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Ohne High gut dabei

(17.06.2021) Aus einer „hochriskanten Idee“ in Jürg Gertschs Labor entstand ein Spin-off und ein Wirkstoffkandidat, der das Endocannabinoid-System moduliert.
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„And then I got high“, sang schon der US-amerika­nische Rapper Afroman in seinem Nummer-1-Hit aus dem Jahre 2001 über den Konsum von Cannabis. Vielen dürfte dieses High als Erstes in den Sinn kommen, wenn sie Cannabis hören. Dass unser Körper über ein eigenes Set an Cannabinoiden verfügt und das körper­eigene Endocanna­binoid-System so heißt, weil man es erst durch die Wirkung von Cannabis entdeckte, dürfte dagegen weniger bekannt sein. Genau dieses System stellt auch ein interes­santes Ziel für die Therapie von Erkrankungen des zentralen Nervensystems dar, da es an Entzündungs- und Erinnerungs­prozessen beteiligt zu sein scheint. Forschende des Berner Universitäts-Spin-offs Synendos Therapeutics stehen dafür schon mit einem vielver­sprechenden Wirkstoffkandidaten bereit.

Doch der Weg zur Gründung war lang, wie Jürg Gertsch, Mitgründer von Synendos und Gruppenleiter am Institut für Biochemie und Molekulare Medizin der Universität Bern, erzählt. „Nach meiner Doktorarbeit im Jahr 2002 habe ich begonnen, mich mit dem Endocanna­binoid-System zu beschäftigen. Das war etwas Neues für mich und wir mussten zunächst die ganzen Tools und die Analytik aufbauen“. Der Prozess zog sich über mehrere Jahre. So richtig ins Rollen kam der Stein jedoch erst, als Gertschs Projekt durch das Forschungs­netzwerk National Centre of Competence in Research (NCCR) TransCure gefördert wurde. Die Institution fördert Projekte, die potentiell in medizinische Anwendungen übersetzt werden können, und das langfristig. „Die Projekt­förderung ging über zwölf Jahre und ermöglichte uns, unsere spannende, hochriskante Idee zu verfolgen“, erinnert sich Gertsch.

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Das Recycling-Mysterium

Endocannabinoide, wie Anandamid oder 2-Arachidonoyl­glycerol, fungieren als Signallipide zwischen Synapsen des zentralen Nervensystems sowie im Immunsystem und entfalten ihre Wirkung über zwei Cannabinoid-Rezeptoren – dieselben an die auch das pflanzliche Cannabinoid THC bindet. Wie die Signallipide jedoch aus dem synaptischen Spalt zurück in die Zellen gelangen, um dort für eine Wieder­verwendung aufbereitet zu werden, war lange unklar. Gertsch: „Die vorherrschende Meinung war, dass der Influx der Endocanna­binoide allein über abbauende Enzyme im Innern der Zelle gesteuert wird. Werden die Signallipide abgebaut, diffundieren neue über die Membran nach“. Diese Enzyme seien auch der Angriffs­punkt einiger Pharmazeutika, die sich bereits in klinischen Studien befinden.

Schon früh stellten die Berner jedoch fest, dass bestimmte Moleküle die Aufnahme der Endocanna­binoide verhindern, ohne die abbauenden Enzyme im Zellinnern zu hemmen – ein Indiz für das Vorkommen spezieller Transporter. So entstand die Idee von selektiven Endocanna­binoid-Reuptake-Inhibitoren (SERI), die die Wieder­aufnahme der Lipide aus dem synaptischen Spalt blockieren. Dadurch könnten diese die normale Funktion des Signalweges wieder­herstellen, ohne die Konzentration der Endocanna­binoide drastisch zu steigern oder die Rezeptoren überzu­stimulieren, wie dies bei konven­tionellen Therapeutika derzeit der Fall ist. „Zunächst war das jedoch ein neues Phänomen für uns. Wir kannten den Mechanismus gar nicht, konnten dann aber über Vergleiche mit bekannten Pharma­zeutika evaluieren, was da eigentlich passiert“, erinnert sich der Biochemiker. Eine Studie zum Target und somit zum Wirkmecha­nismus der SERIs stehe kurz vor der Publikation, ergänzt Gertsch.

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Keine Konkurrenz durch Cannabis

Als die Berner nach Jahren der Forschung aus zahlreichen Molekülen zwei hochpotente, selektive Inhibitoren herausgepickt und optimiert hatten, entschlossen sie sich 2019 zur Ausgründung. Der damalige Postdoc in Gertschs Gruppe, Andrea Chicca, übernahm als CEO und CSO die Geschicke der neu gegründeten Synendos Therapeutics. „Das war auch voll sein Ding und er hat sich da als extrem fähig erwiesen“, erzählt Gertsch.

Der derzeitige Wirkstoffkandidat SYT-510 befindet sich mittler­weile in der toxikologischen Testung. Synendos rechnet damit, ihr Kandidaten­molekül innerhalb der nächsten anderthalb Jahre bereit für eine klinische Studie zu haben. Das Präparat soll später zur Therapie bei Angst­störungen sowie Stress und Stimmungs­schwankungen eingesetzt werden.

Dem Aufkommen und vermehrt legalen Verkauf von medizinischem Cannabis sieht Gertsch dabei gelassen entgegen: „Man wird große Probleme haben, Cannabis als Medikament beispielsweise gegen neuro­psychiatrische Erkrankungen einzusetzen. Zum einen sind die Grenzen zwischen Wirkung und Nebenwirkung sehr fließend, zum anderen tritt relativ schnell ein Gewöhnungs­effekt aufgrund der Über­stimulierung der Cannabinoid-Rezeptoren ein“. Diesen sehe man bei SYT-510 nicht. Zudem könne man das Medikament nicht überdosieren, da es nur die Wiederaufnahme der Endocanna­binoide hemme, nicht aber direkt in deren Auf- oder Abbau eingreife.

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Erstmal keine Geldsorgen

An Geld für die weiteren Schritte sollte es dem Berner Unternehmen vorerst nicht mangeln. In den letzten Monaten konnte das Spin-off neben 20 Millionen Schweizer Franken (unter anderem vom High-Tech Gründerfonds) auch 4 Millionen der spanischen Wagnis­kapital­gesellschaft Ysios Capital einsammeln (insgesamt ca. 21,9 Mio. Euro). Dazu kommen noch Zuwendungen privater Investoren. Für die Zukunft fokussiert sich Synendos daher auf die Zulassung ihres Kandidaten SYT-510 und plant schon die nächste Generation SERIs. Mitgründer Gertsch fungiert mittlerweile nur noch als wissen­schaftlicher Berater für das Unternehmen und konzentriert sich weiter auf die Grundlagen­forschung zu den Transport­wegen im Endocannabinoid-System.

Tobias Ludwig

Bild: AdobeStock/Nitiphol


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Letzte Änderungen: 11.06.2021

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