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Das Wandern ist des Papers Lust

Dass ein prinzipiell solides Manuskript mehrmals bei verschiedenen Journals bis zur Annahme begutachtet wird, ist unsinnige Zeitverschwendung. Das Open Access-Journal eLife führt jetzt eine Abkürzung ein, die Zeit und Nerven spart. Aber ist die Prozedur wirklich der Weisheit letzter Schluss?
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(4. Juni 2013) So werden Forscherhaare grau. Das nach jahrelangen Mühen endlich fertig gestellte Paper ist mutig bei einem Prestigejournal eingereicht, aber die Autoren hören vom Editorial Office erst mal lange Zeit: ...nichts.

Immerhin ein gutes Zeichen, schließlich dürfen die Autoren annehmen, dass die Arbeit die erste Hürde geschafft hat und im Büro eines völlig überlasteten Wissenschaftlers auf Begutachtung wartet. Ärgerlich, wenn dann doch die niederschmetternde Botschaft eintrifft, die Arbeit sei zwar wissenschaftlich im Großen und Ganzen in Ordnung, aber – leider, leider – in den Augen der Gutachter und des Editors nicht „interessant genug“ für die Leser des exklusiven Blattes.

Zurück auf Start – nächstes Journal probieren

Der Frust ist groß, denn meist heißt es dann: Zurück auf Start – nächstes Journal probieren. Noch einmal Wochen, gar Monate warten. Mit Pech erwischt man dann einen neuen Gutachter, der ganz andere Dinge auszusetzen hat oder gar weitere Experimente fordert.

So kommt es, dass manchmal ein Jahr oder länger vergeht, bis eine grundsolide Arbeit endlich ihr Plätzchen im Ökosystem der Journals gefunden hat. Und am Ende haben sich auf dem Weg zur Veröffentlichung nicht die üblichen zwei bis drei, sondern sukzessive eine ganze Schar Gutachter über dieselben Daten gebeugt – ohne dass die Qualität des Papers davon merklich profitiert hat. Was für eine Zeitverschwendung für Autoren und Gutachter! Und dann hört man zeitgleich aus den Redaktionsstuben, wie schwierig es angesichts des ständig steigenden Publikationsvolumens heute sei, qualifizierte und bereitwillige Gutachter aufzutreiben.

Dabei ist eine pragmatische Lösung für abgelehnte, aber eigentlich solide Manuskripte an sich naheliegend: der ablehnende Editor reicht das Paper mitsamt den Berichten einfach an ein anderes, besser geeignetes Journal weiter – natürlich in Abstimmung mit Autoren und Gutachtern. Am Zielort schaut sich der neue Editor alles noch mal genau an, aber alle nötigen Infos zu Qualität und Bedeutung der Arbeit liegen ja schon vor – es kann also schnell eine Entscheidung fallen.

Interne „Prestige-Kaskaden“

Innerhalb der Publikationen eines Unternehmens ist das schon lange Usus; Verlage basteln sich sogar ganz gezielt „Prestige-Kaskaden“, um möglichst wenige Paper an die Konkurrenz zu verlieren. So führt zum Beispiel ein direkter Weg von PLoS Biology zu PLoS Genetics und von dort weiter zu PLoS ONE, oder auch von Nature zu Nature Genetics.

Neu ist allerdings, was das kürzlich gegründete Open Access-Journal eLife unter geeigneten Umständen anbietet – nämlich abgelehnte Paper samt Gutachten auch an andere Verlage und Organisationen weiterzureichen.

Miranda Robertson, Editor-in-Chief von BMC Biology, beschreibt die genaue Prozedur im BioMed Central Blog. Demnach kann ein abgelehntes eLife -Paper, je nach Eignung und Autorenwünschen, beispielsweise zu den PLoS-Journals, den Titeln von EMBO oder zu BMC Biology wandern – sofern die Gutachter damit einverstanden sind, dass ihre Berichte und ihre Identität weitergegeben werden.

