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Angriff auf mehreren Fronten

(07.09.2020) Konstantin Sparrer sucht nach Wegen, unser natürliches Abwehr­system so zu modifizieren, dass es für Viren kein Durch­kommen mehr gibt.
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1,8 Millionen Euro hat der 35-jährige Infektions­forscher für den Aufbau einer eigenen Gruppe kürzlich vom Bundes­ministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Rahmen einer Nachwuchs­gruppen­förderung bekommen.

Laborjournal: War die Konkurrenz um die Gelder groß?
Konstantin Sparrer: Das Verfahren soll ähnlich kompetitiv sein wie die Bewerbung für einen ERC Grant oder für die Finan­zierung einer Emmy Noether-Nachwuchs­gruppe. Voraus­sichtlich werden durch das Programm des BMBF in zwei Ausschrei­bungsrunden 13 Gruppen in der klinischen und anwendungs­orientierten Infektions­forschung gefördert. Wir sind die Ersten, die eine solche Förderung erhalten.

Wie lange dauert das Verfahren?
Sparrer: Das Ganze hat knapp ein Jahr gedauert. Ich habe über mehrere Monate Forschungs­daten für den Antrag zusammen­gestellt und Koopera­tionspartner im akademischen Bereich und in der Industrie gesucht. Im September letztes Jahr habe ich meinen Antrag eingereicht. Die wissen­schaftliche Begutachtung durch das BMBF hat etwa fünf Monate beansprucht. Danach musste ich einen förmlichen Förder­antrag mit Finanzplan, Verwer­tungsplan und detailliertem Arbeitsplan vorlegen. Die ersten Gelder habe ich dann Anfang August dieses Jahr erhalten.

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Haben Sie bereits neue Mitarbeiter eingestellt?
Sparrer: Ich suche noch eine weitere Technische Assistentin in Vollzeit. Auch Bewerber für eine Dissertation können sich gerne bei mir melden. Wir haben an unserem Institut eine sehr gute Nachwuchs­förderung. Das Arbeitsklima ist allerdings auch kompetitiv und die Anfor­derungen sind hoch, um Resultate zu erreichen, die im inter­nationalen Vergleich bestehen können.

Welche Themen wollen Sie mit der BMBF-Förderung angehen?
Sparrer: Wir suchen mit breit angelegten Screening-Methoden nach Knoten­punkten in den Signalwegen und Pfaden des natürlichen Immun­systems, die wir gezielt beeinflussen können. Manchmal brauchen die körper­eigenen Verteidi­gungslinien nur einen kleinen Anstoß, um noch schlag­kräftiger zu werden. Unser Ziel ist es, das Immun­system an mehreren Stellen gleichzeitig zu unterstützen, zum Beispiel mit einem Kombina­tionspräparat. Dazu suchen wir in Zusammen­arbeit mit dem SFB 1279 der Universität Ulm im menschlichen Peptidom nach geeigneten Peptiden.

Welche weiteren methodischen Ansätze kommen bei Ihrer Forschung zum Einsatz?
Sparrer: Wir arbeiten interdisziplinär an der Schnittstelle zwischen Virologie, Biochemie und Bioinformatik. Mithilfe von CRISPR-Screens untersuchen wir in Zelllinien die Funktion von Komponenten der natürlichen Immunität. Eines meiner Schwerpunkt-Themen ist die Steuerung der Autophagie während viraler Infektionen. Wir haben kürzlich einen Assay entwickelt, um in Einzelzellen die zugrunde liegenden zellulären Mechanismen aufklären zu können. Zudem möchten wir damit die Wirkung neuer Komponenten und Peptide auf die Autophagie im Hochdurch­satzverfahren testen. Die Methode haben wir im Juli in Scientific Reports veröffentlicht (Sci Rep, 10(1):12241).

