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Buchbesprechung

Hubert Rehm


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Jonathan Clayden, Nick Greeves & Stuart Warren:
Organische Chemie.

Gebundene Ausgabe: 1450 Seiten
Verlag: Springer Spektrum; Auflage: 2. Aufl. 2013 (30. August 2013)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3642347150
ISBN-13: 978-3642347153
Preis: 90,00 EUR

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Innere Werte? Organische Chemie auf 1.366 Seiten

Im Gegensatz zum unten besprochenen Lehrbuch enthält dieser Mann jede Menge Testosteron. Foto: Warner Bros.

Das klassische Fachbuchgeschäft sei in der Krise, jammern die Verlagskaufleute. An diesem Buch hier liegt‘s nicht.

„Warum werden überhaupt noch Lehrbücher gedruckt“, fragte ich auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse einen lehrbuchschreibenden Dozenten. „Oder kaufen die Studenten doch noch welche?“

Er: „Dazu habe ich eine kleine Umfrage veranstaltet. Wer hat in den letzten Jahren ein Lehrbuch gekauft, habe ich meine Studenten gefragt. Es meldete sich: Keiner! Dann hab ich gefragt, wer sich die Lehrbücher aus dem Netz besorge. Alle Finger gingen hoch.“

Ich: „Wie machen dann die Verlage ihr Geld?“

Er zuckte die Schultern und sagt: „Vielleicht mit den Bibliotheken. Die scheinen noch Bücher zu kaufen. Manche Verlage haben auch Lizenzvereinbarungen mit den Landesregierungen.“

Ich: „Bekommen Sie einen Anteil an diesen Lizenzzahlungen?“

Er: „Schön wär’s. Aber ich schreibe ja nicht des Geldes wegen. Mit einem Lehrbuch kann ich Veröffentlichungen nachweisen ...“

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Das Mysterium der Lehrbücher

Warum also Springer das US-Lehrbuch Organische Chemie übersetzen ließ, bleibt sein Geheimnis. Das Buch hat – bei kleiner Schrift – 1.366 Seiten und auf jeder Seite mindestens zehn chemische Formeln, insgesamt wohl einige zehntausend. Ein Wälzer! Soll ein Biologe oder Mediziner dafür 90 Euro ausgeben?

Vielleicht sollte er sich daran erinnern, dass die Grundlage der Biologie die Chemie ist. Die moderne Molekularbiologie wurde in wesentlichen Teilen von Chemikern und Physikern angestoßen. Die Chemie wird auch immer die Grundlage der Biologie bleiben. Es gibt, wie die Autoren richtig sagen, keine zweite Chemie. Daher: Nur wer die organische Chemie versteht, versteht den Stoffumsatz in einem lebendigen Organismus. Auch behandelt das Lehrbuch Stoffwechselprodukte wie Glucose, Phosphoenolpyruvat, Fettsäuren und Aminosäuren. Des Weiteren gibt es eine Einführung in die Peptidsynthese.

Also: Ein Lehrbuch der organischen Chemie sollte auch Biologen und Mediziner interessieren – so es denn gut ist. Ist es gut? Wie soll man das bewerten?

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Ein Kriterium wäre, dass das Buch bei Problemen hilft. Mein Problem ist gerade, zu verstehen, wie im Labor Khorana Anfang der 1960er Jahre die ersten Oligonukleotide synthetisiert wurden. Keine belanglose Frage: Mit Hilfe dieser Oligonukleotide wurde der genetische Code aufgeklärt. Also bei Clayden et al. in den Index geguckt. Dort findet sich zwar „Ölkäfer“, nicht jedoch „Oligonukleotid“; es findet sich „Carbokation“, aber nicht „Carbodiimid“; es findet sich „Peptidsynthese“, aber nicht „Phosphodiestermethode“. Letztere wird heute noch zur Synthese von Oligos verwendet.

Sollte die Organische Chemie von Clayden et al. eine ähnliche Nullnummer sein wie der berüchtigte Fieser & Fieser gleichen Titels: knapp 2.000 eng bedruckte Seiten auf Dünndruckpapier und völlig unbrauchbar?

Ich lese den „Clayden“ stichprobenweise. Im Vorwort schreiben die Autoren:

Wir wollten ein Buch schreiben, dessen Aufbau sich aus der Entwicklung von Ideen ergibt, nicht aus aufgereihten Fakten. Wir glauben, dass Studierende (gemeint: Studenten) am meisten von einem Buch profitieren, das von vertrauten zu neuartigen Konzepten führt, das ihnen nicht nur hilft zu wissen, sondern auch zu verstehen und zu verstehen warum.

Dieser Anspruch wird erfüllt. Zudem zeichnet sich der Text durch bestechende Einfachheit, kurze Sätze und didaktisches Vorgehen aus. Die Autoren versuchen, auch den unbegabtesten Leser mitzunehmen; ja man hat teilweise den Eindruck, das Buch hole seine Leser auf Hauptschulniveau ab. Vielleicht muss man das heutzutage tun. Mir jedenfalls wurden noch nie so eingängig die Grundzüge der NMR (Nuclear Magnetic Resonance Spektroskopie), Massenspektroskopie und Infrarot-Spektroskopie erklärt. Man liest das einfach so runter und sieht auch alles gleich im Bild. Ein didaktisches Meisterwerk!

Was drin steht, ist gut. Kaufen!

In Summa: Im Clayden steht nicht alles drin, aber das, was drin steht, ist gut erklärt. Die Autoren müssen dutzende Mannjahre in dieses Werk gesteckt haben: für die Ehre und ein Butterbrot. Denn reich werden sie damit nicht: Gemäß Amazon-Rang­liste ist das Buch kein Renner – im Gegensatz beispielsweise zu Fifty Shades of Grey (608 Seiten, 17 Euro und nicht von Springer), das sich schon seit Monaten auf den vorderen Plätzen tummelt. Mir ist unverständlich, warum. In Fifty Shades of Grey werden lediglich spezielle Entwicklungen im Paarungsverhalten einer Primatenart in gähnendste Breiten gewalzt. Wenn es nicht so langweilig wäre, könnte man es für einen Weichporno halten.

Im „Clayden“ dagegen steckt echter Sex – und das in rot! Damit spiele ich nicht auf Sexualhormone und Sexualpheromone an, die kommen im „Clayden“ nur rudimentär vor: Es wird gerade mal Testosteron erwähnt und das war’s. Ich spiele vielmehr auf die Gefühle an, die in einem abgehen, wenn man schon nach zwei Seiten verstanden hat, wie das funktioniert, mit der NMR. Für 90 Euro ist das Buch geschenkt.




Letzte Änderungen: 05.12.2013


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