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Alles ganz anders!

Einmal bezahlen, für immer publizieren

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(14. Juni 2012) Peer J will alles anders machen: Ein neues Open Access-Journal für Biologie und Medizin, in dem die Mitglieder schon für 99 Euro ein Leben lang kostenfrei publizieren können. Als Gegenleistung müssen sie einmal im Jahr als Reviewer zur Verfügung stehen.

Wenn man für 99 Dollar das menschliche Genom sequenzieren will, warum sollte man sich dieses Ziel nicht auch fürs wissenschaftliche Publizieren setzen? – so die Idee hinter Peer J. Die Peer J-Gründer jedenfalls kennen sich aus in ihrem Geschäft: Der Physiker Peter Binfield war Kopf hinter PLoS ONE, einem erfolgreichen Open Access-Journal, der Genetiker Jason Hoyt verhalf dem Literaturverwaltungsprogramm Mendeley zu einem guten Start. Mit ihrem neuen Projekt könnten sie nun das Publikationswesen erneut einmal gründlich durchschütteln.

Ab Spätsommer 2012 kann man bei Peer J Manuskripte einreichen, die ersten Paper werden im Dezember veröffentlicht. Bei den eingereichten Artikeln zählen weder Impact, Neuheit oder Interesse, nur die Wissenschaft dahinter und die Methoden müssen plausibel sein. Vorerst akzeptiert Peer J nur Artikel aus Biologie und Medizin, diese können von unbegrenzter Länge sein, beliebig viele farbige Bilder oder zusätzliches Material enthalten.

Um einreichen zu dürfen, muss man jedoch Mitglied in der Peer J-Gemeinschaft werden. Bis September gibt es noch Mitgliedschaften zum Einführungspreis: Für einmalig 99 Dollar (umgerechnet knapp 80 Euro) darf man einmal pro Jahr in Peer J publizieren (Basic), für 169 Dollar schon zweimal (Enhanced) und für 259 Dollar sooft man will (Investigator). Ab September kostet es etwas mehr, die teuerste Investigator-Mitgliedschaft liegt dann bei einmalig 349 Dollar – immer noch nur ein Bruchteil dessen, was man für die Publikation in einem herkömmlichen Journal bezahlen muss. Allerdings müssen alle Autoren eines Papers auch Mitglieder bei Peer J sein. Mit einer Ausnahme: Stehen mehr als zwölf Wissenschaftler auf einer Veröffentlichung, dürfen die restlichen auch ohne Mitgliedschaft dabei sein.

Prinzipiell gibt es zwei Möglichkeiten Artikel einzureichen. Entweder liefert man, wie man es von anderen Journals kennt, fertige Manuskripte, die dann von der Peer J-Gemeinschaft begutachtet werden. Oder man nutzt erst einmal den Peer J PrePrints-Server. Auf diesem kann man – ähnlich, wie bei arXiv.org – Entwürfe, aber auch fertige Artikel zur Diskussion stellen, bevor man sie formal einreicht. Die Artikel können je nach Wunsch nur von ausgewählten Kollegen, von der gesamten Peer J-Gemeinschaft oder öffentlich kommentiert werden.

Das Review der Manuskripte läuft wie bei anderen Journals auch, allerdings kommen die Gutachter aus der Peer J-Gemeinschaft. Um den Review-Prozess transparenter zu machen ermutigt Peer J die Gutachter nicht anonym zu bleiben. Die Autoren bekommen die Möglichkeit die gesamte „Review-Geschichte“ mit ihrem Artikel zu publizieren. Jedes Peer J-Mitglied verpflichtet sich einmal pro Jahr Reviewer zu sein. Steht man nicht als Gutachter zur Verfügung, ruht die Mitgliedschaft und muss, bevor man das nächste Mal einen Artikel einreichen kann, durch Zahlung von 99 Dollar wieder aktiviert werden. Als Review, mit dem man seine Mitgliedschaft erhalten kann, zählt einerseits die Begutachtung eines eingereichten Artikels, aber auch einen Artikel auf Peer J PrePrints zu kommentieren oder einen Kommentar zu einem bereits publizierten Peer J-Artikel abzugeben.

Peer J wird in allen wichtigen Datenbanken wie PubMed, PubMedCentral, GoogleScholar oder MedLine aufgeführt sein. Auch bei Web of Science will Peer J aufgenommen werden und einen Impact Factor bekommen. Das könnte allerdings noch einige Zeit dauern, weil Web of Science Journals erst nach dreijährigem Bestehen aufnimmt. Sämtliche Peer J-Inhalte stehen unter einer Creative Commons Attribution License (CC-BY 3.0), was bedeutet, dass jeder Texte und Bilder aus den Publikationen verwenden, verbreiten und weiterverarbeiten darf, solange er die Namen der Autoren nennt. So funktionieren PLoS und BioMedCentral auch.

Klingt alles ein bisschen zu gut? Wie soll sich Peer J auf längere Sicht am Laufen halten? Die Macher gehen davon aus, dass Open Access-Journale eine bessere Zukunft vor sich haben, als klassische Bezahl-Journale und glauben an ihr Geschäftsmodell: Sie rechnen damit, dass ein Paper meist mehr als einen Autor hat und dass manche Autoren öfter publizieren, als andere. So soll genügend Geld zur Verfügung stehen. Zudem sei Peer J nicht auf enorme Profite ausgerichtet, wie andere wissenschaftliche Verlage. Das Konzept scheint bisher aufzugehen: Peer J-Büros in London und San Fransisco gib es schon und man sucht kräftig nach neuen Mitarbeitern und verspricht ihnen Top-Gehälter.


Valérie Labonté
Bild: Peer J



Letzte Änderungen: 29.06.2012
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