtung.

Einmischen kann man sich auch direkt in der Höhle des Löwen. #ichbinhier ist eine preisgekrönte und absolut seriöse Facebook-Gruppe, die genau das tut. Ihre Mitglieder gehen gezielt auf Facebook-Seiten, die Schmähungen, Beleidigungen und Hasskommentare enthalten. Sie teilen diese Seiten mit anderen Gruppenmitgliedern von #ichbinhier. Sie schreiben dann sachliche und respektvolle Kommentare auf den Hass-Seiten. Diese Kommentare werden dann wiederum von möglichst vielen Gruppenmitgliedern ge-liked. Das setzt ein Zeichen, bremst die Selbstbeschleunigung und verdünnt Hass und Lügen auf Facebook. Schauen Sie mal rein. Nebeneffekt: Sie erfahren einmal hautnah, was man über Ihren Beruf so denkt.

Es gibt auch radikalere Vorschläge: Das Internet abschaffen (Schlecky Silberstein). Alle sollen ihren Social-Media-Account löschen (Jaron Lanier). Oder auch: Ein neues Internet schaffen, ohne Soziale Medien. Dann könnte das alte Internet auf seine Echoblasen reduziert weiter existieren – bis es irgendwann informationsmäßig austrocknet und/oder sich vor allgemeiner Langeweile von selbst erübrigt.

Das Problem all dieser Vorschläge: Sie alle brauchen Zeit für ihre Umsetzung. Viel zu viel Zeit! Wir können nicht warten, bis sich der populistische Sumpf hier häuslich eingerichtet hat oder sich weiter ausbreitet und die Regierung übernimmt. Wir müssen Europa retten. Jetzt. Wir müssen den Klimawandel stoppen. Jetzt.

Eines können wir jedenfalls sofort tun: Uns einmischen, Mut zeigen und uns in die Diskussionen stürzen – auch im Internet. Und: Wir sollten den Populismus in unseren Familien sowie unter unseren Kollegen und Freunden zum Thema machen. Professoren sollten mit Studenten über das Wesen von Wissenschaft reden. Ihnen darlegen, dass Wissenschaft nur in einer demokratischen Gesellschaft auch wirklich frei und damit produktiv ist – und dass das weltweit gesehen keine Selbstverständlichkeit ist. Ihnen die Gefahr des Populismus für die Wissenschaft vor Augen führen. Beispiele nennen: USA, Türkei, Ungarn. Kurz gesagt: Wir sollten Freunde, Familie und Kollegen zu politischem Denken und Handeln ermutigen – und selbst mit gutem Beispiel vorangehen.

Und? Was war jetzt eigentlich mit der Eingangsfrage: Kann man der Wissenschaft noch vertrauen?

Antwort: Wir können der Wissenschaft nicht nicht vertrauen. Würden wir ihr nicht vertrauen, lebten wir noch auf Bäumen und würden uns gegenseitig lausen.

Wir müssen unterscheiden zwischen Wissenschaft und Wissenschaftlern. Das eine ist eine Methode, die anderen dagegen sind Menschen. Und alle Menschen machen Fehler: Einige fälschen, manche lassen sich kaufen, nur wenige haben den Mut, sich gegen ein Unrechtsregime im eigenen Land aufzulehnen. Sie sind eben wie alle anderen Menschen auch.

Aber Wissenschaftler sind wegen ihrer allgemein hohen Bildung und auch wegen des enormen Aufwandes, den die Gesellschaft für ihre Ausbildung unternimmt, mit einer besonderen Verantwortung belegt. Politik, Medien und das Fördersystem üben dementsprechend großen Druck auf sie aus, schnell, viel und vor allem verwertbar zu publizieren. Das basiert auf dem Irrglauben, dass sich die Effizienz von Forschung durch Druck und marktwirtschaftliche Finanzierungs- und Regulierungsmethoden erhöhen lässt. Das Gegenteil ist der Fall.

Und: Die Menschen, die eigentlich als Gelehrte in unserer Gesellschaft große und neutrale Autoritäten darstellen sollten – diese Menschen versinken tagtäglich im Bürokratenwust des Antrags- und Verwaltungswesens. Der Gelehrte ist eine bedrohte Art. Diese Art zu retten, könnte auch helfen, dem Populismus Paroli zu bieten: Indem Gelehrte den Menschen nämlich als Kristallisationspunkte des Vertrauens und der Weisheit zur Verfügung stünden – hochgeachtet und bewundert.

Zum Weiterlesen

  • Philipp Sarasin: Fakten und Wissen in der Postmoderne, www.bpb.de
  • Christian Kreiß: Gekaufte Tatsachen: Lobbyismus in der Forschung, www.bpb.de
  • Peter Strohschneider: Über Wissenschaft in Zeiten des Populismus, www.dfg.de
  • Joachim Müller-Jung: Die weltentrückten Wissenschaftler, www.faz.net
  • Wissenschaftsbarometer, www.wissenschaft-im-dialog.de
  • Detlef Buchsbaum: Vom Aberglauben zum Wissenschaftsglauben, www.heise.de
  • Klaus Benesch: Wissenschaft im Zeitalter des Antiprofessionalismus, www.heise.de
  • Matthias Plüss: So verschaffen Sie sich gehör, Horizonte Nr. 117, Schweizerischer Nationalfonds – Akademien Schweiz
  • Nic Ulmi: Mit Unsicherheiten leben lernen; ebenda



Zum Autor

Kai Herfort studierte Biologie in Freiburg. Er ist Gründer, Herausgeber und Verleger des Laborjournals. Er hat sämtliche Titelbilder entworfen und tritt in jüngster Zeit auch als Autor auf.


Letzte Änderungen: 03.07.2018

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