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Buchbesprechung

Winfried Köppelle


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Harald Zaun:
SETI. Die wissenschaftliche Suche nach außerirdischen Zivilisationen

Broschiert: 320 Seiten
Verlag: Heisoft Publishing AG; Auflage: 1 (19. Juli 2010)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3936931577
ISBN-13: 978-3936931570
Preis: 19,90 EUR

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Der große Lauschangriff -
Rezension: 50 Jahre Suche nach außerirdischen Funksignalen

Der Kontakt ist nur noch eine Frage von wenigen Jahren, hoffen die Optimisten; es wird nie einen Kontakt geben, widersprechen die Pessimisten; wir sollten jeden Kontakt tunlichst vermeiden, warnen die Vorsichtigen. Ob sie aber wirklich da draußen sind, die grünen Männchen, kann auch dieses hervorragende Buch nicht beantworten.

Bisher hat ET nicht angerufen. Weder kleine grüne Männchen noch außerirdische Vollkornbrote haben der Menschheit ihre Botschaft übermittelt. Ein paarmal war man falsch verbunden, etwa am 15. August 1977, als das berühmte Wow!-Signal das Big-Ear-Radioteleskop der Ohio State University erreichte. Jerry Ehman, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Ohio-SETI-Projekt, hatte den Computerausdruck mit dem kryptischen Signalstärke-Kürzel „6EQUJ5“ als Erster in Händen – und kippte vor Verblüffung beinahe aus seinen Astrophysiker-Latschen. Spontan schrieb er „Wow!“ an den Rand. Unter Alien-Fans ist der Papierfetzen (siehe Abbildung rechts) längst Kult.


Foto: Universal Pictures

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Produktives Pipettieren von 1 bis 384 Kanälen mehr

Vier lange Jahre hatten Ehman und seine Kollegen nichts Ungewöhnliches im Äther registriert. Doch nun: Wow! Die interstellare, 72 Sekunden dauernde Ruhestörung war extrem engbandig, 30-mal stärker als das kosmische Hintergrundrauschen und auch vom zeitlichen Verlauf her so, wie man ihn von einem interstellaren Absender erwarten würde. Ein Kommunikationsversuch intelligenter Aliens?

Wer weiß das schon? Das Wow!-Signal kam aus dem Zentrum der Milchstraße und wurde seitdem nie mehr gehört. Schweigen aus dem All, seit 34 Jahren. Das „Big Ear“-Radioteleskop ist längst demontiert, und wo einst nach ET gefahndet wurde, spielt man heute Golf.


Ausdruck des berühmten Wow!-Signals von 1977 mit handschriftlicher Notiz von dessen Entdecker, des amerikanischen Physikers Jerry Ehman (kleines Foto rechts). Foto: NAAPO / Foto: BigEar.org

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Milliarden bewohnbarer Planeten?

Dabei muss es sie doch geben da draußen, die nicht menschlichen Lebensformen! Schon knapp 800 Planeten außerhalb unseres Sonnensystems hat man gefunden, obwohl man erst seit wenigen Jahren ernsthaft sucht. Jedes Jahr entdeckt man weitere. Zum Beispiel den erd­ähnlichen Exoplaneten Kepler-22b, der in rund 600 Lichtjahren Entfernung einen sonnenähnlichen Stern umrundet. Oder das Duo Gliese 581c/581d im Sternbild Waage, schlappe 20,4 Lichtjahre entfernt von der Erde und in manchen Belangen (Alter, Temperatur, Schwerkraftverhältnisse, mögliche Wasservorkommen) geradezu ein Spiegelbild unseres Mutterplaneten (siehe übernächste Seite). Wäre doch nett, mit den Gliese-Aliens über die neuesten James-Cameron-Filme und den Sinn des Lebens zu plaudern!

Sie könnten uns dann zum Beispiel erzählen, wie sich ihr extraterrestrisches Dasein unweit des Gliese-Muttergestirns eigentlich so anfühlt, inmitten der dort herrschenden tödlichen Röntgenstrahlung. Und welch cleveren Weg die Evolution da oben gefunden hat, diesen Widrigkeiten zu trotzen. Als weichfleischiger Terraner lernt man gern von robusten Aliens. Leider haben sie sich noch nicht gemeldet.

