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Wo ist meine Publikation, Doktorvater?

Doktoranden gehen oft ohne Erstautor-Veröffentlichungen aus einer mehrjährigen Promotionsphase. Mancher Doktorvater gehört deshalb unter die Aufsicht eines Doktoranden-Jugendamtes, meint Leonid Schneider.
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(24. Oktober 2013) Die meisten Doktoranden die ich kannte, in Deutschland wie auch im Ausland, haben während ihrer Promotionszeit kein einziges Paper als Erstautor veröffentlicht. Manche Promovierte publizieren später, beispielsweise weil sie bei ihrem Betreuer weiterforschen. Manche Paper erscheinen aber auch erst, nachdem der Doktorand die Forschung schon verlassen hat.

Es hat sicher nichts mit mangelndem Können oder fehlender Leistung zu tun, dass so viele Doktoranden während der Promotion nicht publizieren. Umso schlimmer ist es, dass sich frischgebackene Doktoren ohne diesen wichtigen Leistungsnachweis auf Postdoc- oder Industrie-Stellen bewerben, mit entsprechenden Konsequenzen. Man kann aber getrost davon ausgehen, dass die Promotionsstudenten dem Publizieren nicht abgeneigt sind und die Veröffentlichung eines Papers nicht aktiv sabotieren.

Manche Graduiertenprogramme erwarten von Doktoranden ein oder mehrere Erstautoren-Paper als Voraussetzung für die Promotion. Tatsächlich muss man als Qualifikation für den Doktortitel eine neuartige und eigenständig erarbeitete wissenschaftliche Studie vorlegen. Das haben in letzter Zeit auch mehrere Politiker lernen müssen. Für die wissenschaftliche Anerkennung und weitere Karrierentwicklung, z.B. Postdoc-Fellowships, kommt es aber auf Erstautor-Artikel in Fachzeitschriften an. Die Belegexemplare der Dissertation werden meist an Freunde und Familie verteilt und nie gelesen. Der Text der Dissertation ist aber formal auch eine Publikation. Damit ist aus der Sicht vieler Doktorväter dem Kriterium der „eigenständig erarbeiteten wissenschaftlichen Studie“ hinreichend gedient.

Dieser Ausdruck, „Doktorvater“, stammt aus einer Zeit, als ein Patriarch seine Kinder unwidersprochen mit Zucht und Ordnung nach seinem Willen erzog und sagt damit eigentlich schon alles. Niemand schreibt einem Doktorvater oder einer Doktorväterin vor, wie man die Doktorkinder promoviert. Viel zu oft gilt der Doktorand als wissenschaftlich unmündiges Kind. Es hat sich als solches zu benehmen und publiziert erst, wenn der Doktorvater es für richtig hält.

Ich ergreife hiermit die Rolle des Doktorjugendamtes und mache Vorschläge für eine glücklichere Doktorkindheit.

Zuallererst muss eine Promotion als akademische Errungenschaft und Reifeleistung des Doktoranden, nicht des Doktorvaters, verstanden werden. Ein Doktorand ist kein angestellter Untergebener, sondern ein Nachwuchsforscher. Er ist verantwortlich für das eigene Projekt und wird dabei betreut von einem erfahreneren Wissenschaftler, dem Professor oder Gruppenleiter. Diese gemeinsame Leistung spiegelt sich jeweils in der Erst- und Letzt-Autorschaft auf Publikationen wider.

Natürlich passiert es oft, dass eine Promotion weniger glatt läuft als geplant. Deren Abschluss wird erfahrungsgemäß oft anstrengend und frustrierend, sowohl für den Doktoranden als auch für den Gruppenleiter. Trotzdem verdienen es auch anscheinend weniger bedeutende oder negative Ergebnisse, publiziert und mit der wissenschaftlichen Öffentlichkeit geteilt zu werden. Ein Doktorvater sollte deshalb alles tun, um dem Promotionsstudenten zu seinem Recht auf die Erstautor-Publikation zu verhelfen. Und zwar rechtzeitig vor dessen nächstem Karriereschritt.

Viel zu oft aber vernachlässigen vielbeschäftigte Gruppenleiter die Promotionsarbeiten, sie werden zweitrangig behandelt, oder die Doktoranden dienen einfach als technische Assistenten für Postdoc-Projekte.

Die Doktoranden müssen sich aber gerade dann als Wissenschaftler verstehen und Initiative ergreifen, bei Versuchs- und Projektplanung, aber auch beim Schreiben. Nun ist in vielen Laboren das Publikationsschreiben die exklusive Kompetenzdomäne des Gruppenleiters. Die entmutigten Doktoranden nehmen ihre angebliche Unreife hin und warten geduldig darauf, dass der Doktorvater Zeit zum Schreiben findet. Auch wenn Lehrveranstaltungen über wissenschaftliches Kommunizieren hilfreich wären, gibt es Grenzen dessen, was man während der Promotion alleine erreichen kann. Deshalb folgen hier einige Doktorjugendamt-Kontrollregeln:

1)xxVerpflichtende Publikationen als Erst-Autor in Fachzeitschriften mit peer review,  bezüglich Qualität und Anzahl den Erwartungen im spezifischen Forschungsfeld angepasst.

2)xxZeitbegrenzung für die Promotion; z.B. vier Jahre, mit Ausnahmen für Krankheit und Elternzeit.

3)xxJährliche Berichte der Doktoranden an die Fakultät über den Fortschritt der Promotionsarbeit.

4)xxEnglischsprachige Kurse und Workshops für wissenschaftliches Schreiben und Präsentieren.

5)xxPromotionsverlängerungen müssen von der Fakultät genehmigt werden.

Diese Regeln könnten den Doktoranden helfen, sich früher zu selbstständigen Forschern zu entwickeln, während von den Publikationen letztlich auch die Gruppenleiter profitieren würden. Gleichzeitig könnten die Gruppenleiter die Aufgaben der Projektplanung und des Manuskriptschreibens mit den lernenden Doktoranden teilen.

Die strengeren Regeln würden dann auch bei Vergabe der Promotionsstellen Vorsicht anmahnen, wenn absehbar ist, dass die akademische Forschung keine gute Karrierewahl für einen Kandidaten wäre.

Die Jahresberichte sind eigentlich weniger eine Belastung für die Promotionsstudenten (die die Berichte als Vorlage für ihre spätere Promotionsarbeit verwenden könnten), sondern eine motivierende Massnahme für die Gruppenleiter, die genauso Verantwortung für die Promotion tragen wie die Doktoranden selbst. Die Berichte sollen der Fakultät die Chance geben, rechtzeitig einzugreifen, wenn wissenschaftliche Qualität oder Publikationsaussichten in Gefahr geraten. Ausserdem kann eine Doktorarbeit von konstruktiven Urteilen, Ideen und Kollaborationsangeboten nur profitieren.

Ein letzter Punkt: Wird nach Ablauf der Regelzeit eine Verlängerung der Promotion notwendig, sollte die Fakultät das Programm dafür mitgestalten, um einen Publikationserfolg doch noch zu ermöglichen. Welcher Doktorvater wäre da nicht motiviert, die Doktoranden rechtzeitig zu Erst-Autorenschaften zu führen?

Leonid Schneider

Foto: istockphoto



Letzte Änderungen: 11.12.2013

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