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Buchbesprechung

Larissa Tetsch

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Davidson Black:
Schädelfall. Ein Frankfurter Universitäts-Skandal

Taschenbuch: 238 Seiten
Verlag: MainBook; Auflage: 1 (29. Juni 2018)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 394761201X
ISBN-13: 978-3947612017
Preis: 11,95 Euro (Taschenbuch), 7,99 Euro (E-Book)

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Falscher Fuffziger

Wir haben uns daran gewöhnt, dass in der Forschung manchmal Daten gefälscht werden. Was aber, wenn die komplette Forscherbiografie erstunken und erlogen ist? Einen solchen Fall gab es vor ein paar Jahren in Frankfurt. Ein Kriminalroman erzählt das Geschehen.

Wissenschaftsskandale hat es schon immer gegeben. In Zeiten vor dem Internet waren sie jedoch deutlich schwerer aufzuspüren als heute. Und so war es möglich, dass Datenfälscher über Jahrzehnte unerkannt blieben. Ein reales Beispiel wurde im jetzt veröffentlichten Wissenschaftsroman „Schädelfall“ aufgearbeitet. Gleich vorneweg: Bei dem Roman, der auf wahren Begebenheiten beruht, handelt es sich nicht um hohe Literatur.

Die Protagonisten sind eher eindimensional, auch atmosphärisch und sprachlich bleibt das Buch hinter anderen Werken zurück – wohl weil der Autor wahrscheinlich in erster Linie Wissenschaftler ist und nicht Schriftsteller. Das lässt sich allerdings nur vermuten, denn der Name Davidson Black ist ein Pseudonym und gleichzeitig eine Hommage an den gleichnamigen kanadischen Arzt und Paläoanthropologen aus dem frühen 20. Jahrhundert.

Auf jeden Fall legt der Buchautor großen Wert auf wissenschaftliche Korrektheit und schildert die Welt der biowissenschaftlichen Institute möglichst naturgetreu und anschaulich. Ein kleiner Tipp: Um die Spannung aufrecht zu erhalten, ist es sinnvoll, vor der Lektüre nichts über den zugrundeliegenden Skandal zu lesen, da sich der Roman recht genau an die Tatsachen hält.

Institutsleiter ohne Abitur

Doch zurück zur eigentlichen Handlung: Im Zentrum des Kriminalromans steht der Institutsdirektor des Anthropologischen Instituts „Prof. Dr. Dr. Fritsch von Blücher“, der sich mit einer langen Liste an Kontakten und Kooperationspartnern rühmt. So schickt etwa ein Professor der Zahnmedizin seine Doktoranden seit Jahren an dieses Institut, um dort eine externe Doktorarbeit anzufertigen.

Einer von ihnen ist Adrian Palmström, der der Uniklinik den Rücken kehren will, weil er sich mit seinem dortigen Chef überworfen hat und glaubt, diesem die Verwendung von gesundheitsschädigenden Billigimplantaten aus China nachweisen zu können. Schnell muss er feststellen, dass er vom Regen in die Traufe gekommen ist, denn am Gastinstitut geht es ebensowenig mit rechten Dingen zu.

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Fritsch von Blücher, der das Institut bereits seit 1973 leitet, ist nicht nur ein unangenehmer, eingebildeter Zeitgenosse, sondern scheint auch als Forscher Defizite aufzuweisen. Dennoch hat er erst vor kurzem einen zweiten Doktortitel erworben, wobei – welch Wunder – Adrians zahnmedizinischer Chef einer der Gutachter war.

Interessiert sich Adrian zuerst noch inhaltlich für die Arbeit, in der eine neue Halbaffenart beschrieben wurde, so gerät bald die ganze Biografie des merkwürdig unfähigen Forschers Fritsch von Blücher in den Fokus. Kann es möglich sein, dass an diesem kaum etwas echt ist? Ein ähnlicher Verdacht keimt in einem französischen Gaststudenten, der für einige Zeit am Frankfurter Institut arbeitet und sich der Frage von einer anderen Seite nähert. Doch mehr soll an dieser Stelle nicht zur Handlung verraten werden.

Universität als Sündenpfuhl

Auf die Dauer ein wenig störend war der durchweg einseitig negative Blick auf die Universität, die Forscher und die Welt der Wissenschaft an sich. Sicher gibt es in der Forschergemeinschaft schwarze Schafe, und hochbezahlte Forscher, die tricksen und betrügen, dürfen gerne in dieser Form bloßgestellt werden. Aber insgesamt sind sie doch eine Minderheit. Zumindest sind der Rezensentin in den zehn Jahren an deutschen Universitäten viele engagierte Professoren begegnet, die nicht nur solide Forschung gemacht haben, sondern auch Verantwortungsgefühl für ihre Mitarbeiter und Studenten bewiesen sowie den Anspruch hatten, ihr Wissen an diese weiterzugeben. Wenn man „Schädelfall“ liest, hat man dagegen das Gefühl, dass die deutschen Universitäten durch und durch marode sind – zumindest in den oberen Etagen.

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Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass die Geschichte relativ abrupt abbricht. Sieht es erst noch so aus, als würde Adrian mit seiner Enthüllungskampagne scheitern, so ereilt den falschen Professor am Ende doch noch das gerechte Schicksal, ohne dass die Umstände dazu näher beleuchtet werden.

Insgesamt bietet das Buch also nicht mehr Hintergründe, als bereits öffentlich bekannt sind. Das ist schade, denn im Rahmen eines Romans hätte man Wissenslücken ja durchaus auch mit fiktiver Handlung ersetzen und beispielsweise die „Tricks“ des Professors, seinen Werdegang zu frisieren, genauer beleuchten können.

Insgesamt bleibt so der Eindruck, dass es sich bei „Schädelfall“ gar nicht um einen Roman handelt, sondern vielmehr um einen Tatsachenbericht, vielleicht von einem Insider geschrieben, der Teile der Handlung selbst erlebt hat. Die Verwendung eines Pseudonyms deutet zumindest darauf hin, dass der Autor aus dem Umfeld des Frankfurter Anthropologie-Instituts kommt.

Fazit: Wer gerne ein bisschen in die Welt der anthropologischen Forschung hereinschnuppern möchte und/oder Interesse an den Verfehlungen von Wissenschaftlern hat, oder aber wer einfach nur einen Krimi mit außergewöhnlichem Hintergrund lesen möchte, bei dem niemand blutrünstig ermordet wird, kommt bei dem Buch sicher auf seine Kosten. Auf keinen Fall sollte man sich aber vorher die Geschichte des realen Vorbilds Reiner Protsch von Zieten durchlesen, da der Roman sonst langweilig wird.



Letzte Änderungen: 06.12.2018


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