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Buchbesprechung

Daniel Weber


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Ursel Sieber:
Gesunder Zweifel: Einsichten eines Pharmakritikers – Peter Sawicki und sein Kampf für eine unabhängige Medizin

Taschenbuch: 250 Seiten
Verlag: Berlin Verlag (4. September 2010)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3827009766
ISBN-13: 978-3827009760
Preis: 17,95 EUR

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Wie man einen Evidenzmediziner elegant entsorgte
Der Störenfried muss weg!


Wie und warum wurde der oberste deutsche Arzneimittelprüfer Peter Sawicki abserviert? Eine komplexe, gar unglaubliche Geschichte – gelingt es der Autorin, sie leichtfasslich auf den Punkt zu bringen?

Der Name Peter Sawicki sagt nur Wenigen etwas. Ähnlich ist es mit der Abkürzung IQWiG. Dafür weiß jeder, was eine Praxisgebühr ist – und manch einer regt sich tierisch darüber auf. Kurios. Denn Peter Sawicki war 2004 nicht angetreten, um den Patienten lächerliche zehn Euro zu ersparen. Ihm ging es um mehr: um die Milliarden, die das deutsche Gesundheitssystem alljährlich für nutzlose und zu teure Behandlungen verschwendet.

Sawicki, Chef des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), hätte die deutschen Beitragszahler enorm entlasten können. Doch dies war nicht gewollt. Zumindest nicht von denen, deren Namen man auch nicht kennt, die aber hinter den Kulissen des Gesundheitswesens den Takt vorgeben: Krankenkassenvorstände, Ärzteverbandspräsidenten, Klientelpolitiker, Krankenhausverbandsdirektoren und Pharma-Lobbyisten. Machtmenschen, denen ein wackerer Evidenzmediziner aus Köln nicht gefährlich werden kann. Höchstens lästig. Ende 2010 wurde Sawicki kaltgestellt. Er war zu laut, zu unbequem. Sein Nachfolger Jürgen Windeler ist diplomatischer und bequemer. Ob dies dem Allgemeinwohl dienlich ist, wird sich zeigen.


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Geheime Bruderschaften

Ursel Sieber hat die Umstände, die zur politisch sanktionierten Amtsentfernung Sawickis führten, in „Gesunder Zweifel“ auf 208 Seiten nachgezeichnet. Die sind dank flotter Schreibe schnell gelesen. Hinterher ist man fassungslos über die polypenartigen Verflechtungen der deutschen Gesundheitspolitik; über all die menschlichen und finanziellen Abgründe, all die Abhängigkeiten und geheimen Bruderschaften, die Sieber zutage gefördert hat. Viele der deutschen Heilberufler trachten danach, so bekommt man den Eindruck, in erster Linie ihr eigenes monetäres Heil zu steigern und sich daneben möglichst viele Privilegien zu sichern – bereitwillig unterstützt von den Arzneimittelherstellern, die ihre enormen Spielräume genussvoll ausnutzen. Geahnt hat man’s ja schon immer, doch Sieber liefert die harten Fakten und Zusammenhänge, in klarer, schnörkelloser Diktion und mit handfesten Fallbeispielen, die der Leser auch ohne Vorwissen sofort versteht.

Dass nur einer der vielen namentlich genannten Protagonisten gegen das Buch, dessen Verlag und die Autorin vor Gericht gezogen ist, überrascht. Es müssten dutzende sein in Zeiten, in denen die versuchte und tatsächliche Zensur missliebiger Wahrheiten fröhliche Urständ’ feiert. Dass dem nicht so ist, lässt eine akkurate und sorgfältige Rechercheleistung von Ursel Sieber vermuten. Offensichtlich konnte man ihr nur schwer an den Karren fahren.


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Beleidigter Professor

Den Klageweg beschritten hat der Dresdner Stammzelltransplanteur Gerhard Ehninger, zugleich Präsident der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO). Er erwirkte im Oktober 2010 beim Landgericht Hamburg eine Einstweilige Verfügung gegen den Berlin-Verlag, da er sich in ihrem Buch „unzutreffend dargestellt“ sah – und erreichte immerhin, dass einige Behauptungen Siebers in künftigen Auflagen nicht mehr auftauchen dürfen (auch wenn die Gesamtaussage davon unberührt bleibt).

In der Tat: Im Kapitel „Der ungezähmte Wunsch nach Spitzenmedizin“ kommt der Direktor des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus gar nicht gut weg. Die Autorin schildert Ehningers zahlreiche wirtschaftliche Interessen, die mit seinem Hauptberuf als Arzt so gar nicht zusammenpassen wollen (unter anderem ist er finanziell beteiligt an mehreren Firmen, die Leistungen rund um Stammzellen anbieten, sowie am Klinikumsbetreiber Rhön AG).

Was Ehninger auch nicht entzückt haben dürfte, ist Siebers Darstellung seiner Profession: dass die Stammzelltransplantation zwar ein extrem einträgliches Geschäft für Ärzte und Krankenhäuser darstellt, der medizinische Wert für den Patienten aber zweifelhaft ist und durch seriöse Studien bis dahin nicht gestützt wurde (sprich: es gab keine). Das IQWiG unter Peter Sawicki forderte im Jahr 2006, man möge baldmöglichst objektive Studien zum Sinn und Nutzen der Stammzelltherapie bei Leukämiekranken durchführen. Ehnigers Kommentar dazu: Die Mitarbeiter des Kölner Instituts seien „ahnungslos und ignorant“ und ihre Forderungen „zynisch und unethisch“.

