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Große Visionen und versponnene Ideen

(28. Mai 2014) iGEM, ein internationaler Wettbewerb für Biohacker, ist eine Brutstätte für wilde Ideen, die mit großem Enthusiasmus angegangen werden. In München stellten jetzt iGEM-Teams aus ganz Deutschland ihre Projekte vor.
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(28. Mai 2014) Das Biozentrum der Ludwig-Maximilians-Universität in Martinsried scheint wie ausgestorben. Kein Wunder, wer geht sonntags und bei bestem Biergartenwetter schon gerne ins Labor. Aber in einem Hörsaal im Obergeschoss geschehen seltsame Dinge. Eine Kuh steht vor etwa 60 Zuhörern und wackelt mit dem Kopf. Na gut, in Wirklichkeit nur ein Braunschweiger Student in einem schwarz-weiß gefleckten Kuh-Kostüm. Aber was geht hier vor?

Der als Wiederkäuer getarnte Braunschweiger und die anderen Teilnehmer der International Genetically Engineered Machine Competiton (iGEM) sind nach München gekommen, um ihre Projekte vorzustellen.

iGEM fand erstmals vor mehr als zehn Jahren am MIT in Boston statt. Seitdem hat der Biohacker-Wettbewerb weltweit begeisterte Anhänger gefunden, so auch in Deutschland. Die Idee: Studenten aller Semester, aus biowissenschaftlichen und benachbarten Fachrichtungen, arbeiten gemeinsam an einem selbst entworfenen Projekt im Bereich der synthetischen Biologie. Die Nachwuchsforscher greifen dabei auf „BioBricks“ zurück. So heißen bei iGEM DNA-Elemente, die dank kompatibler Schnittstellen wie Legosteine zusammengebaut werden können. Bei einem großen „Jamboree“ in den USA bewertet eine Jury die Projekte, es gibt Preise in verschiedenen Kategorien.

Letzten Sonntag trafen sich also elf deutsche iGEM-Teams in München. „Wir wollten eine Gelegenheit haben, uns vor dem internationalen Treffen in Boston mit anderen deutschen Teilnehmern auszutauschen“, erklärt Carolin Kobras vom Münchner iGEM-Team, das die Idee für das Meeting in Bayern hatte.

                 (Foto: Teilnehmer der deutschen iGEM-Teams in München)

In Kurzvorträgen stellen die Gruppen ihre Projekte vor. Noch ist Zeit bis zum Jamboree in den USA, und die eigentliche Laborarbeit steht bei den meisten Teams erst bevor. Eine gute Gelegenheit, sich Rückmeldungen von Teilnehmern aus anderen Städten zu holen. Ist das Projekt machbar? Welche Probleme könnte es geben?

Jedes iGEM-Team hat zwar auch einen erfahrenen Betreuer, der beratend zur Seite steht. „Aber die Ideen für die Projekte kommen von den Studenten selbst“, betont Kobras. Auch sonst kümmern sich die Teilnehmer um fast alles eigenhändig – angefangen von den Reagenzien für die Experimente über die Labor-Organisation bis hin zur Öffentlichkeitsarbeit. Wichtig ist auch das Einwerben von Sponsorenmitteln, denn nicht nur die Experimente, auch die Reise in die USA muss bezahlt werden.

Die Teilnahme am Giant Jamboree in Boston ist natürlich der Höhepunkt für die iGEMler. In der Vergangenheit haben deutsche Teams dort ausgezeichnet abgeschnitten. Für die meisten Teilnehmer ist das Abräumen von Preisen aber nicht das Wichtigste. Sich vernetzen, Erfahrungen sammeln, mit Leuten aus verschiedenen Fachrichtungen zusammenarbeiten: das motiviert die Studierenden für diese zeitaufwendige Freizeitbeschäftigung. Der ansteckende Enthusiasmus der iGEM-Bewegung war in München jedenfalls deutlich zu spüren.

Die Ideen, die deutsche Teams dieses Jahr ins Rennen schicken, sind vielfältig. Da will beispielsweise eine Gruppe aus Berlin Bakterien basteln, die sich durch einen Magneten steuern lassen. Andere Projekte befassen sich mit Biosensoren für pathogene Keime (Aachen) oder mit Zellen, die als Reaktion auf ein Lichtsignal bestimmte Rezeptoren produzieren, und so verschlüsselte Nachrichten überbringen können (Freiburg).

Ein ehrgeiziges Ziel haben sich auch die Bielefelder vorgenommen. Energie aus Elektrizität soll  genetisch modifizierten Bakterien ermöglichen, Kohlendioxid zu fixieren und daraus nützliche Moleküle zu erzeugen. So ein System könnte als „Biobatterie“ dienen, um Stromspitzen beispielsweise aus Windkraftanlagen sinnvoll zu nutzen. Aber in der Diskussion nach dem Vortrag  wurde klar: einfach wird das nicht, technische Hürden verlangen nach einer kreativen Lösung.

„Rumprobieren, geduldig sein“, auch das lernen die iGEM-Teilnehmer, meint Kobras. „Daneben wollen wir anhand unserer Projekte der Öffentlichkeit erklären, was synthetische Biologie ist. Wir wollen Ängste vor dieser Technologie nehmen“.

In dieser Hinsicht sind die Braunschweiger mit ihrem Kuh-Maskottchen vielleicht auf einem guten Weg. Ihr „Plan zur Rettung der Welt“, wie sie nicht ohne Selbstironie verkünden: Sie wollen Bakterien so verändern, dass sie in der Lage sind, das klimaschädliche Gas Methan zu metabolisieren; am besten gleich dort, wo es in großer Menge entsteht, im Magen der Kuh. Zu diesem Zweck müssten Gene für das Enzym Methan-Monooxygenase in E. coli eingeschleust werden.

Klimafreundliche Kühe, Kohlendioxid-fixierende Stromfresser und ein molekularbiologisches Tool für James Bond: Ist das nicht alles ein wenig arg ambitioniert für kurzfristige Freizeit-Projekte kleiner Teams, die noch dazu mit wenig Geld auskommen müssen? Sicher, und das ist den Nachwuchsforschern wohl auch bewusst. Aber große Visionen und versponnene Ideen sind auch ein fester Bestandteil der iGEM-Tradition.


Hans Zauner

 

 

 

Abbildungen:

Logo - (c)  iGEM

Gruppenfoto: (c) iGEM-Team München

 



Letzte Änderungen: 26.07.2014

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