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Wernickes verschollenes Nervenbündel

(28.11.2014) Neurologen der Universität Stanford dachten schon, sie hätten eine bisher unbekannte Hirnstruktur entdeckt. Aber dann fanden sie heraus, dass ein deutscher Arzt genau dieses Nervenbündel schon 130 Jahre zuvor beschrieben hatte. Wieso war es so lange verschollen?
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Im Jahr 1881 beschrieb der bekannte Neurologe Carl Wernicke eine Gehirnstruktur, die für das Sprach- und Textverständnis wichtig sei. Aber einige Jahre später war seine Entdeckung in der Fachliteratur nicht mehr aufgeführt. Erst jetzt wurde das Nervenbündel von kalifornischen Wissenschaftlern um Brian Wandell und Jason Yeatman (Stanford University) wiederentdeckt – durch Zufall, wie sie selbst sagten (siehe Medienberichte z.B. hier und hier).

Zunächst entging den Autoren offenbar die Bedeutung ihres Funds für die Wissenschaftsgeschichte. Ihre Beschreibung eines senkrecht verlaufenden Nervenbündels (Faszikels) im hinteren Teil des Gehirns, den sie als vertical occipital fasciculus (VOF) definierten, hatten sie bereits 2012 in der kleineren Fachzeitschrift Brain and Language präsentiert, von den Medien weitgehend unbeachtet.

Der damalige Doktorand Yeatman fand es aber aufregend, dass dieser faszinierende Faszikel in der Fachliteratur nirgendwo erwähnt wurde, obwohl er in allen seinen dMRI (Diffusion-Magnetresonanztomographie)-Aufnahmen deutlich sichtbar war. Yeatman dachte bereits, er hätte es mit einer sensationellen Neuentdeckung zu tun. Irgendwann kam aber von Kollegen in der Neurochirurgie der Hinweis, dass sie etwas Ähnliches wie dieses geheimnisvolle VOF mal in einem alten Medizin-Lehrbuch gesehen hätten.

So machte sich Yeatman zusammen mit dem Postdoc Kevin Weiner an eine Detektivaufgabe. Sie wühlten sich durch die Medizinliteratur, unter anderem durch die antiquarische Ausgabe des Gray’s Anatomy-Atlasses von 1918, bis sie endlich auf die ursprüngliche Quelle stießen, das „Lehrbuch der Gehirnkrankheiten für Ärzte und Studierende“ von Carl Wernicke. Die Ergebnisse ihres Studiums der Fachliteratur der vorletzten Jahrhundertwende veröffentlichten die Autoren nun im Journal Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS), ergänzt durch einen Algorithmus für die VOF-Detektion mit dMRI.

Der Entdecker und sein Lehrmeister

Carl Wernicke ist allen Neurowissenschaftlern als ein bedeutender Pionier der neurologischen Sprachforschung bekannt. Er beschäftigte sich sein Leben lag mit Sprachverständnis und dessen pathologischer Störung, der Aphasie. Wernicke entdeckte die dafür wichtigste Hirnregion, später auch Wernicke-Zentrum benannt. Er war also weder ein „Laien-Forscher“ noch eine Frau, die die Fachwelt damals zu ignorieren pflegte. Wie kam es also dazu, dass seine Entdeckung derart vergessen wurde?

Als eine der Ursachen führen Yeatman und Kollegen die unterschiedlichen späteren Bezeichnungen für die Gehirnstruktur des VOF an. Wernicke selbst beschrieb sie als senkrechte Occiptalbündel, aber seine zeitgenössischen Kollegen verwendeten andere Namen. Ein weiterer wichtiger Grund war, dass die damaligen Präparationstechniken keine zuverlässige Reproduktion des Faszikel-Funds ermöglichten. Nur besonders versierte Neurologen waren im Stande, solch eine Struktur halbwegs sichtbar zu machen. Erst durch die moderne dMRI-Technologie konnte das VOF endlich zuverlässig und reproduzierbar dargestellt werden, wie Yeatman et al. nun zeigten.

