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Forscher-Ranking à la Thomson Reuters

(18. August 2014) Thomson Reuters veröffentlichte kürzlich eine Liste der meistzitierten Forscher der Dekade von 2002 bis 2012. Laborjournal sprach mit sechs der ausgezeichneten Wissenschaftler.
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Manche Wissenschaftler werden im Ranking gleich in zwei Teilgebieten der Medizin und Biologie als Highly Cited Researchers geführt. Dazu zählen im deutschsprachigen Raum unter anderem der Bioinformatiker Peer Bork (EMBL Heidelberg), der Biochemiker Matthias Mann (MPI Martinsried), der Gastroenterologe Stefan Schreiber (Universitätsklinikum Schleswig-Holstein) sowie der Mediziner Jaakko Tuomilehto (Donau-Universität Krems).

Üppige Förderung für die molekulare Medizin

„Die Zusammenarbeit mit Forscherinnen und Forschern verschiedener Disziplinen im Exzellenz-Cluster Entzündungsforschung macht unsere Arbeit so erfolgreich“, so der Kieler Medizinprofessor Schreiber. In diesem Verbund erforschen Wissenschaftler an den Universitäten Kiel und Lübeck, am Forschungszentrum Borstel und am Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie in Plön die genetischen und molekularen Grundlagen chronisch entzündlicher Krankheiten. Ziel ist es letztendlich, diese besser behandeln zu können.

„Für Erkrankungen des Darmes wie Colitis ulcerosa und Morbus Crohn oder für die Immunerkrankung Sarkoidose konnten wir genetische Ursachen identifizieren. Zur Behandlung chronisch entzündlicher Darmerkrankungen haben wir neue Therapien mitentwickelt“, erläutert  Schreiber. Auch die genetischen Ursachen der Langlebigkeit erforscht er. Im Ranking von Thomson Reuters ist er in den Kategorien Klinische Medizin sowie Molekularbiologie und Genetik genannt.

„Zusätzlich zu den Geldern für den Exzellenzcluster haben wir sehr erfolgreich weitere Gelder des BMBF und der DFG eingeworben. Die Bundesregierung hat ja in den letzten Jahren eine Aufholjagd im Bereich der molekularen Medizin finanziert“, berichtet der klinische Forscher. „Meine Abteilung war beteiligt am Nationalen Genomforschungsnetz und am Deutschen Humangenom-Programm. Darüber hinaus haben wir Gelder über das Kompetenznetz-Programm und über die Initiative e:med erhalten. Bisher werden entzündliche Krankheiten symptomatisch behandelt, da die Ursachen zum großen Teil noch im Verborgenen liegen. Aufgrund auch unserer Arbeiten wissen wir heute, dass Morbus Crohn auch durch Schwachstellen in der angeborenen Immunität bedingt ist“, erklärt der Gastroenterologe.

Freiräume und gute Zusammenarbeit als Erfolgsgrundlage

Gisbert Schneider, Professor für computergestütztes Wirkstoffdesign an der ETH Zürich, freut sich über seine Nennung im Gebiet Pharmakologie und Toxikologie: Sie sei eine befriedigende Anerkennung harter Arbeit. Der Biochemiker und Bioinformatiker untersucht, wie Methoden der künstlichen Intelligenz für den vollautomatischen Entwurf neuer, pharmakologisch aktiver Wirkstoffe eingesetzt werden können. In seinem Labor werden die per Computer vorhergesagten Molekülstrukturen chemisch synthetisiert und biochemisch-biophysikalisch getestet.

Für seinen Erfolg im Ranking macht er vor allem zwei Faktoren verantwortlich: zum einen die Freiheit zur Gestaltung seines Forschungsgebietes und zum anderen den Freiraum, auch abseits des und teilweise gegen den wissenschaftlichen Mainstream forschen zu können. „Sicher sind auch eine gute finanzielle und apparative Ausstattung wichtig, um anspruchsvolle Experimente zu entwickeln und durchzuführen. Zudem steht hinter dem Erfolg oft ein gutes Team, in dem alle vertrauensvoll und respektvoll zusammenarbeiten. Nach meiner Erfahrung bestimmen gerade zwischenmenschliche Faktoren nachhaltig die Leistungsfähigkeit und den langfristigen Erfolg“, so der Wissenschaftler.

