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Schlüsselszenen

Aus der Reihe „Erlebnisse einer (anderen) TA“: Frühe Vögel fangen Würmer. Diese Weisheit gilt auch im Labor. Warum macht man es den Vögeln dann so schwer?    
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(17.Oktober 2013) Ich zähle mich zu den Lerchen, da ich morgens und am Vormittag am konzentriertesten arbeiten kann. Daher war ich nicht weiter erbost, als mir neulich beschieden wurde, die erste der vier Pflanzenchargen am nächsten Tag schon um sieben Uhr aufzuarbeiten. Bevor das Licht in der Anzuchtkammer eingeschaltet wird und in ihren Stoffwechsel eingreift. Die Problematik, vor acht zum Gewächshaus vorzudringen, war mir allerdings allzu bekannt. Der offizielle Weg führt durch drei andere Arbeitsgruppen, die so früh leider nicht geöffnet haben. Ich bereitete meine Mission daher sorgfältig vor.

Aus dem PostDoc-Büro organisierte ich mir einen Bund mit allen erforderlichen Schlüsseln, die mir sämtliche Türen auf dem Weg in die heiligen Hallen öffnen sollten.

7:00

Frohen Mutes passiere ich ungehindert und in friedlicher Morgendämmerung die Flure, entriegle die Tür zum Gewächshaus. Im festen Glauben, am Ziel zu sein, stecke ich den letzten Schlüssel in die Tür zur Anzuchtkammer.

Er lässt sich nicht drehen!

Ungläubig versuche ich es erneut, rüttle, nichts. Ich probiere es mit meinem eigenen Schlüssel für unsere Laborräume. Der Gedanke, dass unsere Anzuchtkammer mit unserem Schlüssel zu öffnen ist, erscheint mir durchaus plausibel. Dem Konstrukteur des universitären Schließsystems offenbar weniger, der Schlüssel passt nicht mal ins Schloss. Was nun? Die Gärtner sind noch nicht da. Den Schlüssel aus ihrem Büro holen? Meine Schlüssel passen auch nicht in die verschlossene Bürotür.

7:05

Noch nicht ernstlich beunruhigt, suche ich jemanden vom Reinigungspersonal, berufsbedingte Lerchentypen also, um nach einem Generalschlüssel zu fragen. Leider hat keiner der drei, die ich treffe, einen für meine Problemtür. Zurück ins Gewächshaus, niemand da, Tür verschlossen.

7:10

Im PostDoc-Büro gibt es sicher den passenden Schlüssel für die Anzuchtkammer. Also zurück zum Labor, um unseren Raumpfleger zu bitten, mich dort rein zu lassen. Der gute Mann ist allerdings verschwunden. Sein Kollege eine Etage tiefer hat keinen passenden Schlüssel und ist darüber milde verblüfft. Ich kann ihn gut verstehen!

7:15

Ich werde etwas unruhig. Mir bleiben nur noch 15 Minuten, meine Pflanzen vor den verheerenden Strahlen zu bewahren. Was kann ich tun?

Der Sicherheitsdienst in der Pförtnerloge fällt mir ein, der nachts jede, aber wirklich jede unserer Türen absperrt, und wenn es nur die zur Besenkammer ist. Auf dem Weg dorthin verdränge ich mühsam die Vision, wie meine Pflanzen, nicht-twighlight-vampir-gleich, unter den sengenden Strahlen zu Staub zerfallen oder sich in eine amorphe grüne Masse verwandeln, wie die kleinen Filmmonster.

7:20

Das weiß ich nicht, ich bin neu hier!“, zerstört der uniformierte Mann meine letzte Hoffnung. Was soll nun werden? Grübelnd stehe ich vor dem Glasverschlag, als ein weiterer Wurmanwärter die Szene betritt, um einen vorbestellten Dienstwagen abzuholen. „Das weiß ich nicht, ich bin neu hier!“, wiederholt der Pförtner sein Mantra. Immerhin bin ich nicht die einzige, deren Wünsche an diesem Morgen unerfüllt bleiben.

7:25

Geschlagen schleiche ich zurück zum Gewächshaus. Ein letzter Blick, bloß zur Sicherheit. Und das Schicksal hat ein Einsehen. Der erste Gärtner ist eben angekommen und mit Hilfe seines Schlüssels gelingt es mir in letzter Minute, meine Pflanzen in einem Karton vor der sengenden Verdammnis in Sicherheit zu bringen. Ha!

10 Minuten später verwandeln sich die so mühsam geretteten Pflanzen in meinem Mixer in amorphen grünen Brei.

Maike Ruprecht 

 

 



Letzte Änderungen: 05.12.2013

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