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English rules

Wissenschaftler müssen englisch sprechen und schreiben. Ein Vorteil für Native Speakers?
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Sprachverwirrung einst in Babel

(30. Juli 2013)  Der Professor der britischen Elite-Uni stemmt einen Hominidenschädel in die Höhe. Derart die Aufmerksamkeit der versammelten Forscher an sich ziehend, zündet er ein Feuerwerk aus britischem Sprachwitz, hintersinnigen Pointen und intelligenten Anspielungen. Die Zuhörer sind begeistert. So begeistert, dass sie kaum bemerken, dass die mit viel Trara präsentierten Daten schon einige Jahre alt sind. Weniger geblendet durch die große Show hätte vielleicht jemand kritisch nachgefragt, woran der distinguierte Professor eigentlich noch forscht, wenn er nicht gerade im holzgetäfelten Tea Room seiner Elite-Anstalt intelligente Späßchen von sich gibt.

Souverän ist anders

Im Konferenzraum nebenan: Ein deutscher Forscher. Der Mann ist Perfektionist und es ist nicht das erste Mal, dass er einen Vortrag auf Englisch hält. Man versteht ihn trotz Akzent, auch grammatisch ist fast alles richtig. Aber souverän ist anders. Vielleicht ist er auch gehemmt vom deutschen Humorverbot. Ein Vortragender gilt in der Heimat Kants scheinbar nur dann als seriös, wenn das Publikum mit glasigen Augen auf die Uhr starrt, sanft narkotisiert von immer-sachlich, immer-ernst vorgetragenen Fakten.

Aber das nur nebenbei. Beim Franzosen, der danach kommt, wird's nämlich nicht besser und die Doktorandin aus China hat erst recht mit der Sprache Shakespeares zu kämpfen.

Phrasendreschen ist auch keine Lösung

Auch der gern eingesetzte Trick, mit Hilfe abgehorchter Imponier-Phrasen die Aufmerksamkeit der Zuhörer zu fesseln, schlägt häufig fehl, wenn sich Fremdsprachler daran versuchen. Denn oft strahlen diese Buzzwords nicht die Faszination einer schwirrenden Hummel aus, der alle mit Wohlwollen hinterherschauen. Eher sind die kopierten Sprachfetzen die lästigen Schmeißfliegen der Konferenzszene. Spätestens am zweiten Tag des Meetings fangen die Doktoranden auf den
hinteren Rängen nämlich an, Phrasenbingo zu spielen: Der Holy Grail wird auf den Powerpoint-Altar platziert, Paradigms werden geshiftet und natürlich kommt es am Ende darauf an, wie sich die Daten seen from a Systems Biology perspective interpretieren lassen.

Sogar der helicopter view – eigentlich zu Recht von Konzernmanagern in Quarantänehaft genommen – schafft es gelegentlich in die wissenschaftliche Vortragsszene. Ganz hippe Forscher bringen diese schon lange abgeschmierte Luftfahrermetapher gar in der CEO-Version auf die Bühne: „Let's look at the problem from 30,000 feet."

Wobei doch gerade Wissenschaftler erstens auf SI-Einheiten achten sollten, also 10.000 metres sagen müssten, und zweitens wissen könnten, dass Hubschrauber gar nicht so hoch fliegen.

Wenn der Vortragende geendet hat, verlangt das Ritual eine Fragerunde. Aus eigener Erfahrung gesprochen: Bis einem endlich eine halbwegs klare englische Formulierung für die drängende Frage eingefallen ist, sind manchmal alle schon draussen bei Kaffee und Plätzchen.

Glücklich, wer schon als Student in einem international bestückten Labor arbeitet, mit ein paar Muttersprachlern darunter. Mancher Gruppenleiter, der seine Mitarbeiter nur lokal rekrutiert, veranstaltet Laborseminare aber auch dann auf Englisch, wenn alle Anwesenden im Deutschen besser zurechtkämen. Wenn sie nicht gar bevorzugt bayerisch oder schwäbisch sprechen. Englisch auf Anordnung vom Chef ist gut gemeint, endet aber oft in bizarrem Gewürge.