Andere Gründe für das Verschwinden der Struktur aus der Literatur klingen aber auch unter den Bedingungen der heutigen Wissenschaft nachvollziehbar. Kurzum, Wernickes Daten passten seinem (früheren) Chef nicht ins Konzept. Der Chef, das war Professor Theodor Meynert, ein hochangesehener Wiener Neurologe, der sich einen Namen auf dem Gebiet der Neuroanatomie und der Psychopathologie machte. Damals wie heute waren junge Nachwuchsforscher bestrebt, wenn nötig auch ins Ausland zu fahren, um von einem der weltberühmten Meister lernen zu können. So gehörten zu Meynerts Schülern bekannte Ärzte wie Sigmund Freud, Sergei Korsakoff und Auguste Forel. Für den jungen Neurologie-Assistenzarzt Wernicke war es daher naheliegend, unter allen Umständen bei Meynert in die Lehre zu gehen.

So bat Wernicke seinen Breslauer Vorgesetzten um Erlaubnis, Meynert besuchen zu dürfen. Ungefähr zur gleichen Zeit hat Meynert in einem hochbeachteten „Handbuch der Lehre von den Geweben der Menschen und der Thiere“ postuliert, dass all Nervenbündel (Faszikel) im Gehirn grundsätzlich von vorne nach hinten, also waagerecht, verlaufen würden. Werneckes Faszikel verlief aber senkrecht, und das wäre laut Meynert nun mal unmöglich. Nicht viel anders als manche moderne Professoren war Meynert nicht bereit, seine eigenen, allseits anerkannten Thesen zu überdenken, nur weil die Daten seines Mitarbeiters Wernicke der eigenen Theorie widersprachen. Offenbar hatte Meynerts Wort Ende des 19. Jahrhunderts so viel Gewicht, dass man den senkrechten Faszikel irgendwann als ein Artefakt abtat.

Konflikt zwischen Professor und Postdoc?

Eine Übersichtsarbeit von Paul Eling bringt zudem einige interessante Hinweise zum Verhältnis zwischen Wernicke und Meynert. Trotz der recht kurzen Zusammenarbeit von circa sechs Monaten hat Wernicke seinen Lehrmeister Meynert bewundert und als sein größtes Vorbild angeführt. Meynert wiederum zählte Wernicke zwar zu seinen besten ausländischen Schülern, ansonsten deutet aber wenig darauf hin, dass die große Zuneigung halbwegs beidseitig war. Denn seine ausländischen Studenten mussten sofort hart in die Klinik-Arbeit und haben Professor Meynert kaum zu Gesicht bekommen. Wenn sie von ihrem berühmten Lehrmeister lernen wollten, mussten sie seine Publikationen studieren. Ausserdem waren persönliche Konflikte zwischen Wernicke und Meynert, der gelegentlich „ungemein reizbar und empfindlich“ war, gut möglich. Wernicke wiederum galt als ein Mann, der seine Ideen kompromisslos durchsetzte, ihm wurde sogar „krankhafte Hartnäckigkeit“ unterstellt (Buch "Aphasie", 6. Auflage, Springer Verlag). Durch seine Art, Feindschaften auszulösen, verlor er seine Dozenten- und Assistenzarzt-Stellen an der „Irrenanstalt des Allerheiligen-Hospitals“ in Breslau sowie an der Berliner Charité.

Kurz nachdem Wernicke es dank seiner Publikationen doch zu einer ordentlichen Professur in Halle brachte, kam er auf einem Fahrradausflug in Thüringen bei einem tödlichen Zusammenstoß mit einem Pferdefuhrwerk um.

Vielleicht kommt der Fall Meynert/Wernicke heutigen Postdocs bekannt vor, es scheint sich seitdem in dieser Hinsicht wenig geändert zu haben. Aber die Moral ist: Es lohnt sich, für seine Ideen und Entdeckungen einzustehen. Vielleicht bekommt man in hundert Jahren dann doch recht.

 

Leonid Schneider

Abb.: Public Domain



Letzte Änderungen: 28.01.2015

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