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Selber schuld

(18.02.2022) Wie oft klagen Forscherinnen und Forscher über vermeintliche Unsitten im Wissenschaftsbetrieb, nur um sie dann selbst zu praktizieren?
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Belauscht man Forscher bei ihren Flurgesprächen, könnten einem schnell Gedanken kommen wie: „Mein lieber Mann, die haben aber viele Baustellen in ihrem Betrieb.“

Zum Beispiel die Tiraden des Habilitanden, der nach vielen Jahren aus dem Ausland zurück ans Institut kam. Bitter klagte er bald, dass er in der deutschen Forschungslandschaft kaum einen Fuß in die Tür bekomme. „Und alles nur, weil ich hier keine Seilschaften habe. In Deutschland bist Du doch ein Nichts ohne Seilschaft. Sollte man alle mal kappen, die Seile.“

Bald darauf flog ihm unverhofft selbst ein Seilende zu – und natürlich griff er zu. Ein alter Postdoc-Kumpel war in seinem Heimatland zum Institutsleiter aufgestiegen und holte unseren Meckerer mit ins Boot.

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Man könnte jetzt natürlich leicht mit einem abgewandelten Zweizeilers des Lyrikers, Satirikers und Karikaturisten F.W. Bernstein urteilen: „Die größten Kritiker der Elche werden später selber welche.“ Aber so einfach ist das nicht. In diesem Beispiel gibt es – wie in vielen anderen – natürlich mächtige Sachzwänge.

Worte sind nicht Taten

Dennoch passt die Geschichte gleichsam zu einem Eindruck, der sich zuletzt besonders verdichtet hat: Dass Worte und Taten der Wissenschaftler oftmals zweierlei sind.

Weitere Beispiele? Wenige halten Evaluationen für wirklich aussagekräftig, aber alle machen mit. Kaum einer glaubt an herbeigeförderte Elite durch Exzellenzinitiativen, doch jeder befeuert sie mit seiner Bewerbung mit. Alle finden Open-Access-Publishing gut und wichtig, doch die große Mehrheit schickt seine Manuskripte weiterhin zu Elsevier, Wiley und Co. statt zu PLoS oder BMC. Man beklagt zu viel Bürokratie und Verbandsmeierei, und gründet selbst das nächste Gremium oder eine neue Gesellschaft. Dabei gilt doch eigentlich als Binsenweisheit, dass Veränderungen auch – oftmals gar vordringlich – von innen kommen müssen …

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Unser Ex-Habilitand jedenfalls hat mittlerweile auch zwei alte Forscherfreunde an „seinem“ Institut mit Dauerstellen versorgt. Wie war das nochmal mit dem „Seile kappen“? Und mit den Elchen? 

Ralf Neumann

(Illustr.: G. Alcala)

 

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