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Seltsames Verhalten bei Verhaltensbiologen

Jahrelanger Ärger zwischen Doktorand und Doktorvater

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(12. April 2012) Ein Doktorand in der Verhaltensneurobiologie der ETH-Zürich wird von seinem Doktorvater aus dem Labor geworfen. Die Schlichtung endet mit einem Scherbenhaufen. Eine nebulöse Geschichte mit vielen Verlierern.

Severin Schwendener sei intelligent, charmant und eloquent, sagen viele, die ihn kennen. Die Vorzeichen für die Arbeit des Doktoranden hätten besser nicht sein können. Das Thema gefiel ihm, er kannte es schon von seiner Diplomarbeit, und er arbeitete im Labor von Professor Joram Feldon, dem vielzitierten Verhaltensneurobiologen an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich (siehe Laborjournal 3/2011, Seite 47). Trotzdem konnte Schwendener seine Arbeit nie abschließen. Ende April 2009 warf Feldon ihn aus dem Labor. Seine Erlebnisse am Standort Schwerzenbach der ETH, verarbeitete Schwendener anschließend in einem Krimi – quasi als Selbsttherapie. Anstatt seiner Dissertation über Immunreaktionen und psychische Krankheiten bei Mäusen schrieb Schwendener nun über Mord unter Wissenschaftlern.

Begehrter Doktorand


Bereits seine Diplomarbeit hatte Schwendener bei Feldon zwischen April und Oktober 2005 absolviert – ohne nennenswerte Probleme. Der Titel: „Prenatal Immune Challenge in C57BL6 Mice: Behavioural and Neurochemical Phenotyping of Pre- and Post-Pubescent Offspring“. Er studierte das Brutverhalten von Mäusen, deren Immunsystem im Fötalstadium aktiviert wurde. In ihren Müttern wurde dazu eine unspezifische Immunreaktion gegen Viren ausgelöst. Eine typische verhaltensneurobiologische Arbeit für die Gruppe Feldon, die in drei Publikationen mündete. Feldon habe ihn behalten wollen und ihm eine Doktorandenstelle in seiner Gruppe angeboten, sagen Schwendener und Feldon übereinstimmend. Schwendener habe jedoch abgelehnt, da er sich eher für ein molekularbiologisches Thema interessierte.

Als Schwendener laut eigenen Angaben bereits Angebote aus anderen Forschungsgruppen gehabt habe, ergab sich in Feldons Gruppe doch noch eine Möglichkeit, die ihm zusagte. Feldons Oberassistent Jean-Charles Paterna arbeitete mit rekombinanten Adeno-assozierten Viren (AAV) und hatte ein Projekt für Schwendener: Mit den Viren sollten rekombinant bestimmte Zytokine hergestellt werden, die eine Immunreaktion simulieren. Damit sollte geklärt werden, dass diese Zytokine das Risiko für spätere Geisteskrankheiten wie Schizophrenie und Autismus erhöhen. Schwendener wollte keine unspezifische Immunreaktion in den Bäuchen der schwangeren Mäuseweibchen hervorrufen, sondern einzelne Zytokine direkt in den Gehirnen der neugeborenen Mäuse exprimieren.

Komplexes Konstrukt

 

Schwendener und Paterna erhofften sich, ein ausgeklügeltes System aus zwei Viren konstruieren zu können. Ein schnelleres Virus sollte das Zytokin exprimieren und ein langsameres eine Cre-Rekombinase, die das Zytokin-Gen aus dem ersten Konstrukt ausschneidet und dadurch inaktiviert. Mit ihrem System erhofften sie sich, die Zytokine Interleukin 1b, 6 und 10 sowie TNF-α entsprechend dem Verlauf einer Immunreaktion zeitlich beschränkt exprimieren zu können. Schwendener wollte eine viel präzisere Methode entwickeln, als die unspezifische Stimulation der Immunantwort durch doppelsträngige RNA-Analoge während seiner Diplomarbeit.

Zum Ende der Arbeit waren noch einige Verhaltensexperimente geplant, um die Effektivität der Methode zu belegen und in einer angesehenen Zeitschrift zu publizieren. Ein Forschungsplan wurde erstellt mit Feldon als Leiter und Paterna als Ko-Referent. Der Arbeitstitel: „Cellular and Behavioural Consequences of Neuronal Activity-Dependent Cytokine Expression in the Neonatal Murine Brain by Means of Somatic Adenovirus-Associated Virus Vector-Mediated Gene Transfer.“ Feldon, Schwendener und die Doktoratsadministration der ETH (letztere soll für einen reibungslosen Ablauf sorgen) haben das Dokument unterschrieben. Das war im April 2006.

