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Mikrobe mit Raumfahrt-Ambitionen

(14. Juni 2014) Das International Institute for Species Exploration hat die Top Ten der 2014 neu entdeckten Arten gekürt. Darunter auch der aussergewöhnliche Fund einer Regensburger Biologin.
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Etwa 18.000 der Wissenschaft bisher unbekannte Arten wurden im letzten Jahr erstmals beschrieben. Viele dieser Neuentdeckungen von Tieren, Pflanzen und Mikroorganismen waren Routinearbeiten der Taxonomen, kaum beachtet ausserhalb der Fachkreise. Gelegentlich hat eine neue Art aber das gewisses Extra. Einmal im Jahr kürt das International Institute for Species Exploration (IISE) deshalb die Top Ten New Species, die sich von der Masse abheben – sei es durch ihr Aussehen, ihre Lebensweise oder auch durch eine einfallsreiche und treffende Namensgebung.

Auch eine besondere Neuentdeckung, die mit Regensburger Beteiligung zustande kam, ist 2014 auf diese Liste gewählt worden: Ein Organismus, der an einem Ort lebt, an dem er eigentlich absolut nichts zu suchen hat. Denn wo findet man eine neue Art? Da denkt man an tropischen Regenwald oder ähnlich lebensfreundliche und zivilisationsferne Biotope. Und ganz sicher nicht an einen Reinraum der NASA, in dem Techniker in Schutzanzügen unter eigentlich sterilen Bedingungen an Raumsonden basteln. „Es ist einer der saubersten Plätze auf Erden“, sagt der Mikrobiologe Dr. Parag Vaishampayan. Aber genau dort, im clean room der Weltraumforscher, sind Mikrobiologen vor ein paar Jahren fündig geworden, und zwar gleich zwei mal unabhängig voneinander. Eine bisher unbekannte Bakterienart tauchte sowohl im Kennedy Space Center in Florida auf, in dem die Mars-Sonde Phoenix zusammengeschraubt wurde, als auch in einem ebenso penibel eingerichteten Reinraum der European Space Agency (ESA) im südamerikanischen Kourou (Französisch-Guayana).

Gefilterte Luft, mit UV-Licht sterilisierte Oberflächen, spezielle Schutzanzüge und Mikroben abwehrende Bodenbeläge stellten offenbar kaum ein Hindernis für Tersicoccus phoenicis dar, wie der Organismus seit 2013 offiziell heißt. Beteiligt an der Artcharakterisierung war auch ein Team der Universität Regensburg unter Leitung von Dr. Christine Moissl-Eichinger, die das Bakterium erstmals im ESA-Zentrum entdeckt hatte.

Wenn es Tersicoccus in den lebensfeindlichen Montageraum der Raumsonde Phoenix geschafft hat, hat es dann auch die Reise zum Mars angetreten? Genau das soll eigentlich durch die strengen Sterilbedingungen vermieden werden. „Planetary Protection“ heißt die Devise, blinde Passagiere von der Erde sollen nicht auf andere Planeten exportiert werden. „Für jede Weltraummission ist eine maximal erlaubte biologische Belastung definiert“, erklärte Dr. Rüdiger Pukall vom Leibniz-Institut DSMZ (Deutsche Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen) letztes Jahr anlässlich der Vorstellung einer Sammlung genügsamer Bakterien mit Raumfahrer-Potential.

Dass Tersicoccus phoenicis nun den Mars besiedelt, ist zwar unwahrscheinlich. Aber sollte die NASA jemals über die Entdeckung von Lebewesen auf anderen Planeten berichten, dürfen wir skeptisch nachfragen: Denn vielleicht war es ja doch nur ein bisher unentdecktes Mitbringsel von der Erde.

Neben dem ebenso unwahrscheinlichen wie unscheinbaren Bakterien-Fund haben es aber auch  deutlich makroskopischere Entdeckungen in die Top Ten 2014 des IISE geschafft. Allen voran die seltene Entdeckung eines bisher unbekannten Säugetiers, des Olinguito – die erste Neubeschreibung eines karnivoren Säugetiers seit 35 Jahren. Auch ein Gekko, Saltuarous eximius, ist ein aussergewöhnlicher Neufund größeren Kalibers. Unscheinbar, aber grazil und ungewöhnlich sind dagegen einige andere der ausgewählten „Top Species“, etwa das winzige Insekt Tinkerbella nana, bennannt nach der kleinen Fee Tinkerbell, die Peter Pan begleitet.

„Wichtiger“ als die 18.000 übrigen neu beschriebenen Arten sind die Raumfahrer-Mikroben und die  anderen Einträge der Top Ten nicht unbedingt. Aber immerhin bekommt die oft stiefmütterlich behandelte - weil ja „nur“ deskriptiv arbeitende - Disziplin der Taxonomie und Biodiversitätsforschung durch die Aktion einmal im Jahr etwas wohlverdiente Aufmerksamkeit.

Insofern darf, passend zum WM-Sommer und dem gestrigen 5:1 – Erfolg der niederländischen Mannschaft, auch ein Hinweis auf Penicillium vanoranje nicht fehlen, eine weitere Art der diesjährigen IISE-Liste. Den Artnamen vanoranje trägt der Pilz zu Ehren des niederländischen Königshauses – denn dieser Vertreter der Gattung Penicillium besticht vor allem durch seine knall-orange Farbe.

 

Hans Zauner


Foto: ESA/DLR



Quellen:

IISE - Top Ten New Species

Original-Arbeit: in International Journal of Systematic and Evolutionary Microbiology
(2013),63, 2463–2471

Pressebericht Universität Regensburg (aktuell)

Pressebericht DSMZ (Jan 2013)

Artikel in Scientific American von Clara Moskowitz, Nov. 2013



Letzte Änderungen: 06.08.2014

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