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Spezialausgaben sind speziell

(22.04.2022) Wenn ein Gast-Editor die Kollegen zu Beiträgen für eine Journal-Spezialausgabe aufruft, bekommt er selten Top-Qualität. Warum eigentlich?
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Wurden Sie schon mal eingeladen, einen Artikel zu einem „Special Issue“ eines Journals beizusteuern? Etwa zu einer Sonderausgabe im Nachgang zu einer Konferenz? Oder weil mit ihr eine so großartige ältere Kollegin anlässlich irgendeines Jahrestages geehrt wurde.

Wie auch immer, spielen wir das einfach mal durch. Was könnten Sie also konkret liefern? 

Genau genommen gibt es dafür verschiedene mehr oder weniger bewährte Muster:

1) Ihnen liegen Thema oder die Geehrte sehr am Herzen. Daher „spendieren“ Sie für die Sonderausgabe Ihre aktuell besten Daten. Klar, Sie könnten die eigentlich auch „besser“ veröffentlichen – aber ­irgendwie wollen Sie dem Feld oder der Person etwas zurückgeben.

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2) Sie passen sich dem Anlass an und schreiben zum Beispiel persönliche Erinnerungen im Stil von „Der Einfluss von X auf meine Arbeit“ oder „Wie ich damals auf mein Feld Y kam“. Kann unterhaltsam sein, selten aber mehr.

3) Sie veröffentlichen sowieso regelmäßig in allen möglichen Zeitschriften. Ihnen ist daher egal, wo Sie das nächste Manuskript einreichen. Also schicken Sie es dem Gast-Editor der Sonderausgabe – egal, ob es gut oder schlecht ist beziehiungsweise überhaupt etwas mit dem Thema zu tun hat. Hauptsache, Ihr Name ist auf dem Paper – das ist schließlich das, was zählt.

Hauptsache eine neue Zeile im Lebenslauf

4) Sie haben eine „schwierige“ Arbeit in der Schublade. Schon lange wollen Sie eine Sache beweisen, doch leider kam bisher nichts wirklich Klares heraus. Trotzdem möchten Sie die Ergebnisse gerne veröffentlicht sehen. Schließlich haben Sie jede Menge Zeit mit dem Problem verbracht – und zumindest das hat doch Anerkennung verdient.

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5) Ihre vorletzte Arbeit wurde von mehreren Zeitschriften nacheinander abgelehnt. Dummerweise machen die aktuellen Ergebnisse Ihrer Gruppe diese Arbeit jetzt obsolet. Sie brauchen also schnellstens einen Platz für das Manuskript, bevor Sie die neuen Daten publizieren. Denn dann könnte es schließlich gar nicht mehr veröffentlicht werden.

6) Sie oder Ihr Mitarbeiter brauchen dringend eine Veröffentlichung. Weil Sie sich sonst in der anstehenden Evaluation blamieren oder Ihre Doktorandin Probleme mit der Promotion bekommt. Irgendetwas, egal wo – nur damit eine neue Zeile in den Lebenslauf kommt. 

Blättern Sie doch einfach mal solch ein „Special Issue“ durch. Wetten, dass Sie für jedes dieser Muster verdächtige Kandidaten finden?

Ralf Neumann

(Foto: Cortado)

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Letzte Änderungen: 21.04.2022