Gewitterwolken am Horizont


Die Arbeit kam nicht so flüssig voran, wie im Forschungsplan detailliert veranschlagt war. Die Herstellung der AAV-Konstrukte geriet ins Stocken. Viele Wochen gingen jeweils für ausführliche Kontrollexperimente verloren, bis Schwendener die unerwarteten Gründe für die zu niedrigen Transfektionsraten entdeckte. Zum Beispiel sei die für Suspensionskulturen bestimmte Kohlendioxidkonzentration im Inkubator für adhärente Zelllinien zu hoch gewesen. Dies habe man den Zellen aber nicht angesehen und erst durch Kontrollexperimente am einzigen zur Verfügung stehenden Inkubator herausgefunden. Auch stellte sich heraus, dass die Filtermembran für die Aufreinigung nicht – wie vom Hersteller angegeben – die weit über der Filtergrenze von 100.000 Kilodalton liegenden Viren herausfilterte.

Am schwersten wog jedoch ein Fehler eines Konstrukts, das Schwendener von einer anderen Doktorandin erhalten hatte. Beim Entwerfen am Computer gingen bei der Schnittstelle eines Introns zehn Basenpaare verloren, was aufgrund der ungewöhnlichen Position lange übersehen wurde. Weil der Fehler bereits beim Entwurf des Konstrukts passierte, schienen die Sequenzierdaten beim Vergleich immer fehlerfrei.

Obwohl Schwendener und Paterna intensiv an der Lösung der Probleme arbeiteten, geriet nach Schwendeners Angaben die Vorbereitung der AAV-Konstrukte bis im Frühling 2008 etwa um ein Jahr in Verzug. Nach zwei Jahren Arbeit gab es also immer noch keine publizierbaren Resultate. Feldon bot Schwendener darauf eine der Diplomarbeit ähnliche, verhaltensbiologische Arbeit innerhalb des Labors an. Schwendener schlug das Angebot aus. Er und Paterna waren überzeugt, dass die Schwierigkeiten überwindbar seien. Schwendener wollte ja molekularbiologisch arbeiten. Zudem habe Feldon öfter Leute auf Gutdünken zwischen Projekten verschoben, was nicht motivierend sei, meinte Paterna. Feldon habe diese Ablehnung als Beleidigung aufgefasst, ist Schwendener heute überzeugt. Er sei von diesem Zeitpunkt an von Feldon schikaniert worden. Er habe zum Beispiel gewisse E-Mails, die Feldon an seine gesamte Gruppe schickte, nicht mehr erhalten.

Endlich Resultate!


Im Februar 2009, fast drei Jahre nach Beginn der Dissertation, funktionierten nach Angaben von Schwendener und Paterna die AAV-Konstrukte endlich. Rasch produzierte Schwendener erste Daten. Bilder von Hirnschnitten mit Green Fluorescent Protein belegten, dass mit den Konstrukten tatsächlich Proteine im Gehirn von Mäusen hergestellt werden konnten. Paterna gelang es sogar, den Anstieg von Zytokinen in Hirnhomogenaten nachzuweisen.

Der einzige Wermutstropfen war die bescheidene Menge der exprimierten Zytokine. Der Grund dafür sei wohl gewesen, mutmaßen Paterna und Schwendener, dass die Inaktivierung des Zytokinkonstrukts durch die Rekombinase zu schnell passierte. Die beiden hatten auch schon einige Ideen, wie man dies beheben könne.

Doch die Zeit reichte nicht mehr bis zum Ablauf des Vertrages Ende März, um publizierbare Daten zu produzieren. Auch zwei weitere von Feldon finanzierte Monate reichten nicht. Feldon verlor die Geduld und den Glauben an das Projekt. Schwendener und Paterna hätten ihn mehrere Male glauben lassen, dass sie kurz vor dem Durchbruch seien. Er wollte „den teuersten Teil seines Labors, für das keine Drittmittel vorhanden waren“ nicht weiter finanzieren. Schwendener hingegen empört sich: „Feldon hat die Fakten meines Projektes nie mit mir diskutiert. Sein Entscheid stand fest, ganz egal, welche Resultate wir ihm lieferten.“

Paterna bestätigt Schwendeners Sichtweise. Als sie zu dritt die neuesten Resultate am Bildschirm betrachtet hätten, habe sich Feldon umgedreht und zu Schwendener gesagt: „Sie werden kein PhD erhalten.“ Feldon selbst wollte dies weder bestätigen noch dementieren.