Suche im kosmischen Heuhaufen

Eins jedenfalls ist sicher: Es gibt Millionen, eventuell Milliarden potenziell bewohnbarer Planeten, und schon darum muss weiter gesucht werden. Dieser Meinung sind zumindest die Verfechter von SETI, der „Search for Extraterrestrial Intelligence“. Seit 1960 wurden mehr als 120 wissenschaftliche Suchprogramme konzipiert und durchgeführt, die das Firmament nach interstellaren Fingerzeigen technischer Zivilisationen durchstöberten. Die erwähnte „Big-Ear“-Suche war nur eines davon.

Der Kölner Wissenschaftsjournalist und Astronomie-Experte Harald Zaun fasste 2010 die damals fünfzigjährige Mission der oft freiwilligen terrestrischen Himmelspäher in seinem Buch SETI. Die wissenschaftliche Suche nach außerirdischen Zivilisationen zusammen. Auch 18 Monate nach seinem Erscheinen ist dieses Buch noch immer das Nonplusultra für SETI-Fans – und dem unbedarften Leser entschlüpft immer wieder ein staunendes „Wow!“.

SETI-Verfechter gelten ja gemeinhin als Spinner. In der Tat ist die Distanz zu Verschwörungstheoretikern und UFO-Gläubigen kurz. Doch die nüchternen Astronomen und Exobiologen, die sich an den Radioteleskopen und Observatorien die Nächte um die Ohren schlagen, sind keine Esoteriker. Nein, sie sind schlicht neugierige Grundlagenforscher.

Lieber Spinner als gläubig

Und als solche sind sie ungläubig – wie einst Giordano Bruno, der schon im 16. Jahrhundert darauf beharrte, dass das Universum unendlich sei, es eine unendliche Anzahl von Welten gebe und diese mit einer unendlichen Anzahl intelligenter Wesen bevölkert seien (De l‘Infinito, Universo e Mondi, 1584). Kein Wunder, dass Papst Clemens VIII. den starrköpfigen Ketzer auf dem Scheiterhaufen verbrennen ließ.

Klüger als sich den Pfaffen als ungläubiges Verbrennungsopfer darzubieten ist es nachzugucken. Dies tun Wissenschaftler erst seit rund 120 Jahren. Der Elektrotechnik-Pionier Nikola Tesla war einer der Ersten, als er sich Ende des 19. Jahrhunderts über die Notwendigkeit ereiferte, Botschaften vom Mars zu empfangen – und wenig später behauptete, ihm sei genau dies auch gelungen. Keine Spur; in Wahrheit hatte Tesla wohl nur das Magnetfeld des Jupiters missgedeutet. Auch der US-Astronom David Peck Todd (1909) und Guglielmo Marconi (Anfang der 1920er Jahre) schlugen schon früh vor, nach extraterrestrischen Radiosignalen zu suchen.

Erste Versuche in den 1960ern

Der damals 30-jährige Astrophysiker Frank Drake von der Cornell Universität führte schließlich das erste moderne radio­astronomische SETI-Experiment durch: Am 21. April 1960 ließ er im Rahmen von „Projekt Ozma“ die 26-Meter-Schüssel des Green-Bank-Observatoriums 150 Stunden lang auf zwei sonnennahe Sterne ausrichten: auf Tau Ceti im Sternbild Walfisch (12 Lichtjahre entfernt) sowie Epsilon Eridani (11 Lichtjahre entfernt).

Nach nur wenigen Stunden die Sensation: „ein explosionsartiges Gedröhne brachte den Lautsprecher in Vibration und den grafischen Schreiber des Aufzeichungsgeräts zum Tanzen“. Drake erinnert sich: „Wir starrten einander mit weit aufgerissenen Augen an.“

Muss ja dann doch recht einfach sein, mit fremden Welten Kontakt aufzunehmen! – Mitnichten. Die Signale waren von einem vorbeifliegenden Flugzeug gekommen, wie sich schnell herausstellte. Die ernüchterten Nachwuchsforscher um Drake hatten ihre erste Lektion gelernt:

Mir wurde klar, dass jede ernsthafte Suche [...] mit anderen, parallel laufenden Aufgaben verbunden werden muss, die messbare Resultate erbringen und den Wissenschaftler davor bewahren, allzu enttäuscht zu sein.

