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Kalender-Besprechung

Winfried Köppelle


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Nisten in Rostlauben - Großformatige Naturkalender für 2016

Eigentlich zu schade zum „nur aufhängen“: Jede einzelne dieser atemberaubenden Naturfotografien hat einen gerahmten Ehrenplatz verdient.

Was macht man mit einem klapprigen Altauto, dessen Lebensspanne abgelaufen ist? Ganz einfach: Man wohnt darin. Die leere, rostzerfressene Augenhöhle, in der einst ein Scheinwerfer saß, wird zum Kinderzimmer umfunktioniert; auf der verbogenen Stoßstange lässt sich wunderbar frühstücken; und das längst funktionslos gewordene Lenkrad eignet sich ideal für das romantische Schäferstündchen mit der Allerliebsten. Das geht wunderbar – zumindest, wenn man Vogel ist.


Der Back to Nature-Wandkalender (Dumont, 25 Euro) zeigt zwölf derartige „Natur trifft Zivilisationsverfall“-Szenarios in großformatigen 52 mal 42 Zentimetern (siehe Foto auf Seite 79). Stillgelegte PKWs dominieren als morbide Dauerkulisse, aber auch verlassene Häuser lassen sich hervorragend in tierischen Lebensraum umwidmen – etwa indem man sie in eine nestgespickte Möwen­kolonie verwandelt. Und verwahrloste Friedhöfe wiederum eignen sich offenbar als Jagd- und Rückzugsgebiet für urbanisierte Füchse. Sämtliche Fotos stammen aus dem Archiv der „Nature Picture Library“, einer britischen Fotoagentur, deren Bestände die Arbeit von 300 professionellen Natur- und Wildtierfotografen dokumentieren.

Kontrastprogramm ohne Schrott

Garantiert keine rostigen Altautos werden Sie auf den zwölf Naturimpressionen von Planet Erde – Planet des Lebens erspähen (Palazzi, 40 Euro). Dieser 60 mal 50 Zentimeter große Wandverschönerer ist, wenn man so will, die genaue Antithese des eingangs vorgestellten Back to Nature-Kalenders: Eine farbenfrohe Präsentation wildromantischer Naturparks, Bio-Reservate und UNESCO-Naturerbe-Stätten, die alle so jungfräulich-perfekt und zivili­sationsfrei abgelichtet sind, als habe sie noch nie ein Mensch betreten. Die Fotos der perfekt abgelichteten Feuchtbiotope, Savannen, Laubwälder und Eisgebirge mitsamt ihrer Bewohner sind atemberaubend, und neben dem jeweiligen Monatskalendarium stehen zudem Hintergrundinfos zu den fotografierten Objekten und diversen Naturschutzprojekten. Wir erfahren, dass der Klimawandel und die überbordende Krillfischerei die antarktischen Zügelpinguine zum Verhungern bringt; dass es heute in Kenia 150 Prozent mehr Menschen, aber 80 Prozent weniger Wildtiere gibt als 1980; und dass engagierte Biologen mit einem fahrradbetriebenen Kino durch Madagaskar touren, um auf die Möbelindustrie-getriebene Regenwaldzerstörung und die Brandrodungen der einheimischen Kleinbauern aufmerksam zu machen.

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Betrübliche Botschaften also, doch zumindest braucht der Kalenderkäufer kein allzu schlechtes Gewissen zu haben: Alle Palazzi-Kalender werden laut Verlag klimaneutral und nachhaltig, aus FSC-zertifiziertem Holz und mit biologisch abbaubaren Farben in Deutschland produziert.

Naturschönheiten von Art Wolfe

Dies gilt somit auch für den von Art Wolfe fotografierten Earth is my Witness-Kalender (70 x 50 cm), der thematisch ähnliche Objekte zeigt wie Planet Erde: Natur-Schönheiten unseres Planeten mitsamt den darauf lebenden Wesen – ins Meer fließende Lava auf Hawaii, eine in mystischem Grün leuchtende Meeresschildkröte nahe Gala­pagos, Gletscher­eishöhlen am Mount Rainier bei Seattle. Der 63-jährige Amerikaner Wolfe gilt als einer der prominentesten Naturfotografen überhaupt, hat in den vergangenen 30 Jahren so ziemlich jeden Winkel der Erde bereist, und für den vorliegenden Kalender zwölf seiner besten Kunstwerke ausgewählt (Palazzi, 45 Euro).

