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Rebellion an der Bezahlschranke

Schuss vor den Bug für die Zeitschrift Science: Der Open Access-Aktivist Michael Eisen „befreit“ fünf Artikel über die Mars-Mission der NASA. Steuerfinanzierte Forschungsarbeiten gehören dem Bürger – diese Einsicht setzt sich langsam auch in Deutschland durch.

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(01. Oktober 2013) Michael Eisen hat sich so richtig aufgeregt – über die NASA und über die Fachzeitschrift Science. Deshalb machte er letzte Woche kurzen Prozess: Der Biologieprofessor der Universität Berkeley stellte fünf Artikel aus der aktuellen Ausgabe von Science auf seiner Homepage zum freien Herunterladen bereit. Zum Vergleich: Hat man kein Abo der Zeitschrift, verlangt Science 20 Dollar (ca. 15 Euro) pro Artikel. Ein trotziger Akt digitaler Piraterie also? Nein, so einfach ist es nicht.

 

Denn in den fünf Artikeln berichten NASA-Forscher über die Ergebnisse der Curiosity-Mission zu unserem Nachparplaneten Mars – ein Projekt, das ganz überwiegend vom amerikanischen Steuerzahler finanziert wird; 2,5 Milliarden Dollar öffentliche Gelder sind in das Projekt geflossen und viele der beteiligten Forscher sind Regierungsangestellte.

 

Deshalb habe die Öffentlichkeit Anspruch auf Zugang zu den Arbeiten – und zwar ohne bei Science ein zweites Mal einen Obulus abzudrücken. Das ist nicht nur Eisens persönliche Überzeugung, sondern entspricht im Prinzip der Rechtslage in den USA – zumindest in Michael Eisens Auslegung. Für die Mars-Forschung interessieren sich zudem nicht nur Spezialisten; NASA selbst nutzt Curiosity schliesslich auch als prominentes PR-Vehikel. Absurd, wenn dann die Öffentlichkeit nur Pressemitteilungen und schöne Bilder zu sehen bekommt, nicht aber die eigentlichen Forschungsergebnisse.

 

Die Einsicht, dass mit Steuermitteln bezahlte Forschung der Allgemeinheit gehört, setzt sich auch in Deutschland allmählich durch. So hat der Bundesrat am 20. September ein Gesetz abgesegnet, das ein „Zweitveröffentlichungsrecht“ für bestimmte Forschungsaufsätze gewährt, sobald 12 Monate nach Erscheinen verstrichen sind. Nach dieser Embargoperiode dürfen Autoren also ihre Papers beispielsweise in einem öffentlichen Archiv zum kostenlosen Download bereitstellen – allerdings nur solche Arbeiten, die mit Drittmitteln oder an außeruniversitären Forschungsinstituten zustande kommen.

 

Zweitveröffentlichungsrecht: Es ging in Deutschland also wieder nicht ohne ein teutonisches Wortungetüm; in der englischsprachigen Welt dagegen hat sich ein Farbcode für die verschiedenen Routen zum freien Zugang (Open Access) herausgebildet; die „Zweitveröffentlichung durch Selbst-Archivierung“ heißt dort einfach „Green Open Access“.

 

Im Vergleich zu Regelungen in anderen Ländern ist das deutsche Gesetz für den „grünen Weg“ leider arg restriktiv ausgefallen. Insbesondere die lange Embargo-Periode empfinden Open Access-Unterstützer als Zumutung. Die Alt-Verlage auf der anderen Seite sind auch nicht zufrieden: sie sehen durch die freie Verfügbarkeit vieler Artikel, die älter als 12 Monate sind, die Wirtschaftlichkeit ihrer Zeitschriften in Gefahr.

 

Aber das eigentliche Problem aller Modelle auf der „grünen Route“ hat Joseph Esposito kürzlich in einem Artikel für den Blog „Scholarly Kitchen“ herausgearbeitet: Green Open Access funktioniert nur, solange es nicht so richtig funktioniert. Wenn es nämlich für Forscher und andere Interessierte wichtig ist, schnell und unkompliziert neue Papers zu lesen (wofür ja einiges spricht), dann ist eine Lösung mit Fristen und de-zentralen Repositorien ein fauler Kompromiss.

 

Wird die grüne Route aber nützlich und benutzerfreundlich ausgestaltet – also so, dass freie Papers leicht auffindbar sind, ohne lange Embargo-Fristen – dann fällt es den Bibliothekaren leicht, entsprechende Zeitschriften-Abos zu kündigen; und wenn das viele Bibliothekare machen, verschwindet die jeweilige Zeitschrift vom Markt. Damit fällt aber auch die Nachschub-Quelle für die Repositorien weg, die Katze hat sich in den Schwanz gebissen.

 

Man kann es drehen und wenden wie man will: Green Open Access ist nur möglich, solange Bibliotheken und Institute für Abonnements löhnen – was aus deren Sicht nur sinnvoll ist, solange es eben keine freien Quellen für aktuelle Inhalte der Zeitschriften gibt.

 

Die grüne Route mag als Übergangslösung eine Berechtigung haben – aber es ist ein fragiles Konstrukt, das Forscher nicht glücklich und Verlage nicht reich macht. Wirkliche Erneuerungs-Impulse kommen eher von Publikationsmodellen, die mit klassischen Bezahlschranken nichts mehr am Hut haben – aber davon ein anderes Mal mehr.

 

Für heute nur noch soviel: Wir sollten uns mehr mit dem Baumwollkapselkäfer beschäftigen. Verstehen sie jetzt nicht? Ging mir auch so, als ich diese entomologische Referenz in einem Kommentar entdeckte. Der Kommentator hofft, dass Michael Eisen für Science „so etwas wie der Baumwollkapselkäfer für die Stadt Enterprise (Alabama)“ werde.

 

Ich habe mich bei Wikipedia schlau gemacht: Besagtes Insekt, Anthomous grandis, hatte Anfang des 20. Jahrhunderts die Baumwollplantagen in der Umgebung von Enterprise großflächig befallen, die Erträge brachen dramatisch ein. In seiner Not ließ sich ein Farmer auf das Wagnis ein, Erdnüsse statt Baumwolle anzupflanzen. Andere Farmer sahen den Erfolg und machten es ihm nach; es ging in der Folge richtig aufwärts mit der Stadt Enterprise.

 

Der vermeintliche Schädling hat sich als Wohltäter erwiesen. Heute steht dort gar ein Denkmal für den Boll Weevil, wie der Baumwollkapselkäfer auf Englisch heißt. Vor diesem Denkmal sollten die Lobbyisten der Traditionsverlage vielleicht ein paar Stunden in aller Ruhe meditieren.

                                                                    

                                                                                                                        Hans Zauner

 

 

                                           Fotomontage: Boll Weevil (public domain,US Dept. of Agriculture) /

                                                                Open Access Logo (PLOS, CC-Share-alike3.0)



Letzte Änderungen: 08.04.2014

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