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Buchbesprechung

Daniel Weber


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Jaroslav Vogeltanz & Jaroslav Cerveny
Luchse im Böhmerwald und Bayerischen Wald


Gebundene Ausgabe: 125 Seiten
Verlag: Osterreichischer Jagd- und Fischerei-Verlag; Auflage: 1 (Juni 2012)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3852080991
ISBN-13: 978-3852080994
Preis: EUR 39,00



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Lautlose Jäger

Der Eurasische Luchs, die größte Katze Europas, auf der Pirsch in Ostbayern. Foto: Jaroslav Vogeltanz

Ein ebenso prächtiges wie lehrreiches Bilderbuch über geschützte Wildtiere – aus einem Jagd- und Fischerei-Verlag? Ja, warum eigentlich nicht?

Er ist da, irgendwo da draußen im Wald, aber man sieht ihn nicht. Auf ihn, dessen Pinselohren das verstohlene Rascheln eines fünfzig Meter entfernten Mäuschens erlauschen, wirken wir im Unterholz umhertapsende Wanderer wie abrupt loslärmende Rauchmelder: Achtung, Feind im Anmarsch!

Nein, wir tölpelhafte Zweibeiner werden den hellhörigen und hervorrragend getarnten Burschen nie zu Gesicht bekommen – selbst wenn er im Gebüsch direkt neben uns sein tägliches Nickerchen machen würde. Dabei ist er nicht einmal besonders scheu. Nur unsichtbar. Man weiß von Luchskatzen, die in unmittelbarer Nähe touristischer Brennpunkte ihren Nachwuchs aufzogen – unbeeindruckt von den Wanderschuhträgern, die in Scharen nichtsahnend an ihrem Versteck vorbeitrampelten.

Nur seine Beute, die bekommt Pinsel­ohr zu Gesicht – kurz bevor er ihr in der Dämmerung nach kurzem Sprint oder Sprung die Kehle zerreisst. Nur die wenigen Rehe, Rotfüchse und Marder, die den mörderischen Überraschungsangriff mit einer guten Portion Glück überlebten, vermögen ihren Kindern und Kindeskindern von ihrer Begegnung mit dem vorsichtigen Lauerjäger zu erzählen. Einige haben wohl auch schon – zumeist ohne den Urheber zu kennen – in der Dämmerung von Ferne seinen gleichmäßig-heiseren Schrei vernommen.

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Man sieht ihn einfach nicht

Der Eurasische Luchs (Lynx lynx), das drittgrößte in Europa heimische Raubtier, lebt und jagt im Verborgenen. Schnappschüsse sind Mangelware, gute erst recht. Die wenigen existierenden Bilddokumente sind zumeist unscharf und stammen von den automatischen Überwachungskameras diverser Wiedereinbürgerungs-Projekte. Auch Nationalpark-Besucher wissen aus eigener, leidvoller Erfahrung, wie unendlich schwierig es für ambitionierte Hobbyfotografen ist, einen Luchs in seiner natürlich Umgebung zu fotografieren – oder selbst in einem nur wenige hundert Quadratmeter durchmessenden Gehege, in dem laut Infotafel gleich mehrere der stummelschwänzigen Pinselohre eingesperrt sind. Man sieht ihn einfach nicht.

Gestochen scharf ist Familie Pinselohr im neu erschienenen Bildband Luchse im Böhmerwald und Bayerischen Wald abgelichtet. Der tschechische Wildtierfotograf Jaroslav Vogeltanz, geboren 1956, hat die geheimnisvollen Waldläufer zwischen großformatige Buchdeckel auf hochglänzendes Papier gebannt. Über 150 prächtige Farbaufnahmen bilden den Lebensraum und das Familienleben der in Ostbayern und West­tschechien heimischen Luchse ab. Rund um Arber, Rachel und Plöcken­stein finden die Raubkatzen Wälder mit dichtem Unterholz, felsige Hänge und morastige Bachläufe als Rückzugsmöglichkeiten, dazu Lichtungen und zahllose Wald-Feld-Übergänge als optimales Jagdrevier.

