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Buchbesprechung

Winfried Köppelle


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Manfred Spitzer:
Digitale Demenz. Wie wir unsere Kinder um den Verstand bringen.

Hörbuch,4 CDs, 287 Minuten
Verlag: Bastei Lübbe (Lübbe Audio); Auflage: 2 (23. Januar 2013)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3785748248
ISBN-13: 978-3785748244
Preis: 16,99 EUR

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Verblödung am Flatscreen - Hörbuch vom Neurologen

Niemand lässt sich gerne darüber belehren, dass seine Lieblingsbeschäftigung dumm macht. Doch es ist notwendig.

„Fernsehen macht dick, dumm und gewalttätig“ − mit provokanten Thesen wie dieser warnt der Psychiater und Wissenschafts-Popularisierer Manfred Spitzer seit bald zehn Jahren vor des Menschen liebster Freizeitbeschäftigung. Ganz unrecht hat er wohl nicht, der Herr Professor aus Ulm, angesichts der bekannten Statistiken zum Medienkonsum: Fast vier Stunden pro Tag verbringt der Durchschnittsdeutsche vor der Flimmerkiste; schon Sechsjährige verbringen regelmäßig mehr Zeit vor dem Bildschirm als mit Hausaufgaben, Spiel und Sport zusammen. Und es wird nicht besser, im Gegenteil: Seit Einführung des Fernsehens im Dezember 1952 steigt dessen Konsum stetig.


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Produktives Pipettieren von 1 bis 384 Kanälen mehr

Deutsche Erwachsene verschwenden also ein Sechstel ihrer Lebenszeit damit, sich auf dem Sofa von Vorabendserien, Talkshows, Werbeclips und Sportübertragungen dauerberieseln zu lassen. Und in der spärlichen verbleibenden Freizeit gehen wir surfen − nicht im Meer, sondern im Internet, weitere zwei Stunden täglich. Da kann man dem Medienredakteur des Spiegels, Frank Patalong, nur zustimmen, der unlängst feststellte: „Wenn wir nicht schlafen oder arbeiten, spricht die statistische Wahrscheinlichkeit dafür, dass wir auf dem Sofa sitzen. Haben wir nichts Besseres zu tun?“

Einsamer Mahner, ausgerechnet im TV

Offenbar nicht. Ironischerweise tritt Gehirnforscher Spitzer − ausgerechnet! − vorzugsweise im Fernsehen auf, um uns vor eben diesem Medium zu warnen. Andererseits, was soll er auch machen? Würde er nur Bücher schreiben − kein Mensch würde ihn kennen oder ihm gar Gehör schenken. So aber wissen wir wenigstens, was uns blüht, wenn wir nach Spitzers amüsant-beängstigenden Tiraden, vorgetragen zur besten Sendezeit, an der Glotze kleben bleiben: Wir werden gerade mal wieder ein bisschen dicker, dümmer und gewalttätiger. Und es stört uns nicht die Bohne.

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Die neueste, wie immer plakative These Spitzers lautet: „Wir klicken uns das Gehirn weg“. Damit meint er, dass die digitalen Medien auf Dauer Körper und Geist schaden. Je mehr Aufgaben uns ein Navigationsgerät, ein Übersetzungscomputer, eine vollautomatische Kamera oder ein digitaler Terminkalender abnähmen, desto mehr lägen unsere grauen Zellen brach − und desto weniger würden sie durch Synapsen­um- und -neubildung auf Trab gehalten. Dies sei, so Spitzer, besonders bei Heranwachsenden fatal, aber auch bei Erwachsenen von Nachteil.

Wie aber ist es mit dem gerne ins Feld geführten Argument, mit Computern lerne man besser? Humbug, sagt Spitzer, das Gegenteil sei der Fall: Die digitalen Krücken seien ja erfunden worden, um uns Arbeit abzunehmen. Jeder nicht trainierte Muskel aber erschlaffe; mit dem Gehirn sei es nicht anders als mit dem Bizeps: Es wachse oder schrumpfe mit seinen Aufgaben.

Gleich zu Beginn seines viereinhalbstündigen Hörbuchs Digitale Demenz bringt Spitzer gewohnt eloquent die Geschichte mit den zunehmend verbreiteten Naviga­tionsgeräten ins Spiel: Wer diese nutze, finde sich irgendwann ohne sie nicht mehr zurecht. Er sei quasi zum Orientierungskrüppel geworden. Die fürs räumliche Zurechtfinden zuständige Hippocampus-Region sei etwa bei erfahrenen Taxifahrern viel ausgeprägter als bei ihren Fahrgästen (oder sie war es zumindest; auch professionelle Chauffeure sind ja nicht mehr das, was sie mal waren). Viele weitere, meist mit handfesten wissenschaftlichen Studien belegte Beispiele folgen, jedes Mal mit einem glühenden Plädoyer Spitzers für „körperliches“ Begreifen und Lernen; für direkte, reale Sozialkontakte und Erfahrungen jenseits von Facebook und Blogkommentaren.

Ist der Mensch faul, schrumpft das Hirn

Was erstaunt, ist der empörte Beißreflex, mit dem Deutschlands Medienforscher und Feuilletonisten auch dieses Mal wieder auf Spitzers Thesen reagieren. Zugegeben, auch den Laborjournal-Rezensenten nervt Spitzers mediale Dauerpräsenz, seine oft unzulässig vereinfachenden Darstellungen, seine auf Krawall gebürstete Argumentation und seine nicht selten undifferenzierte, polemische, ja gar extremistisch erscheinende Art der Zuspitzung. Doch ihm generell „krude, populistisch montierte Theorien“ zu attestieren und seine Argumente „bizarr und oberflächlich“ zu finden, wie es ein Kritiker in der Süddeutschen Zeitung machte, ist Unsinn und wird weder Spitzers gesellschaftlichem Anliegen noch seiner wissenschaftlich durchaus fundierten Beweisführung gerecht. Auch langweilt Spitzer bestimmt nicht „mit dem immer gleichen technikfeindlichen Postulat“, wie im Deutschlandradio zu hören war. Im Gegenteil. Angesichts seines enormen medialen Erfolgs ist es geradezu absurd, ausgerechnet Spitzer vorzuwerfen, er langweile.

Dennoch ist eine wissenschaftlich fundierte, inhaltliche Auseinandersetzung mit Spitzers Behauptungen und Forderungen überfällig. Doch eine solche scheuen seine Kritiker bislang. Lieber verbeissen sie sich in Nebensächlichkeiten. Warum nur?




Letzte Änderungen: 11.06.2013


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