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„Ich sehe es als
Teil meiner Arbeit“

(10.02.2022) Pflanzenforscher Robert Hoffie forscht nicht nur, er redet auch drüber. Wir fragen nach, warum ihm Wissen­schafts­kommunikation wichtig ist.
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Herr Hoffie, Sie arbeiten in der Arbeitsgruppe von Jochen Kumlehn am Leibniz-Institut für Pflanzen­genetik und Kulturpflanzen­forschung, kurz IPK, in Gatersleben. Was genau machen Sie da?
Robert Hoffie: Ich bin seit November 2016 am IPK und absolviere dort meine Doktorarbeit. Konkret nutze ich die CRISPR/Cas-Technologie, um eine Resistenz in Gerste gegen das Gelbmosaik­virus zu etablieren. Infizierte Pflanzen werden erst fleckig gelb, deshalb der Name, und sind in ihrem Wachstum stark gehemmt. Ich arbeite an mehreren Kandidaten-Genen, durch deren gezielte Veränderung ich eine Virus-Resistenz erzeugen möchte.

Ist ein Ende der Doktorarbeit in Sicht?
Hoffie: Im ersten Halbjahr des laufenden Jahres möchte ich gern fertig werden. Aber es gibt Gründe, warum die Promotion relativ lange dauert. Einerseits ist es ein Luxusproblem, dass das Projekt verlängert wurde und entsprechend weiter bearbeitet werden konnte, ja, sogar musste. Außerdem habe ich in der Arbeitsgruppe Aufgaben übernommen, die zusätzliche Kapazitäten benötigten. Also, es liegt zumindest nicht am vielen Twittern. [lacht]

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Sie sprechen einen wichtigen Punkt an. Neben all der Forschung liegt Ihnen die Wissenschafts­kommunikation am Herzen. Sie twittern als @ForscherRobert, sind aber auch aktiv in der Initiative Progressive Agrarwende. Für Wissen­schaftlerinnen und Wissenschaftler in der Grundlagen­forschung stellt das auch im Jahr 2022 noch eine Ausnahme dar. Warum ist es Ihnen wichtig, über Ihre Arbeit zu sprechen, und zwar nicht ausschließlich mit Kolleginnen und Kollegen?
Hoffie: Mir ist bewusst, dass ich an einem Thema arbeite, was eine gewisse Brisanz hat und gesell­schaftlich diskutiert wird. Ich denke einfach, dass die Perspektive der Wissenschaft in dieser Diskussion nicht fehlen sollte. Mir geht es nicht darum, jemanden zu belehren. Aber wenn über die Themen Pflanzen­biotechnologie, Gentechnik oder Genom-Editierung in der Landwirtschaft gesprochen wird, sind wir als Forschende in der Verantwortung zu erklären, was genau wir überhaupt machen, und wie. Wir sollten unsere Perspektive darstellen und damit nicht nur an der Diskussion teilhaben, sondern auch an der Meinungsbildung.

Stoßen Sie damit immer auf Verständnis? Pflanzen-Gentechnik ist in Deutschland und Europa nach wie vor ein rotes Tuch, ein kontroverses Thema, welches auch gern mal emotional diskutiert wird. Spürt die Initiative Progressive Agrarwende auch mal Gegenwind?
Hoffie: Für die Initiative ist das Feedback in der Regel sehr positiv, gerade weil wir auch ein bisschen „Out of the Box“ denken. Dadurch, dass so viele unterschiedliche Menschen in der Initiative vereint sind, bringen wir verschiedene Kompetenzen und Sichtweisen zusammen. Das Bild des Grabens, den wir überbrücken wollen, ist schon etwas ausgetreten. Aber eigentlich beschreibt es sehr gut, was wir wollen. Wir sind eine Gruppe von wissenschaftlich interessierten Menschen, Mitgliedern von Umwelt­organisationen und Parteien. Landwirtinnen gehören ebenso zur Initiative wie – ich sage mal – Städter. Natürlich diskutieren wir intern viel, deutlich mehr, als man nach außen hin sieht. Aber wir können auch miteinander diskutieren, legen unsere unter­schiedlichen Perspektiven dar und versuchen daraus gemeinsame Ideen zu entwickeln, wie wir eventuell die komplexen Konflikte in der Landwirtschaft-Umwelt-Diskussion lösen oder zumindest angehen können.