Schon ein Jahr später organisierte Drake die erste SETI-Konferenz, zu der eine Menge wissenschaftlicher Superstars anreisten. Auf der Teilnehmerliste standen etwa der Exobiologe Carl Sagan, der Fotosynthese-Entschlüssler Melvin Calvin, der Erfinder des ersten Taschenrechners Bernard Oliver und der Atombombenbauer Philip Morrison.


Künstlerische Darstellung der vier inneren Planeten des Gliese-581-Systems mitsamt ihrem Zentralgestirn, etwa 20 Lichtjahre von der Erde entfernt. Die erdähnlichen Planeten Gliese 581 c und d kreisen möglicherweise in der bewohnbaren Zone, in der aufgrund der vorherrschenden Temperaturen dauerhaft flüssiges Wasser vorkommt. Kleines Bild: Die goldene Pioneer-Plakette mit einem Gruß an Außerirdische, die an den interstellaren Raumsonden Pioneer 10 und 11 angebracht ist. Abbildung: Lynette Cook

Die Drake-Gleichung

Auf diesem Treffen präsentierte Drake auch seine berühmte Green-Bank-Gleichung zur Abschätzung der aktuellen Anzahl technischer Zivilisationen in der Milchstraße. Je nachdem, wie man die Parameter dieser Formel bestückt, kann das Ergebnis „1“ lauten (unsere eigene!), aber auch vier Millionen. Carl Sagan, der unverbesserliche Optimist, schätzte die reale Zahl übrigens auf lediglich 10. Und der Schöpfer der Gleichung selbst realisierte sehr wohl, dass er ein „Kompositum von Unsicherheiten“ geschaffen hatte: „Sie lässt einfach zu viel Raum für Spekulationen“, konstatierte Drake – und war sehr erstaunt über diejenigen SETI-Schwärmer, die seine Weltformel „idealisieren und Wundersames von ihr erwarten“. Manche erforderliche Werte, etwa die Lebensdauer einer technologischen Zivilisation oder die Zahl der Planeten, auf denen intelligentes Leben entsteht, werden wir wohl nie kennen. Insofern ist die Green-Bank-Gleichung Folklore – mehr nicht.

Mit dem ihm eigenen Sinn für Theatralik verschickte Drake 1974 dann einen Funkspruch an die Aliens: die legendäre Arecibo-Botschaft. Sie enthielt die binär verschlüsselten Informationen über die Biologie des Menschen sowie über die menschliche Population und war an den 22.800 Lichtjahre entfernten Kugelsternhaufen Messier 13 im Sternbild Herkules adressiert.

Eine Antwort wird nicht vor dem Jahr 47.574 auf der Erde eintreffen. SETI-Sympathisanten müssen Geduld mitbringen. Auch ein gesunder Sinn für Selbstironie ist zu empfehlen.

Alien-Botschaft im Erbgut?

Fans der Kubrickschen Weltraumoper Odyssee im Weltraum stoßen in Zauns famosem Buch ebenfalls auf Altvertrautes. Etwa auf die Theorie der Panspermie. Nach dieser beförderten Lebenskeime oder auch komplette „biologische Programme“ aus dem Weltall die biologische Vielfalt auf unsere Erde. Nicht nur Science-Fiction-Autoren hängen dieser Ansicht an. Auch Francis Crick beispielsweise war ein überzeugter Panspermie-Anhänger.

Der britische Physiker und Nebenberufs-Philosoph Paul Davies, auch er der esoterischen Phantasterei eher unverdächtig, stellte da die Frage: Wozu eigentlich schnöde Funksignale bemühen, wenn die Aliens womöglich längst da waren? Er schlug vor, dass im nicht-transkribierten Genom – beim Menschen immerhin rund 95 Prozent der Gesamt-DNA – außerirdische Botschaften versteckt sind. Kodierte Informationen, die die humane Zivilisation entziffern wird, „wenn wir soweit sind“ – etwa die Koordinatenangabe eines bestimmten Planeten, den Hinweis auf einen versteckten Monolithen irgendwo im Sonnensystem, oder was auch immer.