Keine weitere Finanzierung


Eine alternative Möglichkeit für Schwendener, seine Doktorarbeit abzuschließen, stellte ein Fördergesuch Paternas beim Schweizerischen Nationalfonds (SNF) für ein neues Projekt mit den AAV dar. Das Gesuch, welches Paterna unabhängig von Schwendeners Arbeit eingab, wurde jedoch am 24. März 2009 vom SNF in einem Laborjournal vorliegenden Schreiben zum Rückzug empfohlen. Dies obwohl das Thema als „interessant sowie originell“ gewürdigt und die „Kompetenz des Forschungsteams auf dem Gebiet des Gesuchs“ als „unbestritten“ bezeichnet wurde. Der angegebene Grund war, dass das Projekt zu „umfangreich und ambitiös“ für ein Zweijahresprojekt und „die technisch sehr anspruchsvollen Methoden [...] zu oberflächlich beschrieben“ seien. Paterna zog sein Gesuch zurück.

Schwendener versuchte auf ETH-interne Nothilfegelder Rückgriff zu nehmen, die eine Finanzierung für weitere sechs Monate ermöglicht hätten. Feldon habe ihm die dafür benötigte Unterschrift nur geben wollen, wenn Schwendener dafür ein Jahr unentgeltlich arbeite. Als Schwendener schriftlich zustimmte, habe Feldon seine Forderung auf 18 Monate erhöht und von Paterna verlangt, dass er zugunsten von Schwendener auf einen Teil seines Lohnes verzichte. Paterna bestätigt, dass er zugunsten Schwendeners auf einen Drittel verzichtet hätte, wozu es aber sowieso nie gekommen wäre. Er ist überzeugt: „Es ging Feldon nicht um einen Kompromiss.“

Auch die Suche nach einem neuen Doktorvater innerhalb der ETH war erfolglos. Keiner der angefragten Professoren sei auf seine Anfrage eingegangen, meinte Schwendener. Der um Hilfe angefragte Departementsvorsteher und Professor für Pflanzenbiotechnologie, Wilhelm Gruissem, habe Schwendener schriftlich ausrichten lassen, dass man für ihn nichts tun könne. Paterna ist überzeugt, dass die Professoren Angst gehabt hätten, sich mit Feldon anzulegen.

Papiertiger Doktoratskomitee


Ein Doktoratskomitee, bestehend aus drei bis vier Personen, hätte nach den Richtlinien des Departements Biologie „den Forschungsplan genehmigen“, „den Fortschritt des Projektes überwachen“ und „die Dissertation bewerten“ sollen. In Schwendeners Fall bestand dieses Komitee aus dem Doktorvater Feldon, dem direkten Betreuer und Ko-Referenten Paterna sowie einem departementsinternen und einem institutsunabhängigen Ko-Referenten. Es ist vorgesehen, dass sich der Doktorand pro Jahr einmal mit dem Doktoratskomitee trifft.

Eine solche Sitzung mit den Ko-Referenten habe nie stattgefunden, beteuert Schwendener. „Da kein Doktorand um mich herum solche Sitzungen hatte, dies damals noch nicht im Reglement stand und mir niemand etwas gesagt hat, wusste ich auch nicht, dass dies nötig ist“, begründet er. Paterna bestätigt: „Es war in Schwerzenbach nicht üblich, sich mit dem Doktoratskomitee zu treffen.“

Laut dem Biologiedepartement sind die Komiteesitzungen bereits seit Januar 2005 schriftlich festgeschrieben. Es es sei an den Doktoranden, sich darum zu kümmern. Bei Schwierigkeiten würden sie von der Departementsadministration unterstützt.

Mysteriöses Gutachten


Schwendener bemühte sich bei seinem institutsunabhängigen Ko-Referenten, Urs Greber, Professor für Zellbiologie vom Institut für Molekulare Biologie der Universität Zürich, um ein externes Gutachten. Obwohl sie sich während der drei Jahre nie getroffen hätten, habe sich Greber für ihn Zeit genommen, Verständnis gehabt und sei dann bereit gewesen, ein Gutachten zu erstellen, berichtet Schwendener. Greber habe versprochen schriftlich zu attestieren, dass alle im Forschungsplan definierten Virenkonstrukte vorhanden waren und dass die Arbeit auf den Forschungsplan ungefähr eine Verzögerung von 14 Monaten hatte.