Ob er auf seinen Reisen auch am Schmelztiegel namens „Big Apple“ vorbeigekommen ist, entzieht sich der Kenntnis des Rezensenten, ist aber anzunehmen. Was sicher ist: Wolfe hat sich bislang standhaft geweigert, die Monströsitäten menschlicher Zivilisation abzulichten. Dies überlässt er Kollegen, und auf diese Weise kommen gelegentlich Meisterstücke heraus wie der ebenfalls bei Palazzi erschienene New York New York-Kalender (46 Euro).

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Beton und Stahl im Neonlicht

Dieses Bildwerk ist das bedingungslose Kontrastprogramm zu jedem Naturkalender; es zeigt garantiert weder Pflanze noch Tier, nicht einmal Grüntöne – dafür aber jede Menge Stahl, Beton, Glas und Hochbaukonstrukte. Sollten Sie mal der perfekt in Szene gesetzten Naturidyllen überdrüssig sein, dann hängen Sie sich einfach die Bilder dieser hektischen, niemals schlafenden Metropole an die Wand, in der 500 Galerien, 200 Museen, 150 Theater, 18.000 Restaurants und unzählige „Yellow Cabs“ auf Besucher warten – und in der es sogar lohnenswerte Ziele für Biologen gibt, etwa die Rockefeller-Universität, in der es von Medizin-Nobelpreisträgern nur so wimmelt (Blobel, Greengard, Nurse, etc.), sowie das „American Museum of Natural History“ – eines der größten Naturkundemuseen der Welt, mit dutzenden riesiger Dinosaurierskelette und eigenem IMAX-Kino.

Fotografiert wurde diese hemmungslose Architektur- und Neonlichtorgie vom 1954 in Frankfurt geborenen Bildkünstler Bernhard Hartmann, bekannt für seine dramatisch inszenierten Fotoserien von Opernhäusern, Theatern und anderen Orten, an denen Kunst geschaffen wird. Der 70 x 50 Zentimeter große New-York-Kalender besitzt ein Dauerkalendarium sowie einen Magnet-Pin zur Tagesmarkierung.

Schwarz-weißes Erholungsprogramm

Gerade weil unsere heutige Welt so überfrachtet mit grellen Farben ist, tut es Auge und Geist gut, sich mal in schwarz-weiß zu erholen. Der britische BBC-Naturfilmer Charlie Hamilton James hat daher seine in Afrika aufgenommenen Bilder für den gleichnamigen Kalender konsequent in Retro-Optik veröffentlicht. Viele Raubkatzen sind darauf natürlich zu bewundern, dazu wandernde Hornträgerherden und atemberaubende Wolkenformationen in Superweitwinkelpanoramen über endlosen Steppenlandschaften. Afrika bietet 58 x 48 Zentimeter große Fotos fürs Gemüt, zum Abschalten – und ist als meditativer Hintergrund fürs gemütliche Zuhause genauso geeignet wie als schicke Wanddekoration im Konferenzzimmer eines aufstrebenden Biotech-Start-ups (Dumont, 29 Euro).

Der erst 41-jährige Charlie Hamilton James ist ein alter Hase im Geschäft: Schon als Jugendlicher arbeitete er für die Naturfilm-Legende David Attenborough, und jüngst war er Protagonist einer BBC-Fernsehserie: In „I Bought a Rainforest“ erwirbt James in Peru für 6.000 Pfund Sterling einen halben Quadratkilometer Regenwald, um den illegalen Holzeinschlag zu stoppen, und erlebt dabei so manch skurriles Abenteuer.

