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Verlieren ist schlimmer
als im Sport

(25.02.2022) Wie sich im Forschungswettbewerb marginale Differenzen zwischen 'Erstem' und 'Zweitem' zu gewaltigen Karriereunterschieden hochamplifizieren können.
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2001 gewann völlig überraschend Goran Ivanisevic im englischen Wimbledon das wichtigste Tennisturnier der Welt. Eigentlich war er damals schon lange abgeschrieben. Zwar hatte er zuvor in den Jahren 1992, 1994 und 1998 dreimal das Wimbledon-Finale verloren – danach jedoch verschwand er ziemlich in der Versenkung, lieferte nahezu keine Ergebnisse mehr. Für Wimbledon 2001 war er daher natürlich nicht qualifiziert, dennoch ließen die Veranstalter Ivanisevic in einem Akt nostalgischer Gnade mit einer Wildcard an dem Turnier teilnehmen. Der Rest ist Tennis-Geschichte…

Könnte so etwas analog auch in der Forschung passieren? Dass jemand, nachdem er jahrelang keine Ergebnisse geliefert hat, plötzlich doch wieder eine Chance bekommt – und sie tatsächlich nutzt, um zu allerhöchsten Ehren aufzusteigen? So wie das Forschungssystem aktuell funktioniert, kann man sich dort solch eine Geschichte beim besten Willen nicht vorstellen.

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Kaum Ruhm für Zweite und Dritte

Im Sport ist ja sowieso einiges anders. Dabei kommt er doch mindestens ebenso kompetitiv daher wie die Forschung. Dennoch wird man im Sport beispielsweise in aller Regel auch für Silber- oder Bronzemedaillen gefeiert. In der Forschung nicht. Hier erntet ein zweiter oder dritter Platz keinen Ruhm, hier hast du einfach verloren, wenn du nach dem „Sieger“ ankommst. The winner takes it all – kaum irgendwo ist dieser Spruch so wahr wie in der Wissenschaft.

Im Sport ist auch „nach dem Wettkampf“ gleich „vor dem Wettkampf“. Die Karten werden für jeden Wettbewerb neu gemischt, und frischer Ruhm ist sogar für die „Versager“ von den letzten Vergleichen zu ernten – siehe Ivanisevic. In der Wissenschaft dagegen kaum. Hier geht es so gut wie nie für alle „zurück auf Los“.

Warum? Wo ist der Unterschied?  

Dem Sieger in einem Forschungs-Wettrennen winkt als Belohnung weniger ein Pokal oder eine Siegprämie. Nein, der Preis für einen „scientific first“ ist nicht selten ungleich größer – und bedeutet oftmals den nächsten Schritt auf der Karriere- und/oder Ruhmesleiter: ein Stipendium, einen Wissenschaftspreis, keine Förderprobleme für die nächste Zeit,… bis hin zu einer schönen, neuen Stelle als selbstständiger Gruppenleiter oder gar Professor.

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Missverhältnis zwischen Output und Effekt

All das ist möglich in der Wissenschaft, wenn man nur ein klein wenig vor den Konkurrenten durchs Ziel kommt – die dann natürlich komplett leer ausgehen. Und zum nächsten Wettbewerb können die „Verlierer“ womöglich nicht mehr antreten, weil sie gar nicht mehr die Position oder die Fördermittel dafür haben.

Was sich hiermit folglich offenbart, ist ein extrem krasses Miss­verhältnis zwischen Output und Effekt. Fast wie im Thermocycler können sich marginale Differenzen in der Produktivität der „Wettbewerber“ schnell zu gewaltigen Unterschieden in Belohnung und Anerkennung hochamplifizieren. Ein Schlüsselexperiment nur wenige Wochen vor dem Rivalen fertig zu haben, kann beispielsweise schon genügen, um über Top oder Flop zu entscheiden – der eine wird gefeierter Professor, der andere biegt ab in die Frust-Schleife des ewigen Postdocs. Oder kehrt der Forschung gänzlich den Rücken.

Dabei muss in solchen Fällen Letzterer gar nicht mal schlechter als der „erfolgreiche“ Kollege sein, ja womöglich ist er sogar der talentiertere von beiden. Manchmal bewirken vielmehr nur unwägbare Kleinigkeiten den feinen Unterschied zwischen Hopp oder Topp, zwischen „Gold“ oder „nur Silber“: Das Elektronenmikroskop war ein paar Tage zu lang belegt, die entscheidenden Mäuse wurden plötzlich krank, ein bestelltes Enzym wurde falsch geliefert,…

Nur wegen des Mediziner-Praktikums

Oder wie einst bei einem ehemaligen Doktoranden-Kollegen des Autors. Dieser war in einer kleinen Gruppe einem Schlüsselgen für einen wichtigen Entwicklungsprozess auf der Spur – und fand es auch. Allerdings einige Wochen später als die konkurrierende Promi-Großgruppe in Cambridge. Die konnte nachfolgend ihre Publikation in Nature feiern, der Doktorand kam mit dem gleichen Ergebnis nur noch in einem mittelmäßigen Journal unter. Sein Kommentar damals: „Nur, weil ich kurz vor Abschluss des Projekts noch vier Wochen lang dieses blöde Mediziner-Praktikum betreuen musste.“

Der Erstautor des Nature-Papers ist heute Professor am Imperial College in London, der Ex-Doktorand bearbeitet Forschungsanträge für das Bundesforschungsministerium.

Ralf Neumann

(Illustration.: AdobeStock / Thomas Coune)

 

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Letzte Änderungen: 22.02.2022