Früchte des BioFuture-Wettbewerbs

„Meine Gruppe hat hart gearbeitet und wir hatten zum Teil sehr gute Kooperationspartner. Auch mein hoher Anspruch an die Qualität von Veröffentlichungen hat sich ausgezahlt“, kommentiert Ute Krämer von der Ruhr-Universität Bochum, die im Ranking unter Pflanzenwissenschaften und Zoologie genannt ist. Mit ihrer Gruppe erforscht die Professorin extreme Merkmale bei Kreuzblütlern wie Schwermetalltoleranz und -speicherung. Ihr Interesse gilt der molekularen Basis, Evolution und Ökologie dieser Eigenschaften. Sie untersucht sogenannte Schwermetall-Homöostase-Netzwerke. Diese regulieren in Pflanzenzellen die Konzentration an essentiellen, potentiell giftigen Schwermetallen wie Kupfer und Zink und halten die Konzentration an nicht-essentiellen Schwermetallen wie Cadmium und Blei gering.

Eine Voraussetzung für ihre vielbeachteten Veröffentlichungen sei die Unterstützung durch den BioFuture-Wettbewerb des BMBF gewesen, so Krämer. Die Förderung ermöglicht Nachwuchswissenschaftlern aus dem In- und Ausland, die in der Forschung bereits erfahren sind, mit einer eigenen Arbeitsgruppe über einen Zeitraum von fünf Jahren unabhängig zu arbeiten. „Es wird sicherlich weiterhin eine Herausforderung bleiben, alleine anhand der Zitationen die führenden Köpfe eines Wissenschaftsgebietes zu identifizieren. Thomson Reuters hat einen sehr guten Weg eingeschlagen“, kommentiert die Pflanzenphysiologin das Ranking.

Wichtige Namen fehlen

Rudolf Amann, Direktor der Abteilung molekulare Ökologie am Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie in Bremen, äußert jedoch Kritik: „Für das Feld Mikrobiologie fehlen mir die Namen einiger wichtiger Kollegen sowohl aus Deutschland wie auch aus Amerika, die ebenfalls sehr erfolgreich publiziert haben. Ich vermute, das liegt daran, dass die Grenze sehr weit oben angesetzt wurde. Zudem erscheinen mir manche Felder im Ranking sehr klein.“

Amann erforscht die Vielfalt, Zusammensetzung und Funktion von mikrobiellen Lebensgemeinschaften des Meeres. Dabei interessiert ihn die Wechselwirkung von Bakterien und Archaeen mit den globalen Stoffkreisläufen. In den vergangenen zehn Jahren standen dem Wissenschaftler das interdisziplinäre Umfeld und die Ressourcen der Max-Planck-Gesellschaft zur Verfügung. „Ich habe hier Kollegen, die sich mit Methanabbau und Ammoniumabbau im Meer beschäftigen. Dazu kann meine Abteilung mit molekularbiologischen Methoden beitragen. Bei der Untersuchung des Polysaccharidabbaus im Meer bin ich die treibende Kraft an unserem Institut“, berichtet er.

„Meine Abteilung entwickelt zudem Oligonukleotidsonden, die für viele Projekte nutzbar sind. Wir machen Fluoreszenz-in-situ-Hybridisierungen in Kombination mit Genomik und Metagenomik. Damit untersuchen wir das Zusammenleben von Organismen. Auf diese Weise werden wir entsprechend häufig zitiert“, erläutert der Forscher. Dass er, stellvertretend für seine Abteilung, im Ranking vertreten sei, betrachte er als eine Auszeichnung für das Institut mit exzellenten Kollegen und Mitarbeitern, aber auch für die erfolgreichen internationalen Kollaborationen seiner Abteilung.