The most painful stuff on Earth to read

Darum herum kommt sowieso kein Wissenschaftler mehr. Auch die Fachzeitschriften verlangen zwingend das Englische – wer einen Artikel auf Deutsch oder Französisch zu Nature schickt, dürfte dort für einige Erheiterung sorgen. Um die Schreibarbeit in der fremden Sprache abzukürzen, verpacken nicht wenige ihre Daten auch im Schriftlichen in immer gleiche Sprachformeln. Wie man die dekodiert, hat sich mittlerweile aber auch herumgesprochen. Wer es beispielsweise noch einmal wagen sollte, sein Paper mit „It has long been known..." einzuleiten, muss damit rechnen, dass die Leser schon lange wissen: Da war der Autor zu faul, die Referenzen nachzuschlagen.

Souveräner, kreativer Umgang mit einer fremden Sprache ist eben schwer und kostet Zeit. Der Autor Carl Zimmer warnt: „Bad science writing is some of the most painful stuff on Earth to read". (übersetzt: Schlechte Wissenschaftstexte sind mit das Grausamste, was man auf Erden lesen kann.)

Man könnte also schliessen: Briten, Amerikaner, Kanadier, kurz alle, die seit der Kindheit Englisch sprechen, haben einen unfairen Vorteil und sind vielleicht auch deshalb oft Platzhirsche beim internationalen Kräftemessen der Wissenschaftler. Ein souveräner Konferenz-Vortrag kann ein Sprungbrett zur nächsten Anstellung sein. Eine vielzitierte, weil gut geschriebene, Übersichtsarbeit sichert die Reputation als Experte. Und so mancher Gutachter ist sicher schon von eleganter (oder auch nur geschickt eingesetzter) Sprache derart eingelullt worden, dass er ein Loch in der Argumentation übersehen hat. Oder es ging, umgekehrt, eben der zitternde Gutachter-Daumen nach unten, weil das Lesen des Papers eine Qual war. 

Vorteil Mehrsprachigkeit

Aber ein Trost für alle, die Englisch mehr oder weniger unfreiwillig und nur für die Forschung nutzen: Forscher, die in einer anderen Sprache als Englisch zuhause sind, haben auch Vorteile, wie Beryl Benderly in einer Buchbesprechung zum Thema schreibt. Sie haben beispielsweise Zugang zu mehr Informationen.

Beim Ausbruch der Vogelgrippe in China etwa erschienen viele Arbeiten zuerst in lokalen, chinesisch-sprachigen Journals. Abgesehen davon: Das Idiom, das unter Forschern (und allgemein unter Englisch-Lernenden) gesprochen wird, entwickelt sich mehr und mehr zu einer ganz eigenständigen Form. In Brüssel und Strasburg gilt das schöne Wort, die offizielle Arbeitssprache der EU sei „schlechtes Englisch" – und das kann man getrost auf die Wissenschaft übertragen.

Der italienische Genetiker und die schwedische Zellbiologin verstehen sich untereinander oft besser als mit einem Native Speaker. Der Italiener und die Schwedin sind sich nämlich einig darin, wie sie das Englische bändigen: eher kleiner Wortschatz, einfache Grammatik, nicht zu schnell sprechen.

Der Muttersprachler schöpft dagegen tief in seinen inflationären Wortschatz, er färbt seine Rede mit Slang und schlauen Anspielungen - und lässt dabei regelmässig einen Teil der Zuhörer zurück. Baffled, wie der Brite sagt. Ganz abgesehen davon, dass mancher Forscher aus Edinburgh oder Illinois zwar eine 'native' Variante des Englischen spricht, aber trotzdem auf einer internationalen Konferenz schlechter verstanden wird als der Franzose, der sich mit hörbarem Unwillen durch einen englischen Text quält.

Man könnte vielleicht sagen: Auch Native Speakers müssen das richtig schlechte Englisch erst lernen, wenn sie mit uns Stümpern kommunizieren wollen. Das ist doch auch wieder fair.

Hans Zauner

Abbildung: Der Turmbau zu Babel, Menetekel der Sprachverwirrung, auf die Leinwand gebracht vom flämischen Renaissance-Maler Marten van Valckenborch ums Jahr 1600 herum.



Letzte Änderungen: 01.09.2013

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