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Maulkorb für den Internet-Mob?

Öffentliche Kritik im Internet bringt Schwung in die Diskussion von wissenschaftlichen Publikationen. Aber einige Etikette-Fragen sind ungelöst, gerade wenn es um Einwände größeren Kalibers geht.  
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(12. November 2013) Im Internet darf jeder mitreden, zu jedem Thema. Vormals passive Konsumenten verbreiten  spontan und rund um die Uhr ihre Ansichten über diverse Kanäle, seien es Kommentarspalten, Blogs, Twitter oder Facebook.

Diese mittlerweile gar nicht mehr so neuen Kommunikationsformen spielen für „professionelle“ wissenschaftliche Publikationen bisher allerdings nur ein Nebenrolle. Noch immer werden Manuskripte für Fachartikel in erster Linie im exklusiven Kreis aus Autoren, Redakteuren und zwei bis drei eingeladenen Gutachtern besprochen.

Aber wäre es nicht effektiv und lehrreich, wenn sich alle interessierten Forscher an der Besprechung einer Arbeit beteiligen könnten? Wenn das Publizieren nicht der Schlusspunkt eines Forschungsprojekts wäre, sondern der Anfang einer Diskussion über Stärken, Schwächen und Bedeutung („Impact“)?

Und hat die Schwarm-Intelligenz der sich im Internet tummelnden Wissenschaftler nicht das Potential, Artikel eingehend auf unsauberes Arbeiten abzuklopfen – von fehlenden Daten und schlampiger Statistik bis hin zu Plagiat und Fälschung?

Warten auf die Schwarm-Intelligenz

Neu ist die Idee nicht. „Post-Publication Peer Review“ geistert seit Jahren als Ergänzung oder manchmal sogar als Ersatz für das traditionelle Review-Verfahren durch jede Diskussion um die Zukunft des wissenschaftlichen Publizierens. Nature beispielsweise hatte schon 2006 damit experimentiert. Durchschlagenden Erfolg und Einfluss hat das nachträgliche Begutachten bisher jedoch nicht erreicht. Vor allem deshalb, weil bisher nur wenige qualifizierte Forscher überhaupt bereit oder interessiert waren, öffentliche Kommentare unter einem Paper einer anderen Arbeitsgruppe zu hinterlassen.

Aber das bisherige Schattendasein des Post-Publication Peer Review ist kein Grund, die Idee aufzugeben. In der prä-digitalen Zeit sozialisierte Forscher sind es vielleicht einfach nicht gewohnt, ihre Ansichten oder gar Kritik im Internet auszubreiten und ziehen die ritualisierte, traditionelle Form des bürokratisch organisierten Pre-Publication Peer Review vor.

Aber bald werden die vielbeschworenen digital natives, die Internet-Ureinwohner also, die Gepflogenheiten in der Wissenschaft bestimmen, schon aus ganz banalen demographischen Gründen. Wissenschaftler, die als Jungforscher ihre ersten Arbeiten in mechanische Schreibmaschinen gehackt hatten, verabschieden sich langsam aber sicher in den Ruhestand. Ob die heutigen und zukünftigen Nachwuchsforscher dem offenen Gedankenaustausch im Netz gegenüber  aufgeschlossener sind? Ich würde es annehmen, generell gesprochen.

Plattformen für kritikfreudige Forscher

Möglichkeiten für Post-Publication Peer Review gibt es mittlerweile jedenfalls genug. PubPeer beispielsweise ist ein Portal, bei dem Forscher anonym Paper kritisieren können. Und auch PubMed, die weithin bekannte Datenbank für Literaturrecherche, stellt seit Kurzem mit PubMedCommons eine Plattform für kritikfreudige Forscher bereit. Die Nutzer können dort jedes in der Datenbank enthaltende Paper kommentieren (im Moment nur für eingeladene Testnutzer zugänglich).

Im Idealfall diskutieren Leser und Autoren dort in konstruktiver Atmosphäre die Bedeutung und den Neuigkeitswert einer Arbeit und klären kleinere Schwächen oder Missverständnisse.

Aber wenn Leser publizierte Paper auf Ungereimtheiten untersuchen, dann kommt gelegentlich auch Erstaunliches bis Befremdliches zu Tage. So entdeckte jemand in der Zeitschrift ACS Organometallics im August dieses Jahres eine ominöse Bemerkung in den supplemental materials eines Papers, die ganz offensichtlich nur für die Augen der Erst-Autorin gedacht war; die Autoren hatten vergessen, den verhängnisvollen Satz vor dem Einreichen des Manuskripts zu löschen.

Emma, please insert NMR data here! Where are they? And for this compound, just make up an elemental analysis....“ Die Erst-Autorin des Papers, Emma Dinkel, wurde also offenbar aufgefordert, Daten zu erfinden („make up“).

