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Gesunken, nicht explodiert

Verwirrung um Knochenanordnung von Dinosaurier-Skeletten aufgeklärt

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(19. April 2012) Lange erklärte man die Skelettanordnungen von marinen Ichthyosaurus-Fossilien damit, dass, wenn sich die Saurier-Kadaver mit Faulgas füllten, sie irgendwann explodierten. Achim Reisdorf und Andreas Wetzel vom Geologisch-Paläontologischen Institut der Uni Basel konnten mit einem deutsch-schweizerischen Team aus Forensikern und Geowissenschaftlern zeigen, dass der Druck, den die Faulgase produzierten, normalerweise nicht ausreichte, um die verendeten Meerestiere platzen zu lassen.

Auch gestrandete und verendete Wale blähen nach kurzer Zeit auf, weil Darmbakterien, zum Beispiel Clostridien oder E. coli, Fäulnisgase produzieren. Können die Gase nicht entweichen, platzen die Wale zuweilen. Ein ähnliches Szenario malten sich Forscher auch für das Schicksal vieler Ichthyosaurier aus. Die lungenatmenden, um die zwei Meter langen Fischsaurier kamen im Mesozoikum vor 245 bis 90 Millionen Jahren fast überall in den Weltmeeren vor. Sie gehörten zu den schnellsten Schwimmern der Urmeere und konnten wahrscheinlich bis zu 500 Meter tief tauchen. Viele vollständig erhaltene versteinerte Ichthyosaurier-Skelette fand man beispielsweise im Juragestein der Schwäbischen Alb.

Ein besonders schönes Exemplar eines trächtigen Weibchens der Gattung Stenopterygius lag im Posidonienschiefer im schwäbischen Holzmaden. Die Knochen der etwa zehn Embryonen liegen allerdings verstreut um das Muttertier herum. Die Anordnung außerhalb des mütterlichen Skeletts erklärten sich Forscher bisher damit, dass der mütterliche Kadaver durch Faulgase explodierte und die Embryonen herausgeschleudert wurden. Tatsächlich explodierten verendete Ichthyosaurier aber nicht, wenn sich zu viele Faulgase angesammelt hatten, denn der Druck, der durch die Gase aufgebaut wurde, reichte nicht aus, um die Kadaver zum Platzen zu bringen. In Wassertiefen von 50 bis 150 Metern wären dazu 5 bis 15 bar nötig gewesen.

Um herauszufinden, wie hoch der Faulgasdruck in den Ichthyosauriern werden konnte, suchten die Forscher bereits 2004 nach einem rezenten Modell mit ähnlichen Körperabmessungen. Fündig wurden sie damals im Institut für forensische Medizin in Frankfurt am Main. In menschlichen Leichen konnten sie in der Bauchhöhle Druck von lediglich 0,035 bar messen. Diese Faulgasdrücke hätten in Gewässern, die nicht tiefer als 50 Meter und über 4 Grad warm waren zwar ausgereicht, um Ichthyosaurier-Kadaver wieder zum Aufsteigen zu bringen. Bevor sich aber genügend Druck für eine Explosion überhaupt hätte ansammeln können, setzten den Kadavern wohl Wellen und Aasfresser zu. In tieferen und kälteren, nährstoffarmen Gewässern dagegen wurden die Saurier samt Skeletten schnell vollständig abgebaut, sodass auch dort nichts mehr zum Versteinern übrig blieb (Palaeobio Palaeoenv 2012, 92:67-81).

Wieso wurde das Holzmadener Ichthyosaurier-Weibchen dennoch so gut erhalten und wieso liegen die Knochen der Embryonen trotzdem weit verstreut? Reisdorf und Co. erklären das Szenario folgendermaßen: Der Saurier sank in sauerstoffarmem Wasser auf den 150 Meter tief liegenden Meeresgrund. Der Wasserdruck war hoch genug, um die Faulgase in den Körperflüssigkeiten zu lösen, sodass der Kadaver nicht mehr aufgetrieben wurde, sondern von Aasfressern zersetzt werden konnte. Durch nur geringe Strömungen wurden die Embryonen währenddessen ausgespült und sanken in der unmittelbaren Umgebung auf den Grund.

Die Erkenntnisse der Forscher sind nicht nur für Paläontologen interessant, sondern lassen sich auf moderne Fragen übertragen. Beispielsweise geben Reisdorf et al. zu bedenken, dass man verendete Wale oder andere lungenatmende Meeresbewohner höchst selten zu Gesicht bekommt, weil aufgrund der Abbauprozesse nur ein kleiner Teil auf der Wasseroberfläche treibt oder an Land gespült wird. Beim Artenschutz muss man deshalb bedenken, dass man wie so oft nur einen kleinen Einblick in Meere und das dortige Leben und Sterben bekommt.


Valérie Labonté
Bild: Uni Zürich



Letzte Änderungen: 08.05.2012
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