Dennoch hält er hohe Qualität in der Forschung und hohe Innovationskraft für wichtiger als die Ergebnisse bibliometrischer Untersuchungen, auch wenn sie bei Nachwuchswissenschaftlern die Karriereschritte beschleunigen können. „Wenn wir uns allein auf Bibliometrie stützen würden, könnten Einstellungsentscheidungen von Statistikern gemacht werden“, kommentiert er ironisch.

Kleine Forschungsgebiete im Nachteil

Seine Nennung als einer der meistzitierten Wissenschaftler auf dem Gebiet Neurowissenschaften und Verhalten erleichtere die Einwerbung neuer Drittmittel sowie die Einbindung in internationale Kooperationsprojekte, bemerkt der Neuropathologe Hans Lassmann. Er ist Direktor der Abteilung Neuroimmunologie am Zentrum für Hirnforschung an der Medizinischen Universität Wien. Allerdings begünstige das Ranking Arbeiten in international sehr beachteten Forschungsfeldern, in denen viele Arbeitsgruppen tätig seien. „Wichtige Forschunsgbeiträge in kleineren Forschungsgebieten werden mit dieser Analyse kaum erfasst“, gibt er zu bedenken. „Die quantitative Erfassung der Zitationsrate ist zwar ein wichtiges, aber bei weitem nicht das einzige Kriterium zur Beurteilung der wissenschaftlichen Qualität einer Forschungsgruppe“.

Lassmann erforscht die Entstehung entzündlicher Erkrankungen des zentralen Nervensystems mit dem Schwerpunkt Multiple Sklerose. „1999 wurde an unserer Universität ein neues Zentrum für Hirnforschung errichtet, in dem ich mit der Leitung einer eigenen Abteilung betraut wurde. Durch die damit verfügbare Infrastruktur konnten neue Projekte initiiert und durchgeführt werden, die davor nicht möglich waren“, so der Arzt und Wissenschaftler. „Im selben Zeitraum wurde an unserer Universität ein neues PhD-Curriculum etabliert. Das neue Zentrum erwies sich als eine sehr attraktive Ausbildungs- und Forschungsstätte für talentierte Doktoranden und Postdocs. Ohne ihre engagierte Mitarbeit wäre unsere Arbeit nicht möglich gewesen.“ So gelang es seiner Gruppe, wesentliche Fragen zur Pathologie der Multiplen Sklerose und anderer entzündlicher Erkrankungen des Nervensystems zu klären.

Nennung als Ansporn

Nichts zu klagen hat Markus Heinrichs, seit 2009 Professor für Biologische und Differentielle Psychologie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und einer der meistzitierten Wissenschaftler auf dem Gebiet Neurowissenschaften und Verhalten. Er leitet auch die Forschungsgruppe „Social Neuroscience“ am Freiburg Brain Imaging Center des Universitätsklinikums sowie die Psychotherapeutische Hochschulambulanz für stressbedingte Erkrankungen. „Wir beschäftigen uns mit den neurobiologischen Grundlagen des menschlichen Sozialverhaltens. Bei unseren Untersuchungen kombinieren wir experimentelle Verhaltensforschung, Neuroendokrinologie, Methoden der Hirnforschung und Genetik. In unserer Forschungsambulanz versuchen wir, die entdeckten Mechanismen für die Behandlung von Patienten mit sozialen Störungen nutzbar zu machen“, erläutert der Forscher.

Seine Nennung als Highly Cited Researcher betrachtet Heinrichs als Ansporn. „Vor allem ist das eine große Motivation für die gesamte Arbeitsgruppe, auch zukünftig einen substanziellen Beitrag für die Weiterentwicklung unseres Forschungsfeldes zu liefern. Es liegt ja noch viel mehr Arbeit vor als hinter uns!“

Sein gutes Abschneiden führt der Wissenschaftler auf angemessene Ressourcen und, nicht zuletzt, auf sein motiviertes Team zurück. „Ein weiterer entscheidender Faktor ist die Kooperation mit exzellenten Kolleginnen und Kollegen aus angrenzenden Disziplinen, woraus sich methodisch und konzeptionell immer wieder neue Ideen und Ansätze ergeben“, erläutert er.