Das Gutachten hat Schwendener selbst nicht gesehen, doch es sei dem Departementsvorsteher Gruissem geschickt worden. Greber selbst wollte sich zu dem Fall trotz zweimaliger telefonischer Anfrage nicht äußern. Der Fall liege zu weit in der Vergangenheit und es sei deshalb unseriös, wenn er dazu Aussagen mache. Gruissem wollte ebenfalls keine Aussagen zum Fall machen und verwies an die Pressestelle der ETH, welche alle seine Unterlagen zum Fall habe.

Die Pressestelle mauert


Die Pressestelle wiederum gewährte Laborjournal keine Einsicht, um damit die „Unabhängigkeit der Schlichtungskommission“ nicht zu beeinträchtigen und weil die Dokumente „persönlichkeitsrelevante Daten“ von Schwendener enthalten würden. Schwendener selbst hatte allerdings gar keine Einwände, beispielsweise gegen eine Herausgabe von Grebers Gutachten.

Schwendener kontaktierte auch mehrmals seinen departementsinternen Ko-Referenten Manfred Schedlowski. Schedlowski, Direktor des Instituts für Medizinische Psychologie und Verhaltensimmunobiologie des Universitätsklinikums Essen, war zu Beginn von Schwendeners Dissertation vorübergehend an der ETH im selben Gebäude wie die Gruppe Feldon. Schedlowski bestätigte, Feldon habe bei ihm angefragt, ob er Gutachter von Schwendeners Dissertation sein wolle und habe zugesagt. Es sei dann aber aus bekannten Gründen nie dazu gekommen.

Schedlowski bestätigte ebenfalls, von Schwendener Anfang 2009, als er sich schon in Essen befand, um ein Gutachten gebeten worden zu sein: „Ich habe geantwortet, dass ich kein Gutachten ausstellen kann, da ich keine Detailkenntnisse über den Stand seiner wissenschaftlichen Arbeiten hatte.“ Von den Aktivitäten und Konflikten in Feldons Gruppe habe er nur aus zweiter und dritter Hand gehört. Es sei sicher kein Einzelfall und passiere überall, aber die Eskalation sei unschön.

Rauswurf aus heiterem Himmel?


Am 28. April 2009 überstürzten sich die Ereignisse in den Labors der Verhaltensneurobiologie. Während Paterna daran war, für Feldon die Vorlesung „Grundlagen der Biologie IIB“ zu geben, kam es in Schwerzenbach zum Eklat. Schwendener berichtet, er sei gerade dabei gewesen ein Dossier über den genauen Stand seiner Dissertation zusammenzustellen, da habe Feldon ihn angewiesen, das Labor innerhalb von zwei Stunden zu verlassen. Welcher Anlass genau dazu geführt hat, wird wohl das Geheimnis dieses Apriltages bleiben.

Schwendener zufolge habe Feldon ihm zu verstehen gegeben, dass er sofort seine noch nicht in Anspruch genommenen Urlaubstage bis zum Ende des Arbeitsvertrags Ende Mai beziehen müsse, da er sonst gegen das Gesetz verstoße. Schwendener habe Paterna per SMS vom Rauswurf in Kenntnis setzen müssen. Paterna bestätigt, er habe sich nicht für Schwendener einsetzen können, weil er nicht vor Ort war. Paterna ist überzeugt, dass Feldon auf den Augenblick gewartet habe, weil er wusste, dass Paterna hinter Schwendener steht. Zudem berichtet Schwendener, dass sein E-Mail-Konto vor Ablauf der üblichen Frist gesperrt wurde.

Feldon bestreitet diese Version. Es sei vielmehr so gewesen: Schwendener habe nach drei Jahren und zwei Monaten keine experimentellen Resultate für eine potentielle Dissertation produziert. Als die versprochenen Resultate wieder einmal nicht eingetroffen seien, sei es ein unvermeidbarer Schritt gewesen, Schwendener aufzufordern das Labor zu verlassen, „wenngleich nicht von einem Tag auf den anderen“, betont Feldon.