Unscheinbare Schönheiten

Nach Afrika, New York und Planet Erde wird’s nun ganz bescheiden: Die in Gräser im Garten portraitierten Objekte sind in natura eher von der unscheinbaren Sorte: einkeimblättrige Kräuter mit zumeist kleinen Blüten und schmalen Blättern. Bislang haben nur wenige – Rindviecher, Fußball-Platzwarte, Rasenmäher-Produzenten – den enormen Charme dieser erosionsverhindernden Flora erkannt. Der mit dem „Oscar für Gartenfotografie“ ausgezeichnete Jürgen Becker tut gut daran, diesen Missstand zu ändern und die Poales (vulgo: die „Süßgrasartigen“) einer größeren Liebhabergemeinde schmackhaft zu machen. Zu diesem Zweck setzte er eine Reihe besonders apart blühender Gräser ins hochformatige Bild und ließ den Dumont-Verlag daraus einen 34 x 68 Zentimeter großen Wandkalender produzieren (25 Euro).

Becker hat recht getan: Seit der Kreidezeit, also seit schlappen 145 Millionen Jahren, traten erst die Dinosaurier und später auch wir das brave Grünzeug mit den Füßen. Damit muss endlich Schluss sein – gewähren Sie den zarten Pflänzlein und ihren bescheidenen Blüten den ihnen gebührenden Platz, hängen Sie sie als dekorativen Blickfang an die Wand!

Schmetterlinge ganz nah

Wertgeschätzt werden Gräser hingegen seit Jahrmillionen von diversen Insekten. Einer besonders farbenprächtigen Gruppe unter ihnen ist der Blueling 2016-Kalender gewidmet: Er zeigt, wie der doppeldeutige Name schon andeutet, Bläulinge (Lycaenidae), eine Schmetterlingsfamilie mit weltweit 5.200 Arten (der Trivialname „Bläuling“ kommt von den oftmals blau gefärbten Flügeloberseiten männlicher Exemplare).

Wie schon im Vorjahr bei den „Alpen-Schmetterlingen 2015“ hat auch dieses Mal wieder der Schweizer Fotograf Thomas Zimmermann einige besonders hübsche Tiere in ihrer natürlichen Umgebung abgelichtet (im LJ-Blog haben wir vor einem Jahr Zimmermanns persönlichen Fotografierkniff verraten: Er lichtet die Insekten frühmorgens ab, wenn sie noch kälteklamm und somit träge sind).

Herausgeberin dieses liebevoll gestalteten Kalenderprojekts im Format 30 x 42 Zentimeter ist die Karlsruher Unternehmensberaterin Sigrid Dauth, die auch die Verlagswebsite www.colouria.de und das Blog www.schmetterlinge.de betreibt. Dort können Sie auch für 37 Euro inklusive Versand den Kalender bestellen, ebenso beim Online-Handelskraken Amazon.de und bei Buchhandel.de.

Bibliophile Kostbarkeiten

Zu guter Letzt noch ein Klassiker im doppelten Sinne: Dumonts Botanisches Kabinett ist einerseits mit den Reproduktionen historischer Drucke illustriert, hat sich aber längst auch selbst zum Kalender-Evergreen entwickelt. Für das kommende Jahr 2016 wurden erneut zwölf prächtige Bildtafeln ausgewählt – dieses Mal aus dem Lehrwerk Botanica pharmaceutica des Berliner Apothekers und Naturalienmalers Andreas Friedrich Happe (1733-1802) stammend (34 x 40 cm, 17 Euro).

Happe schuf einst mit seinem Werk, das 595 großformatige Kupfertafeln beziehungsweise deren teils kunstvoll handkolorierte Grafiken umfasst, ein zu seinen Lebzeiten weit verbreitetes Nachschlagewerk für medizinisch nutzbare Pflanzen. Die erstmals 1785 bis 1806 veröffentlichten Bildwerke sind von fotografischer Detailtreue; nicht von ungefähr zählt Happes Originalwerk zu den wertvollsten Beständen, die in der Berliner Staatsbibliothek aufbewahrt sind; auf Antiquariatsmessen gehen Originaldrucke des Naturforschers schon mal für fünfstellige Summen weg.

Der Kölner Dumont-Verlag hilft übrigens dabei mit, derartige Kunstpretiosen für die Nachwelt zu erhalten: Er unterstützt die Staatsbibliothek mit einer – nicht näher spezifizierten – finan­ziellen Zuwendung zur Restaurierung einzelner bibliophiler Kostbarkeiten.




Letzte Änderungen: 09.11.2015


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