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Das klingt ja fast nach Friede-Freude-Eierkuchen. Gesellschaftlich ist diese Diskussion alles andere als harmonisch, oder?
Hoffie: Es ist mitunter schwierig, ja. Aber ich denke, dass in der Diskussion zu viel in „schwarz und weiß“ gedacht wird. Der Bio-Anbau zum Beispiel ist eine Maßnahme, die man politisch sehr gut kommunizieren kann. Das ist weit akzeptiert, und das ist auch irgendwie etwas besser für die Umwelt. Das weiß jeder, und dazu hat auch jeder Mensch eine Meinung. Ein Ergebnis der Diskussionen in der Initiative ist jedoch, dass wir eigentlich eine Landwirtschaft brauchen, die noch besser ist als das, was „Bio“ heute leisten kann. Und auch solche Positionen kommunizieren wir, etwa über unser Wissenschafts-Blog. Außerdem besuchen und richten wir Veranstaltungen aus, die in den letzten Jahren logischerweise vor allem online stattfanden. Dort bringen wie immer wieder verschiedene Akteure zusammen und lassen sie zu Wort kommen. Das interessiert die Menschen, und das ist – sage ich mal – freundliches Interesse im Sinne von: Das ist ein neuer, spannender Ansatz. Sowohl konventionelle Landwirtinnen als auch Umwelt­organisationen sind offen für das, was wir tun.

In den letzten Monaten haben wir viel über #IchbinHanna gelesen und gehört. Ein Kritikpunkt ist, dass von Forschenden immer mehr erwartet wird. Sie sollen nicht nur Geldmittel einwerben, lehren, forschen und publizieren, sondern am besten auch gleich ihre Wissenschaft präsentieren und nach außen hin kommunizieren. Das ist und bleibt aber an den meisten Unis eher ein Luxusfaktor, den sich nicht viele Forschende leisten und leisten können. Werden Sie von Ihrem Institut unterstützt?
Hoffie: Ja, auf jeden Fall. Nicht nur vom Institut und dessen Pressestelle, vor allem von meinem Arbeits­gruppenleiter und Chef Jochen Kumlehn. Er akzeptiert meine Aktivitäten nicht nur oder nimmt sie hin, sondern bestärkt mich regelmäßig darin, an Veranstaltungen teilzunehmen oder Vorträge zu halten. Das ist ein wichtiger Aspekt, dass ich diesen Rückhalt in meiner Arbeits­umgebung habe und ein Zeichen, dass diese Art der Wissenschafts­kommunikation gewollt wird. Sonst kann es schnell als etwas ausgelegt werden, dass einen von der eigentlichen Arbeit, also dem Forschen abhält. Aber ich sehe es eher als Teil meiner Arbeit. Das heißt aber auch, dass ich wie bei allen anderen Verpflichtungen regelmäßig Prioritäten setzen muss. Die Wissenschafts­kommunikation ist dann sicherlich der Teil, an dem ich am ehesten kürze, um das Paper fertig zu schreiben, zum Beispiel. Nichtsdestotrotz ist es etwas, wofür ich mir Zeit nehme und auch Zeit nehmen möchte.

Die Fragen stellte Sigrid März

Foto: privat

Sigrid März sprach mit Robert Hoffie außerdem über seine Forschung, Pflanzenzüchtung im Allgemeinen und die öffentliche Wahrnehmung von Gentechnik im Besonderen. Dieses Interview gibt es auf RiffReporter.


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