Anspruchsvolle Auswahlkriterien

66 der im Ranking genannten Forscher in den medizinischen und biologischen Fachgebieten haben ihre primäre Institutsanbindung in Deutschland, 30 in der Schweiz und 8 in Österreich. Sie veröffentlichten in den Kategorien Biologie und Biochemie, Klinische Medizin, Immunologie, Mikrobiologie, Molekularbiologie und Genetik, Neurowissenschaften und Verhalten, Pharmakologie und Toxikologie sowie Pflanzenwissenschaften und Zoologie. Für ihre Arbeitgeber ist dies natürlich eine gute Gelegenheit, sich in den Medien in ein positives Licht zu rücken. Spitzenreiter bezüglich der Zahl der Nennungen in dieser Auswahl ist in Deutschland mit knappem Vorsprung das Max-Planck-Institut für molekulare Pflanzenphysiologie in Potsdam-Golm. In Österreich liegt die Donau-Universität Krems knapp vorne und in der Schweiz sind die Spitzenreiter die ETH Zürich und das Schweizerisches Institut für Bioinformatik (SIB).

Um aufgeführt zu werden, mussten die Forscher hohe Hürden nehmen. Für das „Highly Cited Researcher“ Ranking berücksichtigt Thomson Reuters nur Veröffentlichungen, die im Zeitraum von 2002 bis 2012 in ihrem Gebiet und pro Jahr bezüglich der Zitierungen zu den „Top 1%“ zählen. Insgesamt wertet die Agentur über hunderttausend Artikel und Reviews in ihrer Web of Science-Sammlung aus 21 Gebieten der Natur- und Gesellschaftswissenschaften aus. Bei der Anzahl der im Ranking jeweils gelisteten Wissenschaftler wurde die Größe der Forschungsfelder berücksichtigt.

Kritik der Scientific Community abgeschmettert

Rankings können nicht alle glücklich machen, vor allem nicht diejenigen, die nicht darin aufgeführt sind. Eine bestmögliche oder überlegene Methode, Leistung zu messen, gäbe es nicht, betont Thomson Reuters auf seiner Webseite. Das klingt plausibel. Schließlich hebt jede Rankingmethode bestimmte Leistungen oder Erfolge heraus. Warum denn weniger erfahrene Fakultätsangehörige im Ranking erscheinen, etabliertere dagegen unerwähnt bleiben, wollten Wissenschaftler wissen (siehe die Rubrik „Frequently Asked Questions“). Thomson Reuters erläutert, dass nur aktuelle Publikationen zwischen 2002 und 2012 ausgewertet wurden, nicht die gesamte Publikationsliste eines Wissenschaftlers.

Auch die Zuordnung der Forscher zu den einzelnen Wissenschaftsfeldern wurde kritisiert. Sie orientiert sich an den Zeitschriften, in denen die bewerteten Artikel erschienen und stützt sich auf die in den Essential Science Indicators (ESI) festgelegten Gebiete. So wollte ein häufig zitierter Wissenschaftler in den Ingenieurswissenschaften beispielsweise lieber den Mathematikern zugerechnet werden, da dies auch seiner Institutsanbindung entspricht. Thomson Reuters erklärte aber, besagter Forscher habe laut ESI größeren Einfluss in den Ingenieurswissenschaften. Außerdem gäbe es kein allgemein anerkanntes Einteilungsschema für Forschungsgebiete.

Immerhin ist die Agentur offen für Anregungen: Forscher, die glauben, eine bessere Methode für das Ranking häufig zitierter Autoren zur Hand zu haben, werden gebeten, sich an den Technischen Support zu wenden.



Bettina Dupont
Illustration: © haru_natsu_kobo - Fotolia.com



Letzte Änderungen: 01.09.2014

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