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Und bist du nicht willig, so brauch ich ein Open-Access-Mandat

Mit durchsichtigen Argumenten bekämpft die Verlagslobby einen Gesetzesentwurf, der die obligatorische Zweitveröffentlichung wissenschaftlicher Werke vorsieht. So ganz überzeugend ist die Open Access-Pflicht aber wirklich nicht. Ein Kommentar.
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(21. Februar 2014) Baden-württembergische Wissenschaftler sollen ihre Publikationen in Zukunft frei zugänglich machen, spätestens ein Jahr nach Erscheinen. So steht es in einem Entwurf zum neuen Landes-Hochschulrecht, der dem Landtag vorliegt. Die geplante Open-Access-Verpflichtung betrifft alle Publikationen, die „im Rahmen der Dienstaufgaben“ eines Wissenschaftlers entstehen.

Zwei Wege kommen dafür in Frage: Entweder die Autoren veröffentlichen ihr Werk in einem Open Access-Journal (das ist der „goldene“ Weg; siehe dazu auch den Beitrag im aktuellen Heft). Oder die Wissenschaftler publizieren über den „grünen Weg“, also zuerst in einem traditionellen Journal, das nur für Abonnenten zugänglich ist. Nach Ablauf der Embargofrist ist der Artikel dann aber über eine Instituts-Datenbank („Repositorium“) frei zugänglich (Damit kein Missverständnis aufkommt: Die seltsame Bezeichnung „Green Open Access“ hat sich international eingebürgert und hat nichts mit der Regierungspartei gleicher Farbe im Südwesten zu tun).

Das Problem des grünen Modells: Die Verlage müssen mitspielen. Die haben darauf aber keine Lust. Repositorien schadeten der Wissenschaft, behauptet der Börsenverein des deutschen Buchhandels (der Interessenverband der deutschen Verlagsbranche) in einer Stellungnahme zum Gesetzes-Entwurf.

Außerdem verstosse das geplante Gesetz gegen die Forschungsfreiheit. Es müsse den Forschern selbst überlassen bleiben, wo und wie sie publizieren. Vor allem in diesem Punkt sind sich die Verlage mit dem deutschen Hochschulverband einig, der den Vorstoß des Börsenvereins unterstützt. Drittens überschreite das Landes-Parlament seine Kompetenzen.

Die Ausführungen des Börsenvereins verströmen den kalten Mief der Juristenstube und enthalten Passagen, die mich daran zweifeln lassen, ob man sich dort jemals mit einem Uni-Bibliothekar unterhalten hat. Denn es sei doch alles prima, so der Tenor der Interessenvertreter. Die Verleger hätten ihre Infrastruktur in vorbildlicher Weise auf die schöne neue Digital-Welt umgestellt. Wenn man ihnen jetzt ins Geschäft pfusche, wäre die ganze ach so forschungsfreundliche Verlagslandschaft in Gefahr. Und die Wissenschaftler selbst seien doch zufrieden mit dem Staus Quo. Ärger über mangelnden Zugang zu Publikationen rangiere ganz weit hinten auf ihrer Sorgenliste.

Ja, in der Tat sind die allermeisten Journale mittlerweile elektronisch erhältlich, was den Verlagen  auch Druckkosten und Risiko erspart (nebenbei gefragt: wurde diese Ersparnis eigentlich jemals an die Kunden weitergegeben?). Ja, Literatur-Bezug ist heute einfacher und komfortabler als früher. Ja, die Verlage haben die Umstellung auf digitale Verbreitung ihres riesigen Portfolios halbwegs flott bewerkstelligt, was sicher nicht ganz billig war. Verständlich, dass sie jetzt erst mal alles möglichst so lassen wollen, wie es ist – die Investitionen in dieses Internet sollen sich nun ordentlich lohnen.

Aber leider haben die Verlage auch kräftig investiert, um künstliche digitale Mauern hochzuziehen, die viele potentielle Leser vom Zugang zu steuerfinanzierter Wissenschaft aussperren. Das gefällt Forschern weniger. Denn die wollen gelesen werden, wenn sie schon keinen Anteil am Verkaufserlös ihrer Werke bekommen.

