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Phineas Gage und die Eisenstange

(25.7.15) Phineas Gage – fast jeder Neuropsychologe kennt diesen Namen. Die Geschichte seiner fatalen Gehirnverletzung steht in vielen Lehrbüchern. Aber wie war es wirklich?

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Wir schreiben das Jahr 1848. Der Sprengstoffexperte Phineas Gage ebnet im wahrsten Sinne des Wortes den Weg für eine Eisenbahnstrecke durch die Neuenglandstaaten. Unter seiner Anleitung bohren die Arbeiter Löcher ins Gestein, füllen Schwarzpulver ein und sprengen schließlich Felsen weg, die den Verlauf des Gleisbetts stören. Kein Mitarbeiter im Unternehmen macht diesen Job besser als Gage. Er gilt als erfahren, zuverlässig und verantwortungsvoll – ein Vorarbeiter, dem man vertraut. Doch an diesem Septembertag geht etwas schief.

Eisenstange durch den Kopf

Gage rammt eine ein Meter lange Eisenstange in ein Loch, dessen explosiver Inhalt eigentlich mit Sand abgedeckt sein sollte. Dieser Sand aber fehlt, ein Funke löst die Explosion aus und die sechs Kilogramm schwere Stange fliegt dreißig Meter weit. Vorher durchbohrt sie Gages Schädel; sie dringt durch den linken Wangenknochen ein, zerstört ein Auge sowie Teile des Gehirns, und bricht durch das Schädeldach wieder nach draußen. Nach dem Unfall ist Gage ansprechbar und bei Bewusstsein. Er lässt sich zum Arzt bringen und steigt selbstständig in die Kutsche ein und wieder aus. Körperlich scheint er sich schnell zu erholen, abgesehen vom Verlust eines Auges.

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Doch charakterlich ist der 25-jährige nicht mehr derselbe. Jegliches Empfinden dafür, was im Umgang mit anderen Menschen angebracht ist, hat er verloren. Gage lügt, betrügt und ist in Schlägereien verwickelt. In seinem alten Beruf kann er nicht mehr arbeiten, und auch aus anderen Gelgenheitsjobs fliegt er sofort wieder raus. Schließlich endet der einst so angesehene Vorarbeiter als Trinker und Landstreicher. In Erscheinung tritt er nun noch als Zirkus- und Jahrmarktattraktion. 1860 stirbt Gage in San Francisco.

Für Neurobiologen und Psychologen ist der Fall Gage besonders interessant: Eine physische Verletzung am Gehirn führt zu einer dramatischen Charakteränderung. Dadurch, dass Gages Frontalhirn zerstört wurde, verlor er die Fähigkeit, sein Verhalten in der Gesellschaft zu kontrollieren. Moral, Affektkontrolle und Gewissen waren dahin. Somit ist Phineas Gage das perfekte Lehrbuchbeispiel, um die Rolle der präfrontalen Hirnareale zu verdeutlichen. Vielleicht ein bisschen zu perfekt?

Quellensuche

Malcolm Macmillan sah die hier erzählte Version der Geschichte schon vor Jahrzehnten mit Skepsis und ging der Biografie des historischen Phineas Gage auf den Grund. Der australische Psychologe, der unter anderem an der Universität Melbourne forscht, suchte nach Aufzeichnungen, um das Leben des berühmten Sprengstoffspezialisten zu rekonstruieren. Im Jahr 2000 präsentierte er seine Ergebnisse im Buch „An Odd Kind Of Fame: Stories Of Phineas Gage“ (ISBN: 9780262133630). Zehn Jahre später folgte ein ausführlicher Fachartikel, der den zu dieser Zeit aktuellen Stand der Erkenntnisse zusammenfasst (mit Koautor Matthew Lena; Neuropsychol Rehabil 20: 641-58). Viele Primärquellen gibt es nicht, so dass vor allem den Aufzeichnungen des Arztes John Martyn Harlow eine zentrale Bedeutung zukommt. Der hatte Gage nach seinem Unfall betreut und den Fall dokumentiert. Auch Studien am exhumierten Schädel mit modernen bildgebenden Verfahren greift Macmillan auf.

