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Prinz William: Ausreichend Nachwuchs vorhanden?

Wie geht's dem possierlichen Kerlchen in der Königsbucht? Möglicherweise besser, als offizielle Angaben glauben machen möchten.
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(25. Juli 2013)  Um die eigene Art zu erhalten, braucht es neun Monate und widerstandfähige Nachkommen. Zwei amerikanische Ökologen hinterfragten unlängst in einem Fachartikel die Populationsdichte von Prinz-William-Sund-Seeottern. Diese hatte man nach einer Umweltkatastrophe als gefährdet eingestuft - womöglich zu Unrecht.

Ja, es geht um den Seeotter (Enhydra lutris). Das putzige Raubtier aus dem Nordpazifik, das Werkzeuge zu nutzen vermag und dessen Fell als das feinste im gesamten Tierreich angesehen wird, war Anfang des 20. Jahrhunderts nahezu ausgerottet. Gerade noch rechtzeitig beschlossen die Regierungen von Japan, Russland, den USA und Großbritannien im Jahr 1911 ein Jagdverbot (die sogenannte "Convention for the Protection of Seals"). Seitdem stieg die Population von damals rund 1.000 auf heute wieder über 100.000 Individuen. Es könnten aber mehr sein, beklagen Umweltschützer – wäre nicht einem alkoholkranken Tankerkapitän im März 1989 ein folgenschwerer Navigationsfehler passiert.

Eine der bislang größten Umweltkatastrophen der Seefahrt

Joseph Hazelwood lag schlafend in seiner Kabine, als der offiziell von ihm geführte Öltanker Exxon Valdez im Prinz-William-Sund im Golf von Alaska das Bligh-Riff rammte. Die Folge war eine der bislang größten Umweltkatastrophen der Seefahrt: 37.000 Tonnen Rohöl verseuchten zweitausend Kilometer Küste und töteten hunderttausende Fische, Seevögel – und auch schätzungsweise 3.000 bis 5.000 Seeotter, sowohl direkt (über verklebtes und dadurch wasserdurchlässig gewordenes Fell) als auch schleichend (über nicht abgebaute Ölreste im Futter).

Langfristige Auswirkungen?

Wie tief die Delle ist, welche die Seeotter-Bestandskurve damals verpasst bekam, ist umstritten. Bisher galt als belegte Tatsache, dass die Ölpest die Population von Enhydra lutris auch langfristig beeinträchtigte. Mehr als zwanzig Jahre nach der Katastrophe konstatierte beispielsweise der US-Ökoforscher Daniel Monson vom Alaska Science Center (Anchorage) in einem Fachartikel:

"Our results suggest that residual oil can affect wildlife populations on time scales much longer than previously believed and that cumulative chronic effects can be as significant as acute effects."

Monson machte dies am Beispiel der Seeotter-Population im Prinz-William-Sund fest. Übriggebliebenes Öl verursache, so Monson, einen langfristigen Populationsrückgang der possierlichen Tierchen (Daniel Monson et al., Ecological Applications (2011) 21:2917-2932).

Widerspruch aus Minnesota

David Garshelis und Charles Johnson, zwei Umweltbiologen von der Universität von Minnesota, widersprechen Monson in einer kürzlich publizierten Veröffentlichung. Die beiden haben sich ebenfalls der Seeotter-Population im Prinz-William-Sund angenommen und die bisher bekannten Zahlen hinterfragt. Garshelis und Johnson wollten herausfinden, ob es die erwähnte Populationsdelle überhaupt jemals gab – und falls ja, wie tief sie war und ob sie heute noch Auswirkungen zeigt („whether this species has recovered from the initial effects or is suffering from continued impacts").

In ihrem aktuellen Paper „Prolonged recovery of sea otters from the Exxon Valdez oil spill? A re-examination of the evidence", veröffentlicht im Juni 2013 im Marine Pollution Bulletin (Ausgabe 71 (2013) 7–19) üben Garshelis und Johnson deutliche Kritik an früheren Populationsstudien, die „teils Millionen von Dollar" gekostet hätten (so zum Beispiel auch an Monsons erwähntem Ecological-Applications-Paper aus dem Jahr 2011). Zwar bestreiten auch sie nicht, dass die Seeotter in Alaska nach der Exxon-Valdez-Havarie 1989 deutlichen Schaden („major mortality") genommen hätten.

Mannigfaltige Fehlerquellen

Langfristige, über Jahrzehnte nachwirkende, negative Populationseffekte hingegen – und damit den bisher geltenden Mehrheitskonsens unter Ökologen – ziehen die beiden in Zweifel. Viele der bisher zum Thema veröffentlichten Publikationen seien fehlerhaft. So etwa würden die für die betreffenden Ökostudien verwendeten Berechnungsmodelle oft nichts taugen:

„A model based on the otter age-at-death distribution suggested a large, spill-related population sink, but this has never been found, and other model predictions failed to match empirical data."

Garshelis und Johnson bemängeln ferner, dass sich die zeitliche Entwicklung der Otterpopulationen auf unbelasteten beziehungsweise auf ölverseuchten Arealen nur schwer oder gar nicht vergleichen ließe. Daher könne man auch nicht beurteilen, welchen Einfluss speziell der Einzelfaktor Ölverschmutzung auf die Bestandsstärke der Otter habe. Je nach örtlicher Lage des untersuchten (Mikro)Habitats seien die multiplen Einflüsse (etwa durch  Fressfeinde, Menschen, das Wetter/Mikroklima etc.) auf die darin lebenden Seeotter verschieden. Man habe daher bislang quasi Äpfel (die Bewohner von Habitat A) mit Birnen (die Bewohner des ganz anders gelagerten Habitats B) verglichen und somit unzulässige Schlüsse gezogen:

„Significant confounding factors, including killer whale predation, subsistence harvests, human disturbances, and environmental regime shifts made it impossible to judge recovery at such a small scale."

Zu guter Letzt hätten einige Kollegen auch die gesundheitsschädlichen Einwirkungen des mit der Nahrung aufgenommenen Öls auf die Tiere weit überschätzt:

„Some investigators posited that otters suffered chronic effects by digging up buried oil residues while foraging, but an ecological risk assessment indicated that exposure levels via this pathway were well below thresholds for toxicological effects."

Zwielichtiger Geldgeber

Ob also die Ölpest von 1989 wirklich langfristige Auswirkungen auf die Populationsstärke der Seeotter im Prinz-William-Sund hat, ist nach Meinung der beiden US-Forscher mangels belastbarer Daten noch immer weitgehend ungeklärt – auch 24 Jahre nach der folgenschweren Havarie des unglückseligen Kapitäns Hazelwood. Das Paper der beiden könnte für heftigen Zoff in der Ökologenzunft sorgen - zumal Garshelis und Johnson am Ende anmerken, dass ihre Arbeit vom Verursacher der Ölpest, ExxonMobil, finanziert worden sei. Doch auf die Datenerhebung, Analyse und Interpretation habe dies keinerlei Einfluss gehabt, versichern die zwei an der Universität von Minnesota angestellten Ökologen. Die Meinungen und Schlussfolgerungen des Papers seien ihre eigenen, nicht die des verantwortlichen Mineralölkonzerns.

ExxonMobil hat übrigens mehr als drei Milliarden US-Dollar in die Wiederherstellung der verschmutzten Region investiert – ohne dass diese sich bisher gänzlich von den angerichteten Schäden erholt hätte.

Winfried Köppelle

Bildnachweis: Monterey Bay Aquarium



Letzte Änderungen: 29.08.2013

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