Und die Budget-Sorgen ihrer Bibliothekare sind den Wissenschaftlern selbst oft gar nicht präsent – es sei denn, die eigene Lieblings-Nischenzeitschrift fällt plötzlich aus dem Sortiment. Verglichen mit dem gesamten Forschungs-Budget fallen die Publikationskosten kaum ins Gewicht, da hat der Börsenverein schon Recht, formal gesehen. Aber sagen sie das mal dem typischen Uni-Bibliothekar, der angesichts drastisch steigender Kosten für Zeitschriften-Bündel kaum Geld für neue Bücher übrig hat. Leicht durchschaubar auch der völlig uneigennützige Vorschlag des Börsenvereins, man müsse den Bibliotheken einfach deutlich mehr Mittel zuweisen, damit sie sich all die wertvollen Verlagsprodukte leisten können. Was nicht gesagt wird: Die Verlage würden einen größeren finanziellen Spielraum der Bibliotheken doch nur dazu nutzen, die Preise noch weiter nach oben zu schrauben. Wehren können sich die akademischen Kunden gegen die Begehrlichkeiten der Verlags-Monopolisten nämlich kaum.

Die Behauptung des Börsenvereins, dass „der Markt für wissenschaftliche Publikationen funktioniert“, muss in den Ohren der Bibliothekare jedenfalls wie blanker Hohn klingen. Im Laborjournal-Heft habe ich näher ausgeführt, wieso es im Abonnement-Modell der Wissenschaftsverlage kaum Wettbewerb gibt. Hier genügt ein Hinweis: Profit-Spannen im Bereich der Life-Science Journals liegen häufig zwischen 30 und 40 Prozent.

Die Stellungnahme der Verlagsvertreter enthält noch andere Passagen, aus denen knallharter Lobbyismus trieft. So wird etwa angezweifelt, ob die öffentliche Hand, also beispielsweise die Bibliotheken, überhaupt in der Lage sei, die nötige Infrastruktur für vernetzte Repositorien aufzubauen. So eine Aufgabe überlässt man lieber den Profis aus der Wirtschaft, so könnte man die Passage zusammenfassen. Eine dreiste Behauptung ist das. Denn wenn irgend jemand Erfahrung im professionellen Archivieren von Texten hat, und zwar seit Jahrhunderten, dann wohl die Universitäten und ihre Bibliotheken. Nebenbei sind deren Aktivitäten am Gemeinwohl ausgerichtet, und nicht an den Zahlen des nächsten Quartalsberichts, wie das bei Elsevier, Springer und Co. meist der Fall ist.

Bevor ich mich völlig dem Zynismus hingebe, angesichts der teils kuriosen Argumente einer mit verzweifelten Mitteln kämpfenden Dinosaurier-Industrie, schiebe ich ein versöhnliches Aber hinterher.

Denn anders als der goldene Weg, der sich durch das Spiel von Angebot und Nachfrage mehr oder weniger von alleine etabliert (oder eben nicht), hängt der grüne Weg stark von gesetzlichen Regelungen ab. Gesetze haben aber die unangenehme Eigenschaft, Modelle überzustülpen, die nicht in auf jeden Einzelfall passen – das muss man den Kritikern zugestehen.

Die Embargoperiode beispielsweise ist tatsächlich völlig willkürlich. In manchen Bereichen ist ein Paper nach einem Jahr so alt, dass es quasi nutzlos ist. In anderen Nischen der Wissenschaft kommt die Rezeption eines Werks nach einem Jahr erst in Schwung.

Und was soll ein Autor machen, der keine vernünftige, mit der Open-Access-Pflicht kompatible Publikationsmöglichkeit für sein Werk findet? Noch immer ist das Prestige des Journals oder des Buchverlags ein entscheidendes Karrierekriterium. Nur Idealisten pfeifen bisher darauf. Kann und darf man prekär beschäftigte Nachwuchsforscher zum Idealismus zwingen? Oder nehmen manche Wissenschaftler Open Access dann als von Bürokraten ersonnene Forscherfolter wahr, anstatt als Chance auf eine grundlegende Reform des Wissenschaftsbetriebs?

Im Übrigen verlängert das Repositorien-Modell das elende Gewürge mit den konservativen Verlagen. Denn ironischerweise funktioniert der grüne Weg ja nur, solange die überkommenen Publikationsstrukturen lebendig sind. Und die Verlage werden ihre eingefahrenen, profitablen Geschäftsmodelle mit Hauen und Stechen verteidigen. Jeder Vorstoß, per Gesetz scheibchenweise etwas Open Access abzutrotzen, wie der jetzt im Südwesten unternommene, ist ein aufreibender Kleinkrieg mit den mächtigen Besitzstandswahrern.

Deshalb bin ich überzeugt, dass den Open Access-Zeitschriften die Zukunft gehört, und der grüne Weg höchstens eine Übergangslösung sein kann. Denn auf dem „goldenen“ Feld müssen sich die  alten Verlags-Platzhirsche plötzlich gegen innovative Konkurrenten behaupten, die nicht den Ballast eines kaputten Geschäftsmodells mit sich herumschleppen.

 

Hans Zauner

 

Abb. / Montage: Open Access logo & iStock



Letzte Änderungen: 15.04.2014

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