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Der Professor und die gepuderten Hintern

(17.4.15) Der Evolutionsbiologe Axel Meyer lamentiert über Wohlstands-verwöhnte Studenten und über Doktoranden, denen das Promovieren zu leicht gemacht werde. Unser Autor Leonid Schneider hat dazu ein Wörtchen zu sagen. (mit Update 20.4: Reaktion des Rektors)

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Eigentlich ist es schon ein drolliger Klassiker, wenn ältere Herren über die Dummheit, Faulheit und Frechheit der Jugendlichen schimpfen. Die Tiraden des 55-jährigen Zoologie-Professors Axel Meyer von der Universität Konstanz gegen die deutschen Studenten und Doktoranden fallen vielleicht in dieselbe Kategorie. In einem Feuilleton-Beitrag für die Frankfurter Allgemeine drosch Meyer neulich auf die dummen, faulen und verlogenen Studenten ein. Diesen würde nämlich von der Universität „der Hintern gepudert“, denn sie müssen keine Studiengebühren zahlen, dürfen in der Unibibliothek kostenlos Lehrbücher ausleihen und bekommen sogar noch BAföG.

Die Grundidee des BAföGs und der Studiengebührenfreiheit, nämlich Kindern aus finanziell schwachen Familien das Studium überhaupt zu ermöglichen, ist Meyer womöglich nicht bewusst. Vielleicht widerspricht sie aber auch seinen sozialpolitischen Vorstellungen, das wird aus seinem Beitrag nicht ganz klar. Außerdem würden deutsche Studenten die ganze Zeit schummeln „dass sich die Balken biegen“, ganz anders als deren Kommilitonen in den USA.

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Meyer, der dort viele Jahre als Student und Wissenschaftler verbrachte, erklärt auch warum: an den US-Universitäten gibt es nämlich einen „Ehrenkodex“. Eine Klausuraufsicht wie in Deutschland soll es laut Meyer dort deswegen auch nicht geben. Ehrenkodex hin oder her, ob die amerikanischen Studenten wirklich ehrlicher sind als die deutschen ist vielleicht doch fraglich. Studentische Betrugsskandale gab es sogar an Elite-Universitäten wie Harvard.

Nun vermutet der Konstanzer Evolutionsbiologe in seinem Feuilleton-Beitrag, seine Studenten hätten in sein Büro eingebrochen, um Klausurfragen zu stehlen. Beweise für diese Anschuldigung brachte Meyer aber keine, außer dem Verweis auf den allgemeinen studentischen Sittenverfall an seiner Universität. Dafür weiß er offenbar ganz genau, was die Universität unter anderem falsch machte, um solches Verhalten zu fördern: der Betriebsrat erlaubt nämlich keine Videoüberwachung der eigenen Mitarbeiter.

Damit wären wir bei Axel Meyers zweitem Lamento in der Zeitschrift WirtschaftsWoche: gegen die dummen, faulen und verlogenen Doktoranden. Während in den USA die Doktoranden mit Vorgaben von „drei bis fünf Publikationen als Erstautor in fünf Jahren“ auf Erfolg getrimmt und Versager gnadenlos aussortiert werden, würden deren Kollegen in Deutschland ihre Promotion nicht als „Privileg“, sondern als eine Art „Job“ betrachten. Statt sich dankbar im Dienste der Forschung trotz einer halben Stelle durch „70- bis 80-Stundenwochen“ dem Doktorvater zu beweisen, wünschen sich diese tatsächlich mehr finanzielle Sicherheit. Die Forschungsministerin Johanna Wanka will für die Doktoranden deswegen gesicherte Arbeitsverträge über die gesamte mehrjährige Promotionszeit durchsetzen.

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Wenn es schon dazu kommen sollte, fordert Meyer korrigierend: Es muss „einen Mechanismus geben, diese Verträge wieder zu kündigen“. Klar, er meint damit explizit nicht die gesetzliche Probezeit von sechs Monaten, die dem Arbeitgeber die Möglichkeit gibt, sich von im Nachhinein als ungeeignet erwiesenen Mitarbeitern zu trennen. Ihm geht es als Chef darum, den Doktorandenvertrag jederzeit, auch kurz vor der Verteidigung der Arbeit, einseitig kündigen zu können, und zwar „wenn jemand sich trotz anfänglichem Enthusiasmus und scheinbarer Begabung als ungeeignet erweist für eine Forschungsleistung, die einem Doktortitel entspricht“.