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Wie sind Sie auf Ihr jetziges Forschungsthema gestoßen?
Sparrer: Ich habe an der LMU München Chemie studiert. Durch eine Vorlesung bei meinem späteren Doktorvater Karl-Klaus Conzelmann über Viren ging ich an den Haken. Ich fand es faszinierend, wie eine Ansammlung von rudimentären Bausteinen, die nicht wirklich lebt, eine Evolution haben und einen gewaltigen Effekt auf einen lebenden Organismus ausüben kann. Viren können ihre Wirte mit nur wenigen Schritten extrem gut manipulieren und ausnutzen.

In welcher Hinsicht haben Sie von Ihren verschie­denen Karriere­stationen profitiert?
Sparrer: Während meiner Doktorarbeit an der LMU bin ich ausgiebig mit der Wissenschaft in Berührung gekommen. Man lernt, wie frustrierend Forschung sein kann und ob man überhaupt der richtige Typ für eine solche Laufbahn ist. Meine Aufenthalte als Postdoc an der Harvard Medical School und an der Universität Chicago waren extrem wichtig, was erlernte Techniken und vor allem auch Kontakte betrifft. Die Leute, die ich damals auf dem Institutsflur und in den Seminaren getroffen habe, sind heute in der ganzen Welt als Gruppen­leiter tätig und ein wichtiger Teil meines Netzwerks. In den USA habe ich auch die ersten eigenen Projekte auf die Beine gestellt und habe ein anderes Wissen­schaftssystem kennengelernt.

Was waren bisher Ihre wichtigsten Entdeckungen?
Sparrer: Im Rahmen meiner Doktorarbeit habe ich heraus­gefunden, welche natürlichen Liganden die natürliche Immunantwort in Masern-infizierten Zellen aktivieren. Für die erste Publikation während der Postdoc-Zeit bei Michaela Gack in den USA habe ich Screenings durchgeführt, um die Regulation der antiviralen Autophagie durch Tripartite-Motif-(TRIM)-Proteine zu untersuchen (Nat Microbiol, 2(11):1543-57). Diese Resultate konnte ich später für den Aufbau meiner eigenen Gruppe verwenden. Mit Michaela habe ich heute noch eine sehr gute Zusammen­arbeit. 2018 kam ich dann mit einem Marie-Sklodowska-Curie-Stipendium als Junior­gruppenleiter an die Universität Ulm. Hier würde ich meine ersten Publikationen als Corresponding Author nennen, zum Beispiel das Autophagie-Screening in Scientific Reports. Erst im Juli haben wir zusammen mit Roland Beckmann von der LMU München ein Manuskript in Science veröffentlicht, in dem wir zeigen, wie ein Protein von SARS-CoV-2 die natürliche Immun­antwort gegen das Virus unterdrückt, indem es die Protein­translation in der Wirtszelle hemmt (Science: eabc8665).

Wie gefällt es Ihnen an der Universität Ulm?
Sparrer: Das Umfeld hier ermöglicht viele Kollabo­rationen, zum Beispiel mit Wissen­schaftlern aus dem SFB 1279 und natürlich auch an unserem Institut für molekulare Virologie. Die Unterstützung durch die Instituts­leitung bei der Einwerbung von Forschungs­geldern ist hervorragend. Durch die BMBF-Förderung habe ich nun den ersten langfristigen Vertrag und eine Perspektive, mich in der Wissenschaft zu etablieren.

Welche Entwicklungen erwarten Sie in Ihrem Forschungs­gebiet in den kommenden Jahren?
Sparrer: Es wird auf jeden Fall spannend (lacht)! Ich möchte die vorhandenen Waffen unseres natürlichen Immun­systems etwas schärfen, sodass auch die letzten Viren, die uns noch befallen können, nicht mehr durchkommen. Da wir auf mehreren Fronten angreifen, sollten wir Resistenzen vermeiden können. Ich hoffe auch, dass unser Ansatz wenige Neben­reaktionen wie Entzündungen hervorruft.

Das Gespräch führte Bettina Dupont

Bild: Elvira Eberhardt/Uni Ulm



Letzte Änderungen: 07.09.2020

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