Schwierig einzuschätzen


Die Beteiligten machen es schwer, die Lage einzuschätzen. Schwendener ist sehr freimütig mit Informationen und zögert nicht, sie mit Dokumenten zu belegen. Allerdings spricht Schwendener über hypothetische Beweggründe Feldons als seien es Fakten. Paterna ist ebenfalls sehr offen und ruhig, macht aber aus seiner Abneigung gegenüber Feldon keinen Hehl. Schwendener und Paterna, die immer noch Kontakt pflegen, zogen einige ihrer Aussagen vor der Veröffentlichung dieses Artikels wieder zurück.

Feldons Reaktion auf Anfragen glich einer Hinhaltetaktik: Er vertröstete auf später, antwortete auf gewisse E-Mail-Anfragen gar nicht, ließ Wochen verstreichen und war an vereinbarten Gesprächsterminen kurzfristig verhindert. Dafür meldete sich plötzlich die Pressestelle der ETH. Als Feldon zum ersten Mal telefonisch erreichbar war, wollte er keine Auskunft geben, weil die ganze Sache „zu sehr an den Haaren herbeigezogen“ und „zu kompliziert“ sei. Er meinte lediglich: „Es gibt keine Geschichte.“ Ein Teil der ehemaligen Mitarbeiter aus dem Labor wollte nicht Stellung nehmen oder zitiert werden. Man kriege sonst Probleme.

„Nicht vertrauenswürdig“?


Fünf Monate später, nach nochmaligem telefonischem Angebot zur Stellungnahme, wollte Feldon zu vorhergehend schriftlich gestellten Fragen schlussendlich doch Stellung nehmen, aber ausschließlich schriftlich. Feldons Stellungnahmen geschahen in enger Zusammenarbeit mit der Pressestelle der ETH. In seinen Antworten zieht Feldon die „generelle Verlässlichkeit und Vertrauenswürdigkeit“ von Schwendener in Zweifel. Als Indiz dafür ließ Feldon dem Laborjournal-Reporter kurze Abschnitte aus E-Mails zukommen, die offensichtlich nicht direkt an Feldon addressiert waren und die völlig aus dem Zusammenhang gerissen waren. Es ging um abhanden gekommene Laborbücher.

Feldon verweist auch darauf, dass Paternas zweites revidiertes Gesuch an den SNF nicht erfolgreich gewesen sei. Dies sei „in der Geschichte des Labors noch nie passiert“. Schwendener und Paterna seien „nie auf ein wissenschaftliches Treffen gegangen“, weil sie „nichts zu präsentieren hatten“. Schwendener habe keinen Einsatz gezeigt, was sich unter anderem daran zeige, dass der Doktorand die Dienstags um 17:00 Uhr angesetzten Seminare, die „üblicherweise eine bis eineinhalb Stunden dauerten“, meistens vorzeitig verließ, weil er den Zug nicht habe verpassen wollen.

Schwendener bestätigt, dass er wegen fehlender Resultate nicht zum Symposium des Zentrums für Neurowissenschaften Zürich im September 2008 habe gehen wollen. Er hätte wegen der fehlenden Resultate das gleiche Poster wie im Vorjahr präsentieren müssen, was er nicht wollte. Er habe aber nicht gewusst, dass dies ein Problem sei. Auch andere Labormitglieder seien nicht gegangen. Schwendener findet Feldons Vorwürfe, zu wenig gearbeitet zu haben unverschämt. Er habe nie Ferien genommen und habe einfach morgens ein bis zwei Stunden früher angefangen als Feldon. Mehrere Labormitglieder bestätigten dies.

Das Buch zur Affäre


Die Öffentlichkeit hätte von diesem Konflikt nie etwas erfahren, hätte Schwendener seinen Frust nicht in seinem Krimi abgeladen (siehe Rezension auf Seite 77 in Laborjournal 4/2012). Ein Journalist der Schweizer Wochenzeitung Weltwoche kam mit Schwendener bei einer Lesung in Kontakt und integrierte seine Geschichte in einer kritischen Serie über die ETH. Im Artikel, der am 12. Januar 2011 erschien, werden Zustände in Schwerzenbach kritisiert und einige ehemalige Mitarbeiter von Feldon zitiert, die sich über „wissenschaftlichen Unsinn“, „Forderungen nach bedingungslosem Gehorsam“ und „verbale Angriffe“ beklagten. Selbst die ETH habe Probleme mit Feldon, die ganze Regale mit Ordnern füllen, doch man wolle sich nicht mit Feldon anlegen. Offiziell werde dies von der ETH bestritten.