Eine prima Idee. Autoren finden schneller eine Heimat für ihr Paper, und Gutachter verschwenden weniger Zeit auf redundante Berichte. Gibt’s da noch was zu kritisieren? Ein wenig vielleicht doch.

Zuerst einmal sollten Autoren sich nicht wundern, wenn der Transfer in der Praxis vielleicht nicht immer ganz so glatt abläuft. Denn der Editor des neuen Journals wird auf jeden Fall selbst noch mal einen kritischen Blick auf die Arbeit werfen, wenn er seinen Job ernst nimmt. Jedes Journal, jeder Editor hat eigene Schwerpunkte – und eventuell läuft es doch darauf hinaus, dass der Editor einen weiteren Gutachter anfordert, sofern an irgendeinem Punkt Klärungsbedarf besteht.

Geldgeschenke an die Konkurrenz

Kritisch wird es vielleicht auch, wenn wir einen Blick hinter die Kulissen des Verlagsgeschäfts wagen. Denn wieso haben solche Transfers über den Tellerrand eines Unternehmen hinweg bisher höchstens in Einzelfällen und auf informeller Ebene stattgefunden? Ganz einfach: ein Journal, das ein abgelehntes Paper samt Gutachten an einen anderen Verlag abtritt, schenkt der Konkurrenz bares Geld – zumal, wenn es sich um Open Access-Journals handelt, die Publikationsgebühren von den Autoren einkassieren.

Pikant wird dieser kommerzielle Aspekt, wenn man bedenkt, dass eLife von großen Institutionen der öffentlichen Forschungsförderung getragen wird – die Max Planck-Gesellschaft, das US-amerikanische Howard Hughes Medical Institute und der britischen Wellcome Trust  finanzieren das Journal.

Um es ganz konkret durchzuspielen: eLife investiert also in die Begutachtung, lehnt das Paper dann aber aus „Interesse-Gründen“ ab und reicht das Manuskript samt Reviews beispielsweise an BMC Biology weiter. Dort wirft ein Editor einen Blick über die Dokumente und schickt es per Knopfdruck direkt an die hauseigene Produktionsabteilung. Der Aufwand bei BMC Biology ist minimal, die Autoren bezahlen dafür aber eine „Article Processing Charge“ von gegenwärtig 1.770 Euro in die Koffer von Springer Science & Business Media, dem Eigentümer des Journals. Die Begutachtung bezahlt haben aber die drei Wissenschaftsorganisationen, die eLife tragen, zu einem Drittel also auch die Max Planck-Gesellschaft. Diesen kommerziellen Aspekt hat man nach Aussagen der Pressestelle von eLife im Vorfeld bisher nicht diskutiert.

Haben selektive Journals bald ausgedient?

Aber vielleicht ist es zu pedantisch gedacht, hier auf Heller und Pfennig genau abrechnen zu wollen, denn der Regelfall werden solche Transfers nicht sein und die Autoren profitieren allemal davon. Aus Autorensicht kann man daher das Prozedere vielleicht auch ganz pragmatisch sehen.

Offenbar aber muss man sich bei eLife dank großzügiger Finanzierung um die ökonomische Tragfähigkeit derzeit wenig Gedanken machen, denn marktwirtschaftlich sinnvoll ist so ein einseitiges Geschenk an die Konkurrenz kaum.

Dieser Punkt führt schließlich direkt zur grundsätzlichen Frage, ob in einer digitalen, zunehmend auf Open Access ausgerichteten Journal-Ökonomie das „hochselektive Journal“ nicht sowieso ausgedient hat. Denn noch einfacher, als Dokumente von Büro zu Büro zu schicken, wäre es doch, alle wissenschaftlich soliden Manuskripte auf schnellstmöglichem Wege dort zu veröffentlichen, wo sie begutachtet wurden. Die Bewertung der „Wichtigkeit“ sollte man auch gut den Lesern überlassen können, die letztendlich die entscheidenden Experten für den „Impact“ sind.

Hans Zauner



Letzte Änderungen: 05.07.2013

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