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Vererben Holocaust-Überlebende ihr Trauma?

(2.9.15) Im Genom traumatisierter Holocaust-Überlebender und ihrer Nachkommen finden sich typische epigenetische Muster, behauptet eine neue Studie. Kann das sein?

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Die traumatischen Erfahrungen von Holocaust-Überlebenden hätten sich auf deren Nachkommen vererbt, in Form bestimmter Muster der DNA-Methylierung. Das berichteten neulich verschiedene Medien, allen voran der britische Guardian. Gezeigt worden sei die angebliche Vererbung epigenetischer Markierungen in einer Studie, die kürzlich im Journal Biological Psychiatry erschienen ist (doi: 10.1016/j.biopsych.2015.08.005). Auch das Max-Planck-Institut (MPI) für Psychiatrie in München war an der Studie beteiligt, neben Forschern um Rachel Yehuda von der Icahn School of Medicine in Mount Sinai, New York. Letztautorin des Papers ist Elisabeth Binder, MPI-Direktorin in München und Professorin an der US-amerikanischen Emory University School of Medicine in Atlanta.

Die Forscher verglichen DNA-Methylierungsmuster zwischen Holocaust-Überlebenden und deren jeweiligen direkten Nachfahren. Dabei nahmen sie insbesondere einzelne Cytosin-Guanin-(CG)-Stellen innerhalb des Enhancers des FKBP5-Gens in den Blick. Dieses Gen hatten die beiden Forscherinnen bereits früher als wichtig für eine derartige post-traumatische Stressprägung identifiziert (Klengel et al., Nature Neurosci. 16(:33-41).

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Methylierter Enhancer

In ihrer aktuellen Arbeit verweisen die Autoren auf ihre umfangreiche Vorarbeit zu dem Thema. Knapp die Hälfte der 56 Literaturreferenzen sind Eigenzitierungen. Im Vergleich zur Kontrollgruppe fanden die Genetiker zwar keine Unterschiede in längeren CG-Sequenzmotiven.

Der FKBP5-Enhancer war jedoch an manchen CG-Einzelstellen im Genom der Holocaustüberlebenden etwas häufiger methyliert als in der Kontrollgruppe. Unterschiede im Methylierungsmuster fanden die Autoren auch zwischen den Kindern der Holocaust-Überlebenden und Kindern der Kontrollgruppe (Die Teilnehmer in der Kontrollgruppe waren Personen jüdischer Abstammung, die während des 2. Weltkriegs außerhalb Europas lebten und keine Holocaust-Erfahrungen durchleben mussten).

Diverse Medien, aber auch die Max-Planck-Gesellschaft, berichteten aufgeregt von einem möglichen Beleg für die Vererbung epigenetischer Muster. Und wenn man "epigenetische Vererbung" sagt, sind Spekulationen über eine Idee nicht weit, die Evolutionsbiologen längst verworfen haben: Könnten individuell erworbene epigenetische Muster wie DNA-Methylierungen, die die eigentliche Gen-Sequenz unverändert lassen, tatsächlich auf nachfolgende Generationen vererbt werden? Kann die Umwelt also die Evolution von Merkmalen beeinflussen, über die Mutation der DNA-Basenpaare und nachfolgende Selektion hinaus? Hatte Jean Baptiste Lamarck, auf den diese Idee zurückgeht, also vielleicht doch recht – wenigstens ein bisschen?

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Ein Hauch von Neo-Lamarckismus

Diesem Neo-Lamarckismus stehen einige theoretische Probleme im Weg. Vor allem aber: Zumindest beim Menschen fehlen bisher glaubwürdige Belege, dass epigenetische Merkmale tatsächlich über Generationen hinweg weitervererbt werden können. Die Yehuda-Binder Studie deutet aber an, genau dies gezeigt zu haben, bei Menschen, die dem größten organisierten Massenmord der Geschichte entkommen waren.

Die Fachkollegen sind skeptisch. Umgehend wurde die Studie in Blogbeiträgen kritisiert, den Autoren werden Übertreibung und handwerkliche Fehler vorgeworfen. Jerry Coyne, US-amerikanischer Biologieprofessor und Autor populärwissenschaftlicher Sachbücher, kritisierte in seinem Blog insbesondere Folgendes:

- Die extrem kleine Zahl der Studienteilnehmer: 32 Holocaust-Überlebende und lediglich 8 Kontroll-Individuen. Statistisch kann man die mit Mühe gemessenen CG-Methylierungs-Unterschiede zwar gerade so "signifikant" nennen, die p-Werte liegen zwischen 0,03 und 0,046, also knapp unter der üblichen Nicht-Signifikant-Schwelle von 0,05. Aber angesichts der Variabilität zwischen Individuen gleicher ethnischer Abstammung ist die kleine Zahl der Teilnehmer bedenklich.