Gegenüber dem Laborjournal-Reporter meinte die Pressestelle am Telefon zuerst: „Wir wollen diese Geschichte nicht weiterschreiben.“ Der Fall wurde als „gewöhnlicher, persönlicher Arbeitskonflikt“ beschrieben. In schriftlichen Stellungnahmen vertritt die Pressestelle die deckungsgleiche Version ihres Professors Feldon und erwähnt in keinem Wort Argumente ihres ehemaligen Doktoranden Schwendener. Die Pressestelle meinte denn später, schriftlich und lapidar: „Fakt ist, dass Herr Schwendener auch nach Ablauf des dritten Jahres keine konkreten Resultate vorweisen konnte. In der Folge wurde Herrn Schwendener gekündigt.“

Fehlgeschlagene Schlichtung


Nach dem Rauswurf rief Schwendener die ETH-interne Schlichtungskommission an. Er wollte Feldon dazu zwingen, ihm den Lohn bis zum Abschluss seiner Dissertation zu bezahlen. Die Schlichtungskommission ging aber nicht auf Schwendeners Forderung ein. Laut Schwendener wurde gar nicht versucht, eine Einigung zwischen ihm und Feldon zu erreichen, sondern man habe ihm klar gemacht, dass es keinen Sinn habe, weiterzumachen. Man habe ihn lediglich ausgelacht und ihm gesagt, dass es keinen Präzedenzfall geben dürfe. Ein Professor könne eine Dissertation jederzeit abbrechen, wenn er den Glauben daran verlöre. In der Sitzung habe man ihm gesagt, die Schlichtungskommission müsse Feldon glauben, der ein Kollege mit ausgewiesener Fachkompetenz sei. Ein von ihm vorgängig eingereichtes Dossier zum Stand seiner Arbeit sei nicht diskutiert worden. Schwendener beklagt zudem, dass es kein Protokoll der Sitzung gegeben habe.

Drei der vier Mitglieder der Schlichtungskommission finden diese Vorwürfe unbegründet und bedauern, dass man keine Lösung finden konnte. Der Departementsvorsteher Gruissem, der einzige Biologe in der Kommission, wollte keine Stellung nehmen. Der Vorsteher der Kommission, Thomas Vogel, Prorektor für Doktorate und Professor für Baustatik und Konstruktion, sagt, er habe nach dem Erscheinen des Weltwoche-Artikels nochmals mit den anderen Mitgliedern gesprochen. Sie seien zu dem Schluss gekommen, dass die Vorwürfe unberechtigt seien. „Wir haben ihn nicht ausgelacht.“ Er sei ein junger Mann mit Talenten, aber es sei nicht so einfach mit ihm zu arbeiten. Wenn ein Forschungsthema sich als zu riskant herausstelle, müsse der Professor eine Rückfallebene anbieten, was Feldon getan habe. Schwendener habe das Angebot jedoch nicht angenommen.

Der Vertreter der Doktoratsadministration, Alfredo Picariello, meinte man habe sich sehr um den Fall gekümmert. Aber an die Details könne er sich nicht mehr erinnern. „Es ging nicht darum, Recht zu haben. Es ging darum, einen Ausweg zu finden.“ Schwendeners Leistung könne er nicht beurteilen, da er kein Biologe sei. Was das Protokoll der Sitzung betrifft meinte Picariello: „Natürlich gibt es ein schriftliches Protokoll, ich habe es selbst geführt.“ Das Protokoll, das der Laborjournal-Redaktion vorliegt, ist lediglich eine kurze Zusammenfassung und enthält keine Unterschriften. Die Medienstelle bestätigt, dass dies „bisheriger Praxis“ entspreche und das im Nachhinein erstellte Dokument „vom Charakter eher eine Aktennotiz als ein Protokoll“ sei.

Am kürzeren Hebel


Auch die Vertreterin des Mittelbaus, Nadine Rieser-Schüssler, Expertin für Verkehrsplanung und Transportsysteme, bestätigt, dass die Sitzung fair gewesen sei: „Es war keine Professorenverschwörung gegen einen Doktoranden.“ Sie verstehe, dass Schwendener frustriert sei. Forschungsthemen seien jedoch im Allgemeinen zu spezifisch, als dass sich ein anderer Doktorvater an der ETH finden würde.

Die Pressestelle gab zur Auskunft: „Die ETH Zürich ist sich des besonderen Verhältnisses der Doktorierenden gegenüber ihren Vorgesetzten bewusst.“ Man unternehme große Anstrengungen, um eine gute Arbeitskultur zu ermöglichen – unter anderem durch den im Vornhinein definierten Forschungsplan und die Existenz einer Schlichtungskommission.