Ehninger ist übrigens derselbe, der der Eisschnellläuferin Claudia Pechstein im März 2010 eine in Fachkreisen umstrittene „erbliche Störung im Aufbau der roten Blutzellen“ bescheinigte und sie dadurch des Dopings freisprach. Die Hochleistungssportlerin sei erbkrank, glaubt Ehninger.


Keine Pseudo-Wahrheiten

Ein Enthüllungsbuch über das deutsche Gesundheitswesen also, verfasst von einer TV-Journalistin. Sind da die Rollen nicht klar verteilt – hier die Guten (Patientenverbände und Beitragszahler), dort die Bösen (Pharmaindustrie, korrupte Forscher, Ärzte und Politiker)? Keineswegs. Ursel Sieber hat ihre journalistischen Hausaufgaben gemacht. Wer also eine dieser dümmlich-oberflächlichen Schwarz-Weiß-Reportagen erwartet, wie sie im öffentlich-rechtlichen wie privaten Fernsehen üblich sind und deren Ergebnisse bereits vor der Recherche feststehen, der wird enttäuscht werden. Lediglich der wiederkehrende Gebrauch von wertenden Adjektiven wie „unparteiisch“ oder „renommiert“ bei der Beschreibung vermeintlicher Saubermänner stört. Ist Sieber vielleicht doch nicht ganz so objektiv wie der Leser gerne glauben möchte?

Wie auch immer: Indem die Fernsehfrau zwei zentrale Dogmen ihres Berufsstandes missachtete (Sei seicht! Verkaufe simple Wahrheiten!), brachte sie ein angenehm tiefschürfendes und über den Tellerrand blickendes Sachbuch zustande, das ohne Zeigefinger und ohne Fazit auskommt. Und weil sie ein drittes TV-Dogma strikt einhielt (Langweile deine Zuschauer nicht!), geriet ihr „Blick hinter die Kulissen des Medizinbetriebs“ (O-Ton Verlagswerbung) von der ersten bis zur letzten Seite wunderbar eingängig und leicht verständlich.

Dies gilt bereits für den Einstieg, wo Sieber im packenden Reportagestil die Geschehnisse im Januar 2010 schildert: Ein konspirativer Fünferrat des deutschen Gesundheitswesens senkt die Daumen über dem obersten Arzneimittelprüfer Sawicki. Dies gilt für die darauf folgenden Kapitel, in denen anhand einiger Beispiele geschildert wird, wie die obersten Kassenvertreter als auch die politischen Akteure in den Jahren ab 2004 gegen den als unbequem und pharmafeindlich empfundenen Störer vom Kölner Qualitätsinstitut arbeiteten (also genau diejenigen, denen eine evidenzbasierte und damit kosteneffiziente Patientenversorgung eigentlich am Herzen liegen sollte). Und dies gilt durchs ganze Buch hindurch bis zum Fazit der Autorin auf Seite 197, in dem sie bessere, objektivere und unabhängigere klinische Studien einfordert. Einige kleinere Fehler sind der Autorin unterlaufen. So etwa kann es nicht sein, dass der Sozialmediziner David Klemperer an der „Medizinischen Hochschule Regensburg“ angestellt ist: eine solche gibt es nicht (gemeint ist vielmehr die (Fach-)Hochschule Regensburg).


Pikante Auszeichnung

Dass die Autorin vor kurzem (allerdings nicht für dieses Buch und für ein anderes Thema) ausgerechnet mit dem Ernst-Schneider-Preis (ESP) ausgezeichnet wurde, dürfte an einer bestimmten Stelle für Zähneknirschen sorgen. Denn wie immer man auch zur Journalistenauszeichnungsindustrie und ihren sich gegenseitig die Preise zuschusternden Preisrichterklüngeln stehen mag – der ESP ist immerhin „der“ Journalistenpreis der deutschen Wirtschaft. Laut Preissatzung wird er von den Industrie- und Handelskammern an jene verliehen, die „in allgemein verständlicher Weise wirtschaftliches Wissen und die Kenntnis wirtschaftlicher Zusammenhänge vermitteln“.

Im vorliegenden Fall sind diese Zusammenhänge für die Pharma- und Gesundheitsindustrie alles andere als ehrenwert oder gar reklametauglich. Insofern wäre es hochinteressant zu erfahren, wie die Vertreter im Verband Forschender Arzneimittelhersteller und im FDP-geführten Bundeswirtschaftsministerium reagiert haben, als sie von der Preisvergabe an Sieber erfuhren.


Ein Lobbyist namens Rösler

Das unter Sawicki zu internationalem Renommee geführte IQWiG sei „eine Gefahr für den Standort Deutschland“, argwöhnte der spätere Gesundheits- und heutige Wirtschaftsminister Philipp Rösler einst öffentlich – und machte sich für einen pharmafreundlichen Institutsleiter stark. Ob eine solche Marionette nun (in Person von Jürgen Windeler) in Köln sitzt, ist noch nicht recht auszumachen. Immerhin besteht also noch Hoffnung.


Letzte Änderungen: 27.02.2012


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