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Buchbesprechung

Uli Ernst


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F.W.L. Sladen:
The Humble-Bee. Its Life-History and How to Domesticate It.

Macmillan and Co, London, 1912.
Erweiterte Ausgabe (samt Vorläuferversion von 1892): Logaston Press: Little Logaston, Woonton, Herefordshire, 1989.
Die Originalausgabe von 1912 ist frei im Internet abrufbar
unter http://archive.org/details/humblebeeitslife00slad

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Und sie fliegt doch! The Humble-Bee.

Die meisten der in diesen 1912 erstveröffentlichten Beobachtungen und Schlussfolgerungen zur Hummelbiologie sind bis heute gültig. Ein Lesevergnügen sind sie sowieso.


Vor drei Jahren konnte F.W.L. Sladens Zoologieklassiker The Humble-Bee – zu deutsch: Die Hummel – seinen 100. Geburtstag feiern. Ist das Buch angestaubt und antiquiert? Mitnichten. Diese mittlerweile klassische Beschreibung der Biologie der Hummel (Gattung Bombus) ist aktuell wie eh und je – und liest sich zudem leichter als viele der jüngeren Übersichtsarbeiten. Übrigens: Das ab 1930 durch die Fachwelt kursierende „Hummel-Paradoxon“ – dass nämlich Hummeln wegen ihrer hohen Körpermasse und ihrer geringen Flügelfläche nach den Gesetzen der Aerodynamik gar nicht fliegen dürften – war zum Zeitpunkt von Sladens Erstveröffentlichung (1912) noch nicht in Umlauf. Im Gegenteil, die erstaunlichen Manövrierkünste der pelzigen Insekten waren damals ein Vorbild für die motorisierte Eroberung des Luftraums durch den Menschen.

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Jugendlicher Charme, konzise Infos

1892 machte der damals sechzehnjährige Frederick William Lambert („F.W.L.“) Sladen erstmals auf sich aufmerksam. Seine handgeschriebene, mit selbstgezeichneten Illustrationen versehene Vorläuferversion der vorliegenden Ausgabe findet sich im Anhang von The Humble-Bee und besticht gleichermaßen durch jugendlichen Charme und überraschend einprägsame Informationen. Der junge Engländer, der 1912 nach Kanada auswanderte und sich dort auch intensiv der Bienenforschung widmete, galt schon früh als Hummel-Autorität.

Im vorliegenden Werk fasst er den Kenntnisstand der damaligen Zeit zusammen, und das bedeutet vor allem: seinen Kenntnisstand, der im Wesentlichen auf eigenen Beobachtungen, Erfahrungen und Experimenten beruhte. Man sollte annehmen, dass sich seither viel getan hat und Bücher dieses Alters allenfalls historischen Wert haben. Weit gefehlt: die sorgfältigen Beobachtungen und vorsichtigen Schlussfolgerungen Sladens haben dem Test der Zeit standgehalten, und die von ihm beschriebenen Grundlagen der Biologie der Hummeln werden seit mehr als hundert Jahren ungebrochen von den allermeisten neueren Büchern zitiert. So werden manche seiner Hypothesen erst jetzt überprüft, etwa die Frage, ob Hummelköniginnen mögliche unterirdische Nistplätze anhand des Geruchs von Mäusen aufspüren (viele Hummelarten nisten vorzugsweise in verlassenen Mäusenestern).

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Seit hundert Jahren zitiert

Im ersten Teil seines Buches beschreibt Sladen die Grundzüge der Hummelbiologie und ihres Lebenszyklusses, einschließlich der Kuckuckshummeln, und behandelt dabei auch Parasiten und andere Feinde der Hummeln. Er erläutert, wie man Hummelnester findet, diese gegebenenfalls ausgräbt und dann zur Beobachtung mit nach Hause nehmen kann. Dieser Abschnitt hat an Aktualität nichts eingebüßt und könnte so auch heute noch veröffentlicht werden.

Das heißt, nein – eigentlich hätte der Text in seiner jetzigen Gestalt keine Chance, in einem wissenschaftlichen Verlag zu erscheinen, und Gnade den Studierenden, die mir eine solche Abschluss- oder Hausarbeit unterschieben wollten: Alle Regeln wissenschaftlichen Publizierens werden über den Haufen geworfen! Im ganzen Buch wimmelt es von Vermenschlichungen: Das Eindringen einer Kuckuckshummel macht eine Königin „so deprimiert, dass man meinen könnte, sie habe ein Vorahnung des Schicksals, das sie erwartet“. Beim Auffinden ihrer Brut lässt die Königin ein „kleines Summen von Freude“ hören, während bei der Begegnung mit einer kranken Konkurrentin ein „kurzes ungeduldiges Brummen“ wahrzunehmen ist, das eher „eifersüchtig“ klinge.

Doch so seltsam dies zunächst wirkt – mit derartigen Metaphern und Vermenschlichungen gelingt es Sladen hervorragend, seine detaillierten und ausführlichen Beschreibungen unterhaltsam zu gestalten. Zudem war Sladen ein Meister des sorgfältig geplanten Experiments und dessen Beschreibung – und fand beispielsweise heraus, dass die Männchen einiger Hummelarten die unbefruchteten Königinnen mittels Duftmolekülen anlocken. Auch so manche der von ihm entwickelten Gerätschaften sind bis heute weitgehend unverändert bei Imkern, Obstbauern und Forschern in Gebrauch.

Dass der zweite große Teil des Buchs mit seinem Bestimmungsschlüssel und Beschreibungen für die englischen Arten (die auch in Mitteleuropa vorkommen) heute nicht mehr so nützlich erscheint, lässt sich da leicht verschmerzen. Auch wird man heutzutage weder „für vier Schilling“ eine Insektenbox noch „von jedem Apotheker“ eine Zyankalimischung zum Betäuben von Hummeln erhalten – aber bis wir das im hinteren Teil, vor den ausführlichen Anekdoten, lesen, sind wir schon dem Charme des spätviktorianischen Englischs erlegen.

The Humble-Bee ist für den Hummelfreund nicht zu entbehren, dem breit interessierten Naturliebhaber mit einem Faible für veraltete Sprache angeraten – und allen anderen eine Erinnerung, dass manch wissenschaftliche Publikation auch nach hundert Jahren noch lebendig sein kann.

Übrigens: Das „Hummelparadoxon“ der angeblich zu kleinen Tragflächen ist keins mehr: Die Insekten haben bewegliche Flügel – und erzeugen damit Luftwirbel, die ihnen zusätzlichen Auftrieb verleihen.




Letzte Änderungen: 30.09.2015


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