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Was darf eine Publikation kosten?

(16. Mai 2014) Kürzlich kamen neue Details ans Licht über die Millionensummen, die an Verlage wie Elsevier fließen. Wie teuer darf akademisches Publizieren eigentlich sein?
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(16. Mai 2014) Ehe die großen Wissenschaftsverlage wie Elsevier, Springer oder Wiley ihre Zeitschriften-Abos in großen Bündeln an eine Uni-Bibliothek verkaufen, geht meist ein wochenlanges Geschacher voraus. Am Ende steht grundsätzlich eine Klausel im Vertrag, die beide Seiten zu Vertraulichkeit über den Wert des Deals verpflichtet.

Aber ein paar Anhaltspunkte über den Geldstrom aus der Wissenschaft zu den Verlagen gibt es schon. Der Journalist Richard Van Noorden hatte vor einem Jahr einen gut recherchierten Artikel  zu den Kosten des akademischen Publizierens veröffentlicht. Insbesondere eine Zahl aus seinem Beitrag wird seitdem immer wieder zitiert: Teilt man die Gesamteinnahmen der großen Wissenschaftsverlage (9,4 Milliarden Dollar im Jahr 2011) durch die Zahl der im selben Jahr von diesen Unternehmen publizierten Fachartikel (1,8 Millionen), so ergibt sich, dass pro Artikel im Schnitt etwa 5000 Dollar (rund 3600 Euro) aus den Kassen der scientific community an die Verlagshäuser fließen.

Die Millionen sprudeln

Dabei sind allerdings die Lasten zwischen verschiedenen Instituten ungleich verteilt, wie kürzlich eine Anfrage des Mathematikers Tim Gowers ans Licht brachte. Dank britischer Informationsfreiheitsgesetze kam Gowers trotz Vertraulichkeitsklausel an die exakten Summen, die  Universitäten im Königreich an Elsevier bezahlen. Allein die Universität Cambridge zum Beispiel überweist dem Verlagsgiganten mehr als 1,1 Millionen Pfund (rund 1,35 Millionen Euro) pro Jahr (siehe hier).

Interessanter als die absoluten Zahlen sind allerdings die auffälligen Unterschiede zwischen den Instituten. Die Kosten für den Zugang zur wissenschaftlichen Literatur orientieren sich weniger an der tatsächlichen Nutzung einzelner Zeitschriften, der Anzahl der Bibliotheksnutzer, oder der Größe der jeweiligen Universität. Vielmehr werden einfach historische Vereinbarungen fortgeschrieben. Elsevier gestaltet die Preise also nach wie vor angelehnt an die Zeit, als Journals ausschließlich in Papierform in den Bibliotheken auslagen.

Sowohl der Durchschnittserlös pro Artikel als auch die große Varianz der Kosten, die Gowers Anfragen ans Licht brachte, belegen: Die Verlage können ein „Wert-basiertes“ Preismodell durchdrücken (siehe dazu diesen Artikel von Rick Anderson). Für die Wissenschaft käme aber ein „Kosten-basiertes“ Modell wesentlich günstiger.

Was ist damit gemeint? Apple-Produkte sind ein Beispiel für „Wert-basierte“ Preisfindung. Die Elektronikteile und der Zusammenbau eines Mobiltelefons in Fernost kosten Apple wohl kaum mehr als der Billig-Konkurrenz. Aber der typische Apple-Kunde denkt beim Einkauf nicht über die niedrigen Produktionskosten nach – für den Käufer zählt allein der Wert, den das schicke iPhone für ihn ganz persönlich hat.

Fantastischer Profit

Bei Kosten-basierter Preisfindung dagegen hat der Käufer eine recht gute Vorstellung davon, was die Herstellung kosten darf und er ist nur bereit, einen mäßigen Aufschlag auf die Herstellungskosten zu bezahlen. Lebensmittel wie Milch und Butter fallen in diese Kategorie.

Bei traditionellen Zeitschriften-Abos liegen die erzielten Preise deutlich über den Produktionskosten, wie die fantastischen Gewinnmargen (typischerweise 30-40%) der akademischen Großverlage zeigen. Wissenschaftliche Journals zu publizieren ist damit eine der profitabelsten Geschäftstätigkeiten überhaupt, wenn man von kriminellen Unterfangen wie Drogenhandel oder Waffenschmuggel einmal absieht.

Und Wissenschaftler sind noch immer bereit, oder gezwungen, so viel Geld für den Zugang zu Fachliteratur zu zahlen – der Preis richtet sich eben allein nach dem Wert des Produkts, nicht nach den Produktionskosten der Verlage. Den Verlagsunternehmern und ihren Investoren gefällt so eine Situation natürlich.

