Info

Ein Bärendienst für die Wissenschaft

Zwei Editorinnen fordern, dass jeder Artikel komplett zurückgezogen wird, dessen grundlegende Schlussfolgerung sich als falsch herausstellt – und handeln sich damit massenhaft Widerspruch ein.

editorial_bild

(02. Oktober 2012) The role of retractions in correcting the scientific literature“ lautet die Überschrift des Beitrags, den Virginia Barbour, Medicine Editorial Director bei Public Library of Science (PLOS), und Kasturi Haldar, Editor-In-Chief von PLOS Pathogens, im PLOS-Blog „Speaking of Medicine“ platzierten. 

Darin stellen sie unter anderem fest, dass...:

 

„...just as the pace of science accelerates, so inevitably will the discovery of errors in papers since more mistakes will happen and as the papers are scrutinized more errors will be found. The acceleration of science and the additional scrutiny are to be welcomed, but in order to ensure that errors (from whatever means – unintentional or intentional) are not simply incorporated uncritically into the scientific literature at an accelerated rate themselves, so the mechanisms and the attitudes concerning corrections and retractions will need to be rethought.“

 

Um letztlich eine Umgestaltung der Art und Weise zu fordern, wie Forschung kommuniziert wird:

 

„We firmly believe that acceleration also requires being open about correcting the literature as needed so that research can be built on a solid foundation. Hence [...] we encourage the publication of studies that replicate or refute work we have previously published. We work with authors [...] to publish corrections if we find parts of articles to be inaccurate. If a paper’s major conclusions are shown to be wrong we will retract the paper.“

 

Es ist dieser letzte Satz, der den beiden Damen umgehend jede Menge Prügel einbrachte. Denn immerhin bedeutet eine Retraktion, dass das betreffende Paper samt aller darin beschriebenen Daten aus dem „Scientific Record“ gelöscht wird. 

 

Um zu illustrieren, wie leicht man mit solch einer Pauschal-Sense fälschlicherweise auch Nützliches mit niedermähen kann, nehme man etwa den Fall des Harvard-Humangenetikers David Page. Dieser identifizierte im Jahr 1987 ein Gen mit dem Kürzel ZFY (für „Zink-Fingerprotein auf Chromosom Y“) und schlussfolgerte, dass dieses DEN zentralen Transkriptionsfaktor kodierte, der einzig und allein die Ausbildung des männlichen Menschengeschlechts bestimmt (Cell 51(6): 1091-104). Dummerweise übersah Page dabei, dass bei einer entscheidenden Patientin (eine „XY-Frau“) nicht nur eine Y-Region inklusive dem ZFY-Gen deletiert war, sondern noch eine weitere. Und ausgerechnet in dieser zweiten Region lag ein Gen namens SRY, welches britische Forscher 1990 als das tatsächliche Schlüssel-Gen für die männliche Geschlechtsentwicklung erkannten (Nature 346(6281): 240-4).

 

Page’s „grundlegende Schlussfolgerung“ war also falsch, weswegen nach Barbour und Haldar das betreffende Paper jetzt zurückgezogen werden müsste. Ganz klar allerdings, dass man dadurch das Kind mit dem Bade ausschütten würde. Schließlich waren die Daten solide, und Page et al. hatten ZFY ja tatsächlich identifiziert – sie hatten dem Gen nur nicht die richtige Rolle zugeschrieben. Dass dessen Entdeckung trotzdem wichtig war, beweisen indes unzählige nachfolgende ZFY-Studien und -Publikationen bis heute. Eine Retraktion, also eine „Löschung“, hätte dieses Paper daher sicher nicht verdient.

 

Es gäbe noch jede Menge weiterer Beispiele, die auf ähnliche Weise zeigen würden, welchen Bärendienst man der Wissenschaft mit einer Retraktionspraxis á la Barbour und Haldar letztlich erweisen würde. Genauso sehen es die Autoren der vielen Kommentare, die sich inzwischen unter ihrem Online-Artikel stapeln. So schreibt etwa ein gewisser Bill Hooker:

 

„If you want to flag a paper as having had its major conclusions overturned by later work, add a comment and link to the relevant literature – an erratum or an editorial. There is no need for the blunt instrument overkill of a retraction. Regardless of the above, how are you going to decide that a paper’s major conclusions are wrong? What happens when new evidence shows up to indicate that the paper was right all along? Will you start retracting retractions? Of retracted retractions? Etc. The growth of experimental knowledge is a slow, messy process – it’s just not possible to put neat little “right” and “wrong” labels on it.“

 

Oder „Gavin Schmidt“:

 

The literature is a record of the progress of science – and that progress is not linear. By erasing by-ways and diversions that end up not contributing directly to the ‘final’ answer (whatever that is), you are imposing a view of science that is not true to itself and is perhaps sanitised beyond the point of usefulness. If you erase from scientific history the merely mistaken (as opposed to the fraudulent or compromised) you are doing a disservice to the notion of science itself.“

 

Oder kurz und knackig, wie die Person hinter „Genomic Repairman“:

 

„This might be one of the least thought out and most damaging policies to be enacted in scientific publishing.“

 

Ganz genau!

 

Ralf Neumann



Letzte Änderungen: 09.10.2012
© 2009 Laborjournal und F & R Internet Agentur

Diese Website benutzt Cookies. Wenn SIe unsere Website benutzen, stimmen SIe damit unserer Nutzung von Cookies zu. Zur ausführlichen Datenschutzinformation