Was das praktisch bedeutet: Damit kann man dem Doktoranden permanent mit Entlassung drohen, wenn die Arbeitsleistung zum Beispiel unter die „70- bis 80-Stundenwoche“ sinken sollte oder vielleicht auch wenn die Forschungsergebnisse gegenüber den Vorgaben des Chefs nicht überzeugend genug ausfallen. Für den rausgeworfenen Doktoranden wäre solch eine Kündigung nahe dem Projektabschluss ein Desaster für's Leben: kein Doktortitel, keine Publikation, mehrere verlorene Jahre. Und eine neue Promotionsstelle findet man als derart entlassener Doktorand auch schwerlich.

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Für den Professor aber wäre dies sogar eine strategisch clevere Entscheidung: Geld gespart, Dissertation-Lesen gespart, einen Autoren-Namen auf dem späteren Paper unter Umständen auch gespart. Außerdem wirkt das motivierend für Zucht und Ordnung bei den anderen Mitarbeitern, die ein ähnliches Schicksal tunlichst vermeiden wollen. Tatsächlich weiß Meyer wovon er spricht, wenn er sich über die Doktoranden beschwert. Normalerweise sind Doktoranden und Postdocs naturgemäß sehr still, belastbar und leidensfähig, denn sie wissen, wie viel Macht ihr Chef über deren berufliche Zukunft hat.

Daher muss es in einem Labor schon wirklich schlimm zugehen, bevor sich die wissenschaftlichen Mitarbeiter beschweren, vor allem noch öffentlich. Über solche Anschuldigungen von 16 Mitarbeitern gegen Meyer entschied vor 11 Jahren eine Untersuchungskommission der Universität Konstanz. Die Kommission kritisierte die "Erwartung des Chefs, über das Verhalten anderer Mitarbeiter denunziatorisch informiert" zu werden. Aber wie sonst hätte Meyer denn bitte die aus seiner Sicht notwendigen „70- bis 80-Stundenwochen“ kontrollieren können? Meyer hätte zudem „relevante persönliche Belange seiner Mitarbeiter zum Teil allzusehr zurückgestellt". Dazu passt auch, dass er von seinen Mitarbeitern verlangte, ihn auf deren Publikationen mit draufzusetzen – auch ohne wissenschaftliche Beteiligung seinerseits, wie die Kommission damals feststellte.

Vielleicht ist Meyer als Chef zwar hart, aber fair. Die Wissenschaft ist wirklich kein Ponyhof. Oder er setzt einfach das Recht des Stärkeren durch, wirtschaftlich wie auch hierarchisch. Blöd nur für die, die arm und machtlos sind.

Leonid Schneider


Nachtrag  20.4.2017: Ulrich Rüdiger, Rektor der Uni Konstanz, hat sich mittlerweile persönlich für das Verhalten "seines" Profs Axel Meyer entschuldigt. Wörtlich heißt es in der Stellungnahme der Universität:

"Mehrere in diesem Text [gemeint ist Meyers FAZ-Beitrag, die Red.] enthaltene Passagen empfinde ich als diffamierend und beleidigend und verurteile sie entschieden. Als Rektor der Universität Konstanz entschuldige ich mich persönlich für diese von einem Universitätsmitglied gemachten Aussagen.

Die Studierenden und auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht nur der Universität Konstanz, sondern aller Hochschulen verdienen es aufgrund ihrer Arbeitsweise und ihres Selbstverständnisses nicht, in dieser Art und Weise und derart pauschalisierend beschrieben zu werden."

Und weiter:

"Ich werde diesen Vorgang weiterverfolgen und habe veranlasst, mögliche Konsequenzen gegenüber Herrn Meyer zu prüfen."




Illustration: Alf van Beem /Wikipedia cc0



Letzte Änderungen: 05.06.2015

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