Info

Gefährliche Liebschaften

Todesfalle Sex. Zumindest bei Stubenfliegen steigt während des Aktes deutlich das Risiko, von Fransenfledermäusen gefressen zu werden.

editorial_bild

(28. August 2012) Geräuschvoller Fliegensex hat also seinen Preis. Denn die verräterischen Summlaute, welche die Fliegenmännchen bei der Kopulation durch schnelles Flügelschlagen erzeugen, sind für die Flugsäuger offenbar kaum zu überhören.

 

Forscher um Stefan Greif und den kürzlich verstorbenen Gruppenleiter Björn Siemers vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen machten kürzlich nächtliche Infrarot-Videoaufnahmen in einem Marburger Kuhstall – und zählten, dass im Schnitt immerhin eines von zwanzig kopulierenden Fliegenpärchen von einer Fransenfledermaus (Myotis nattereri) attackiert und häufig auch erfolgreich gefangen wurde (Curr. Biol. 22(14): R563-4).

 

Als Greif und Co. daraufhin das Paarungsgesumse der Fliegenmännchen vom Band abspielten, griffen die Fledermäuse umgehend die Lautsprecher an, da sie ebendort eine Fliegenmahlzeit vermuteten. Tote und somit stumme Fliegenpärchen, die die Forscher einfach an die Decke geklebt hatten, ignorierten die Fledermäuse dagegen komplett. Einzelne, an der Stalldecke herumlaufende Fliegen blieben ebenfalls von den Flatterern unbehelligt. Und auch stillsitzende Fliegen konnten sich in Sicherheit wiegen, da sie auf unebenem Untergrund durch Echoortung kaum aufzuspüren sind. Die Fledermäuse lauschen als Jagdstrategie also tatsächlich vornehmlich nach aktivem Sex.

 

Während der menschliche Hörsinn nur die tieffrequenten Anteile des Flügelsummens der Stubenfliegen wahrnimmt, locken vor allem dessen hochfrequente Anteile Fransenfledermäuse an. Da ihre Echoortungsrufe ebenfalls in diesem Frequenzbereich liegen, hören sie diese sehr gut.

 

Beim Erbeuten der Fliegen-Doppel erwiesen sich die nur fünf bis zwölf Gramm schweren Jäger als wahre Akrobaten. Stefan Greif erklärt: „Die Fledermäuse fliegen sehr nah an die Decke heran. Im letzten Moment machen sie einen Salto und streifen mit der Schwanzflughaut zwischen ihren Beinen über die Stelle, wo die Beute sitzt. Dann vollenden sie den Salto, krümmen sich vollends zusammen und nehmen die Beute mit dem Maul aus der Schwanzflughaut auf, bevor sie weiterfliegen. Dies alles geschieht natürlich sehr schnell.“ (Videos hier verfügbar.) In der freien Natur sammeln die in Europa verbreiteten Fransenfledermäuse auf diese Weise auch Insekten von Ästen und Blättern ab und können sogar Spinnen aus ihren Netzen klauben.

 

Warum andererseits Fliegenmännchen bei der Paarung summen, ist bisher nicht geklärt. „Man spekuliert, dass das Weibchen daran die Fitness des Männchens einschätzen und dann eventuell noch die Paarung verweigern kann“, erläutert Greif. Was bisweilen beiden ungeahnt das pure Leben retten kann...

 

Bettina Dupont

 
(Foto: Shaul Sitton)


Letzte Änderungen: 11.09.2012
© 2009 Laborjournal und F & R Internet Agentur

Diese Website benutzt Cookies. Wenn SIe unsere Website benutzen, stimmen SIe damit unserer Nutzung von Cookies zu. Zur ausführlichen Datenschutzinformation