Das gilt mit anderen Vorzeichen vielleicht sogar für Open Access-Zeitschriften, die von den Autoren eine Publikationsgebühr nehmen. So müssen Autoren bei PLOS Biology mehr als 2100 Euro bezahlen, um dort erscheinen zu dürfen. Steht das in einem angemessenen Verhältnis zur Gegenleistung, die PLOS erbringt? Um das beurteilen zu können, müsste man wissen, wieviel Geld die Verlage für verschiedene Aspekte ihrer Dienstleistung ausgeben, also beispielsweise die Organisation des Peer Review, das Bereithalten von Servern, die Pflege ihrer Datenbanken, Marketingmaßnahmen und so weiter.

Überteuert?

Will man diese Kostenstellen aufgedröselt sehen, so geben sich die meisten Open Access-Publisher aber genauso zugeknöpft wie die etablierten Altverlage. Liegt das vielleicht daran, dass der Publikationsprozess eines Online-Artikels heute in Wirklichkeit spottbillig ist, und damit sowohl die Abo-Gebühren als auch die typischen „Article Processing Charges“ der Open Access-Verlage überteuert sind?

Interessant ist in dem Zusammenhang ein recht neuer Open Access Verlag namens „Ubiquity Press“. Anders als die Konkurrenten PLOS, BioMedCentral oder PeerJ listet der Verlag genau auf, wofür die Publikationsgebühr verwendet wird.

Ubiquity Press rechnet vor, dass das eigentliche Publizieren, also die Organisation des Peer Review und die Online-Produktion eines Artikels, umgerechnet ca. 100 Euro kostet. Weitere 115 Euro pro Paper sind für indirekte Kosten einkalkuliert, also den Unterhalt der Server- und Software-Infrastruktur, Marketing und andere „Geschäftskosten“ (in dieser Summe steckt wohl auch der Unternehmensgewinn). Hinzu kommen noch 85 Euro pro Artikel für einen Unterstützungs-Fonds für Autoren aus Entwicklungsländern und andere organisatorische Kosten. Macht insgesamt eine Publikationsgebühr von gerade mal 300 Euro pro Artikel.

Man beachte die Diskrepanz zur oben genannten Zahl von 3600 Euro pro Paper, die die etablierten Verlage im Durchschnitt einnehmen. Selbst die absurd hohen Profitmargen können diesen Unterschied nicht erklären. Sind die Kalkulationen des ambitionierten Jungunternehmens also unrealistisch oder haben die alten Verlage aufgrund ihrer überkommenen Unternehmensstrukturen höhere Kosten?

Vermutlich beides. Ubiquity Press unterschätzt vielleicht den organisatorischen Aufwand, der nötig ist, um ein qualitativ akzeptables Journal auf Dauer am Leben zu erhalten. Insbesondere geht die Kalkulation offenbar davon aus, dass quasi alle redaktionellen Dienste, also zum Beispiel Erinnerungsemails an säumige Gutachter, Korrekturlesen und die Formatierung von Text und Abbildungen, entweder vollautomatisch oder von gering qualifizierten Dienstleistern in Billiglohnländern erledigt werden – wenn nicht Wissenschaftler in ihrer Rolle als Editorial Board Members einige dieser lästigen Jobs umsonst erledigen.

Andererseits schleppen die Traditionsverlage in der Tat Ballast aus der Print-Ära mit. Erfolgreiche Neugründungen wie PLOS ONE beweisen schon, dass man mit heutiger Software- und Server-Struktur tausende Artikel pro Jahr mit minimalem Personalaufwand publizieren kann, bei einem doch meist akzeptablen Qualitäts-Standard.

Unbezahlte Sekretäre

Über eines sollten sich Wissenschaftler bei allem Enthusiasmus über günstige Open Access – Journals aber Klarheit verschaffen: In dem Maße, in dem neue, schlanke Online-Verlage den Service ihrer Mitarbeiter auf ein Minimum beschränken, wächst auch der Zeitaufwand für die Wissenschaftler, die in ihrer Eigenschaft als Gutachter oder Editorial Board Member häufig in die Rolle eines unbezahlten Verlagssekretärs rutschen.

Denn nicht alle redaktionellen Aufgaben kann man komplett an Computer-Algorithmen oder an Service-Center auf den Philippinen delegieren. Konsistente ethische Standards einhalten, Streitfälle und Beschwerden moderieren, eine Auge auf Interessenkonflikte der Autoren und Gutachter haben – dafür braucht man qualifizierte Experten.

Vielleicht kommt man bei genauer Analyse zur Einsicht, dass manche Serviceleistungen der Verlage ein paar Euro mehr wert sind.

 

Hans Zauner

 

 

Foto: "InfoGibraltar", via Wikimedia (Lizenz: Creative Commons BY)



Letzte Änderungen: 13.07.2014

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