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Warum wird promoviert?

10.000 angehende Doktoren beantworteten den Fragebogen "Zur Situation der Doktoranden in Deutschland" des Promovierenden-Netzwerks Thesis. Siegfried Bär kommentiert das Ergebnis.

(18.01.2005) Warum fängt man eine Promotion an? Warum entscheidet sich einer mit Ende 20 dafür, 3-4 Jahre lang für ein halbes Gehalt 10-12 h täglich zu arbeiten, inklusive des halben Wochenendes? Um sich zwei Buchstaben vor seinen Namen setzen zu dürfen? Wohl kaum.

Warum aber dann? Es ist dies eines der großen Rätsel, nicht nur der Biologie. Das Doktoranden Netzwerk Thesis hat sich unterfangen, diese und andere Fragen mit einem Fragebogen aufzuklären.

10 000 Doktoranden füllten den Fragebogen aus, doch große Überraschungen gab es keine. Außer einer. Die Frage "Warum beginnen Doktoranden ein Promotion?" beantworteten 85,2% mit "Aus Interesse am Thema" und 87,1% mit "Aus Interesse am wissenschaftlichen Arbeiten".

Um es klarzustellen: Es ging um die Gründe, warum einer ein Doktorarbeit anfängt und nicht darum, warum er dabeibleibt. Nach dem Fragebogen fangen also die Leute Doktorarbeiten an, weil sie sich für das Thema interessieren. Das widerspricht auf's Gründlichste meiner Erfahrung und anscheinend auch derjenigen der Fragebogenauswerter, denn auch die überraschte das Ergebnis.

Kennen Sie einen Doktoranden, der sich durch die Literatur liest, auf ein Thema stößt und dann in heller Begeisterung sich eine Gruppe aussucht, in der er über dieses Thema arbeiten kann? Ich kenne keinen. In Wirklichkeit ist es doch so: Der Möchtegern-Doktorand liest die Stellenanzeige und lässt sich vom Prof etwas erzählen. Vermag die Erzählkunst des Profs die Seele des Möchtegern-Doktoranden ins Schwingen zu bringen, denkt der: "Das könnte ganz interessant sein" und bewirbt sich. Zu promovieren aber stand von vornherein fest. Das Interesse am Thema - in der Regel und mangels Sachkenntnis ein oberflächliches - entscheidet bestenfalls darüber, wo einer promoviert, und nicht darüber, ob er promoviert. Das Interesse am Thema entwickelt sich dann während der Arbeit - oder auch nicht. So war es bei mir und bei fast allen meiner Bekannten.

Ich vermute, die Ausfüller der Thesis-Umfrage haben ihre augenblickliche Motivation - also die Motivation, die Doktorarbeit fortzusetzen - verwechselt mit dem Antrieb, der sie verleitet hat, eine Doktorarbeit aufzunehmen. Wer macht sich schon groß Gedanken beim Ausfüllen eines Fragebogens?

Dem Thesis-Fragebogen zum Trotz behaupte ich: Der Antrieb zur Aufnahme einer Doktorarbeit ist eine Mischung aus Ehrgeiz (höherer Rang, bessere Berufsaussichten), Eitelkeit (man hätte gerne den Titel), Ratlosigkeit (was kann ich mit nem Diplom schon anfangen?) und Herdentrieb (die anderen promovieren auch). Die Gewichtung der Komponenten richtet sich nach dem Charakter des Möchtegern-Doktoranden.

Kommentare zu diesem Artikel

Ich kann dem Bär nur zustimmen. Bei uns ist noch nie ein Doktorand aufgeschlagen, weil er an einem bestimmten Thema unserer Gruppe mitforschen wollte, sondern nur, weil es halt dazu gehört, zu promovieren. Das Interesse kam erst während der Arbeit, und nur selten hat mancher nach der Promotion auf dem Gebiet weitergemacht. Aber das mag auch ein Medizin-spezifisches Problem sein ... forschen ist halt nicht des Arztes Sache.

Monika Valtink, Augenklinik, 21-Feb-2005 12:23:17


Ups, hab die Zeichenbeschränkung vergessen. Sorry. Kurzfassung: Ich kenne einige angehende Doktoranden, die sich nicht nur schon für ein Thema entschieden haben sondern sich auch auf die Sache freuen!! Geht mir genauso, obwohl ich weiß, dass es kernig wird. Siegfried, ich glaube, Du siehst die Sache ein bisserl zu schwarz :)

oaksterforce, 02-Feb-2005 19:13:15


Ich kenne selbstverständlich nicht annähernd so viele Doktoranden, angehend oder abgehend, wie der gute S. Bär. Schließlich bin ich grad mal Diplomand. Aber die meisten von den Doktoranden, die ich kenne haben sich tatsächlich bereits VOR Beginn der Arbeit für ihr Thema interessiert. Zu 100% weiß ich es von mir selber. Ich habe während des Studiums meine Liebe zu kleinen RNAs entdeckt, so dass ich nicht nur meine Diplomarbeit mit kleinen RNAs verbringe sondern auch jetzt schon weiß, dass sich

oaksterforce, 02-Feb-2005 19:11:03




Letzte Änderungen: 18.01.2005
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