In der Tat finden sich innerhalb der Junk-DNA hochgradig konservierte Abschnitte, deren Sinn und Zweck bis heute rätselhaft ist. Sind diese der verwitterungsresistente Schlüssel zu einer „galaktischen Enzyklopädie“? Man muss wohl ein gehörig Maß an Begeisterungsfähigkeit mitbringen, um dies zu vermuten.

Im elften und letzten Kapitel „Interstellare Büchse der Pandora?“ diskutiert SETI-Experte Zaun schließlich noch philosophische und existenzielle Fragen – etwa ob es überhaupt ratsam ist, fremde Lebensformen auf die arglose Menschheit aufmerksam zu machen. Warum sollten diese eigentlich freundlich gesinnt sein?

Packender Abriss

Sie merken es längst: Der Rezensent ist begeistert. Er hält SETI. Die wissenschaftliche Suche nach außerirdischen Zivilisationen für ein überaus gelungenes Sachbuch, das einen seriösen, historisch-technischen Abriss von SETI für naturwissenschaftlich interessierte Leser bietet und daneben auch viel Raum für Spekulationen. Harald Zaun hat das wohl bisher beste deutschsprachige Buch zum Thema geschrieben.

Seine knapp 300 Seiten eignen sich sowohl als Einstieg für Neulinge als auch als reichhaltiges Nachschlagewerk für Kenner der Materie. In verständlichem Duktus liefert der Historiker und Wissenschaftsjournalist eine lesenswerte Übersicht über vergangene und derzeitige SETI-Projekte, über die vielfältigen Suchstrategien sowie über mögliche künftige Konzepte der technologischen Alien-Suche (deren modernstes dürfte der momentan enstehende „Allen Telescope Array“ nordöstlich von San Francisco sein: ein immenser Teleskop-Park aus 350 Einzelspiegeln, der vom Microsoft-Mitgründer Paul Allen mitfinanziert wird).

Detailliert, aber nicht detailversessen

Gerade weil das Buch trotz seiner immensen Fülle an Daten und Details nie langweilig wird, darf man sich keine ausführliche Einführung in astronomische oder funktechnologische Detailfragen erhoffen. Dafür gibt es andere Bücher, die zumeist wesentlich trockener sind. Auch die gelegentliche Verwendung des Dativs als dem Genetiv seinen Tod (zum Beispiel auf Seite 48 unten: „Dank dem neuen Reflektor...“) sei Zaun und seinem Lektor verziehen.

Enttäuschend sind allerdings die Abbildungen: Es gibt keine. Dabei wären die bei SETI zum Einsatz kommenden Technologien der filigranen Riesenteleskope doch hervorragend als Illustration geeignet! (in der James-Bond-Schmonzette Goldeneye beispielsweise dienen gleich mehrere Satellitenschüsseln als perfekte Filmkulisse). Auch die 1972/73 ins All geschossenen, goldenen Pioneer-Plaketten (oben links), das Arecibo-Pictogramm und der Ausdruck des Wow!-Signals wären es wert, seitengroß abgebildet zu werden. Endlich hätten es auch die im Buch vorkommenden SETI-Protagonisten verdient, im Portrait abgebildet zu werden. Und wieso enthält das Buch keine auf wissenschaftlichen Fakten basierenden Darstellungen hypothetischer Landschaften, die es auf den neu entdeckten erd­ähnlichen Planeten geben könnte? Zu unseriös?

Abbildungen? Leider Fehlanzeige!

Nüchternen Skeptikern wird Zauns Buch dennoch gelegentlich zu weit gehen, UFO-Gläubigen nicht weit genug. Das spricht dafür, dass der Autor eine angemessene Mischung aus wissenschaftlicher Abgeklärtheit und mutiger Spekulation gefunden hat.

Übrigens: Der Astronom und Skeptiker Seth Shostak rechnet fest damit, dass die wissenschaftliche Suche nach außerirdischen Vollkornbroten spätestens 2025 von Erfolg gekrönt sein wird. Spezialisieren Sie sich also auf Exobiologie und büffeln Sie exotische Sprachen. Sie werden es brauchen können!




Letzte Änderungen: 11.04.2013


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