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Gift und Galle

Intrigen, Neid und Liebesdramen. Starke Emotionen brodeln im Molekularbio-Labor ebenso wie im Großraumbüro. Aber die Verfügbarkeit diverser Chemikalien gibt profanem Laborkollegen-Zwist hin und wieder eine diabolische Wendung.
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(27.3.2014) Magdalena Koziol konnte es nicht glauben: Schon wieder waren ihre Zebrafische auf mysteriöse Weise gestorben. Und zwar ausschließlich für Versuche bestimmte Fische, die sie zuvor in ein separates, mit ihren Initialen versehenes Aquarium umgesetzt hatte. Was war nur los? Yale-Postdoc Koziol installierte eine Überwachungskamera. Die Auswertung der Videobilder ergab ein ebenso schockierendes wie eindeutiges Ergebnis. Ertappte die Kamera doch einen Postdoc-Kollegen auf frischer Tat beim Vergiften der Tiere. Offenbar konnte der feine Kollege den Erfolg der Zebrafisch-Expertin nicht ertragen.

Dass sich das Drama an einer Elite-Uni zugetragen hatte, verwundert nicht, wenn man weiß, wie kompetitiv die Atmosphäre an diesen Instituten ist. Erstaunlich ist aber, dass es auch nach Aufklärung des Vorfalls für Koziol erst mit Verspätung ein Happy End gab. Zwar ist der Täter nicht mehr an der Uni tätig. Aber offenbar war es dem Chef der beiden gar nicht recht, wie sich die Dinge entwickelt hatten – Koziol berichtet von bösen Blicken, Drohungen und mangelnder Unterstützung. Sie ist letztendlich nach Cambridge zurückgekehrt, ins Labor ihres Doktorvaters, dem Nobelpreisträger John Gurdon (unter anderen kommentierte der Blogger PZ Myers kürzlich die Ereignisse in Yale).

Kriminelle Energie

Die Episode ist sicher eine aufschlussreiche Milieustudie über die oft vertrackten Beziehungen unter wissenschaftlichen Mitarbeitern. Aber Neid und Missgunst gibt es bei auch bei Bürojobs in der Wirtschaft. Was der Geschichte einen diabolischen Dreh gibt, ist die chemische Komponente. Begnügt sich der rachsüchtige Sachbearbeiter im Großraumbüro damit, die Zimmerpalme des verhassten Kollegen mit dem Locher zu malträtieren, so eröffnet ein gut bestückter Chemikalienschrank maliziösere Möglichkeiten – entsprechende kriminelle Energie vorausgesetzt.

Anderswo sind verbrecherische Forscher gar sehr viel weiter gegangen als der skrupellose Fisch-Vergifter an der Universität Yale. Nicht nur Versuchstiere, Labormitarbeiter selbst wurden immer wieder mal Opfer von Giftattacken. Die bekanntgewordenen Vorkommnisse vergangener Jahre sind zum Glück allesamt seltene Einzelfälle. Aber verdächtig oft sind Eliteinstitute betroffen. Dort begünstigt der raue Wind offenbar solche Taten – so könnte man zumindest spekulieren.

Kaffeemaschinen abgeschafft

Da ist beispielsweise der schon lange zurückliegende, aber archetypische Fall eines verärgerten Wissenschaftlers an der Rockefeller University. In erpresserischen Drohbriefen verlangte er im Jahr 1994 die umgehende Kündigung von zwei Mitarbeitern. Um seiner Forderung Nachdruck zu verleihen, rührte der Täter eine größere Menge Natriumfluorid unter den Zucker im Pausenraum. Mehrere Angestellte litten in der Folge unter Vergiftungserscheinungen.

Mysteriös blieb hingegen ein ähnlicher Zwischenfall in Harvard im Jahr 2009. Sechs Kaffee-trinkende Forscher wurden dort vergiftet. Toxikologen diagnostizierten Natriumazid als Ursache – also ebenfalls eine Chemikalie, die in vielen Laboren nur einen Handgriff entfernt steht. Aber der Vorgang wurde nie offiziell aufgeklärt, und bald lief alles weiter wie bisher. „Allerdings haben wir jetzt keine Kaffeemaschinen mehr“, kommentierte ein Beteiligter lakonisch.

Die Liste solcher Ereignisse ließe sich fortsetzen. Die benutzten Chemikalien unterscheiden sich, aber zwei Konstanten kennzeichnen die Taten: Erstens das (oft nur vermutete) Motiv, eine angespannte Situation unter Elite-Forschern. Und zweitens der Laborkaffee als Tatwaffe. Ob Acrylamid an der University of California in San Diego, oder radioaktives P-32 am MIT – man kann von Glück sprechen, dass die Opfer all dieser Attacken überlebten.

Vergiftete Liebe

Neben Neid auf den Erfolg der Kollegen findet man natürlich auch das andere klassische Motiv für einen Giftanschlag: Zurückgewiesene Liebe. Eine Onkologin am M.D. Anderson Center in Texas etwa wurde Ende 2013 beschuldigt, ihrem Lover Ethylenglykol in den Kaffee gekippt zu haben.

Sicher, das sind alles Extremfälle. Aber gleichzeitig sicher nur die Spitze eines Eisbergs. Wenige unzufriedene Forscher werden so weit gehen, die Versuchstiere der Kollegen, oder gar die Kollegen selbst, zu vergiften. Aber was an alltäglichen, fiesen, Neid-gesteuerten Gemeinheiten in den Laboren brodelt, kann man nur erahnen. Jedenfalls gibt es auch für absichtlich vertauschte Beschriftungen von Petrischalen und andere Sabotage-Akte gut dokumentierte Fälle.

Und was lernen wir daraus? Dass man als Laborverantworlicher giftige Chemikalien sicher aufbewahren und einen Überblick darüber haben muss, welche Stoffe wofür und in welcher Menge verbraucht werden, sollte selbstverständlich sein.

Aber die Vorkommnisse enthalten auch eine andere Warnung, vor allem an die Chefs: Besser beizeiten gemütlich eine Tasse selbst gebrauten Kaffee oder Tee mit den Mitarbeitern trinken und über etwaige ungute Schwingungen sprechen.

 

 

Hans Zauner

 

Fotomontage: unter Verwendung einer Abb. v. Julius Schorzman, via Wikipedia



Letzte Änderungen: 30.09.2015

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