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Nicht jedermanns Liebling

Die augenzwinkernden, aus Luchs-Perspektive verfassten Begleittexte im Bildband stammen von Vogeltanz’ Landsmann Jaroslav Cerveny, der an der Universität Prag Zoologie lehrt und dort die Abteilung Jagd leitet. Das Buch ist die perfekte Lektüre für gemütliche Familienabende: Während die Mama den ganz Kleinen die Bildlegenden vorliest und der Papa den etwas Älteren den restlichen, durchaus informativen Begleittext, schwelgt die ganze Familie immer wieder in den prächtigen, gestochen scharfen Fotos, von denen man sich jedes einzelne auch gerne als Poster an die Wand pinnen würde.

Wie viele – oder besser: wie wenige Eurasische Luchse umherstreifen, ist unklar. In der größten zusammenhängenden geschützten Waldfläche Zentraleuropas, dem tschechischen Nationalpark Šumava und dem Nationalpark Bayerischer Wald leben (je nach Quellenangabe) „in Ostbayern rund 20 bis 30 erwachsene Einzeltiere“ oder vielleicht auch nur „14 erwachsene Luchse in beiden Nationalparken“. Trotz intensivster Bestandszählungen in den letzten Jahrzehnten, bei denen man auf vereinzelte Kot- und Beutefunde sowie auf winterliche Trittsiegel (wie bei Hauskatzen, nur deutlich größer) und Fotofallen angewiesen ist, haben selbst Wildtierexperten nur eine ungefähre Ahnung von der Höhe der Gesamtpopulation. Denn wie auch der Laborjournal-Redakteur hält Gevatter Luchs nichts von Volkszählungen.


Fotos, wie sie nur wenigen Naturfotografen in freier Wildbahn gelingen. Foto: Jaroslav Vogeltanz

Laut Literaturangaben benötigen die einzelgängerischen männlichen „Kuder“ ein Revier von wenigstens 100 bis 150 Quadratkilometern; die Reviere der Katzen sind etwa halb so groß und überlappen sich mit denen der Männchen.

Die beiden Nationalparke im Bayerisch-Böhmisch-Österreichischen Grenzgebirge mit insgesamt 927 km2 Fläche bieten somit theoretisch Platz für rund 30 erwachsene Tiere (sämtlich abstammend von einst siebzehn Karpatenluchsen, die in den 1980er Jahren im Rahmen eines Wiederansiedlungsprojekts ausgesetzt wurden). Einigen von ihnen hat man sogar Namen gegeben, dank ihres unverwechselbaren Fellmusters, das immer wieder mal bei der Begegnung mit einer Fotofalle abgelichtet wird – und einige sind eines gewaltsamen Todes gestorben. Zum Beispiel im Juni 2012 um fünf Uhr morgens auf der Staatsstraße von Eck (Landkreis Cham) in Richtung Arnbruck unter den Rädern eines PKWs.

Andere hat man – speziell in Böhmen, wo das illegale Wilderertum blüht – erschossen oder vergiftet. Denn auch wenn die überwiegende Mehrheit der Jäger nach jahre­langen erbitterten Protesten gegen den vierbeinigen Beutekonkurrenten längst einsichtig geworden ist, hört eine radikale Minderheit nicht auf, Jagd auf die wenigen einheimischen Luchse zu machen. Das dürfte wohl auch der Hauptgrund sein, weshalb die Population der bayerisch-böhmischen Luchse nach einem vorüber­gehenden Spitzenwert in den 1990ern seit Jahren im Sinken begriffen ist.

Heimtückischer Giftanschlag

Jüngst war es wieder soweit. Der Sender am Halsband der jüngst Mutter gewordenen Luchsdame Tessa gab kein Bewegungssignal mehr ab – und schickte daher automatisch, nach 36 Stunden Stillstand, eine SMS an Nationalpark-Mitarbeiter. Diese ahnten Ungemach – und fanden prompt die verendete Tessa in der Nähe eines von ihr gerissenen Rehbocks. Wie sich herausstellte, hatte ein Unbekannter den Beutekadaver mit dem Nervengift Carbofuran (einem in Deutschland illegalen Cholinesterasen-Hemmer) versetzt.

Tessa war eine von derzeit nur fünf bayerischen Luchskatzen mit Nachwuchs. Ihr verwaistes Junges dürfte inzwischen verhungert sein. Der unbekannte Giftmischer kann stolz sein: Er hat ganze Arbeit geleistet.




Letzte Änderungen: 27.12.2012


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