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Als gesichert gelten kann demnach: Es hat diesen Unfall gegeben, und Gage konnte anschließend nicht mehr seiner bisherigen Tätigkeit als Bahnarbeiter nachgehen. Auch hatte der Arzt Freunde seines Patienten befragt und kam zu dem Schluss, dass Gage nach dem Vorfall „nicht länger Gage“ gewesen sei. Diese Berichte über einen Charakterwandel betreffen aber lediglich die ersten Tage oder Wochen nach dem Unfall. Davon, dass Gage zum Landstreicher wurde oder auf Jahrmärkten und im Zirkus zu sehen gewesen sei, finde sich nichts in den Primärquellen, stellt Macmillan fest. Gage zeigte sich aber einige Male in Museen und ließ sich auch zusammen mit seiner Eisenstange ablichten. Auf einem dieser Fotos, vermutlich aus dem Jahr 1850, sieht man einen gepflegten Mann, der nicht wie ein Landstreicher aussieht.

(Foto: Aus der Kollektion von Beverley and Jack Wilgus.)

Ab 1851 arbeitete Gage für mindestens ein Jahr als Kutscher. Macmillan merkt an, dass er dabei Kontakt zu Passagieren hatte und mit Pferden umgehen musste; es sei unwahrscheinlich, dass ein enthemmter unhöflicher Zeitgenosse sich für diesen Job qualifiziert hätte. 1852 zog er nach Chile und fuhr dort Postkutschen. Einige Jahre später verschlechterte sich sein Gesundheitszustand. Er kehrte zurück zu seiner Familie nach San Francisco, wo er schließlich verstarb.

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Details ignoriert

Inwieweit der Unfall Gages Charakter dauerhaft verändert hatte, ist unklar. Viele Lehrbücher zeichnen ein Bild, das nur den Zustand unmittelbar nach dem Unfall berücksichtigt. Dass Gage sich später bezüglich seiner Persönlichkeit erholt haben könnte, fällt unter den Tisch. Untersuchungen am Schädel zeigen, dass wohl nur die linke Hemisphäre betroffen war, und nicht etwa das gesamte Frontalhirn verlorenging. Exakt rekonstruieren lassen sich die Läsionen aber nicht; so könnten Blutungen weitere Areale in Mitleidenschaft gezogen haben. „Wir sollten aus Gages Fall nicht allzuviele Schlussfolgerungen über frontale Strukturen und Funktionen schließen“, mahnt Macmillan, „dafür kennen wir nicht genügend Details“.

Offenbar sehen das viele Autoren, die an Lehrbüchern mitarbeiten, anders. Richard Griggs hat 23 Lehrbücher unter die Lupe genommen, darunter auch solche, die nach 2010 erschienen sind. Nur ein halbes Dutzend davon hätten die spätere Genesung diskutiert, es fehlten Fotos und aktuelle Modelle zu den Hirnverletzungen, so Griggs (Teaching of Psychology 42: 195-202).

Nun gehört es zur Wissensvermittlung, dass man Fakten vereinfacht, um Inhalte verständlich rüberzubringen. Diese Ausrede will Macmillan hier aber nicht gelten lassen. „Man kann in der Lehre vereinfachen, um etwas klarzustellen; aber man darf nicht das Wesen eines Sachverhalts verzerren”, betont er. Schließlich verweist Macmillan noch auf einen Song über Phineas Gage, den er bei Youtube entdeckt hat. Zum Text meint er: „Obwohl dort ein paar Ungenauigkeiten drin sind, gibt er den Fall besser wieder als die meisten Lehrbücher!“

 

Mario Rembold

Foto:(c) Gregor Inkret /iStockPhoto

 

In der Laborjournal-Online-Reihe "Lehrbuchwissen hinterfragt" gehen wir der Frage nach, ob denn wirklich alles stimmt, was den Studenten im Studium erzählt wird. Gerne nehmen wir Themenvorschläge für diese lockere Reihe entgegen - Kontakt hier oder auch z.B. via Twitter (dort sind wir unter @lab_journal anzutreffen).


Bisher in der Reihe erschienen:

"Schwestergene und Nächstenliebe"


 



Letzte Änderungen: 10.09.2015

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