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Pluripotenter Preis

Der Brite John Gurdon und der Japaner Shinya Yamanaka teilen sich den diesjährigen Nobelpreis für Physiologie und Medizin.

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Gurdon (l.), Yamanaka

(08. Oktober 2012) Der diesjährige Nobelpreis für Physiologie und Medizin dürfte auch die US-amerikanische Lasker Foundation stolz machen – wieder einmal. Denn wie schon öfter zuvor „klonten“ die Stockholmer erneut einen bereits zuvor vergebenen Lasker-Preis. Diesmal ist es derjenige aus dem Jahr 2009, den der Brite John B. Gurdon und der Japaner Shinya Yamanaka zusammen erhielten. Die Begründung damals:

 

„For discoveries concerning nuclear reprogramming, the process that instructs specialized adult cells to form early stem cells – creating the potential to become any type of mature cell for experimental or therapeutic purposes.“

 

Heute, drei Jahre später, wurde das Duo als Gewinner des Medizin-Nobelpreises bekannt gegeben. Die Stockholmer Jury fasst zusammen:

 

„The Nobel Prize recognizes two scientists who discovered that mature, specialised cells can be reprogrammed to become immature cells capable of developing into all tissues of the body. Their findings have revolutionised our understanding of how cells and organisms develop.“

 

Ungewöhnlich ist sicherlich der zeitliche Abstand, der zwischen den gepreisten Entdeckungen der beiden Preisträger liegt. Bereits im Jahr 1962 klonte John B. Gurdon – damals am Zoologie-Department der Universität Oxford, heute am Wellcome Trust/Cancer Research UK Gurdon Institute der Universität Cambridge – erstmals ein Tier durch sogenanntem Kerntransfer. Er ersetzte den Kern einer Frosch-Eizelle durch den Kern einer ausdifferenzierten Zelle aus dem Darm einer Kaulquappe, woraufhin sich aus diesem Froschei nachfolgend eine intakte, geklonte Kaulquappe entwickelte. Die erfolgreichen Wiederholungen dieses Klon-Experiments bewiesen schließlich eindrucksvoll Gurdons Hypothese, dass das Genom jeder differenzierten Zelle immer noch sämtliche Information enthalte, um sich potentiell in jede beliebige andere Zelle des Organismus zu entwickeln.

 

Gurdon veröffentlichte diese Ergebnisse schließlich als alleiniger Autor relativ unspektakulär unter dem Titel „The developmental capacity of nuclei taken from intestinal epithelium cells of feeding tadpoles“ im Journal of Embryology and Experimental Morphology (vol.10: 622-40). Trotz der klaren Ergebnisse war es offenbar nicht einfach, sich damals gegen das beherrschende Dogma durchzusetzen, dass einmal spezialisierte Zellen unumkehrlich auf ihr Schicksal festgelegt sind.

 

Mehr als vierzig Jahre später konnte Shinya Yamanaka mit seinem Mitarbeiter Kazutoshi Takahashi and der Universität Kyoto entschlüsseln, welche Faktoren den Kern einer ausdifferenzierten Zelle schließlich in einen pluripotenten Zustand zurückversetzen, aus dem eine Umdifferenzierung überhaupt erst möglich wird. Es waren überraschend wenige, nämlich lediglich die vier Transkriptionsfaktoren Oct3/4, Sox2, c-Myc, and Klf4. Exprimierten die Beiden diese in adulten Fibroblasten bestimmter Maus-Mutanten, wurden diese unter Stammzell-Bedingungen in sogenannte induzierte pluripotente Stammzellen (iPS) zurückprogrammiert (Cell, 126,(4): 663-76). Diese iPS-Zellen konnten Yamanaka und Mitarbeiter anschließend wieder in eine Reihe adulter Zellen umdifferenzieren – darunter etwa Darm- und Nervenzellen. Kaum im Jahr 2006 veröffentlicht, wurden diese Ergebnisse umgehend als Riesen-Durchbruch gefeiert.

 

Durchbruch hin oder her, Gurdon und Yamanaka teilen sich in diesem Jahr mit umgerechnet 930.000 Euro ein um etwa 20 Prozent kleineres Preisgeld als in den Jahren zuvor. Die Wirtschafts- und Finanzkrise der letzten Jahre hat auch vor dem Kapital der Nobel-Stiftung nicht halt gemacht. Den Preisträgern wird's herzlich egal sein.

 

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Update (09.10.2012): Eine Leserin machte uns gerade auf eine nette Anekdote zu John Gurdon aufmerksam. Wie bei der BBC nachzulesen ist, bewahrt John Gurdon bis heute eine Schulbeurteilung auf, die er als Fünfzehnjähriger erhielt. Darin schreibt der Lehrer:


"I believe Gurdon has ideas about becoming a scientist; on his present showing this is quite ridiculous; if he can't learn simple biological facts he would have no chance of doing the work of a specialist, and it would be a sheer waste of time, both on his part and of those who would have to teach him."

 

Ralf Neumann



Letzte Änderungen: 17.10.2012
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