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Ethik für Chefredakteure

Viel zu oft überwinden wissenschaftliche Publikationen die Hürde "Peer Review", die sich hinterher als mangelhaft oder gar gefälscht heraus stellen. Daneben erliegen die noblen Paper-Prüfer allzuoft der Versuchung "Ideenklau". Nun wollen die Journale endlich handeln.

(12.12.2004) Mit einer freiwilligen Selbstverpflichtung wollen die Chefredakteure von fast 250 medizinischen Fachzeitschriften den Umgang mit Manuskripten, Leserbeschwerden und anderen Problemen regeln, welche die Integrität der Berichterstattung gefährden können, berichtet das British Medical Journal (http://bmj.bmjjournals.com/cgi/content/full/329/7478/1301?ecoll).

Das "womöglich erste Beispiel" für eine Selbstregulation in diesem Fachkreis soll einer wachsenden Zahl von zweifelhaften und unvollständigen Publikationen entgegenwirken, die in jüngster Zeit das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Fachberichterstattung erschüttert haben. Der neue Ethikcode kann im Internet unter http://www.publicationethics.org.uk/guidelines/code eingesehen werden.

Mehr Transparenz!

Zur Qualitätssicherung verpflichten sich die im "Committee on Publication Ethics (COPE)" vereinten Journale unter anderem, transparenter zu werden und die Kriterien öffentlich zu machen, nach denen Facharbeiten vor der Veröffentlichung geprüft werden. Bei dieser als "Peer Review" bekannten Prozedur entscheiden in der Regel anerkannte Fachleute, ob die Manuskripte ihrer Kollegen eine Veröffentlichung wert sind. In den Top-Journalen überwindet nicht einmal jede zehnte Arbeit diese Hürde. Fast immer müssen die Autoren mehrere Anläufe unternehmen, bis die von den Prüfern reklamierten Schwächen beseitigt sind, angeblich unvollständige Daten mit zusätzlichen Experimenten ergänzt wurden und die Schlußfolgerungen akzeptiert werden.

Ideenklau und Verzögerungstaktik

Da die Prüfer oft anonym arbeiten und mitunter in direkter Konkurrenz zu den Autoren der eingereichten Manuskripte stehen, kam es in der Vergangenheit immer wieder zum Vorwurf des Ideenklaus. Wenn beispielsweise Prüfer und Prüfling gleichzeitig an dem selben Problem arbeiten, riskiert der Autor, seinem Konkurrenten einen entscheidenden Tip zu geben. Wenn dann auch noch die eigene Publikation immer wieder verzögert wird, und der Prüfer während dieser Zeit die gleichen Schlußfolgerungen in einem anderen Journal veröffentlicht, ist Ärger vorprogrammiert.

Eine Patentlösung für solche Streitfälle hat zwar auch das Committee on Publication Ethics nicht zu bieten, immerhin verpflichten sich die Mitglieder aber, Korrekturen und Entschuldigungen zu drucken, "wenn es nötig ist". Facharbeiten, die sich im Nachhinein als falsch oder gar gefälscht erweisen, sollen durch einen entsprechenden Hinweis offiziell zurückgezogen werden und damit auch in den Datenbanken als wertlos gekennzeichnet. Auch die Verpflichtung, "stichhaltige Kritik" der Leser publik zu machen, soll zur Wahrheitsfindung beitragen.

Auch Patienten sollen besser geschützt werden

Patienten wollen die Chefredakteure der Vereinigung gleichfalls besser schützen als bisher. Dazu will man überprüfen, ob die eingereichten Arbeiten den jeweils gültigen ethischen Richtlinien genügen. Für die bei den Lesern sehr beliebten Fallstudien, in denen die Krankengeschichte ungewöhnlicher und schwieriger Patienten ausgebreitet werden, soll künftig eine Einverständniserklärung der Betroffenen verlangt werden. Bisher schützte man die Privatsphäre der Patienten lediglich dadurch, daß man deren Namen nicht ausdrücklich nannte oder nur die Initialen abdruckte.

Mehr als drei Jahre sind vergangen, seit die wichtigsten englischsprachigen Fachjournale sich dem Thema Interessenkonflikte zugewandt haben. Allerdings ging es damals nur um die Autoren und deren mögliche Abhängigkeit von der Pharmaindustrie. Nun fasst man sich an die eigene Nase und verfügt, daß die Chefredakteure journalistische und kommerzielle Entscheidungen nicht miteinander verquicken sollen - eine Praxis, die bei den meisten deutschsprachigen medizinischen Fachzeitschriften gang und gäbe ist. "Ungeachtet der wirtschaftlichen und politischen Realitäten ihrer Journale sollen die Redakteure ihr Urteil darüber, welche Artikel gedruckt werden, anhand deren Qualität und Nützlichkeit für die Leser fällen, anstatt anhand des kurzfristigen finanziellen oder politischen Gewinns", heißt es dagegen in den Statuten des COPE.

Ob nun den Worten auch Taten folgen?

Und noch eine Neuerung dürfte die hiesigen Chefredakteure verblüffen. Gemäß der freiwilligen Selbstverpflichtung "sollen" nun alle COPE-Mitglieder auch ihre eigenen Interessenkonflikte publik machen. Wie weit dies geht, bleibt abzuwarten. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung hatten beispielsweise nur 12 der 20 Mitglieder im Redaktionsvorstand des BMJ British Medical Journal Informationen zu möglichen Interessenkonflikten bereit gestellt (http://bmj.bmjjournals.com/aboutsite/comp_editorial_board.shtml). Auf der Website eines anderen COPE-Mitglieds, des renommierten "Lancet", waren keinerlei Angaben über mögliche Interessenkonflikte zu finden.

Michael Simm



Letzte Änderungen: 12.12.2004
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