Die ETH-eigene akademische Vereinigung des Mittelbaus kritisiert auf ihrer Website jedoch, dass das Instrument des Forschungsplans stiefmütterlich behandelt werde. Sie fordert auch eine weitere Änderung der Rahmenordnung, um „bei Streitfällen eine wirklich neutrale Kommission zu bilden, die den Fall beurteilt.“ Die Vereinigung führt weiter an: „Fest steht, dass die Exmatrikulationen von Doktorandinnen und Doktoranden ein kaum wahrgenommenes Phänomen und vereinzelt Akte von Professoren-Willkür sind.“

Arbeitsgruppe aufgelöst


Dass in der Forschungsgruppe Feldon nicht alles wie in anderen Gruppen lief, zeigt eine Mitteilung auf der Website: „Das Labor für Verhaltensneurobiologie der ETH Zürich wurde am 31. März 2011 geschlossen.“ Drei Jahre vor Feldons ordentlicher Emeritierung. Feldon ist zwar immer noch zu erreichen, doch arbeitet kein Laborpersonal mehr für ihn. Auf die Frage, weshalb die Arbeitsgruppe vorzeitig geschlossen wurde, wenn es dort, wie gegenüber der Weltwoche erwähnt, „keine Missstände“ gibt, meint die Pressestelle der ETH: „Die Arbeitsgruppe von Professor Feldon wird nicht vorzeitig aufgelöst. Professor Feldon wird sich die restlichen drei Jahre bis zu seiner ordentlichen Emeritierung weiterhin seiner Forschung widmen, Resultate publizieren und wissenschaftliche Zusammenarbeiten pflegen; national sowie international.“

Wie Feldon ohne Arbeitsgruppe weiterhin Resultate publizieren kann, lässt die Pressestelle offen. Weiter heißt es: „Es ist Praxis, dass ein Professor drei Jahre vor seiner Pensionierung keine Doktoranden mehr annimmt und das wissenschaftliche Personal mit Blick auf eine Emeritierung kontinuierlich reduziert wird.“ Mit dieser Aussage stiftet die Pressestelle Verwirrung, denn das Personal wurde nicht erst seit 2011 im Hinblick auf die Emeritierung in drei Jahren reduziert, sondern im Hinblick auf die vorzeitige Laborschließung bereits seit 2008. Erst nach zweimaliger Bitte um Erklärung per E-Mail erfolgte eine Antwort: „Man hat es als opportun erachtet, dass Professor Feldon ab März 2011 für die verbleibende Zeit bis zur Emeritierung seine wissenschaftlichen Tätigkeiten im Rahmen eines Sabbaticals wahrnimmt.“ Das sei „kein Einzelfall“ an der ETH und komme „infolge geänderter strategischer Ausrichtungen“ immer wieder vor. Seit dem 12. März 2012 ist offiziell bekannt, dass Feldon per Jahresbeginn 2012 in den vorzeitigen Ruhestand getreten ist. „Es bestanden unterschiedliche Ansichten über die weitere Durchführung von Prof. Feldons Forschungsurlaub“, begründet die Pressestelle die Beendigung des Anstellungsverhältnisses.

Die Pressestelle der ETH verwirrt auch mit anderen Aussagen: Es sei klar geworden, dass der SNF Schwendeners Dissertation nicht finanziell unterstützen würde. Damit verdrehe die ETH die Tatsachen, meinte Paterna, denn das angesprochene Gesuch sei seines gewesen. Es sei dabei nicht um Schwendeners Doktorarbeit gegangen, sondern um ein neues Projekt mit AAV. Schwendener wäre dafür die Idealbesetzung gewesen und er hätte dadurch seine Dissertation fertigstellen können. Paterna vermutet, dass die ETH-Forschungskommission, welche Teil des SNF-Beurteilungsprozesses ist, sein Gesuch angesichts der vorzeitigen Schließung der Gruppe Feldon nicht weiterempfahl.

Misserfolg auch anderswo


Inzwischen hat Schwendener zwei weitere Doktorate am Universitätsspital Zürich angefangen – und wieder abgebrochen. Von August 2009 bis Juli 2010 war Schwendener bei Ghazaleh Tabatabai, Gruppenleiterin im Departement Neurologie des Universitätsspitals Zürich, wo er an den Themen Hirntumore, Blutgefäßbildung und Gentherapie arbeitete. Nachdem sein erster Einjahresvertrag abgelaufen war, wollte ihn Schwendener nicht erneuern. In der Gruppe habe ein Umgang geherrscht, der für ihn nicht akzeptabel gewesen sei. In einem halben Jahr hätten deshalb insgesamt fünf Personen das Labor verlassen.