Diese seltsame Anweisung wurde ausgiebig und mit Leidenschaft diskutiert, unter anderem auf der Seite ChemBark.  Eine abgebrühte Aufforderung zur Daten-Fabrikation des Senior-Autors Reto Dorta? Oder einfach nur ein des Englischen nicht hundertprozentig mächtiger Schweizer Laborchef, der etwas ganz anderes meinte, als er tatsächlich schrieb? Schnell weitete sich die Diskussion aus, auch andere Aspekte des Papers kamen unter die Lupe. (Ob in diesem Beispiel wirklich Fehlverhalten vorliegt oder nicht, ist nicht Thema meines heutigen Beitrags. Die Universität Zürich, an der die Arbeit entstand, hat jedenfalls eine Untersuchung eingeleitet.)

Maulkorb für Online-Chemiker

Wohl als Reaktion auf hitzige Diskussionen dieser Art verfasste das Editorial Board von ACSNano, einer anderen Publikation der American Chemical Society, kürzlich ein Editorial, in dem Editor-in-Chief Paul Weiss und seine Kollegen inständig darum beten, jeglichen Verdacht auf Fehlverhalten zukünftig vertraulich an die Redaktion zu richten und auf öffentliche Diskussion zu verzichten. Bei ChemBark war man ganz und gar nicht begeistert über diesen Versuch, einer lebendigen Online-Community einen Maulkorb anzulegen.

Im Umfeld von PLoS Biology tobt gerade ein ähnlicher Streit über öffentliche Kritik an potentiellem Fehlverhalten. Paul Brookes, Associate Professor in Rochester, hatte PLoS Bology über Email und über die Kommentarfunktion der PloS-Site auf 'verdächtige' Abbildungen in einem 2012 erschienenem Artikel aufmerksam gemacht. Es geht dabei um Banden in Western Blots, die recht ähnlich bis identisch aussehen, aber eigentlich laut den Autoren verschiedenen Experimenten entstammen sollen (der fragliche Artikel von Higashida et al. ist hier). Von PLoS Biology kam erst einmal wochenlang keine Reaktion – so zumindest die Darstellung von Brookes. In PubPeer und auf seinem eigenen Blog  wiederholte er seine Kritik und erreichte damit ein weites Publikum, zumal die Geschichte seitdem auch bei Twitter die Runde macht.

Wenn Leser öffentlich den Vorwurf des möglichen Fehlverhaltens in den Raum stellen, geraten die Redakteure der Fachzeitschriften in eine Zwickmühle, gibt PloS-Biology-Editor Theodora Bloom zu (hier).
Die Regeln des Committee on Publication Ethics (COPE), denen sich viele biomedizinische Zeitschriften, so auch PLoS, verpflichtet haben, sehen eine öffentliche Diskussion jedenfalls nicht vor. Der zuständige Redakteur solle vielmehr zuerst die Autoren um eine Stellungnahme bitten. Falls die Forscher die Vorwürfe nicht ausräumen können, muss das Journal bei ernsthaften Hinweisen auf Fehlverhalten das Institut der Autoren benachrichtigen; auch die Expertise der Gutachter des Papers ist eventuell noch einmal gefragt.

Fehlerhafte Publikationen durch ein Corrigendum oder nötigenfalls eine Retraction richtig zu stellen, ist also meist ein zäher Vorgang, der oft genug droht, im Sande zu verlaufen.

Der Geist ist aus der Flasche

Was aber tun, wenn währenddessen ein Shitstorm über Autoren und Journal hinweg fegt? Wie sollen Journal-Editors und beteiligte Wissenschaftler auf (oft anonyme) Anschuldigungen im Netz reagieren, während sie gleichzeitig versuchen, den Wahrheitsgehalt der Vorwürfe in vertraulichen Gesprächen zu klären?

Natürlich hat Bloom recht, wenn sie an Leser appelliert, äußerst sorgsam mit öffentlichen Verdächtigungen umzugehen. Immerhin steht oft die berufliche Karriere der Autoren auf dem Spiel. Aber der Geist des für alle offenen Internets ist aus der Flasche, ein Maulkorb für Online-Diskussionen ist schlicht nicht durchsetzbar. Außerdem hat man schon den Eindruck, dass es manchen Journals nicht schadet, wenn von außen Druck ausgeübt wird, um die Untersuchung fragwürdiger Publikationen zu beschleunigen.

Etwas Geduld darf man sicher anmahnen, denn Sorgfalt sollte vor Schnelligkeit gehen. Aber andererseits ist es doch so: Haben die Autoren sauber gearbeitet, und haben sie ihre Rohdaten und Laborbücher zur Hand, dann sollte es in der Regel kein großes Problem sein, Fragen und Vorwürfe zügig aus der Welt zu schaffen.

 

Hans Zauner

Foto: iStock



Letzte Änderungen: 01.01.2014

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