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Auserwählte Antragsteller

Der Forschungsantrag für die „eigene Stelle“ ist ein wichtiger Schritt in die wissenschaftliche Unabhängigkeit. Ohne einflussreiche Unterstützer am gewünschten Arbeitsort hat man aber kaum eine Chance auf einen erfolgreichen Antrag, wie Leonid Schneider aus eigener Erfahrung berichtet.
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(24. Januar 2014) Stellt euch mal vor, es gibt eine Stellen-Ausschreibung für Führungskräfte in einer öffentlichen Institution. Eine Schlüsselvoraussetzung für die Bewerbung ist aber, dass ein Abteilungsleiter eine persönliche Empfehlung ausspricht. Nein, nicht heimlich hinter verschlossenen Türen. Vielmehr muss der Bewerbung unbedingt ein offizielles Schreiben beiliegen, in dem der Abteilungsleiter die Nachwuchskraft empfiehlt. Sonst kann die Bewerbung leider nicht berücksichtigt werden. Was anderswo eventuell auf vorsichtiges Unverständnis stoßen würde, ist im wissenschaftlichen Betrieb ganz normal.

Wenn man nach einer Postdoc-Periode den Schritt zum Nachwuchsgruppenleiter wagen will, kann man sich entweder direkt auf offene Stellen bewerben, wo Gehalt, Forschungs- und Personalmittel bereits vorhanden sind. Solche Stellen sind allerdings rar. Die Alternative: Man wird pro-aktiv und schreibt eigene Start-Up-Anträge, die man bei einer deutschen oder europäischen Förderinstitution einreicht. In Frage kommen in erster Linie das Förderprogramm des European Research Council (ERC) und die Emmy-Noether-Förderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Dort kann jeder bis spätestens vier Jahre nach der Promotion einen Antrag einreichen. Es gibt auch andere öffentliche Förderinstitutionen wie die Helmholtz-Gesellschaft oder Länder- und einzelne Universitätsinitiativen. Allerdings gilt grundsätzlich: Ohne ein unterstützendes Schreiben eines Professors oder Institutsdirektors der aufnehmenden Einrichtung ist die Bewerbung sinnlos.

Ohne Unterstützung kein Antrag

Daher stehen immer auch Deadlines auf den Internetseiten der Fördergesellschaft, bis wann man spätestens Kontakt mit einem Professor einer der teilnehmenden Institutionen aufnehmen muss. Wenn der Professor einwilligt, kann man sich als Kandidat bei der Fördereinrichtung bewerben, mit einer Antragsskizze oder direkt mit einem ausgearbeiteten Antrag. So soll sichergestellt werden, dass nur qualifizierte und zur Institution passende Kandidaten als Antragsteller teilnehmen können. Die Institutsleitung wählt also vorab Kandidaten aus, bevor der Antrag an die externen Gutachter geht. Interessanterweise werden auch manche der Nachwuchsgruppenleiter-Stellen inzwischen so ähnlich ausgeschrieben. Das ausschreibende Institut bietet den Bewerbern dabei lediglich Laborräume und ihren guten Ruf, um die eigentliche Antragstellung zu unterstützen.

Bewerbung nur auf Einladung

Vielleicht ist es also nicht ganz unwichtig, mit welcher aufnehmenden Institution im Rücken man den Emmy-Noether-Antrag stellt. Mein DFG-Antrag bei einer kleinen Biologie-Fakultät wurde jedenfalls abgelehnt. Die Praxis der Bewerbung auf Einladung ist übrigens nicht typisch deutsch, kürzlich wurde meine Bewerbung als Assistant Professor an einer großen belgischen Universität aus formellen Gründen ausgeschlossen – weil die Unterstützung eines dortigen Professors fehlte.

Es wird Nachwuchswissenschaftlern oft empfohlen, eigene Förderanträge zu stellen, um unabhängig zu werden; neulich habe ich diesen Ratschlag sogar von einem Kongresspodium gehört. Die erste Hürde ist aber, einen gewichtigen Unterstützer zu finden. Ich habe es bei verschiedenen Netzwerken versucht, und mehrere Institutsleiter und Professoren rechtzeitig vor den Deadlines mit meinem Projektvorschlag kontaktiert. Meist kam aber gar keine Antwort zurück, auch nicht nach Erinnerungs-Emails.

Merkwürdige Antworten

Manchmal informierte man mich, dass der Kandidat leider bereits feststehe, obwohl die Deadline für Bewerbungen noch nicht vorbei war. Interessanterweise bedauerten die Professoren zwar, mich bei der Antragstellung nicht unterstützen zu können, wollten mich aber gerne aufnehmen, wenn ich doch einen anderweitigen Förderantrag einwerben sollte. Diese merkwürdige Antwort bekam ich öfter; nur muss ich doch irgendwo Kandidat sein, um einen Antrag zu stellen. Aber wie werden diese Kandidaten ausgewählt? Meist eben nicht von einer transparenten Findungskommission.

Ich versuche mal, mir die Sicht der anderen Seite anzueignen.

Ich stelle mir also vor, ich wäre der Direktor einer Forschungseinrichtung. Ich bin bestrebt,  mein Institut finanziell und personell zu stärken. Ein Nachwuchsgruppenleiter, der Vorhaben mit einem eigenen Antrag finanziert, ist im Prinzip willkommen. Was ich nun brauche, ist ein geeigneter Kandidat.

Variante 1: Vor jeder Deadline flattern Hunderte Bewerbungen in mein E-Mail-Postfach, alle mit Anschreiben, Lebensläufen und mehrseitigen Antragsskizzen. Meine Güte, wann soll ich die alle lesen. Meinen sie, ich hätte sonst nichts zu tun? Da lösche ich diese ganzen Spam-Emails und stelle doch lieber einen Kandidaten auf, den ich persönlich kenne.

Variante 2: O je, so viele Bewerber, leider wollen sie alle etwas anderes erforschen als das, was ich als Direktor für wichtig halte. Dieser Kandidat, den ich mit meinen Kollegen zuvor ausgesucht habe, will aber genau an dem Thema arbeiten, das wir uns vorstellen. Ist ja klar, wir haben ja auch längst zusammen einen schönen Antrag vorbereitet.

Variante 3: Die meisten jungen Leute da draußen wissen wie es läuft, und mein Postfach wird nicht behelligt. Ein paar Bewerber haben aber doch ihre Lebensläufe und Projektskizzen geschickt. Klingt zwar alles interessant, aber wenn die Bewerber niemanden persönlich kennen, der sie unterstützt, müssen es Aufschneider oder gestörte Soziopathen sein. Finger weg, da ist mein eigener treuer Kandidat doch die sicherere Wahl.

Eigentlich liegen diese drei Varianten gar nicht weit auseinander und treffen womöglich alle zu. Am Ende wird nicht unbedingt der beste verfügbare Wissenschaftler aufgestellt. Aber weil es alle so machen, und weil die aufnehmende Institution (und deren Direktor) oft gewichtiger ist als der eigentliche Antrag oder die Publikationsleistung des Kandidaten, funktioniert alles ganz gut. Zumindest dann, wenn man sich das Prozedere aus der Direktorenperspektive anschaut.

 


Leonid Schneider

 

Foto: iStock



Letzte Änderungen: 17.03.2014

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