Obwohl sie sich anfänglich gesprächsbereit zeigte, verwies Tabatabai nach Rücksprache mit ihrem Vorgesetzten zunächst auf die Pressestelle des Universitätsspitals Zürich. Dort blieb man auf eine erste Anfrage die versprochene Antwort schuldig. Auf Nachfrage wurde Tabatabai nicht erlaubt, mit dem Laborjournal-Reporter zu sprechen. Die offizielle Begründung: „Persönlichkeitsschutz“.

Ein Professor an derselben Fakultät wie Tabatabai, der seinen Namen nicht mit Schwendener assozieren möchte, bot Schwendener eine dritte Möglichkeit, seine Dissertation zu schreiben. Heute ist er nicht gut auf den Doktoranden zu sprechen. Der Professor spricht von Chancen und Freiheit, die er Schwendener geben wollte. Schwendener sei intelligent, charmant und habe die nötige molekularbiologische Expertise in seine Gruppe gebracht. Er habe ihm einen Halbjahresvertrag auf Probe gegeben, von September 2010 bis Februar 2011.

Fehlendes Interesse


Heute bereut dieser Professor seine Entscheidung. Schwendener habe kein Interesse für die Doktorarbeit gezeigt, die Arbeit delegiert und die Lorbeeren für sich beansprucht. Schwendener beschuldige immer die anderen, wenn etwas schief gehe. Als der Professor Schwendener nach drei Monaten angekündigt habe, dass er den Vertrag nicht verlängern werde, habe Schwendener begonnen, schlecht über seine Gruppe zu sprechen und andere davon zu überzeugen, mit ihm das Labor zu verlassen. „Schwendener hat bei mir und meiner Gruppe sehr viel Schaden angerichtet“, klagt der Professor. Bis heute erhalte er wüste E-Mails von Schwendener, deren Inhalt er nicht weiter ausführen möchte.

Schwendener bestreitet diese Vorwürfe. Für ihn waren die Gründe der Nicht-Verlängerung unklar, er verweist aber darauf, dass der Weltwoche-Artikel kurz davor erschienen war. Schwendener betrachtet es rückblickend nicht als Verlust: „Ich kann nicht einmal sagen, was mein wirkliches Projekt gewesen wäre.“ Eine offizielle Registrierung als Doktorand habe ihm der Professor mehrmals verweigert und innerhalb der sechs Monate hätten drei Postdocs die Arbeitsgruppe verlassen.

Alle Beteiligten geschädigt


Eine fachliche Beurteilung von Schwendeners Arbeit bei Feldon ist uns wegen der Verschwiegenheit der dafür kompetenten Personen – Gutachter Greber und Schlichter Gruissem – nicht möglich. Die meisten der an dieser Affäre Beteiligten sind sich einig, dass derartige Konflikte zwischen Doktorand und Betreuer öfters vorkämen. Derjenige zwischen Schwendener und Feldon habe allerdings einen besonders unschönen Ausgang genommen – zum Schaden aller Beteiligten.

Paterna arbeitet seit August als Lehrer an einem Erwachsenengymnasium. Er hat mit dem Einverständnis und der finanziellen Unterstützung der ETH während der verbliebenen Vertragsdauer eine Weiterbildung zum Gymnasiallehrer gemacht.

Nachdem sich Feldon als ETH-Professor in den vorzeitigen Ruhestand begeben hatte, trat er Anfang 2012 eine neue Stelle als Vizepräsident für Forschung am Yezreel Valley College in Israel an.


Schwendener hat seine Dissertation bei Feldon nach Rücksprache mit der ETH-Rektorin schlussendlich abgebrochen, was er mittlerweile durchaus positiv sieht. Er konnte sich als Journalist und Autor seiner Leidenschaft widmen und arbeitet nun in der Biosicherheit beim Kanton Zürich. Schwendener betont: „Die Geschichte ist für mich heute erledigt.“


Florian Fisch
Bilder: kallejipp/photocase.com (Scherbenhaufen)

          Schule&Kultur (Schwendener), ETH (Feldon)


Dieser Text erschien in Laborjournal 4/2012



Letzte Änderungen: 27.04.2012
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