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- Der ungeklärte Mechanismus der Weitergabe der Markierungen. Die Verfechter epigenetischer Vererbung vermuten, dass erworbene DNA-Methylierungen an die Nachkommen weitergegeben werden können. Das ist schon schwierig genug zu erklären. Wenn man die Daten von Binder und Yehuda ernst nimmt, scheint hier aber etwas noch Seltsameres zu geschehen. In der Zusammenfassung des Artikels liest man: "Interessanterweise war die Methylierung dieser Stelle (des FKBP5 –Gens, Red.) in den Holocaust-Überlebenden höher, im Vergleich zu Kontrollen, während diese Methylierung in den Holocaust-Nachkommen niedriger war“. Es müsste bei einer Vererbung des epigenetischen Musters also quasi zu einem Vorzeichen-Wechsel kommen. Es ist schleierhaft, was abweichende Methylierungsmuster zwischen Eltern und deren Nachkommen überhaupt mit „epigenetischer Transmission“ zu tun haben könnten.

„Überinterpretierte Epigenetik-Studie der Woche“

Im offiziellen Blog des Center for Epigenomics am Albert Einstein College of Medicine in New York City brachte John Greally, ein Spezialist für DNA-Methylierung während der Embryogenese, ähnliche Kritik an. In seinem Beitrag mit dem Titel „Überinterpretierte Epigenetik-Studie der Woche“ kam noch ein weiterer wichtiger Punkt hinzu:

Die Autoren untersuchten gemischte Leukozyten aus dem Primärblut der Probanden. Die DNA-Methylierungsmuster zwischen einzelnen Zelltypen variieren aber, und die Zelltyp-Zusammensetzung zwischen menschlichen Individuen ist nicht immer gleich. Greallys Urteil nach der Studie des Yehuda-Binder Papers: Diese potentielle Quelle für Artefakte haben die Autoren nicht experimentell untersucht.

Laborjournal hat die Münchener MPI-Direktorin Binder gebeten, auf die Kritik der Kollegen einzugehen. Binder bestätigte, dass die Zahl der Probanden tatsächlich zu klein gewesen sein könnte und dass die von Greally ins Spiel gebrachte Variabilität der Leukozyten „nicht ausgeschlossen werden kann“. Sie verwies aber auf ihre eigene Studie, nach der die Methylierung der FKBP5-Stellen „unter den verschiedenen Blutzell-Typen nicht korrelieren“ würden.

Vererbung oder etwas anderes?

Interessanterweise distanzierte sich die Letztautorin auch von der Pressemitteilung der Max-Planck-Gesellschaft und bestritt, dass sie und Yehuda von epigenetischer Vererbung gesprochen hätten („Holocaust-Überlebende vererben Trauma an ihre Kinder", titelte die MPG). Sie hätten lediglich eine Transmission festgestellt, deren Mechanismus noch unklar sei. Tatsächlich benutzen die Autoren der Publikation den Begriff „Vererbung" nicht; man liest stattdessen Sätze wie: „Dies ist der erste Beweis einer Transmission des von den Eltern vor der Empfängnis erlebten Traumas auf das Kind, verbunden mit epigenetischen Veränderungen in beiden Generationen“.

Das Schlüsselwort ist „Empfängnis". Denn es ist eine Sache, wenn ein ungeborenes Kind den Stresshormonen seiner schwangeren Mutter direkt ausgesetzt wurde. Aber wenn Kinder die gleichen stressbedingten epigenetischen Muster aufweisen sollen wie die Eltern, obwohl sie erst gezeugt wurden, nachdem die Eltern das Trauma erlebt hatten, dann redet man wirklich von epigenetischer Vererbung.

Die Yehuda/Binder-Studie diskutiert zwar mögliche molekularphysiologische Mechanismen, führt aber keine unterstützenden Literaturreferenzen an und lässt außer Acht, dass 12 der 32 untersuchten Holocaust-Überlebenden Männer waren. Stattdessen werden Äpfel mit Birnen verglichen und Parallelen zwischen der eigenen Holocaust-Studie und der Untersuchung der Überlebenden des Tutsi-Massenmords in Ruanda in 1994 bemüht. Die Teilnehmerinnen der letzteren Arbeit waren aber Frauen, die während des Genozids schwanger waren. In dieser früheren Studie fanden sich bestimmte Muster der Stress-bedingten Methylierung in den Kindern wieder; aber die Ausgangslage war eine ganz andere.

Eine banale Erklärung

Die Autoren des umstrittenen Papers bieten auch eine etwas banal klingende Erklärung an. Sie erwähnen im Artikel, dass Eltern, die selbst Misshandlungen erlebt haben und dadurch traumatisiert wurden, mit höherer Wahrscheinlichkeit auch ihre eigenen Kinder misshandeln würden. Damit wäre die Theorie von der Vererbung der Stress-bedingten Gen-Methylierung hinfällig.

Vielleicht hätte die Studienleiterin Yehuda etwas Klarheit in die Sache bringen können. Die Laborjournal-Bitte um Auskunft blieb jedoch leider unbeantwortet. Wir fragen uns nun aber: Hätten diese wacklige Publikation und ihre Leitautorin Yehuda so viel Aufmerksamkeit bekommen, wenn es nicht um den Holocaust gehen würde? Kann es sein, dass der Wunsch der Autoren nach öffentlicher Wahrnehmung ihrer Arbeit nach hinten losgegangen ist, da wir nun alle die Kollegen-Kritik lesen können?

 

Leonid Schneider

Illustration: Christoph Bock, Lizenz: CC-BY-SA 3.o (via Wikimedia Commons)



Letzte Änderungen: 10.10.2015

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