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Dornröschen wachgeküsst

Archiv: Schöne Biologie

Ralf Neumann


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Schöne Biologie

Waren die Biowissenschaften bis zur Hälfte des letzten Jahrhunderts vielleicht aufregender als heute? Klar, damals konnten deren Vertreter viel weniger messen als ihre heutigen Kollegen. Dafür mussten sie aber viel mehr nachdenken, was das Wenige wohl bedeuten könnte, das sie vor sich sahen. Also entwickelten sie mannigfach Hypothesen und Theorien, wie bestimmte Phänomene ablaufen oder zusammenpassen könnten. Und führten dabei auch stetig neue Begriffe oder Konzepte für hypothetische Akteure oder Mechanismen ein, die man zwar nicht kannte – die es im Rahmen der Theorie aber zwingend geben musste.

(Im jetzigen Zeitalter der sogenannten datengetriebenen Forschung läuft es dagegen oft ganz anders: Man produziert immer weiter jede Menge Daten – und hofft darauf, dass diese in ihrer schieren Masse irgendwann eine Art übergeordnetes Muster offenbaren. Aber dies nur am Rande...)

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Viele dieser schönen, alten Theorien, Hypothesen und Konzepte gingen mit den nächsten Erkenntnissen schnell wieder unter. Einige andere aber schafften eindrucksvoll den Sprung vom hypothetischen Konzept zur realen Größe. Prominentestes Beispiel ist hier sicherlich das „Gen“: 1909 führte Wilhelm Johannsen den Begriff für die zuvor von Gregor Mendel postulierten Erbeinheiten ein, erst danach wurden sie sukzessive molekular definiert.

Wieder andere schlummern seit Jahrzehnten in einer Art Dornröschenschlaf – und werden immer mal wieder vorübergehend wachgeküsst. Ein Beispiel ist die Hypothese der Hopeful Monsters, mit der der Genetiker Richard Goldschmidt einst diejenigen größeren Sprünge in der Evolution zu erklären versuchte, die allein durch graduelle Ansammlung mikroevolutionärer Ereignisse kaum zustande gekommen sein können. Kürzlich veröffentlichte Artikel mit Titeln wie „The emergence of bacterial ‚hopeful monsters‘“ oder „Transgressive Hybrids as Hopeful Monsters“ belegen, dass Goldschmidts lange umstrittene Hypothese bis heute immer wieder neu ausgegraben wird.

Ähnliches gilt ganz aktuell für die „Engramme“. Anfang des letzten Jahrhunderts bezeichnete der deutsche Zoologe Richard Semon damit Gedächtnisspuren, die Erlebnis­eindrücke im Gehirn hinterlassen würden. Dass seine Engramme allerdings ebenfalls bald in den Dornröschenschlaf entschlummerten, daran war Semon selbst mitschuld: Er behauptete, dass solche Engramme vererbbar seien.

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Dennoch wurde der Begriff in der Folgezeit noch manches Mal „wachgeküsst“. Beispielsweise, wenn es um zelluläre Korrelate von Gedächtnisleistungen ging – insbesondere die Langzeitpotenzierung an Synapsen bei Lernvorgängen. Oder wenn es gelang, in Mäusen Angst-besetzte Erinnerungen durch gezielte Manipulation ganz bestimmter Gehirnzellen zu löschen.

Ganz neue Aktualität fügen den Engrammen jetzt US-Forscher mit der Meeresschnecke Aplysia hinzu. Durch Elektroschocks initiierten sie wiederholt eine Kontraktionsstarre in den Tieren, die sie dann auch am Folgetag noch lediglich auf reine Berührung hin einnahmen. Nochmals einen Tag später isolierten die Autoren die RNA aus dem Nervensystem dieser Schnecken und injizierten diese in Artgenossen, die niemals Elektroschocks erhalten hatten. Und siehe da: Berührung löste auch bei ihnen Kontraktionsstarre aus (eneuro, 2018; ENEURO.0038-18.2018). Mit der RNA wurden folglich Erinnerung und Sensibilisierung mit übertragen.

So „wach“ waren die Engramme sicher schon lange nicht mehr. Zumal die Ergebnisse überdies andeuten, dass zumindest in Aplysia weniger die Synapsen die Gedächtnisspuren legen könnten als vielmehr doch die Zellkerne. Aber dafür erwacht womöglich gerade ein anderes Konzept in Dornröschens Garten...



Letzte Änderungen: 08.10.2018


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